Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Von bäuerlichen Sitten und Gebräuchen im Jahreslaufe

1. Silvesterabend

Elli, die Magd, saß in der geräumigen Bauernstube und schälte vorsichtig einen Apfel. Nun legte sie ihn weg und hielt die Schale stolz in die Höhe.

„Siehste, Alfred, bei der Bliete hab’ ich angefangt un beim Stiele uffgehiert un hab’ nich emal neigeschnitten.“ „Nu klar“, meinte Alfred der zehnjährige Bauernsohn, der neben ihr auf dem Stuhle kniete. „Wennste nei schnittst, gält’s oo nischt!“

Jetzt warf die Magd die Schale über sich weg in die Stube hinein. Alfred sprang hin. „Was soll denn das nu sei? Ach, e Ka, e Ka! Du heiratst Ka – Ka –, auch Kurte. Ach, Straßburgersch Kurte, mit den de zur Kärmse eja getanzt hast. Soll ich’s 'n sahn, wenn ’e morjen kimmt?“

„Nischt sahst’n! Dadrim hat sich su e kleener Borbs gar nicht zu bekimmern.’

„Ich bin kee Borbs, du!“ Er stellte sich kampfbereit vor sie hin. Sie wollte ihn fassen, und schon hatte sie einige Kratzer auf ihrem Arme. Da erwischte sie ihn an der Hand, die sie festhielt. „Na warte, itze wärn mir dir mal die lang Fängernägel verschneidn, wenn du su kratzt.“

„Elli“, schrillte da die scharfe Stimme der Bäuerin durch den Raum, „legg ma glei de Schäre hen! Itze wern keene Nägel abgeschnitten. Der Junge soll wu ene biese Hand krein?“ Sie kam hin zu den beiden. „Itze in 12 Nächten wern keene Nägel verschnitten. Un keene Haare oo nich, sunst kreiste en biesen Kupp. Un Hemden un Bezzzeig derf mer oo nich waschen itze, sunst werd die ganze Familie krank. Das mußte doch nu balde wissen!“ „Aber der Junge brauch een oo nich eja zu ärgern. Gestern hatt’ ich mir ene kleene Dose Salz geborgt bei Steenmetzens, daß mir’s ganze Jahr Glück in Hause ham, un der hat’s gegessen.“ – „Was soll denn das sei, Junge!“ schalt die Mutter. – „Nu, Mutter, ich dachte erscht, ’s wär Zucker. Das schmeckte aber so solzg. Aber nu hatt’ch emal angefangt, un da hab’ ich das bißchen Zeig uffgefuttert.“

Als die Mutter eine böse Miene machte, fragte der Schlauberger schnell: „Du Mutter, gibt’s heite widder mal Häringssalat, weeste, sulchn fein mit Äppeln?“ – „Häringssalat gibt’s ’n Heiligahmd. Heite is Syslvester. Da gibt’s Neinerlee.“ – „O, Neinerlee! Da könn mir ja spachteln!“ – „Un naherd gib’s Reis und Linsen.“ – „Na, weeste, Mutter, da bin ich satt.“ – „Nee, das muß uffn Tisch heite; erscht Neinerlee, nacherd Reis und Linsen. Sunst ham mir kee GeldÆs ganze Jahr. Un morjn vormittag gibt’s Hirschemus, daß mir reich wern. Un zu Mittje werd su väl gekucht, daß es nicht alle werd. Da ham mir ooch nacherd’s ganze Jahr zu essen. So, nu weeßt ‘es. Jetzt ruffte ’n Vater rei zum Essen.“

Nun wurde aufgetragen, Neunerlei im ganzen, und die Familie setzte sich um den Tisch. „Na, Elli“, rief der Bauer lachend der Magd zu, „haste denn heite widder vun Rooche getreemt?“ – „Nee, hinte nich, dadervon treem ich lieber nich widder.“ – „Is ja dummes Zeig alles“, meinte der Bauer. Die Magd hatte nämlich gehört, daß es Unglück bedeute, wenn man in den zwölf Nächsten von Rauch und Qualm träume. Viel angenehmer wäre es ihr gewesen, wenn ihr ein helles Feuer im Traum erschienen wäre; denn das verkündete ja Glück. So erzählten sie im Dorfe.

Alfred wollte nun wissen, wann die zwölf Nächte vorüber wären. „Hohneujahr is Schluß“, erklärte ihm der Vater. „Hohneujahr? Ach, wo der Christboom immer abgeleert werd“, jubelte Alfred.

