Wiprecht von Groitzsch

Was man über seine Zeit wissen muss

Die zweite Hälfte des 11. und die ersten Dezennien des darauf folgenden Jahrhunderts sind gekennzeichnet von sich bis aufs Blut befehdenden divergenten Machtinteressen.

Bei seinem Ableben im Oktober 1056 hatte Kaiser Heinrich III. aus dem Hause der Salier seinen gerade sechsjährigen Sohn auf dem Thron zurückgelassen. Kaiserin-Witwe Agnes versuchte in dem Jahrzehnt ihrer Regentschaft ihrem minderjährigen Sohn den Bestand des Reiches zu sichern. Sie stützte sich dabei auf eine neu erwachsene Macht, die Reichsministerialen, und auf Teile des Hochadels, die sie sich durch fürstliche Lehen gewogen gemacht hatte. Als der junge Heinrich selbst in der Lage war, das Zepter zu führen, hatte sich der schon lange unter der Decke schwelende Brand offen entfacht. Das Für und Wider die königliche Zentralgewalt ging durch alle Herrschaftsschichten.

„Jeder tat was ihm beliebte … je mächtiger einer war, desto mehr Schaden richtete er an, kein Gesetz zog Schranken, was Recht oder Unrecht war, bestimmte der eigene Wille“ beklagt der Dichter des Liedes vom Sachsenkrieg. Allen voran waren es die rebellischen Sachsen, die am Bestand der salischen Königsherrschaft rüttelten. Aber auch der Klerus, seit Karl dem Großen Träger der Idee von der Reichskirche, besann sich eigener Interessen und wusste sich dabei eins mit der römischen Kurie, die über den Papst keine weltliche Macht mehr wissen wollte. Auch die monastische Welt, geriet in Bewegung. War die Reform von Gorze noch ausschließlich auf die Wiedererrichtung der von Benedikt von Nursia überkommenen Regel gerichtet, so verfolgte die von Cluny bereits eindeutig politische Ziele, indem sie die kirchliche Herrschaft über die weltliche stellte. Der jugendliche König erkannte die Notwendigkeit, in den Kernlanden des Reiches ein mächtiges Bollwerk gegen seine Widersacher zu errichten. Den Harz zum Zentrum und Ausgangspunkt nehmend, ließ er einen Kranz von Burgen, Pfalzen und Reichsabteien durch seine Ministerialität anlegen, Waldungen urbar machen und auf dem neuhinzugewonnenen Land Bauern anzusiedeln. Heinrichs Leute gingen bei der Umsetzung ihres Auftrages nicht gerade zimperlich vor. Lampert aus dem Kloster Hersfeld, das sich auf die Seite der Gegner König Heinrich IV. gestellt hatte, malt in seiner Chronik ein Bild der Willkür und Gewalt: „Täglich machten sie Ausfälle und raubten alles, was sie in den Dörfern und auf den Feldern fanden, erhoben unerträglich hohe Abgaben und Steuern … und trieben oft, angeblich als Zehnt, ganze Herden weg. Die Landesbewohner selbst, darunter viele Hochgeborene und überaus Wohlhabende, zwangen sie, ihnen wie gemeine Hörige Dienste zu leisten … Wenn einer von ihnen wagte, über diese schmachvolle Behandlung aufzumucken, dann legte man ihn gleich in Ketten, als hätte er ein schweres Verbrechen gegen den König begangen.“

Dies war der Auslöser der Rebellion. Geführt von Otto von Northeim erhoben sich die Sachsen und Thüringer. Der Krieg war gnadenlos und machte selbst vor den Gebeinen der Toden kein Halt. Aufgebrachte Bauernmassen zerstörten die ihnen ins Fleisch gespickte Harzburg. Heinrich, mit Mühe und in elender Verkleidung der Gefahr entronnen, geriet in arge Bedrängnis. Der Erfolg war zunächst bei seinen Feinden. Die um Hilfe ersuchten Franken lehnten unwirsch ab. Erst die von den Wormser Bürgern nicht ganz uneigennützig angebotene Unterstützung wendete das Blatt. In der Schlacht bei Homburg an der Unstrut wurde das sächsische Bauernheer geschlagen. Als Heinrich sich danach gegen den sächsischen Adel wenden wollte, versagten ihm Rudolf von Schwaben und Berthold von Kärnten die Heerfolge. Dennoch gelang es ihm die „Großen“ von Sachsen auf der Ebene von Spier bei Sondershausen zur Kapitulation zu zwingen. Die Erhebung der Sachsen war nun in ihrem Blut erstickt. Löschen konnte Heinrich IV. den Brand nicht, er schwelte während seines gesamten Regnums weiter und brach jedes Mal dann, wenn er Schwäche zeigte, erneut aus.

