Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Ernte in der Bornaer und Altenburger Gegend

Prof. Mogk sagt in der Sächsischen Volkskunde: „In Sitten und Gebäuchen unseres Volkes spiegelt sich sein ganzes Sinnen und Trachten, seine Dankbarkeit gegen Gott und Mitmenschen, seine Freude, sein Glauben, sein Hoffen. Diese Sitten und Gebräuche sind nicht von heute und gestern, sie haben sich zum Teil seit grauer Vorzeit von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt, sie sind dem Kinde das Erbteil der Vater, dem Mann eine heilige Pflicht gegen die Vorfahren...“

Er hat recht, was sich besonders bei der Betrachtung der Erntebräuche zeigt.

1. Das Scheunebauen

Im Borna-Altenburger Kreise sind noch heute vereinzelt abgeerntete Roggenfelder zu sehen, die „eine Scheune“ zeigen. Die Schnitter lassen in einer Ecke in einem Quadrat von etwa 60 cm Seitenlänge die Halme stehen, binden diese oben zusammen und stopfen das so entstandene Dach mit Gras und Stoppeln aus. Schon am frühen Morgen hat die Bäuerin aus ihrem Hausgärtchen bunte Sommerblumen zum Strauß geholt. Diesen binden dann die Schnitterinnen oben auf „die Scheune“. Wie die noch lebenden Alten erzählen, baute man früher eine solche Scheune auf jedes Getreidefeld, ganz gleich mit welcher Frucht es bebaut war; heute übt man diesen Brauch nur noch hier und da beim letzten Stück Roggen, das gemäht wird.

Welcher Sinn mag dieser Sitte zugrunde liegen? Alte Bauern beantworten die Frage kurz dahin: "Die Scheune auf dem Felde bringt uns im nächsten Jahre wieder eine reiche Ernte." Sicher sagt diese Deutung nicht den ursprünglichen Sinn des Brauches. Es steht fest, daß er sehr alt ist. Manche Volkskundler glauben in dem Stehenlassen der letzten Ähren eine altgermanische religiöse Sitte zu sehen: Der Bauer wollt den Göttern ein Opfer bringen.

2. Der Erntekranz

In früheren Zeiten verlief die Erntearbeit ruhiger. Oft hörte man aus dem Munde alter Landwirte die Redensart: „Nehmt euch Zeit! Es ist noch in keinem Jahre etwas auf dem Felde geblieben.“ Hasten und jagen war den Leuten fremd. Die Schnitter und Schnitterinnen fanden noch vor wenig Jahren Zeit, ihre Sensen und Rechen mit Blumensträußen zu schmücken, bevor sie zum ersten Schnitt hinaus aufs Feld zogen. Und nun der Erntekranz! Er war und ist noch heute eine Angelegenheit aller, die bei der Einbringung der Erntegeholfen haben. Aus Ähren wurde er gebunden und mit Bändern geschmückt. Die bunten Bänder sind freilich verschwunden. Geschäftstüchtige Buchbinder machen sich die Hast der Zeit zu nutze und stellen in Massen riesige Papierschleifen her, die mit gepreßten Spitzen verziert und mit Liedern, die den Dank gegen Gott ausdrücken sollen, bedruckt sind. Am Erntefestmorgen überreicht, wie schon früher, das Gesinde dem Gutsbesitzer den Erntekranz. Die Leute bekommen ihr Erntegeschenk, und der Kranz wird in dem Hausflur aufgehängt, wo er ein Jahr lang seinen Platz behält.

Welcher Sinn birgt sich dahinter? "Der Bauer will Gott für die Ernte danken." Die Sprüche auf den Schleifen könnten diese Ansicht bestätigen. Jedoch der wahre Sachverhalt ist ganz anders. Die Menschen alter Zeiten fühlten deutlich ihre Ohnmacht den Naturgewalten gegenüber und suchten sich daher zu schützen. So war also der Erntekranz im Hause ein Schutzmittel gegen Feuer und Krankheit.

Kommt im nächsten Jahre das erste Fuder Getreide in die Scheune, so holt ein Knecht den alten Erntekranz aus dem Wohnhaus herüber und legt ihn unten in die Banse. Und nun werden die Garben daraufgeschichtet. Immer wieder hört man im Hofe die Frage: „Habt ihr den Erntekranz mit eingebanst?“ Erkundigt man sich, warum diesem Umstande so großer Wert beigelegt wird, so erhält man überall dieselbe Antwort: „Damit sich nicht so viele Mäuse in der Scheune aufhalten und die Körner zernagen.“

3. Das Anbinden

Erntezeit ist durstige Zeit. Viele Landleute schicken darum ein Faß Erntebier mit aufs Feld. Aber der Durst scheint unstillbar zu sein. Zahlreiche Sitten und Bräuche beweisen das. Häufig geschieht es, daß ein Fremder auf das Feld kommt, um mit dem Besitzer zu sprechen. Kaum hat er den Acker betreten, so geht eine Magd auf ihn zu und bindet ihm mit ihren sonnengebräunten Händen ein Band aus Stroh um den Arm, dabei das Verschen sagend:

„Ich binde Sie an in Ehren,
Sie werden mir’s doch nicht wehren,
nicht zu locker und nicht zu feste:
Ich wünsche Ihnen das Allerbeste.“

Der Stadtherr weiß natürlich nicht, wie ihm geschieht; befragt er sich beim Hofherren, so muß er erfahren, daß er eine Runde Bier an alle Ernteleute zu geben hat und mit einem Taler „alles gemacht“ ist.

