Kahnsdorf

Kulturhistorische Begegnungen

„Warum sagtest Du mir nicht ein Wort in Kahnsdorf davon?“ – diese Frage ist in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen. Sie steht in einem Brief Christian Gottfried Körners an Friedrich Schiller.

Der später weltberühmte Dichter Schiller war in der Nacht vom 22. zum 23. September 1782 aus seinem Dienst als württembergischer Militärarzt desertiert. Nach dem Erfolg seines Dramenerstlings „Die Räuber“ hatte ihm sein Herzog Schreibverbot erteilt. Schiller wagte nun mit seiner Flucht nicht nur politisch viel, sondern auch wirtschaftlich. Als freier Theaterdichter wollte er seinen Lebensunterhalt verdienen. Doch Mannheim, die Stadt des Deutschen Nationaltheaters, bringt ihm kein Glück. Dramenpläne scheitern. Schiller gerät in immer tiefere Geldnot. Ihm droht der Schuldturm.

Der junge Dichter ist ein politischer Flüchtling, wirtschaftlich bankrott, künstlerisch ausgebrannt, am Fuße der sozialen Leiter angekommen. Tiefer geht es nicht mehr hinab. In dieser Lage erreicht ihn ein Brief aus Sachsen. Dort, in Leipzig, gibt es eine Gruppe junger Verehrer des Dichters der „Räuber“. Sie laden ihn ein. Da flieht Schiller zum zweiten Mal, dieses Mal vor seiner Not. Er weiß, es gibt kein Zurück. In Mannheim droht ihm nun ebenso Gefängnishaft wie in seiner württembergischen Heimat.

Die Leipziger Verehrer sind freundlich zu ihm. Doch deren geistiger Kopf, Christian Gottfried Körner, Rat am Oberkonsistorium, ein viel beschäftigter Mann, lebt und arbeitet in Dresden. Erst nach über 2 Monaten seines Aufenthalts in Sachsen soll Schiller ihn kennen lernen, als dieser anläßlich seines Geburtstages in die Leipziger Gegend reist, um mit seiner Verlobten Minna Stock und seinen Freunden zu feiern. Zu diesem Zweck trifft man sich am 1. Juli 1785 auf dem Rittergut der Familie Ernesti in Kahnsdorf.

Dieses Treffen gestaltet sich zur entscheidenden Wende in Schillers Leben. Was sich an diesem Tag genau abgespielt hat, darüber können wir nur spekulieren. Soviel jedenfalls geht aus dem folgenden Briefwechsel hervor, das Treffen hat Schiller den Mut eingeflößt, Körner seine mißliche materielle Lage zu gestehen.

Körner reagiert darauf mit der eingangs zitierten Frage: „Warum sagtest Du mir nicht ein Wort in Kahnsdorf davon?“ Er will damit ausdrücken, das alles hätten wir längst klären können. Mach dir keine Sorgen mehr, ich nehme jetzt alles in meine Hand. Von Seiten Körners ist das keine leere Versprechung. Er ist ein wohlhabender Mann und in der Lage, die drückendsten Schulden des Dichters zu tilgen und fürs erste seinen Lebensunterhalt zu sichern. Hinzu kommt noch ein weiteres: Körner besitzt einen Freund, den Verleger Georg Joachim Göschen, dem er bei dessen Unternehmensgründung unter die Arme griff. Da kommt ihm ein Dichter wie Schiller gerade recht. Schiller soll nur immer schreiben, Göschen verlegt die Werke und Körner gibt das Geld - eine Symbiose, die allen dreien nützt!

Kurzum, Schiller gewinnt in Körner einen Freund, Förderer und Mäzen, der fortan zur Stütze, zum geistigen Anreger und zum Helfer in allen Lebenslagen wird. Von nun an geht es aufwärts. Die Weichen sind gestellt. Was folgt, die Berufung zum Professor in Jena, die Partnerschaft mit Goethe, die großen klassischen Balladen und Dramen, das ist alles eine gradlinige Fortsetzung des Weges, der in Kahnsdorf seinen Anfang nimmt.

Kahnsdorf ist damit nicht nur einer der vielen Orte, von denen es heißt: Schiller war hier, oder: Goethe hat hier die Pferde gewechselt und ein Glas Wein getrunken. Nein, Kahnsdorf ist weit mehr als das. Hier vollzog sich die Schicksalswende in Schillers Leben, und damit wird Kahnsdorf gleichsam zu einem symbolischen Ort.

Ihm wohnt eine Symbolik inne, die sich keineswegs in ihrem historischen Gehalt erschöpft. Viel mehr wirkt sie weit, weit, bis in unsere Gegenwart hinein.

Schiller war, mit Verlaub gesagt, ein „armer Hund“, als er ins seinerzeit reiche Sachsen kam. Hier gab es Menschen, die genügend Geld besaßen, um ihm jenen Rückenhalt zu geben, den er benötigte, um zu einem der bedeutendsten Dichter der Weltliteratur zu werden. Hier entstanden Verlage, die - wie jener Göschens - sein Werk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen konnten.

Damals kam einer wie Schiller aus dem Westen Deutschlands hierher in die Leipziger Region, weil es eben dort vergleichbare Bedingungen nicht gab. Sachsen leistete damals im wahrsten Sinne des Wortes Entwicklungshilfe für die Weltkultur.