Was sich unter dem Deckmantel monastischer Reform über das Reich hin ausbreitete, war im Grunde nichts anderes, als der erklärte Wunsch der Freiheit der Kirche von jeglicher weltlichen Feudalgewalt. Radikale Reformanhänger hatten im April 1073 in Rom mit Hildebrand einen Mann auf dem Stuhl Petri gehoben, der als Papst Gregor VII. die von seinen Vorgängern schon angebahnte Trennung von regnum und sacerdotium wenn nötig auch militant vollenden wollte. Dies lief am Ende auf die absolute Führungsrolle des Vatikan über die gesamte katholische Kirche und eine Verdrängung des deutschen Einflusses in Italien hinaus. Damit war der Streit mit dem deutschen Königtum in seine entscheidende Phase eingetreten. Der römische Klerus erklärte aller Welt, dass es keinem Laien, auch nicht dem Kaiser des römischen Reiches, zustände, den Stellvertreter Gottes auf Erden einzusetzen. Gleiches gälte auch für die Investitur der Bischöfe. In einem am 8. April 1075 auf den Weg gebrachten Brief legte Gregor VII. unverschämt ultimativ seine Meinung dar und drohte König Heinrich statt der erwarteten Kaiserkrönung mit der Exkommunikation für den Fall, dass er sich seinem Willen nicht unterwürfe. Der Brief erreichte seinen Empfänger am Neujahrstag 1076 in der Goslarer Pfalz mitten in der Hochstimmung eines glanzvoll gehaltenen Hoftages aus Anlass des soeben errungenen Sieges über die Sachsen. Heinrich, zu diesem Zeitpunkt sich noch der Unterstützung des deutschen Episkopats sicher, lud kurz entschlossen zu einer Reichsversammlung und Synode in die alte Kaiserstadt Worms ein. Das von allen Bischöfen, ob freiwillig oder erzwungen, unterzeichnete Antwortschreiben ließ an Deutlichkeit nichts missen. Die schnöde Anrede lautete: Bruder Hildebrand; vom verderblichsten Feind des Reiches war dann die Rede und alles gipfelte im Aufruf an das Volk von Rom, den Papst zu zwingen, von seinem Stuhl herabzusteigen! Denen, die diese Botschaft überbrachten, erging es jedoch schlimm. Der von der Kurie manipulierte Volkszorn ergoss sich mit elementarer Gewalt über die Emessäre. Nur mit Mühe konnten sie der aufgebrachten Menge entkommen. Feierlich verdammte Gregor VII. den, der sich ihm zu widersetzen wagte!

„Um Deinetwillen ist mir von Gott die Macht gegeben“ betete er zum Apostel Petrus. „Im Vertrauen hierauf untersage ich im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes kraft seiner Vollmacht zu Ehren und Schutz Deiner Kirche König Heinrich, dem Sohn Kaiser Heinrichs, der sich gegen Deine Kirche in unerhörtem Hochmut erhoben hat, die Regierung des ganzen Königreiches der Deutschen und Italiens, befreie alle Christen von den Fesseln des Eides, den sie ihm geleistet haben oder leisten werden, verbiete jedermann ihm als König zu dienen … so binde ich ihn an Deiner Statt mit den Fesseln des Fluches …!“

In einer an alle Gläubigen gerichteten Epistel, tat er die Bannung des Königs kund. Heinrich IV. nahm in demonstrativer Missachtung seiner Exkommunikation 1076 im vollen Königsornat am Ostergottesdienst in Utrecht teil. Wieder ging eine Depesche auf den Weg. Und wieder enthielt sie die Aufforderung „… steige herab, verlasse den angemaßten apostolischen Sitz … der Du in Ewigkeit verdammt sein sollst!“
Wieder trug das Schreiben die Unterschriften des gesamten Episkopats, aber die Phalanx der Bischöfe begann zu bröckeln. Der Hildesheimer machte die seinige durch einen unter dem Namenszug angebrachtes Zeichen ungültig, eine Art der Rückversicherung für den Fall, dass es einmal anders käme.