Häufig kommt es vor, daß wegen Platzmangels in den Scheunen eine Stroh- oder Getreidefeime auf dem Felde errichtet wird. Mit allerlei Listen werden nun Vorübergehende aufgefordert, mittels einer Leiter einmal auf die Feime hinaufzusteigen. Oben angekommen, erhält der Ahnungslose ein Strohband an den Arm, der angeführte Vers fehlt dabei natürlich nicht, und nun heißt es nur noch: Bezahlen! Dasselbe Los teilen alle, die beim Einfahren des Getreides unbefugt die Bansen betreten.

Noch in anderer Form suchen sich die Erntearbeiter einige Runden Bier zu sichern, die dann am Erntefest getrunken werden. Beim Aufladen des Getreides unterscheidet man die Lader und die Langer. Diese reichen mit Gabeln die Garben auf den Wagen, jene legen die Garben auf den rechten Platz. Häufig kommt es vor, daß sich die Gabel fest versicht; schnell sucht sie nun der Lader dem Langer aus den Händen zu ziehen. Gelingt der Scherz, so muß der Langer sein Ungeschick am Erntefest mit einer Runde Bier büßen. Auch die Kutscher müssen sich in acht nehmen. Im Niederlande wird bekanntlich das volle Fuder nicht durch einen Ernte- oder Ladebaum zusammengehalten. Wie leicht kann da eine Garbe heruntergleiten! Wie oft kann bei schiefer Ladung der Wagen auf dem Wege zur Scheune umkippen! Der unglückliche Fahrer zeigt dann ein verdutztes Gesicht. Für jede verlorene Garbe hat er nämlich beim Erntefest ein Glas und für jedes umgeworfene Fuder eine Runde Bier zu zahlen.

4. Der Banselhahn

Ja, es fehlt während der schweren Erntearbeit nicht an allerlei Kurzweil. Vor allem dienen die „Stadtleute“ dem Gesinde als Zielscheibe des Spottes. Es ist ja bekannt, daß bei Schlachtfesten so mancher Fremde fortgeschickt wird, um das „Wurstmaß“ zu holen, daß er ferner beim Töten eines Borstentieres das Schwänzchen halten muß. Schaut nun ein Feriengast vom Scheunentor aus den Männern und Frauen beim Abladen des Getreides zu so ertönt gewiß nach einiger Zeit von oben der Ruf: „He, Sie, gehen Sie doch schnell mal ’nüber zum Herrn; wir brauchen jetzt den Banselhahn!“ – „Was?“ – „Den Banselhahn!“ – Eiligst macht sich der Ahnungslose auf den Weg zum Wohnhause, muß dort aber erkennen, daß er gefoppt worden ist, und – läßt sich nicht wieder in der Scheune sehen. In der Borna-Altenburger Gegend begegnet uns neben dem „Banselhahn“ auch der „Banselhalm“.

5. Den halben Abend mit Einbinden

Noch einen anderen Scherz können wir bei der Ernte beobachten. Wird die letzte Garbe mit dem Strohseil zusammengebunden, so hört man die Rufe: „Binde den halben Abend mit hinein!“ oder „Binde ’den Vesper mit hinein!“ Wer das Tun und Treiben der bäuerlichen Landbevölkerung nicht kennt, weiß mit diesen Worten nichts anzufangen. Und doch verbirgt sich ein Sinn dahinter. Wenn nämlich die Ernte vorüber ist, so wird bei den Bauern das Mittagsmahl später eingenommen und beim Eintritt der Dunkelheit Feierabend gemacht. So kommt es, daß die Arbeitszeit am Nachmittag kurz ist und daher das Vespern wegfällt. Die Erinnerung an die üppige Erntezeit, da man bei Schwarzbrot, Wurst und Bier auf dem Felde eine bekömmliche Nachmittagsrast hielt, entlockt den Arbeitern die angeführten Reden.

6. Der vergessene Ernteschmaus

Noch vor 50 Jahren wurde in den meisten Orten mit einem Rittergute der Ernteschmaus gefeiert, der den Abend des letzten Erntetages ausfüllte. Alte Leute erzählen heute noch gern von diesem echten Volksfeste. Die Rittergüter beschäftigten damals in der Ernte viele Leute; es gab ja die modernen Maschinen noch nicht. War nun das letzte Fuder Getreide glücklich eingebracht, so versammelten sich alle Arbeiter und Arbeiterinnen im Sonntagsstaat vorm Gute und zogen mit Musik hinein in den „Hof“. Dort brachte man dem Gutsherrn oder dem Pächter oder beiden ein Ständchen, und der Vogt oder ein redegewandter Arbeiter hielt eine Ansprache. Der Hofherr dankte für die treue Mitarbeit und führte sine Leute in die Scheune, wo reichgedeckte Tafeln ihrer harrten. Das schönste Vergnügen brachte aber immer der Tanz. Im Hofe und auch in der Scheunentenne waren trockene Fichtennadeln ausgestreut worden, damit die derben Schuhe besser „rutschten“. Der Gutsherr tanzte nach der Sitte mit allen seinen Arbeiterinnen. Man vergnügte sich bis zum Morgen und ging dann wohl mancher mit schwerem Kopfe, hinaus auf die Wiese zur Grummetmad.

Der Ernteschmaus lebt nur noch in der Erinnerung der alten Leute fort; und die übrigen schönen Erntebräuche werden auch über kurz oder lang vergessen sein. Sie haben sich heute meist nur noch dort erhalten, wo der Bauer mit seiner Familie allein die Scholle bestellt oder nur ortsansässige Tagelöhner beschäftigt. Bei fremden Arbeitskräften läßt er die alten Sitten fallen, um nicht als abergläubisch oder rückständig zu erscheinen.