„Na, dies Jahr haste ja schon alles rongergenascht, da is nich mehr äl abzuleern“, neckte ihn die Magd. „Nu nee, ganz ohm häng noch de Schukeladenringeln. Die kreit mer bloß’, wenn ma der Boom imfällt. Aber paar Zweige heb ich mir dies Jahr uff, wart nar!“ „Was willst’n dadermit anfang?“ höhnte die Magd. „Du wärscht’s schun merken, wenn se dir zur Fitschegriene uffn Ärmeln rimkrabbln.“ „Alfred“, warf die Mutter ein, „dies Jahr giehste zu Fastnachten nich widder mit uff de Fitschgriene. Du kannst nu nich meh bei de Leite giehnd un Brezeln betteln. Da biste nu ze gruß derzu.“ – „Mutter“, antwortete der Junge, „unser Lehrer hat aber gesaht, ’s wär fein, daß wir noch Fitschgriene feiern. Das heeßtnämlich eejentlich frische Grüne, un das ham die alten Germanen schon gefeiert.“ – „Ach, da ham die wo ooh schon en Bängfadden imgehängt un ham gebettelte Brezeln druffgefädelt?“ neckte die Mutter.

„Nee, meine Mutter, so fein warsch naddierlich bei den noch nich.“ Und er erklärte der Mutter, daß sich gegen Ende des Winters schon die Germanen lustig verkleidet haben, wie es zu unserer Zeit im Februar zu den Maskenbällen noch Sitte ist. Denn die alten Deutschen haßten den Winter mit seinen langen Nächten und freuten sich, daß die Sonne wiederkehrte. Deshalb feierten sie die Zeit mit allerlei Tollheiten und schlugen sich zum Scherz mit grünen Ruten. Auch dieser Brauch hat sich bis in unsere Zeit herübergerettet. „Überhaupt“, schloß er, „was ihr so von Hohneujahr gloobt un von Silvester uns so, das is merschtens noch von alten Germanen, hat unser Lehrer gesaht.“

2. Osterwasser

Elli scheuerte den Hausflur. Alfred lehnte an der Haustür, aß von seiner Honigsemmel und knackte ab und zu kleine Stückchen von einem Schokoladenei ab. Dabei betrachtete er die scheuernde Magd, wie sie auf Händen und Knien lag, sich vorreckte und zurückkroch und sich manchmal aufrichtete wie ein Osterhase, der Männchen macht. Dann freute er sich, wie der Lappen all die schmutzige Tunke aufleckte, daß die roten Steine auf einmal warm und freundlich dem Ostersonntage entgegenlachten. Da kam Frau Schmidt, die Nachbarin, aus der Küche. Sie hatte Milch geholt. Vor Alfred blieb sie stehen und deutete lächelnd auf sein Schokoladenei.

„Ich gloobe gar, bei eich war’s Osterhäschen.“ „Da gibt’s keens“, entgegnete Alfred. „Die Eier versteckt unse Mutter.“ „Aber das is doch bloß was für die kleen Kinder.“ „Nee, die grußen Leite essen oo gerne Schukelade. Un daß de Eier versteckt wern, das is ene ganz alte Sitte. Das ham de alten German schun gemacht.“

„Ach!“ sagte Frau Schmidt. Und dann wies sie auf die Hoigsemmel. „Ihr ekßt ja’s Honigbrotchen schunte vormittje. Das därfste doch erscht zum Vesper essen.“ „Nee, nee“, wandt Elli ein, „de Frau saht, immer’n Griendunerschtag frieh muß mer eens verzehrn. Das heelt, und das reenigt’s Blut.“

„Na, ich gloobe, Osterwasser heelt da besser. Da kannste tutstärmskrank sei. Wenn de da Tee dermit kuchst, der heelt alles.“

„Nu ähm, he“, stimmte die Magd zu und drehte langsam den Scheuerhaden auf. „Da hab’ch schun allerhand gehiert. Wie is’n das nur, wenn muß mer’n das huln?“ Frau Schmidt berichtete gern. Mitten in der Osternacht muß man es schöpfen, in der Geisterstunde, zwischen 12 und 1 Uhr, wenn die Glocken läuten. Und stumm muß man sein unterwegs wie ein Fisch. Kein kleines Wörtchen darf über die Lippen kommen. Dann hält sich das Wasser das ganze Jahr hindurch und hat eine wunderbare Heilkraft. Ob du dich dann leicht in die haut ritztest, oder ob dich dicke Eiterbeulen quälen, es ist ganz gleich. Du wäschst oder begießt die Wunde mit Osterwasser, und sie heilt sofort. Frau Schmidt warnte Elly von neuem, sich nicht erschrecken zu lassen, wenn sie Osterwasser hole; denn es sei schlecht wie gewöhnliches Brunnenwasser, wenn sie nur ein Wort verliere.

Alfred und Elly hatten gespannt zugehört. Der Juge fragte noch einmal, wann man gehen müsse. „Zwischen 12 und 1 Uhr in der Nacht.“ Da blinzelte ihn die Magd mißtrauisch an, und beide dachten sich was.

Frau Schmidt aber verabschiedete sich. Sie wollte schnell noch Rapünzchen holen. Denn die durften heute beim Mittagsmahl nicht fehlen. Gibt es doch an jedem Gründonnerstag Kartoffelsalat, Ostereier und Rapünzchen.

