Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Vom Bauernkrieg in den Ämtern Borna und Altenburg

An einem Frühlingstage des Jahres 1525 herrschte auf den Landstraßen im Bornaer und Altenburger Kreise reges Leben. Unzählige Bauern, mit einem groben Leinwandkittel angetan und dem derben Knotenstock in der schwieligen Hand, wanderten dem stillen Dörfchen Altmörbitz zu. Sie waren dahin von ihren Führern gerufen worden. Das Wirtshaus konnte nicht alle fassen; so standen sie im Freien, einzeln oder in Gruppen, mit sorgenvollen Gesichtern.

Einer der Führer versammelte seine Gefährten um sich und rief mit lauter Stimme:

„Hört mich an! Ihr wißt, in welche Not wir gekommen sind! Wir haben kaum noch das trockene Brot für uns und unsere Kinder! Ihr wißt, daß uns die Rittergutsherren die gemeinen Marken wegnehmen wollen! Ich frage Euch: Womit sollen wir dann noch unser Vieh füttern, wenn die Herren diesen Schlag gegen uns geführt haben? Ihr wißt, wie uns die Junker immer mehr bedrücken mit Fronen, Zinsen und harten Strafen! Wie lange wollen wir das noch leiden? Unsere Brüder drüben im Schwabenland haben schon im vergangenen Jahre das schwere Joch abgeschüttelt! Bewaffnet ziehen sie umher und sind bereit, sich mit ihrem Blute die Freiheit zu erkaufen. Sie verlangen nichts, was nicht recht und billig wäre. In 16 Artikeln haben sie ihre Forderungen zusammengefaßt. Ein Bote aus Thüringen brachte mir heimlich eine Abschrift. Hört, wie sich die Bauern Schwabens für die Zukunft ihr Leben denken: Sie wollen den Herren nicht mehr hegen und jagen; Wasser und Vögel sollen frei sein. Sie wollen ihre Hunde frei laufen lassen, Büchse und Armbrust tragen dürfen. Jäger und Forstmeister sollen keine Gewalt über sie haben. Sie wollen den Herren keinen Mist fahren; auch mähen, schneiden, hauen, heuen, Getreide und Holz fahren für ihre Herren wollen sie nicht mehr. Keiner, der verbürgen kann, daß er sich zum Gericht stellen will, soll mehr getürmt oder geblockt werden dürfen. Man soll künftig weder Steuer, Schatzung noch Umgeld fordern dürfen, es wäre denn zu Recht erkannt. Der Bauer soll kein Baukorn mehr geben, auch nicht mehr zu Fron zum Acker gehen. Keiner, weder Weib noch Mann, soll mehr gestraft werden, wenn er ohne herrschaftliche Erlaubnis geheiratet hat. Wenn einer einen Selbstmord begangen, so soll der Herr sein Gut nicht nehmen. Der Herr soll überhaupt keinen beerben, solange noch Verwandte da sind. Wer Wein in seinem Hause hat, soll ihn ungestraft an jedermann ausschenken dürfen. Wenn ein Vogt einen Bauer wegen Frevels belangt, soll er ihn ohne gute Zeugen nicht strafen dürfen ...Ihr habt die Forderungen unserer Brüder aus Schwaben gehört! Wir befinden uns in gleicher Not! Das Maß ist voll! Nun sagt, was wir tun wollen! Wer einen Rat weiß, der mag reden!“

Da trat ein junger Bauer in den Kreis. Sein narbenbedecktes Gesicht ließ vermuten, daß er als Landsknecht durch die Welt gezogen war und auf blutiger Walstatt seinen Mann gestanden hatte. Er rief: „Eines Rates bedürfen wir nicht! Unsere Brüder in Schwaben haben uns den Weg gezeigt, den auch wir gehen müssen. Bewaffnet Euch! Eure Sensen und Dreschflegel reichen aus, den Junkern an den Leib zu fahren! An Feuerstein und Schwamm wird es auch nicht fehlen, ihre Schlösser niederzubrennen!“

Der kühne Sprecher blickte sich um im Kreise, allein der erwartete Beifall blieb aus. Kurze Zeit herrschte Schweigen. Ein Landmann in weißem Haare, den Alter und harte Fronarbeit gebeugt hatten, begann dann zu reden: „Der Rat will mir nicht gefallen. Noch sind wir, Gott sei dank!, keine Räuber und Mordbrenner! Ehe wir zur Gewalt schreiten und damit Not und Elend über unsere Frauen und Kinder bringen, wollen wir friedlich mit den Herren verhandeln. In einer Beschwerdeschrift, die wir alle unterzeichnen, führen wir Klage über die harten Fronen und Zinsen und Gefälle und fordern Abhilfe. Bequemen sich die Herren nicht zur Erfüllung unserer Wünsche, so will auch ich lieber im Kampfe untergehen, als mich fernerhin für die Ritter plagen!“ „Er hat recht, sein Rat ist gut!“ rief es von allen Seiten. Schnell wurde ein Tisch herbeigebracht und die Schrift aufgesetzt. Dann traten die Bauern heran, einer nach dem andern, und setzten in ungelenken Zügen ihre Namen darunter. Einige waren des Schreibens unkundig, sie unterzeichneten mit drei Kreuzen. Still, wie sie gekommen, gingen die ernsten Männer wieder heim. Ihre Führer vervielfältigten die Beschwerdeschrift, und in kurzer Zeit hielt jeder der Herren das Schreiben in der Hand

Eine unheimliche Ruhe herrschte nach der Zusammenkunft in Altmörbitz. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Die Frage: Was werden die Junker auf unsere Klage erwidern? beschäftigte alle Bauern. Ihre Führer ließen indessen die Zeit nicht ungenützt verstreichen. Sie sandten Boten nach Altenburg, wo gerade Markttag war, um dort unauffällig die Beschwerdeschrift an vorübergehende Leidensgenossen zu verteilen. Dadurch suchten sie ihren Anhang zu vergrößern.

