Wiprecht von Groitzsch

An seinem Grabmal in Pegau

„Tritt ein in den Turm von Sankt Laurenz und wende dich rechter Hand. Da liegt einer in Stein gemeißelt, Streitschild und Panier in der Hand …“

Mit diesen Versen beginnt Kurt Arnold Findeisen seine Ballade über einen der Größten, den die terra orientalis des Deutschen Reiches hervorgebracht hat: Wiprecht von Groitzsch. Ein niedriges Gitter, dahinter drei Stufen, die hinab in einen kleinen gewölbten Raum führen. Im wenigen Licht des schmalen Fensterschlitzes leuchten aus der grauen Dämmerung große Edelsteine im Sandstein des Grabmales auf: rot, grün, blau und viele weiße, trüb wie Eis, klar wie Wasser. Brust und Kleidersäume, der noch wappenlose Schild und der Rahmen des Grabmals sind so reich besetzt und prächtig wie die unschätzbaren Buchdeckel der Evangeliare und Missales. Es sind nicht mehr die ursprünglichen Edelsteine, die Besucher Wiprechts waren in der langen Zeit von über siebenhundertfünfzig Jahren nicht immer harmlose Kunstfreunde! Der heutige Anblick hält nur die Erinnerung wach an das einstige Aussehen.

1869 sind fehlende Teile behutsam ergänzt worden. Da liegt er vor uns in der vornehmen Kleidung der Minnesänger der Manessischen Handschrift, im gegürteten, knöchellangen Leibrock, im Mantel, der mit hellem Fehpelz besetzt ist. Die einst getönte Plastik ist von erhebender Lebenswirklichkeit. Fein und kräftig zugleich ist die Gestalt. Realität zu großer Kunst erhoben. Das Angesicht und die Hände bildete ein Seelenkundiger. Ebenmäßig sind die Züge, mild und fest gewinnend die Individualität, das Bild eines Gewandelten, der Frieden und Gewissensruhe fand nach tragischen Irrungen, glänzend bekränzt von Spielmanns­dichtung und Sage. Der dieses Bildnis geschaffen, stand dem Naumburger Meister nahe. Das hohe Mittelalter hat hierzulande wenig Vergleichbares hervorgebracht. So einmalig wie sein hundert Jahre nach seinem Tod geschaffenes Epitaph, so einmalig und herausragend war Wiprechts Leben. Zufall der Geschichte. Um Wiprecht wüsste keiner mehr, hätten die Pegauer 1556 nicht das Grabmal aus dem zum Abriss verkauften Kloster in ihre Stadtkirche überführt, hätte Kurfürst Moritz nicht die die vita wigperti enthaltenen Pegauer Annalen in die Leipziger Universitätsbücherei zu dauernder Verwahrung verbracht!

