Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Friesensche Gartendirektion in Rötha

Rötha liegt in keinem romantischen Tale, zeigt auf keine von Burgen gekrönten Berge; und keine Schloßruine, die von vergangenen Zeiten erzählt. Und doch kommen zahlreiche Fremde nach Rötha, vor allem im Frühjahre, wenn alles grünt und blüht. Zwei Anziehungspunkte hat unser Städtchen: die vielen Gärten und die Obstweinschenke. Im Frühjahr lockt der Blütenschnee vieler tausend Bäume, im Sommer der Duft süßer Beeren, im Herbste die Ernte goldener und rotbäckiger Früchte. Seinen Ruf als Gartenstadt hat Rötha noch nicht lange, und es verdankt seine Berühmtheit dem Schloßherrn auf Rötha, dem Freiherrn von Friesen. Er war in den Feldzügen von 1866 und 1870/71 in Böhmen und in Frankreich gewesen und hatte dort den hohen Stand des Obstbaues kennen gelernt. 1871 in die Heimat zurückgekehrt, legte er auf seinen Besitzungen nach und nach Obstplantagen an, die durch fortgesetzte Anpflanzungen ihre heutige Ausdehnung erhielten. In den Plantagen stehen mehr als 12000 Apfelbäume, 4800 Birnbäume, 3800 Kirschbäume, 500 Pflaumenbäume, 1500 Pfirsiche und Aprikosen, 42000 Johannis-, 12000 Stachel- und 18000 Himbersträucher. Fast 20 Hektar weisen Erdbeerkulturen auf.

Es war anfangs sehr schwer, junge Bäume zur Pflanzung zu erhalten. Da legte Herr von Friesen eine Obstbaumschule an, die heute 30 Hektar umfaßt.

1875 gründete er eine Gärtnerlehranstalt, die aber 1888 wieder einging. Neben dieser Schule richtete er Lehrgänge für Straßenwärter und Straßenmeister, sogar für Lehrer ein, damit die Kenntnis des Obstbaues in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet würde. Viele hundert Männer haben hier ihre Ausbildung im Obstbau erhalten.

1882 fügte Herr von Friesen seinem Unternehmen einen Obstverwertungsbetrieb hinzu, wo das Obst zu Obstwein und Fruchtsäften verarbeitet wird. Diese Getränke sind weltbekannt. Gern genießt sie der Besucher Röthas in der Obstweinschenke. Die Weinkelterei wurde 1912 durch Errichtung einer Obst- und Gemüsekonservenfabrik erweitert.

1906 verpachtete der Besitzer die gärtnerischen und Obstverwertungsanlagen an eine von ihm gegründete Gesellschaft, die das Unternehmen unter der Firma „Freiherrlich von Friesensche Gartendirektion G.m.b.H.“ weiterführt.

Das Unternehmen beschäftigt ständig 180 Beamte und Arbeiter. Wenn aber die Zeit der Ernte kommt, finden sich oft nicht genug Hände, um den reichen Segen zu bergen. Aus den Gärten schallt lustiger Kindersang und fröhliches Gelächter fleißiger Beerenpflücker, und am Feierabend verrät die Farbe der Kindermäulchen die Beteiligung an der Ernte.