Es vergingen einige Wochen, aber die Antwort der Junker blieb aus. Da entfachten die Führer den Zorn der Bauern von neuem. Sie kamen wieder zusammen, schlossen ein Bündnis, dem im Amte Borna allein 44 Dörfer beitraten und erklärten: Nun erkämpfen wir uns unser Recht mit Gewalt! Die erbitterten Männer wahrten zunächst die Ordnung und trugen keine Waffen bei sich; nur mit derben Knotenstöcken waren sie versehen. So zog die Schar nach Borna und lagerte sich vor der Stadt. Eine Abordnung ging hinein, um mit dem Geleitsmann Michael von der Straßen zu verhandeln. Die Bauern schilderten ihm, wie sie durch die harte Behandlung der Junker in große Not gekommen seien, und baten ihn, durch Einwirkung auf die Herren ihr Los erträglich zu gestalten. Der Amtmann erklärte, er habe kein Recht und auch nicht die Macht, in dieser Angelegenheit etwas zu tun, so gern er helfen würde

Durch die Abweisung noch mehr in Erregung gebracht zogen die Aufrührer nach Frohburg. Bald fehlte es ihnen an den nötigsten Lebensmitteln, so daß sie in der Umgebung der Stadt plünderten. Nach und nach rüsteten sie sich mit allerlei Geräten und Waffen aus: Sensen, Dreschflegel, Gabeln, Morgensterne, Armbrüste und vereinzelte Feuerrohre waren zu sehen. Natürlich gab es unter den Bauern Leute, die aus reiner Zerstörungswut Verwüstungen anrichteten, namentlich bei den wenigen Pfarrern, die noch zur katholischen Lehre hielten. So geschah es in Nenkersdorf, daß die Aufrührer den Pfarrer beraubten. Sie hatten ihm freilich nur wenig genommen, wie sich bei dem späteren Verhör herausstellte: seine Barschaft, bestehend in 15 Pfennigen, die Kleider und sonstige Habe. Die Bauern verteilten allen Raub unter sich und tranken im Keller noch „ein viertel Bier“ aus. Immer mehr lockerten sich Zucht und Ordnung, und schließlich zogen sie, einer gewaltigen Räuberbande vergleichbar, nach Penig weiter. Rauchende Brandstätten bezeichneten ihren Weg.

Unterdessen waren die Gutsherren nicht untätig gewesen. In aller Stille hatten sie die Bewegung verfolgt und schnell erkundet, wer die Führer waren. Diese wurden heimlich aufgehoben und unter starker Bedeckung nach Altenburg gebracht. Das war ein schwerer Schlag für die Bauern, und ratlos lagerten sie in und um Penig. Kaum hatten sie sich vom ersten Schrecken erholt, als ein Bote mit noch schlimmerer Kunde eintraf: „Die Heere unserer Brüder aus Schwaben, Franken und Thüringen sind am 15. Mai bei Frankenhausen vernichtet worden; 5000 erschlagene Bauern bedeckten das Schlachtfeld; 300 wehrhafte Männer wurden in der Stadt geköpft, Münzer und Pfeiffer, die Führer, furchtbar gefoltert und hingerichtet! Der Kurfürst von Sachsen kehrt mit seinen Söldnern heim; sie werden in kurzer Zeit durch das Amt Borna marschieren.“ Auf diesen Bericht hin verzagten selbst die mutigsten unter den Aufrührern. Es wurde still im Lager. Da stand ein Mann auf, blinzelte seinen Leidensgenossen zu und rief: „Hört mich an! Wie Ihr eben erfahren habt, ist der gewaltige Haufen unserer Gefährten erschlagen und vernichtet! Worauf wollen wir noch warten? Seht um Euch! Die Saat reift auf den Feldern heran und wartet unser. Es ist das beste, wir gehen an die Arbeit.“ Da zerstreuten sich die Bauern und schlichen heim.

Noch einmal, am 12. Juli 1525, mußten sie fühlen, wie hoffnungslos ihre Lage war. An diesem Tage bewegte sich in Altenburg unter den dumpfen Klängen des Armensünderglöckleins ein langer Zug Menschen zum Marktplatze. Die gefangenen Führer Martin Schuster aus Deutzen, Hans Krebs aus Trages, Siegmund Kretzschmar aus Mölbis und Hans Hartung aus Langenleuba wurden zur Richtstätte geführt, begleitet von bewaffneten Stadtknechten von Geistlichen und dem Henker.

Bald rollten die Häupter dieser Männer, die den Bauernstand von unerträglicher Knechtschaft befreien wollten, in den Sand.