Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Saatgutzüchterei in Trautzschen

Wenn Pegauer Kinder auf ihren Wanderungen nach den südlich der Stadt gelegenen „Oberdörfern“ gehen, dann fallen ihnen gewiß die am Wege gelegenen Felder auf. Diese sind eingeteilt in kleine Stücke, die man fast als Gartenbeete bezeichnen könnte. Die einzelnen Stücke sind mit Holztafeln versehen, worauf Buchstaben und Zahlen stehen. Was hat das zu bedeuten, und warum sind die Flächen nicht so groß wie anderswo? Es sind die Felder der Saatgutzüchterei Trautzschen.

Wenn der Landwirt sein Getreide gedroschen hat, verkauft er es an den Müller. Einen Teil der Körner aber behält er zurück zur Aussaat für das nächste Jahr. Mit dem Samen freilich muß er wechseln, sonst würde er auf seinen Feldern nicht mehr so viel Getreide ernten wie vorher. Deshalb muß er von Zeit zu Zeit neues „Saatgut“ kaufen. An dieses Saatgut werden hohe Ansprüche gestellt. Es soll reiche Ernte bringen und, wenn es sich um Herbstaussaat handelt, auch gut überwintern. Endlich möchten die Halme bis zur Ernte schön aufrecht stehen bleiben und nicht "lagern". Daneben legt der Landmann noch Wert auf Form und Farbe der Körner, auf die Größe der Ähren und auf die Höhe des Halmes. Solche ertragreiche, winterfeste und lagersichere Getreidearbeiten heranzuziehen, ist das Bestreben der Saatgutzüchterei in Trautzschen. Wir lassen uns erzählen, wie das vor sich geht.

Der Leiter des Unternehmens findet auf dem Felde z. B. eine Roggenpflanze mit auffallend kurzen Halmen. Er freut sich; denn eine kurzhalmige Roggenart wird vom Landwirt gewünscht, weil sich kurzhalmiger Roggen besser als jeder andere mit der Maschine schneiden läßt. Diese kurzhalmige Pflanze wird, sobald sie reif ist, sorgfältig aus dem Boden genommen. Die Körner werden im nächsten Jahre einzeln mit der Hand in einem Abstand von etwa 10:15 cm in das Versuchsbeet gesteckt. Über jede Pflanze wird genau Buch geführt. Das ganze Jahr hindurch werden in dieses Buch Einträge über das Wachstum der Pflanzen gemacht. Zur Erntezeit wird das Beet nicht gemäht, die Pflanzen werden vielmehr mit der Wurzel herausgezogen. Nun werden sie untersucht.

Es wird zuerst die Länge der Halme gemessen. Da eine kurzarmige Roggenart gezüchtet werden soll, müssen alle Halme besonders kurz sein. Dann wird gezählt: Wieviel Halme hat eine Pflanze? Wieviel Körner sind in einer Ähre? Wieviel in der ganzen Pflanze? Welche Form, welche Farbe, welches Gewicht haben die Körner? Sind alle diese Fragen zur Zufriedenheit des Züchters beantwortet, so werden die Körner sortiert und in 3 Gruppen eingeteilt. Die besten Körner kommen nach Klasse 1, die weniger guten nach Klasse 2 und die schlechten nach Klasse 3. Die Körner der dritten Klasse werden nicht weiter verwendet. Die besten Körner der zweiten Klasse müssen eine Leistungsprüfung bestehen. Sie werden an drei verschiedenen Orten ausgesät. Wenn man alle an demsleben Orte in die Erde bringen würde, könnte es sein, daß der Boden, die Düngung und das Klima der Pflanze besonders zusagten und den Züchter über das Ergebnis täuschen.

Bei drei verschiedenen Orten ist ein Irrtum fast ausgeschlossen. Man findet nun am Ende der Wachstumsperiode einen Durchschnitt, der annehmbar von der Pflanze überall erreicht wird. Auch über die Pflanzen, die die Leistungsprüfung bestehen müssen, wird selbstverständlich Buch geführt. Alles Bemerkenswerte wird aufgeschrieben und mit dem verglichen, was man erreichen wollte. Alle Pflanzen müssen in unserm Falle also kurzhalmig sein. Auch in allen anderen Punkten (Lagersicherheit, Winterfestigkeit und Ertrag) müssen die Prüflinge bestehen. Wenn das nun bei allen Pflanzen der zweiten Klasse der Fall ist, dann darf man annehmen, daß es erst recht bei denen der ersten Klasse so sein wird. Von der Ernte von Klasse 1 wird wieder ausgesät und das Ergebnis als Saatgut abgesetzt.

Wir sehen, daß das Heranzüchten eines wertvollen Saatgutes mit Arbeit und Mühe verbunden ist und lange dauert. Ganz ähnlich wie beim Getreide ist es bei der Zucht von Rübensaatgut. Da die Rübe erst im zweiten Jahre Samen bringt, ist hier die Zeit von der ersten Aussaat bis zur Gewinnung eines befriedigenden Ergebnisses noch länger als beim Getreide. Es ist der Firma Trautzschener Saatgutzüchterei oder, wie sie sich auch nennt der Pflanzenzuchtstätte Kirsche-Pfiffelbach, gelungen, auf dem Gebiete der Rübensamenzucht hervorragendes zu leisten. In ganz Europa steht sie in dieser Hinsicht an erster Stelle.