Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Vom Dreschen

Konrad besuchte in den Weihnachtsferien seinen Onkel auf dem Lande und kam just zu der Zeit, da mit der Scheunenarbeit begonnen werden sollte: „Na, da kommt ja gleich ein tüchtiger Gehilfe!“

„Was gibt´s denn zu tun?“ fragte Konrad.
„Flegeldreschen“, lautete die Antwort.
„So – ihr habt doch eine Dreschmaschine! Weshalb drescht Ihr nicht mit der?“
„Wir wollen das Seilstroh dreschen, das Stroh, aus denen die Seile für die nächste Haferernte gemacht werden. Dazu ist das Maschinenstroh nicht zu gebrauchen.“

Konrad ging das letzte Jahr in die Schule und war ein großer, starker Junge, der es sich schon zumuten konnte, den Dreschflegel zuschwingen. Also ging er mit dem Onkel und dessen Sohne, seinem Vetter, der schon aus der Schule war, auf die Tenne, wo bereits an die 20 Garben ausgebreitet lagen, die Ähren nach innen, die "Sturzeln" nach außen, die Seilknoten nach oben und die Knebelknoten nach unten.

Und nun nahmen sie die Flegel zur Hand. Konrads ungeübten Händen erschien das Werkzeug ein wenig schwer, ließ sich aber nichts merken.

Ehe sie begannen, erklärte ihm der Onkel erst die Teile des Dreschflegels: die Handrute aus Eschenholz, die Handrutenkappe, das Mittelband, die Knöppelkappe und den Knöppel. Und er fügte hinzu: „Sei froh, mein Junge, daß wir in Sachsen wohnen; denn unsere Knöppel sind nur 70–80 cm lang, die altenburgischen dagegen 90–100 cm und daher schwerer. Und nun gleich noch einige Regeln:

1. Hübsch im Takte bleiben!
2. Mit der ganzen Länge des Knöppels aufschlagen, nicht bloß mit der Spitze!
3. Die Handrute locker halten, damit du den Knöppel nicht abdrehst!
4. Nicht "melken", d. h. nicht mit der einen Hand an der Handrute rauf und runter fahren!
5. Den Flegel so hoch schwingen, daß die untere Hand die Nasenspitze berührt!
So, nun wollen wir einmal probieren!“

Im Anfange klappte es noch nicht ganz; erst nach einer Weile kam Konrad ins Geschick. Um im Takte zu bleiben zählten Onkel und Vetter:

„1 – 2 – 3 – 1 – 2 – 3 – 1 – 2 – 3“

Auf diese Weise ging die Arbeit ganz gut von statten und bald waren sie einmal herum, daß sie die Garben wenden konnten und der Knebelknoten noch oben zu liegen kam. Bei dieser Arbeit, die den Muskeln Konrads gut tat, weil sie sich dabei ausruhen konnten, erzählte der Onkel, daß man früher, als man noch keine Dreschmaschinen kannte, noch andere Taktsprüche gewußt habe:

„Korn – Brot – Schrot (in Hagenest),
Koch – Kaf – fee (in Hagenest),
Geld – Brot – Stroh (in Hagenest),
Hans – schlag – zu (in Hagenest),
Ich – bin – da (in der Rochlitzer Gegend),
Supp’ – un – Brei, But – ter – nei (in der Rochlitzer Gegend),
Koch – Birn – papp (Gegend von Löbau),
Koch – Fleesch – zu (in Schlesien).

Auch für 2-, 4-, 5- und 6-Schlag hatte man Sprüche:

Ach Gutt! Ach Gutt!
Kumm doch! Kumm doch! (Rochlitzer Pflege).
Kummt halft! Kummt halft! (Schlesien).
M’r – brau – ch’n – Brut (Hinter der Leina).
Ich – schnei – de – Speck (Hagenest).
Ich – kann – nich – meh (Hagenest).
Gesch – dan – hie – fort (Hagenest).
Chri – stuph – schlag – frisch – druff (Hagenest).
Kummt – rei – m’r – wull’n – all’n (Erzgebirge)."

Nachdem noch einmal herumgedroschen war, band man die Garben auf, klopfte wieder durch, wendete noch einmal und drasch zum vierten Male.

„So, da wäre das erste Stroh fertig“, sagte jetzt der Onkel und legte seinen Flegel zur Seite, um aufzuräumen, das Stroh in fünf Schütten zu binden und die Körner auf die Seite zu fegen.

„Wieviel bringt ihr auf diese Weise in einem Tage fertig?“ fragte Konrad.
„Sechs solche Stroh“, war die Antwort.
Konrad rechnete:

„1 Stroh = 20 Garben;
6 Stroh = 120 Garben = 2 Schock,
20 Garben = 5 Schütten;
120 Garben = 30 Schütten. Wieviel Seile kann man aus 5 Schütten herstellen?“
„Ungefähr 200.“
Und Konrad rechnete wieder:
„5 Schütten = 200 Seile;
30 Schütten = 1200 Seile.“
„Wieviel haben wir Körner ausgedroschen?“
„Das kommt auf die Ernte an, ob das Getreide gut schüttet oder nicht. Heuer haben wir eine mittlere Ernte gehabt, und da werden wir von dem einen Stroh, das wir eben ausgedroschen haben, 1/2 Zentner Körner einsacken können.“

