Sachsens 48er im Bornaer Land

Johann Amadeus Helbig

Er fehlt in der Reihe der Bürgermeister, deren Bilder in der ersten Etage des Rathauses aufgehängt wurden. Trotzdem gehört er zu jenen Stadtoberhäuptern, auf die Borna zurecht stolz sein darf. Die Rede ist von Johann Amadeus Helbig.

Erinnerungen an einen klugen und mutigen Mann

Am 2. April 1812 wurde er in Langenleuba-Oberhain als Sohn des Hintersässers, Leinewebers und Dorfkrämers Johann Gottlieb Helbig geboren. Dass solch einfacher Leute Kind studierte, zudem noch Rechtswissenschaften, war damals äußerst ungewöhnlich. Wie auch immer, 1832 schrieb sich Helbig als Jurastudent an der Leipziger Universität ein. Nach einer bemerkenswert kurzen Ausbildungszeit finden wir ihn bereits 1835 in Borna, wo er zunächst als Rechtspraktikant am Gerichtsamt tätig war. 1838 ließ sich Helbig als Advokat und Notar nieder. Im gleichen Jahr heiratete er Julie von Zobel, die Tochter des Bornaer Superintendenten.

Ungeachtet seines rasanten sozialen Aufstiegs vergass der junge Jurist nie, woher er stammte. In zahlreichen Rechtsstreitigkeiten vertrat er vor allem die Interessen der kleinen Bauern aus den umliegenden Dörfern. Dies erwies sich nicht selten als undankbare Aufgabe, vor allem dann, wenn ihm seine Klienten das Honorar schuldig blieben und er dieses selbst erst einklagen musste. Dennoch gelangte er in wenigen Jahren zu einem beträchtlichen Wohlstand. Gewinnbringende Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe bildeten die Grundlage einer gesicherten sozialen Existenz.

1846 wurde Johann Amadeus Helbig Bürgermeister der Stadt Borna. Aus seiner liberalen politischen Gesinnung machte er nie einen Hehl. So berichtet eine Polizeiakte des Königlichen Ministeriums des Innern über eine Tischrede, die er am 4. September 1846 im Jägerhaus bei Frohburg hielt. In ihr brachte er einen Toast auf die Schützengilden und die Schützenkönige aus. Die Schützen stellte Helbig als „Militär der Bürger“ den Soldaten „als Maschinen in der Hand fürstlicher Willkür“ gegenüber. Die Schützenkönige betrachtete er „als Könige der Bürgerfreiheit“, während die wirklichen Könige das Volk schädigten und unterdrückten. In Dresden hörte man solche scharfen Worte sicher nicht gern. Allen Einsprüchen zum Trotz blieb Helbig aber als Bürgermeister im Amt.

Im Revolutionsjahr 1848 wurde er Mitglied der 2. Kammer des Sächsischen Landtages und dort sofort zum maßgeblichen Sprecher der demokratischen Kräfte. Bei den Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung trat er in Rochlitz an und errang ein Nachfolgemandat.

Welche Haltung die hiesige Bevölkerung zu ihrem Abgeordneten einnahm, brachte eine Zuschrift zum Ausdruck, die am 8. November 1848 vom Bornaer „Wochenblatt“ veröffentlicht wurde. In ihr heißt es:

„Der Landtag geht mit Riesenschritten seinem Ende entgegen und die Deputierten kehren an ihren heimatlichen Herd zurück, so auch der unsere, unser Bürgermeister Helbig. Mit Sehnsucht erwarten ihn hier seine Freunde, zu denen er in Borna, der Gesinnung nach, außer einigen Aristokraten und einigen nichts weniger als dem Volk freundlich Gesinnten, alle zu zählen hat. Wer wie der Einsender in allen Schichten Gelegenheit hat, Urteile über ihn fällen zu hören, kann es mit gutem Gewissen bestätigen, dass sich selten eine Abneigung gegen sein Wirken und seine Meinungen kund gibt“.

Als Revolutionär verfolgt und ins Exil getrieben

War Bornas Bürgermeister Helbig ein „Staatsverbrecher“?

Bei den Landtagswahlen im Dezember 1848 feierte Bornas Bürgermeister Johann Amadeus Helbig einen überlegenen Sieg und zog im Januar des Folgejahres wiederum in die 2. Kammer ein. Angesichts der erdrückenden Mehrheit der dort vertretenen Demokraten spielte er nicht mehr jene herausragende Rolle wie in seiner ersten Wahlperiode im Dresdener Parlament. Er gehörte eher zu jenen Personen, die sich im Stillen um Vermittlung mit der Königlichen Regierung bemühten. Dennoch reiste er im April 1849 nach der Auflösung des Landtages durch den König entgegen dessen Order nicht sofort aus Dresden ab. Viel mehr beteiligte er sich an Protestaktionen gegen die Haltung des sächsischen Monarchen, der die von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossene Verfassung strikt ablehnte.

Als es am 3. Mai 1849 zur offenen Konfrontation zwischen Demokraten und dem Militär kam, hielt er sich noch in der Landeshauptstadt auf. Er nahm an den Beratungen der Aufständischen im Dresdener Rathaus teil und war auch zugegen, als die Provisorische Regierung ausgerufen wurde.

Am 7. Mai reiste er nach Leipzig, um dort über die Lage in Dresden zu berichten. Am darauf folgenden Tag traf er in Borna ein, hielt sich aber nur wenige Stunden in der Stadt auf. Helbig war sich der prekären Situation der Aufständischen bewusst und kehrte dem Königreich Sachsen den Rücken, bevor ein Haftbefehl gegen ihn erlassen werden konnte. Dieser ließ nach der Niederschlagung des Aufstands in Dresden nicht lange auf sich warten. Schnell waren Zeugen gefunden, die den Bornaer Bürgermeister beschuldigten, er habe dazu aufgerufen, das Prinzenpalais der Landeshauptstadt in Brand zu setzen. Später wurden diese Behauptungen zwar widerlegt; zunächst aber war ein Grund gefunden, Helbig steckbrieflich zu suchen.
Dieser war inzwischen nach Frankfurt gereist, wo er anstelle des zurückgetretenen Abgeordneten Franz Heisterbergk in die Deutsche Nationalversammlung einzog. Bis zum 18. Juni gehörte er dem sogenannten „Rumpfparlament“ an. Danach emigrierte er in die Schweiz.

Es spricht für Johann Amadeus Helbig, dass er sich auch dort schon bald wieder eine sichere soziale Existenz schuf. Geheimdienstberichten zufolge pachtete er bereits 1851 als Wirt den „Seefeldgarten“ in Zürich. In dieser Gaststätte verkehrten, will man den sächsischen „Sicherheitsbeamten“. Glauben schenken, eine große Zahl politischer Emigranten. Helbig hingegen behauptete in seinem 1854 eingereichten Gnadengesuch, sich nach seiner Emigration nicht wieder politisch betätigt zu haben. Auch die Bornaer Bürgerschaft stand nach wie vor zu ihrem ehemaligen Stadtoberhaupt. Sie setzte sich in einem Schreiben von 7. Januar 1850 für die Beendigung seiner Strafverfolgung ein. Doch weder der Verweis auf Helbigs Verdienste, noch sein Bekenntnis zur Königstreue nützten etwas: Mit seinem klaren Bekenntnis zur deutschen Verfassung hatte er in Dresden jeden Kredit verspielt. Mitte der 1850er Jahre verlieren sich seine Spuren. Sächsische Geheimdienstberichte vermuten, er sei nach Amerika ausgewandert.