Sicherlich ist es Zufall, daß sich das für Schiller entscheidende Geschehen gerade hier, gerade in Kahnsdorf abspielte; daß hingegen ein Rittergut, das einer Leipziger Bürgerfamilie gehörte, zum Schauplatz solchen Geschehens wurde, verwundert weit weniger. Das Kahnsdorfer Gut der Familie Ernesti und ihrer Nachfolger der Nordmanns, eines Forker-Schubauer und wie sie alle hießen, war in gewisser Hinsicht typisch für jene Anwesen, die sächsische Bürger erwarben. In deren Händen verwandelten sie sich in landwirtschaftliche Musterbetriebe, wurden sie zu Orten, an denen die Musen eine Heimat fanden. Heinrich Leberecht Crusius’ Aktivitäten auf Rüdigsdorf und Sahlis und Maximilian Speck von Sternburgs auf Lützschena sind weithin bekannte Beispiele dafür. Aber Kahnsdorf stellt sie alle in den Schatten: Schließlich ist Schillers Begegnung mit Christian Gottfried Körner nur eines in einer ganzen Reihe kulturhistorisch bedeutsamer Ereignisse, die dieser Ort erlebte. 1813 versteckte man hier den verwundeten Freiheitsdichter und Lützowschen Jäger Theodor Körner, übrigens der Sohn des Schiller-Freunds Christian Gottfried Körner. In Kahnsdorf konnte er, vor den Napoleonischen Schergen vorborgen, genesen und wieder zu Kräften kommen, um seinen Kampf um Deutschlands Freiheit und Einheit fortzusetzen. In eben jenen Tagen wuchs nur wenige hundert Meter von hier, auf dem Rittergut Zöpen, ein Kind auf, das später einmal europäische Geschichte mitbestimmen sollte: Friedrich Ferdinand von Beust. Sein Vater besaß das dortige Gut. Beust wurde 1849 sächsischer Außen- und Kultusminister; er war später Regierungschef in Dresden und verantwortlich für eine Politik, die auf die Stärkung der sächsischen Souveränität gerichtet war. Dies mußte zwangsläufig auf den Widerstand Preußens stoßen. Nach dessen Sieg im Deutschen Krieg 1866 mußte Beust zwar als sächsischer Premierminister abdanken, doch berief ihn dafür der Kaiser in Wien zu seinem Kanzler. In dieser Funktion schuf Beust aus den vielfältigen Besitzungen der Habsburger die legendäre K&K-Monarchie. Zöpen, der Ort seiner Kindheit, blieb ihm jedoch zeitlebens in guter Erinnerung. So berichtet er auch in seinen Memoiren darüber, was ihm hier während der Völkerschlacht widerfuhr.

In ganz anderen Memoiren schildert der Schriftsteller Erich Loest, was er 1945 in Kahnsdorf erlebte. „Durch die Erde ein Riß“ heißt sein Buch, in dem er unter anderem beschreibt, wie er hier auf dem Rittergut als Landwirtschaftslehrling tätig war.

„Die Politik schlug“, so lesen wir dort, „einen Bogen um Kahnsdorf“. Loest schildert mit jenem Satz die Konstellation, die sich – nach und nach – seit der Eröffnung des Bahnhofs Kieritzsch 1842 herausgebildet hatte: dort die Bahnhofssiedlung, in der sich mehr und mehr das öffentliche Leben abspielte, hier – abseits des Weltgetriebes – die drei alten Dörfer Pürsten, Kahnsdorf und Zöpen. Als 1935 die Gemeinde Neukieritzsch aus diesen vier Teilen gebildet wurde, hatte sich längst eine Arbeitsteilung herausgebildet: Dort, am Schienenstrang, Handel und Wandel, politische Vereine und Parteien; hier, in der Pleißeaue, Arbeitsfleiß, bäuerliche Tugenden, traditionelles Gemeinschaftsleben. Für Erich Loest waren die Monate in Kahnsdorf bedeutsam für seine persönliche Entwicklung nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands, einem Zusammenbruch, in dem auch sein Weltbild untergegangen war. In Kahnsdorf konnte er zu sich selbst finden, weil die Äußerlichkeiten des Weltgeschehens erst mit zeitlicher Verzögerung und wesentlich abgemildert hierher gelangen. Hier fand er den dringend benötigten Raum für persönliche Besinnung. Wieder einmal hatte sich Kahnsdorf – auf eine neue, andere Art – als ein Ort der Wende gezeigt.

Und so läßt sich das weiter verfolgen: Bis in die jüngste Vergangenheit reichen die Spuren, die Kahnsdorf in der Literatur hinterlassen hat. Es liegt wenig mehr als ein Jahrzehnt zurück, als der Leipziger Lyriker Ralph Grüneberger Kahnsdorf eines seiner Gedichte widmete. Grüneberger hat den Ort auf dem Tiefpunkt seiner Geschichte erlebt und geschildert: Tag und Nacht die Abbaugeräusche des Braunkohlentagebaus, verfallene Gebäude, die Schadstoffbelastung der Werke, der Ort, abgeschnitten von der Umwelt, am Rande des Abgrunds. „Und hier soll Schiller einmal gewesen sein?“, fragt er ungläubig.

„Fürstentümer“ nannte man die Orte Zöpen, Kahnsdorf und Pürsten einst ihres Reichtums wegen. Kaum noch etwas schien davon übrig, als das ostdeutsche Volk, von den Leipziger Montags-Demonstrationen inspiriert, 1989 auch in unserer Region die Notbremse zog und die Weichen für eine anders geartete Entwicklung stellte.