Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Befreiung des Bauernstandes

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wollte sich der Bauer, von Verzweiflung erfaßt, selbst befreien, ein Vorhaben, das durchaus verständlich erscheint. Die Ernten der Jahre 1789 und 1790 waren ungünstig ausgefallen, schon die Saaten hatten infolge des zahlreichen Wildes schwer zu leiden gehabt; der Sommer von 1790 hatte so große Trockenheit gebracht, daß die verdorrten Wiesen nur geringe Erträge ergaben, und trotzdem sollte der Landmann, genau wie in besseren Jahren, zinsen und fronen. Da kam er in seiner Not auf Gedanken der Selbsthilfe. Die Scheu vor Gewalttätigkeiten besiegte er mit Scheingründen. Er meinte, Kurfürst Friedrich August, dessen Milde bekannt war, wisse nichts von seinem Elend; auch nahm er an, vom Militär, das aus Landeskindern bestand, die meist selber Bauern gewesen, nichts befürchten zu müssen. Weiter las er die Bauernzeitung eifrig, die Nachrichten über die Umwälzung in Frankreich verbreitete, und endlich hörte er auch auf Leute, die das schwelende Feuer geflissentlich schürten.

Im August 1790 – die Getreideernte war noch nicht überall beendet - loderten die Flammen des Aufruhrs hoch empor. Die Bauern von Peschwitz und Schleinitz waren wegen großer Härte ihrer Herrschaft derartig aufgebracht, daß sie sich weigerten, Hand- und Spanndienste zu leisten, und die Bauern von Churschütz, Poititz und Krepta verjagten die Rittergutsschäfer samt seiner Herde von ihren Fluren. Die Umgebung schloß sich dem Vorgehen an, und in kurzer Zeit geriet das weite Gebiet zwischen Lommatzsch, Riesa, Großenhain, Meißen, Wilsdruff, Nossen, Roßwein, Döbeln, Mügeln und Dahlen in hellen Brand. Wer sich der Bewegung fernhalten wollte, wurde durch Drohungen zum Anschluß gezwungen.

Auch in den Ämtern Rochlitz und Borna erhoben sich die Landleute gegen ihre Herren. Hatten sie sich erst meist nur gegen das Recht der Schafhutung aufgelehnt, so sagten sie sich bald von allen Dienstpflichten los. Zuweilen geschah es in höflicher Form: „Wir hören, daß sich die Bauern an vielen Orten von ihren herrschaftlichen Diensten frei machen; der gnädige Herr wird es uns deshalb nicht verargen, wenn auch wir nicht mehr zu Hofe kommen; denn was dem einen recht ist, das ist dem andern billig.“ Meist aber erfolgte die Ankündigung unter Lärm und Geschrei. In manchen Dörfern wurde die Herrschaft durch Drohreden und Mißhandlungen veranlaßt, die Aufhebung der Fronen schriftlich zu bestätigen.

Die Gutsherren oder ihre Beamten, die in vielen Fällen von dem Ausbruch der Unruhen überrascht waren, sahen mit Bestürzung das Treiben ihrer Eingesessenen. Anfangs wandten sie, natürlich erfolglos, Zwangsmittel an: Geldstrafen blieben unbezahlt, und Häftlinge wurden befreit. Mancher adelige Herr verließ heimlich seinen Hof.

Die Regierung in Dresden nahm den Aufruhr zunächst nicht ernst; erst als sie feststellen mußte, daß die Erregung wuchs, griff sie scharf zu. Militär wurde eingesetzt, und eine besondere Abordnung unter Führung des Vizekanzlers von Burgsdorf ging ins Aufstandsgebiet ab. Jede Gemeinde wurde herbeigerufen oder durch Reiter geholt. Darauf machte man die Leute auf das Unrecht ihres Vorgehens aufmerksam, las ihnen die landesherrliche Verordnung vor, die den Ruhestörern harte Strafen androhte, nahm ihnen die vom Rittergutsherrn erzwungene Bescheinigung des Erlasses von Dienstleistungen ab und verpflichtete sie durch Handschlag, sich fernerhin als getreue Untertanen zu zeigen. Die Führer aber wurden mitgenommen.

Die bei aller Festigkeit doch milde und menschfreundliche Art des Vizekanzlers im Verkehr mit den Bauern, die Nähe des Militärs und der Einfluß der jetzt wieder an Ansehen gewinnenden besonnenen Elemente unter den Dorfgenossen bewirkten, daß sich die Wogen der Empörung allenthalben schnell glätteten. Am 5. September schon konnte die Abordnung dem Landesherrn melden, daß die Ordnung überall wieder hergestellt sei. Gegen 200 Personen freilich büßten ihre Unbesonnenheit mit Gefängnisstrafen, wurden aber schon im nächsten Jahre begnadigt.