Gregor VII. blieb solche Haltung nicht verborgen und er reagierte mit zugesicherter Straffreiheit für all jene Bischöfe, die bis Juni 1076 bekannten, unter Zwang gehandelt zu haben. Gerade war im Reich wieder Ruhe eingekehrt, da glaubte die Fürstenopposition, ihre Stunde sei gekommen. Wieder war es Otto von Northeim, dazu Herzog Rudolf von Schwaben, die sich wider den König stellten. Dieses Mal fühlten sie sich sogar als Vollstrecker des päpstlichen Willens zum Aufstand legitimiert. Laut dachten sie schon über einen neuen König nach und luden für Oktober zu einer Fürstenversammlung ins rheinische Tribur. König Heinrich VI. verfolgte von seiner am anderen Ufer des Rheins gelegenen Pfalz Oppenheim aus den Gang der Dinge. Binnen weniger Monate war ein galoppierender Verfall seiner Macht vonstatten gegangen: Die Bischöfe, jetzt mehrheitlich bereit, ihrer Ämter wegen mit dem heiligen Stuhl ihren Frieden zu machen; die Fürsten, gewillt aufs Ganze zu gehen und das Reich ihren Interessen zu opfern. Der König suchte den einzig möglichen Ausweg in der Flucht nach vorn. In einem an „Herrn Papst Gregor“ adressierten Schreiben gestand er seine Verfehlungen ein und versprach, fortan schuldigen Gehorsam zu leisten. Damit konnte er die sofortige Neuwahl eines Gegenkönigs verhindern. Die Fürsten erlegten sich abwartende Zurückhaltung auf, wenn es Heinrich binnen Jahresfrist gelänge, sich vom päpstlichen Bann zu lösen. Für den 2. Februar 1077 wurde ein Reichstag nach Augsburg einberufen, zu dem sich auch Papst Gregor VII. eingeladen hatte, um über Heinrich das Urteil zu sprechen. Dem kam Heinrich zuvor, indem er Gregor entgegen reiste. Der Gang nach Canossa endete nach zähen Verhandeln mit dem päpstlichen Segen.

Dieser aber konnte die deutschen Fürsten nicht daran hindern, nun doch ihren Favoriten, Rudolf von Schwaben, zum neuen König zu küren. Der wiederum anerkannte die kanonische Wahl der Bischöfe und verzichtete auf die Erblichkeit der Königswürde. Damit schienen Papst und Fürsten den Sieg davongetragen zu haben. Rudolf konnte aber nur bei den salier-feindlichen Sachsen Boden fassen. Ungeachtet eines erneuten Bannfluchs des Papstes nahm Heinrich unverzagt den Kampf gegen seine Rivalen auf. In der Schlacht bei Hohenmölsen errang dessen Heer zwar den militärischen Sieg, Rudolf erlag jedoch kurz darauf einer zugezogenen Verwundung. Ihm war in der Schlacht die rechte Hand abgeschlagen worden. Auf dem Todenlager in Merseburg soll er gesagt haben: Dies ist die Hand, mit der ich meinem König die Treue geschworen habe! Nun holte Heinrich zum Gegenschlag aus. 1080 zog er mit großer Streitmacht über die Alpen. Nach langen, verlustreichen Kämpfen nahm er schließlich Rom ein, entmachtete Gregor und setzte an dessen Stelle den Erzbischof Wigbert von Ravenna ein und ließ sich von seinem Papst zum Kaiser krönen. Auch die abtrünnigen oberitalienischen Städte brachte er wieder unter seine Botmäßigkeit. Doch sollte nach diesem Sieg des Königtums das Reich immer noch keinen Frieden finden. Erneut musste Heinrich IV. zur Sicherung der Reichsinteressen 1090 nach Italien ziehen. König Konrad, Heinrichs zum Nachfolger bestimmter ältester Sohn, fiel von seinem Vater in verräterischer Weise ab, bemächtigte sich der Lombardei und machte Front gegen den Kaiser. Erst 1097 vermochte sich Heinrich IV. aus der Umklammerung seiner Gegner zu befreien. Er setzte Konrad ab und ernannte seinen zweiten Sohn Heinrich zum neuen Nachfolger. 1103 verfügte der Kaiser einen auf vier Jahre befristeten Reichsfrieden. Friedensbrechern, gleich welchen Standes, drohten Körperstrafen. Erstmals traf es auch den Adel, der sich bislang durch Geldbusen freikaufen konnte. Die Päpste Urban II. (1088–1099) und Paschalis II. (1099–1118) setzten im Investiturstreit weiterhin auf die Fürstenopposition. Dies hatte 1104 wieder an Stärke gewonnen. Die vita Heinrici IV. imperatoris charakterisiert die eingetretene Situation treffend; nachdem „… die Herren und ihre Helfershelfer ein paar Jahre im Zaum gehalten wurden, erhoben sie, mißvergnügt über die Beschränkung ihrer schlimmen Freiheit, neues Geflüster wider den Kaiser und sprengten neuerdings arge Gerüchte über seine Handlungen aus … An Raub gewöhnt, trachteten sie daher nach einem Anlaß, diese Tätigkeit wieder aufzunehmen, sannen auf erneuten Aufruhr und suchten den Kaiser wieder einen neuen Nebenbuhler zu erwecken. Am brauchbarsten hierzu erschien ihnen sein Sohn.“