Nun stand das Osterfest dicht bevor. Die Osterglocken riefen ihm durch die Mitternacht ihren Willkommensgruß entgegen. Alfred erwachte, besann sich ein Weilchen und schlüpfte dann schnell in die Kleider. Als er sich leise zur Tür hinausschleichen wollte, fand er sie verschlossen.

Verflixt noch mal! Wer hatte ihm diesen Streich gespielt! Aber es gab ja noch einen anderen Weg hinunter in den Hof. Geschwind kletterte er zum Fenster hinaus und stieg vorsichtig am Weinspalier hinab. Er erschrak, Schritte nahten. Das Tor knarrte. Da warf er sich schnell quer vor die Haustür, denn schon kehrte die Magd zurück mit ihrem Osterwasser. Sie fühlte sich sicher vor Überraschungen. Den Knaben hatte sie ja eingesperrt. Plötzlich stieß sie an etwas Weiches. Da lag ein Mensch! Sie war starr vor Schreck. Sie wollte schreien. Die Töne blieben ihr jedoch in der Kehle stecken. Der Krug entglitt ihrer Hand. Er fiel auf Alfreds Hinterseite, und das schöne Osterwasser floß ihm über Hosen, Strümpfe und Schuhe.

Weil aber keins von beiden ein Wort gesprochen hatte, behielt das Osterwasser seine Heilkraft. Nie mehr fand nun die Mutter einen Dreiangel in Alfreds Hose, er mochte klettern, so hoch er wollte. Nie gab es Löcher in seinen Strümpfen, er mochte auf den Knien kriechen, soviel er Lust hatte. Und niemals waren die Fußspitzen seiner Schuhe durchgestoßen, und wenn er mit den schärfsten Steinen Fußball gespielt hatte. Alles war schon im voraus geheilt durch das Osterwasser, womit ihn die Magd in der Osternacht begossen hatte. Wer das nicht glaubt, bezahlt einen Taler.

3. Gewitter

Krach, krach bum!

Elli und Alfred sahen erschreckt von ihrer Arbeit auf, als so unvermutet der Donner über das Dorf rollte. Elli nahm geschwind Schere und Taschenmesser aus demFensterstock, und die beiden rückten mit ihren Blumen und Blättern und ihren halbfertigen Kränzen vom Fenster weg.

Krach, bum!

Wieder ein Schlag, lauter, dröhnender als der erste. „Ich dachte mir’sch beinah, daß heite noch was käm“, sagte Alfred. „Das sag schun vurdns darnach aus, als ich das Eechenloob hier forn Johanniskranz hulte. Ho, der werd ja gruß dies Jahr! Den muß der Vater nacherd noch äwer de Haustär hängn.“ „Sin de Kränze uffn Guttsacker?“, fragte die Magd. „Ja, ich war nach´m esper hängne. Du, de Leite hattn de Gräber alle fein gemacht!“ „Nuja, wenn morjn Johannistag is. Awer eine Dunkelheet werd itze! Dort, wie das widder blitzt. Es werd doch nich irne eischlahn in Dorfe.“ Alfred verstand schon nicht mehr, was sie sagte. Denn der harte Donner übertönte ihre Worte. Das Gewitter mußte ganz nahe sein. Die Mutter kam ängstlich herbeigeeilt. Elli solle sofort Feuer im Ofen anzünden, damit das Unwetter ihr Haus verschone. Nun folgte Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag. Es war ein Knattern und Dröhnen, als sollte die Welt untergehn.

„Guckt nar, wie de Frau Stretzeln ’n Feldweg reirennt!“ rief Alfred und lachte laut auf. „Ach Junge, lach nich itze!“ bat ihn die Mutter. Auf einmal war die Stube voll grellen Feuers. Die Frauen schrien laut auf. Dann ein ungeheures Krachen, ein Knacken, Fauchen und Poltern - und dann Stille.

Die hohe Pappel vor dem Hause war vom Blitzstrahl getroffen worden. Die Äste hingen ihr wie Fetzen am Leibe. Zu ihren Füßen lag bewegungslos Frau Stretzel.

Die Leute in der Stube bemerkten noch, halbgelähnt vor Schreck, wie der Vater die Frau aufhob und ins Haus trug. Als sie dann bestürzt am Lager der Bewegungslosen standen, sahen sie, wie sie die Augen aufschlug. Da wich die Beklemmung von allen. Die Bäuerin dachte daran, was der Volksglaube sagt: Wenn ein Mensch vom Blitzstrahl betäubt wird, erreicht er ein hohes Alter. Das teilte sie der unglücklichen Frau tröstend mit.

Am Abend aber holte sie einen langen Splitter des zerschmetterten Baumes herein und steckte ihn unter einen Dachsparren. Dann stieg sie beruhigt die Bodentreppe wieder hinab. Jetzt war ihr Haus vor Blitzschlag gesichert!