Diejenigen Bauern, die sich trotz mannigfacher Mißhandlung nicht am Aufstande beteiligt hatten, erhielten goldene Denkmünzen im Werte von 12 Dukaten und außerdem Geldbelohnungen in Höhe von 40–60 Talern, wie die Richter Weiseke in Frauendorf und Beyer in Oberfrankenhain. Andere wurden mit einem Betrage von 20–40 Talern belohnt.

So war der Versuch, durch Selbsthilfe das harte Geschick zu wenden, kläglich gescheitert. Wohl wurden nun die Kreis- und die Amtshauptleute aufgefordert, dahin zu wirken, daß durch gütliche Vereinbarung die Hut- und Tristgerechtigkeit soviel wie möglich aufgehoben werde, und die Gerichtsverwalter erhielten Anweisung, Vorschläge über Befreiung von Diensten und Lasten einzureichen. Im großen und ganzen aber blieb noch vier Jahrzehnte lang alles beim alten, da der Kurfürst in seiner Gerechtigkeitsliebe nicht wollte, daß bestehende Rechte verkürzt würden.

Die Stunde der Befreiung schlug im Jahre 1832, und mehrere Ursachen waren es, die den Umschwung der Verhältnisse herbeiführten. Natürlich haben die Bauern zunächst selbst daraufzu gearbeitet. Soviel sie konnten suchten sie sich der drückenden Fesseln zu entledigen. Ihre Naturalleistung en waren mangelhaft und nur bei schärfster Beaufsichtigung vollständig. Für den Gutsherrn war das geringwertigste Getreide und das dürftigste Vieh („Mager wie ein Zinshuhn“) immer noch gut genug. Die Fronarbeiten wurden unwillig und langsam verrichtet, und das Zugvieh schonte man auf alle Weise. Das Zwangsgesinde zeigte sich träge und aufsässig, und die Klagen über Widerspenstigkeit der Knechte und Mägde wollten nie verstimmen. Arbeiten, die, weil früher nicht üblich, im Erbregister nicht besonders verzeichnet waren, wie solche auf Klee, Rüben- und Kartoffelfeldern, wurden verweigert, wenn die Herrschaft nicht besonderen Lohn dafür zusagte.

Aber auch die Gutsherren selbst wünschten eine Änderung der bestehenden Zustände, wozu die Unzuträglichkeiten und die nie endenden Prozesse mit den Hintersassen, der Ärger über das Gesinde und Erkenntnis vom wahren Werte der bäuerlichen Dienstleistungen wesentlich beitrugen. Mancher Rittergutsbesitzer hatte daher schon von selbst die bisherigen Naturalabgaben seiner Bauern in Geldgefälle umgewandelt und sich wohl dabei befunden.

Das Hauptverdienst um die Befreiung des Bauernstandes gebührt jedoch der Landesregierung, die die Unhaltbarkeit der Verhältnisse klar erkannte. In der Tat war es nicht zu rechtfertigen, wenn die Gemengelage den Landmann zwang, bei der Feldarbeit unnötig weite Wege zu machen, eine Menge überflüssiger Grenzsteine zu setzen und zahlreiche Feldraine liegen zu lassen; wenn der Flurzwang jeden Fortschritt in der Landwirtschaft verhinderte; wenn die Triftgerechtigkeit die rechtzeitige Bestellung der Felder und die Vermehrung des Ackerbodens verbot; wenn die lästige Kontrolle zur Erntezeit (wegen Festsetzung des Zehnten an die Kirche) die Arbeit aufhielt und das reife Getreide der Gefahr ungünstiger Witterung aussetzte; wenn endlich der Grundherr sein Erbrecht (Besthaupt) beim Tode eines Bauern geltend machte, wo bei den Hinterbliebenen infolge des Abganges des Familienhauptes schon ohnehin Not genug herrschte.

Im Jahre 1824 beantragte die Ritterschaft im Landtage die Aufstellung bestimmter Grundsätze bei freiwilliger Ablösung bäuerlicher Dienste und Fronen, worauf der Landesherr einige hohe Beamte mit der Bearbeitung eines Gesetzes über die Gemeinheitsteilungen und Ablösungen beauftragte. Das Ergebnis dieser Arbeit wurde dem Geheimen Rate vorgelegt, der auch über die Schaffung einer Ablösungsbank beriet. Der Landtag von 1830/31 erklärte sich mit allen Vorschlägen einverstanden, und am 17. März 1832 wurden die beiden neuen Gesetze veröffentlicht, die nun Rechtskraft erlangt hatten, das eine über Ablösungen und Gemeinheitsteilungen, das andere über Errichtung der Landrentenbank. Wie die Einleitung dazu selbst sagte, beruhten die neuen Bestimmungen auf zwei Grundsätzen: 1. Erworbene Rechte dürfen nicht ohne Entschädigung wegfallen, 2. Rücksichten der Billigkeit verlangen aber, daß den Verpflichteten nicht unerschwingliche Entschädigungen angesonnen werden.