Als Heinrich IV. sich anschickte, die Fürstenrevolte im Keim zu ersticken, wechselte König Heinrich das Lager. 1105 standen sich am Regen Vater und Sohn gegenüber. Und noch bevor das Treffen richtig begonnen hatte, lief das Ritterheer Heinrich IV. auseinander. Im Dezember des gleichen Jahres geriet der Kaiser auf hinterhältige Weise in die Gewalt seines Sohnes und wurde von diesem genötigt, die Reichsinsignien herauszugeben. Heinrich IV. gelang die Flucht und er rüstete sich erneut. Dieses Mal wusste er sich der Unterstützung der Städte am Rhein und der Bauernschaft sicher. Von Lüttich aus versandte er Rechtfertigungsschreiben, in denen er das gegen ihn gerichtete Taktieren der Kurie und die Treulosigkeit seines Sohnes anprangerte. Mitten in die Aufrüstung hinein ereilte den Kaiser der Tod.

Der neue Herrscher setzte in Vielem die Innen- und Außenpolitik seines Vaters fort. 1110 suchte er den Streit um die Investitur mit Papst Paschalis II. mit einer starken Streitmacht im Rücken zu lösen. Schon war ein Pakt ausgehandelt, der am Tag der Kaiserkrönung kundgetan werden sollte, da kam es zum Eklat; Adel und Klerus gleichermaßen sahen ihre Rechte darin arg beschnitten. Der Papst machte daraufhin einen Rückzieher. Heinrich V., der wenigstens seine Krönung zum römischen Kaiser retten wollte, brachte Paschalis II. in seine Gewalt und zwang ihn, den Krönungsakt zu vollziehen. In der Folgezeit versuchte Kaiser Heinrich V. die Reichskirche wieder fest in den Griff zu bekommen. Er setzte sich über den Protest der Reformer hinweg und ernannte Bischöfe und Äbte nach seinen Gutdünken. In der Ausstattung der Bistümer und Abteien setzte er deutliche Zeichen, indem er die süddeutschen und rheinischen favorisierte. Bald danach wandte er sich gegen den hohen Adel. Er zog erbenlose Lehen und Allode ein und schickte den Grafen Hoyer gegen die sich um den sächsischen Pfalzgrafen Siegfried scharenden Aufrührer. Starke Burgen im Westen und Nordosten des Reiches sollten seiner Macht Bestand verleihen. Eine Reichsteuer wurde in Erwägung gezogen, die den Kaiser von dem Fürstenaufgebot unabhängig machen sollte. Indes gewann die Tendenz zur Regionalisierung nicht nur unter den Vertretern des hohen Adel an Zunahme zu gewinnen, auch die Bischöfe handelten zunehmend auf die Bildung geschlossener Herrschaftsgebiete hin. Schließlich kam es zu einer neuen, von Lothar von Supplinburg angeführten, Verschwörung gegen Heinrich V.
In der Schlacht am Welfesholz erlitt er 1115 eine schwere Niederlage. Sachsen entzog sich in der Folgezeit gänzlich dem kaiserlichen Zugriff und die Kurie witterte Morgenluft, den Investiturstreit nun zu ihren Gunsten zu beenden. Nach etlichem Hin und Her sah sich Heinrich V. gezwungen, 1121 den Fürsten ein Widerstandsrecht einzuräumen und im Jahr darauf mit der römischen Kurie, der mit Papst Calixt II. der Führer der radikalen Reformer vorstand, das Konkordat von Worms einzugehen. Damit hatte die Zentralgewalt binnen zweier Jahre Niederlagen hinnehmen müssen, von denen sich das deutsche Königtum nicht wieder erholen konnte.