„1 Stroh = 1/2 Zentner Körner, 6 Stroh = 3 Zentner Körner = eine Tagesleistung.“
„Wie lange habt ihr früher gedroschen, als ihr noch keine Maschine hattet?“
„Wir säten immer an 5 Acker Getreide und hatten etwa 30 Tage lang zu dreschen. Der Gewinn betrug ungefähr 90 Zentner Körner.“
„30 Tage, das ist ja 1 Monat. Es hab aber doch auch Rittergüter, die mindestens 50 Acker Getreidefläche abernteten und 300 Tage = ein ganzes Jahr zu dreschen hatten. Da hatten sie doch gar keine Zeit mehr zu anderer Feldarbeit!“

„O doch! Die Rittergüter draschen nicht bloß zu dritt, sondern zu viert, fünft und sechst und draschen auch auf zwei Tennen.“

„Dadurch brauchten sie für 50 Acker Getreide nur etwa 100 Tage = 3 Monate. Große Güter hatten dann immerhin noch zu tun, um fertig zu werden.“
„Sie hatten ihre Drescher, die in den Drescherhäusern wohnten, die hier und da noch stehen (in Audigast, in Großhermsdorf und anderswo), und finden gleich nach der Ernte an. Sie draschen meist um den 12. Scheffel, d. h. der zwölfte Teil der ausgedroschenen Körner war ihr Lohn. Das Flegeldreschen gehörte damals zur Dorfmusik, wie du ja wohl von der Schule her weißt:

Die Drescher in der Scheune dort,
sie schlagen flink in einem fort
den Takt, daß laut es knallt
und weit durchs ganze Dorf hinschallt.

Jetzt wird die Musik, immer seltener. Die Bauern, die mit dem Binder arbeiten, brauchen keine Seile mehr, und auch die nicht, welche mit einem sogenannten Breitdrescher ihr Getreide ausdreschen. Und sonst haben alle, die etwas Feld besitzen, eine Maschine, die mit der Hand, mit dem Göpel oder mit einem Motor in Bewegung gesetzt wird. Ja, manche Bauern lassen eine Dampfdreschmaschine auf ihr Feld kommen und dreschen ihr Getreide gleich auf dem Felde aus.“

„Wie lange habt ihr mit der Maschine zu tun?“

„Die Handdreschmaschine leistet das, was drei Leute in einem Tage mit dem Flegeln ausdreschen, in einer Stunde, die Dreschmaschine mit Motor in 1/4 Stunde, und die Dampf in 10 Minuten.“
"Seit wann gibt es Dreschmaschinen?“
„Die ersten Maschinen wurden in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts gesetzt. Es hat aber schon vorher welche gegeben, schon etwa 100 Jahre früher, aber sie waren nicht praktisch genug. Man hatte die Zeit - hier und da auch noch heute - noch andere Ausdrescharten: man ritt mit den Pferden über die Garben hinweg oder machte eine Kautschel (Schaukel) auf und ließ die Kinder auf den Garben herumtreten.“

Indessen war das zweite Stroh aufgelegt worden, und die Arbeit des Dreschens begann von neuem nach dem Takte 1 – 2 – 3 – 1 – 2 – 3!

Beim Wenden erzählte der Onkel noch etwas von den früheren Scheffeldreschern. Es seien mitunter grobe Gesellen gewesen, so daß der Schimpfname aufkommen konnte: du Flegel. Aber es seien auch spaßige Leute gewesen, die gern anderen Leuten, besonders Fremden, einen Schabernack gespielt hätten.

Kam ein Neuling in den Hof vor die Scheune und guckte neugierig zu, dann baten sie den ganz ernsthaft um einen kleinen Gefallen: Er möchte doch so freundlich sein und beim Kaufmann Flegelschmiere holen. Der Neuling eilte, konnte aber natürlich keine bekommen. Erschien er dann ohne sie wieder vor der Scheune, so wurde er tüchtig ausgelacht.

Ging das Flegeldreschen dem Ende zu, dann hieß es aufpassen; denn hörte der Bauer oder der Großknecht auf, dann durfte nicht nachgeschlagen werden. Er es dennoch tat, verfiel dem Spott der anderen Drescher, mußte sich einen Scheunenhacksch nennen lassen und zur Sühne eine Runde Bier geben.

Der Schluß des Dreschens wurde nach alter Sitte stets festlich begangen. War nun das letzte Stroh abgeräumt worden, so lud der Bauer die Drescher ein zu einer Kanne Schokolade mit Kuchen, Brötchen, Gebäck und dergl. Die Schokolade sollte allen Staub, den man während der Arbeit hatte einatmen müssen, hinunterspülen. Daher hieß dieses Essen die Stoobkanne (Staubkanne).

Konrad war froh, als das zweite Stroh zu Ende gedroschen war und man an dem Tage mit der Drescharbeit aufhörte. Er spürte seine Arme ob der ungewohnten Beschäftigung und freute sich im geheimen, daß der nicht 30 Tage, geschweige denn 100 oder noch mehr Tage hintereinander mit Flegeln zu dreschen brauchte. Jetzt wußte er, wie gut es doch ist, daß der Mensch Maschinen ersonnen hat, die ihm die Arbeit erleichtern helfen!