Die Neuordnung der Dinge war für die gesamte Landwirtschaft von außerordentlich wohltätigen Folgen begleitet. Alle Dienste und Fronen, alle Naturalleistungen und Dienstbarkeiten sollten durch Geldentschädigungen an die Berechtigten abgelöst werden können, und der Gesindezwangsdienst sollte in spätestens vier Jahren beseitigt sein. Flurzwang und Triftgerechtigkeit fielen, und Grundstücke durften zusammengelegt werden. Ein bedeutender Fortschritt!

Wollte sich der Bauer nun von allen seinen Verpflichtungen gegen den Grundherrn befreien, so brauchte er Geld. Es waren aber die wenigsten in der glücklichen Lage, so viel zu besitzen, wie nötig war. Da schlug sich die Landrentenbank ins Mittel. Sie beschaffte die Kapitalien, die die Rittergüter brauchten, um ohne Schaden aus der Grundentlastung hervorzugehen und ihren gesamten Wirtschaftsbetrieb umzugestalten, Zugvieh und Inventar anschaffen, Gesinde mieten, Stallungen und Scheunen bauen zu können. Die Bank gab aber weniger Geld, als vielmehr Wertpapiere, Landrentenbriefe genannt, deren Verzinsung der Staat gewährleistete. Es stand dem Empfänger frei, entweder die Zinsen (zu 3 1/8 %) zu erheben oder die Papiere zur Beschaffung von Kapitalien zu veräußern.

Der Bauer, der die Vermittelung der Landrentenbank beanspruchte, zahlte an sie die Zinsen des Kapitals (zu 4 %), das er brauchte, unter dem Namen von Landrenten. Der Unterschied von 2/8 % diente zur Tilgung des Kapitals. Ein Beispiel möge die Sache erläutern: Die mit der Ausführung der Ablösungsgeschäfte beauftragte staatliche Sonderabordnung hatte festgestellt, daß Bauer A dem Gutsherrn B ein Kapital von 3000 Mark zu zahlen habe. Da er diese Summe nicht beschaffen kann, borgt er sie von der Landrentenbank, die sie dem Gutsherrn B in Gestalt von Rentenbriefen übergibt. A zahlt dafür an die Bank jährlich 120 Mark Zinsen (Renten); 2/8 %, also 20 Mark, hat er zuviel entrichtet. Um diesen Betrag verringert sich im nächsten Jahre seine Kapitalschuld, die bei fortgesetzter Zahlung natürlich jedes Jahr (in steigendem Maße!) abnimmt, bis nach 55 Jahren vollständige Tilgung eingetreten ist. Bis zu diesem Zeitpunkte waren die Landrenten durch Eintragung in die Gerichtsbücher für die Bank sichergestellt.

Am 1. Januar 1834, am gleichen Tage mit dem preußisch-deutschen Zollverein, trat die Landrentenbank in Wirksamkeit; insgesamt wurden ihr 454716 Renten mit einem Jahresbetrage von 3 427 538 Mark, der einem Kapitalwerte von 85 688 465 Mark entspricht, überwiesen. Die Berechtigten erhielten 91 558 Stück Landrentenbriefe im Werte von 83 585 925 Mark, den Rest von 2 102 540 Mark in bar.

Sachsen war einer der ersten deutschen Staaten, wo die Befreiung des Bauernstandes in die Wege geleitet wurde. Eine Landrentenbank gab es nur hier. Sie wurde allenthalben zum Muster genommen, als auch die übrigen deutschen Länder an die Lösung der Grundentlastungsfrage gingen.

Das Gesetz von 1832 bedeutete für Sachsen nichts mehr und nichts weniger als die Lösung der sozialen Frage. Sie war glänzend gelungen. Niemand war geschädigt worden, und alle Beteiligten waren zufrieden. Alsbald zeigten sich die segensreichen Folgen im ganzen Lande. Die Landwirtschaft, von allen Fesseln befreit, gelangte zu großer Blüte. In Dankbarkeit gedachte der Landmann lange Zeit der Staatsregierung, die so Großes geleistet hatte.