Die Zeit Wiprechts war noch „Wolfszeit“, friedlos das politische Leben im Deutschen Reich: Könige stießen einander vom Throne, Kaiser kämpften wider Päpste, Brüder endlos gegen Brüder, Söhne gegen ihre Väter. Düster, hinterhältig und grausam war der Geist der Zeit. Wiprecht, gebürtig aus einem alten Adelsgeschlecht in der Altmark, hatte sich schon in früher Jugend als händelstüchtiger Heißsporn mit vielen Seinesgleichen angelegt, und man war froh, als ihm sein Onkel und väterlicher Vormund durch Gütertausch ins Elsterland abschob. Hier auf seiner Burg Groitzsch trieb er es weiter, und schon bald lag er mit den Herren in seiner Umgebung in Fehde. Viel Feind – viel Ehr! Aber was tun, wenn der Feinde gar zu viele wurden? Wiprecht räumte erst einmal das Feld, ging in den Dienst des Böhmerherzogs Wratislaw und mischte sich in die große Politik ein. Er beging in Rom im Gefolge Kaiser Heinrich IV., der seine Schmach von Canossa blutig tilgte, Kirchenschändung und verhalf seinem Herren zum Sieg. Durch geschicktes Taktieren verschaffte er dem Böhmerherzog die Königskrone.
Für seine Leistungen von Kaiser und König fürstlich belohnt, kehrte er zurück auf seine Groitzscher Burg. Seinen Kontrahenten von einst rückte er nun zu Leibe. Die Hälfte erschlug er im offenen Kampf, die andere Hälfte, die sich in die Zeitzer St. Jakobikirche geflüchtet hatte, fing er und ließ sie blenden, nachdem er die Kirche in Brand gesteckt hatte! Aber diese barbarische Tat war zugleich Wendepunkt in Wiprechts wildem Leben. Die Sorge um sein künftiges Seelenheil kam in ihm auf. Bußgedanken änderten seinen Sinn und unter dem Einfluss der ihm befreundeten Bischöfe von Magdeburg und Merseburg entschloss er sich zu einer Romfahrt. Papst Urban II., der den Tannhäuser verdammt hatte, verhieß ihm die Versöhnung mit Gott unter der Bedingung, dass er nach Spanien zum Grabe des Apostels Jakobus wallfahre. Und so brachte er aus Santiago des Compostella eine Relique des Heiligen mit und baute darüber die Abtei Pegau, zu deren Errichtung er selbst zwölf Körbe Steine an die Ecken des Kirchbaues trug. Der Gewandelte holte fränkische Kolonisten in sein waldwildes Land, das kaum besiedelt war, er schenkte ihnen den urbar gemachten Boden. Diese Dörfer tragen den Namen ihrer fränkischen Gründer noch heute. Er stiftete die Probstei Lausigk. In dem Dorfe Eula ließ er nach einem wundersamen Erlebnis eine neue Kirche errichten.

Wiprecht tat viel Nützliches, bevor er wieder in der großen Politik untertauchte. Mal stand er in der Gunst, mal fiel er in Ungnade. Wegen einer Teilnahme an einer Fürstenverschwörung ging es ihm bald ans Leben. Mehrere Jahre seines Lebens saß er auf der Reichsveste Trifels im Kerker, bevor ihn sein Sohn, Wiprecht der Jüngere, auslösen konnte.

Seinen unsteten Geist gab Wiprecht, der am Ende seiner Tage das Schwert gegen die Mönchkutte vertauscht hatte, in dem St. Jakobskloster zu Pegau auf, wo er auch seine Grablege hatte. Hier ruhte er zwischen seiner ersten Frau, der Tochter des Böhmenkönigs Judith und seinem früh verstorbenen, gleichnamigen Sohn. Die Mönche bewahrten das Andenken an den Klostergründer, einer von ihnen zeichnete die Lebensgeschichte Wiprechts auf und hundert Jahre nach dem Hinscheiden des Grafen im Jahr 1124 ließ Abt Siegfried von Reckin unter Hinzuziehung der besten Künstler, deren er habhaft werden konnte, jenes Bildwerk schaffen, welches Wiprecht aus der Sicht der Nachgeborenen zeigt. Das edle, von Locken umrahmte Gesicht teilt dem Beschauer seinen wundervollen Frieden mit, den er im Kloster gefunden hat. Das ist nicht der raue Himmelsstürmer, der in Rom den Balken zwischen die Türflügel der Peterskirche warf; nicht mehr der grausame Barbar, der die Jakobskirche in Zeitz niederbrennen und seine Feinde blenden ließ, sondern der christliche Fürst, der seine Leiden überwunden hat und in Frieden mit Christus gestorben ist. Zu diesem Bildwerk gesellt sich seit 1952 ein gemalter Wiprecht in der Jakobuskirche von Tautenhain. Professor Conrad Felixmüller stellte ihn auf einem Emporenfeld neben dem heiligen Jakobus, dem Läuterer seines Sinnes, in den alten erhabenen Farben Blau und Purpur dar. In der gleichen Farbigkeit gibt sich die Kopie des Pegauer Grabmals im Nürnberger Nationalmuseum.