Das Tatarengrab bei Kleinbeucha

Ein Grab am Waldesrande

Auf halbem Weg, zwischen Beucha und Steinbach, unweit des Weilers Kleinbeucha, liegt auf einer zirka 163,5 m hohen bewaldeten Anhöhe ein Grab, welches an ein nicht alltägliches Ereignis des Jahres 1813 erinnert. Hier wurde im Spätsommer 1813 ein Muslim bestattet. Das Grab ist ein kleiner zirka 4 m langer und 2 m breiter Hügel, an dessen Kopf- und Fußende zwei Grabsteine aus Sandstein aufgestellt sind und die einem Sattel ähneln. Noch um 1980 waren Textreste in arabischer Schrift zu erkennen, die besagten: „1813 – Jussuph der Sohn des Mustapha, der Großmütige und Tapfere“ und „Nichts ist gut außer Gott und Muhammed der Prophet Gottes“.

In Vorbereitung auf die 200. Wiederkehr des historisch bedeutsamen Jahres 1813 wurde von 2011 bis 2013 das Tatarengrab neu gestaltet und am 2. Oktober 2012 der Öffentlichkeit übergeben. Das Besondere an diesem Denkmal ist die Tatsache, dass die Bürger von Beucha – also Christen – das Grab und das Andenken an einen Muslim 200 Jahre lang über alle ethnischen und religiösen Grenzen hinweg bewahren, betreuen und pflegen. Dies auch als Mahnung an alle, die religiösen Hass und Krieg im Namen des Glaubens predigen.

Nach Augenzeugenberichten war 1813 ein Kosakenhetmann auf dem Beuchaer Rittergut einquartiert worden. Großes Aufsehen riefen bei den Dorfbewohnern die vielen mitgeführten seidenen Betten bzw. Kissen sowie seine 10 prächtigen Pferde hervor. Da der Offizier an Typhus (damals sprach man auch von Lazarettfieber) erkrankte, wurde er wegen der Gefahr einer Ansteckung in ein abgelegenes Gehöft gebracht, wo ihn sein Leibdiener und der Schulmeister, Christian Gottlieb Winkler, bis zum Tode pflegten. Sein letzter Wunsch war gewesen, an einer Stelle begraben zu werden, an der man seine Ruhe nicht störte. So hoben die Beuchaer Bauern sein Grab auf oben genannter Anhöhe bei den Lämmerbirken aus und er soll – in das grüne Tuch des Propheten Mohammed gehüllt – auf seinem Pferd sitzend, begraben worden sein.

Dann sollen Franzosen am 10. Oktober dabei gewesen sein, das Grab zu schänden und zu zerstören. Der mit einer mosaikartigen Verzierung versehene Grabhügel sei bereits zerstört gewesen, da seien sie von den anrückenden Verbündeten vertrieben worden. Diese Darstellung passt gut zu dem Ablauf der Kampfhandlungen jener Tage.

Noch 25 Jahre lang, so die Überlieferung, haben Verwandte des Yussuf das Grab gepflegt und die zwei Grabsteine mit den Inschriften gesetzt. Und bis heute ist es für die Beuchaer selbstverständlich die Erinnerung an Yussuf wach zu halten und das Grab zu pflegen. Noch 1963 konnte man die in lateinischen Buchstaben geschriebenen Worte „1813 – Roku Wachschef“ auf der einen Grabplatte entziffern.

Parallel zur Restaurierung des Tatarengrabes versuchen Mitglieder des Heimatvereins des Bornaer Landes das Geheimnis um das Grab und Yussuf zu lüften. Bisher kann festgehalten werden: Yussuf war der Sohn eines Mustapha: „Roku“ – ein polnisch-litauisches Wort – steht für Jahr und bezieht sich auf 1813, die Grablege entspricht mohammedanischen Traditionen, Yussuf war zum Zeitpunkt der Völkerschlacht schon tot. Aus den Überlieferungen geht weiterhin hervor, dass das Grab, wahrscheinlich 1913 und 1938, restauriert worden ist.

Am Samstag den 6. April 2013 führte der Heimatverein ein internationales Symposium und einen Jugend-Workshop in Borna durch. In Auswertung der Tagung wird festgehalten: Der tatarische Offizier Jussuf mit seiner Einheit muss nicht unbedingt ein Angehöriger der russischen Armee gewesen sein. Tatarische Reiter aus Polen-Litauen waren sowohl in der Napoleonischen Armee als auch in den Armeen der Alliierten zu finden. Schon seit der polnisch-sächsischen Doppelmonarchie August des Starken dienten in der sächsischen Armee Tataren.

Friedrich II. von Preußen wollte 1761 mit dem Krimchanat ein militärisches Bündnis gegen Russland abschließen und um 1800 dienten einige tausend muslimische Tataren in der preußischen Armee.

Da die Angehörigen Yussufs noch 25 Jahre lang sein Grab gepflegt haben und das Wort „roku“ polnisch-litauische Wurzeln hat, kann geschlossen werden, dass es sich bei „Yussuf“ um einen Lipka-Tataren gehandelt hat, da „Roku“ bei den Tataren an der Wolga und auf der Krim unbekannt ist. Lipka-Tataren sind noch heute in Polen, Litauen, der Ukraine und Weißrussland eine ethnische Minderheit.

Nicht auszuschließen ist die These, dass diese Tataren als Angehörige der polnischen Legion unter Poniatowski gekämpft haben, da nach der Teilung Polens große Gebiete Litauens und Polens an Russland gefallen waren.

Doch weitere Fragen bleiben offen: Wer war der Steinmetz, der damals fähig war, die Grabinschriften in arabischer Schrift anzufertigen? Wer übersetzte sie dann ins Deutsche? Ebenso bleiben einige Vermutungen. Für den Aufenthalt Yussufs in Beucha könnte ein Zeitraum zwischen März und Mitte September 1813 in Frage kommen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann ausgeschlossen werden, dass Yussuf ein Russe oder ein Kosak war. Ob es sich bei Yussuf um einen Angehörigen einer baschkirischen Einheit in der russischen Armee handelt, ist nicht auszuschließen. Da jedoch die bekannten Beschreibungen von baschkirischen Kriegern bezüglich Aussehen und Bekleidung aus dem Jahr 1813 sehr genau sind, muss davon ausgegangen werden, dass der Name „Tatarengrab“ ursächlich ist, denn sonst hätte man von jeher von einem „Baschkirengrab“ gesprochen.

Trotzdem bleibt noch vieles offen: Woher kam Yussuf? Kam er aus Mittelasien, Polen, Litauen, Weißrussland oder einem anderen Land? Wer war Yussuf? Ein Baschkirische, Tatar, Kosake oder gehörte er einer anderen Nationalität an? Welchen Rang besaß Yussuf? Diente er in der russischen, österreichischen, preußischen oder gar französischen Armee?