Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Der Niedergang des Bauernstandes

Wohl ein Jahrhundert hindurch ging es den Siedlern und ihren Nachkommen in der neuen Heimat gut, dann aber wendete sich das Blatt. Im 13. und 14. Jahrhundert, als im Reiche die rohe Gewalt herrschte, setzte der Niedergang ein. Zwar griff im Lande der Wettiner die öffentliche Unsicherheit, da die Fürsten auf Ruhe und Ordnung hielten, nicht gar weit um sich; aber es gab doch auch hier Schnapphähne und Strauchdiebe, sogar in der Bornaer Pflege. So geschah es, daß im Jahre 1382 das Vorwerk Ottenhain, damals dem Geithainer Ratsherrn Nikolaus Rappold gehörig, von dem Ritter Heinrich von Etzoldtshain (Zwischen Groitzsch und Zeitz gelegen) überfallen, ausgeplündert und verbrannt wurde. Richter und Rat von Geithain verfolgten den Räuber bis an die Elster, entrissen ihm die Beute, fingen ihn, hingen ihn auf und zerstörten seinen Hof durch Feuer. Solch schnelle und gerechte Vergeltung folgte aber dem Verbrechen nicht immer. Der Bauer, schutzlos draußen im Freien wohnend, lebte in beständiger Angst vor Gewalttaten. Gewiß begab sich da mancher freiwillig in die Hut eines Stärkeren, wenn der Grundherr zu weit weg wohnte, etwa einer benachbarten Stadt, eines Ritters oder eines Klosters und nahm als Entgelt dafür neue Fronen und Abgaben auf sich, vergrößerte also selbst seine Abhängigkeit.

Dazu half noch ein anderer Umstand. Im 14. und 15. Jahrhundert zeigte das Volk einen regen kirchlichen Sinn, der sich in Schenkungen an die Kirche überbot. Man glaubte, Werke äußerlicher Frömmigkeit öffneten die Himmelstür, seien also ein Geschäft mit Gott. Wie die Städter Wohnungen für Arme und Kranke und Bäder für Elende und Gebrechliche stifteten, so gaben die Bauern Äcker und Wiesen an Klöster und Kirchen, um durch die Fürbitte der Geistlichen und Mönche Gnade beim gestrengen Himmelsherrn zu finden. Vermutlich haben sie sich auch erbötig gezeigt, der Kirche mehr als bisher zu zinsen und zu fronen, zumal die Mönche verstanden, durch sanfte Überredung nachzuhelfen.

Es ist auch öfters geschehen, daß Ritter manche Teile ihrer Liegenschaften nicht bewirtschafteten, sei es, daß der Boden nur geringe Erträge versprach oder zu weit abseits lag. Da fanden sich jüngere Bauernsöhne oder andere unangesessene Leute, die sich freiwillig in eine gewisse Hörigkeit begaben, wenn sie die ungenützten Flächen erwerben durften. Ihr Zahlungsmittel bestand wieder nur in Fronen und Abgaben.

Meistens aber steigerten die Ritter die Leistungen ihrer Hintersassen selbst. Je mehr das Ansehen des Kaisers sank, die Gewalt der Fürsten stieg und der Reichtum der Städte wuchs, desto weniger wollten auch sie zurückbleiben, wenn es galt, ihre Lage zu verbessern. Da wußten sie sich sehr wohl zu helfen, waren sie doch Gerichtsherren! Fronarbeiten und Zinsleistungen nahmen daher immer größeren Umfang an, so daß sich der Bauer fast nur für den Grundherrn plagte und zusehen konnte, wie er seine eigene Wirtschaft besorgte. Zudem wälzte der Adel alle Kriegssteuern, die der Landesherr der ganzen Landschaft auferlegt hatte, auf die ländliche Bevölkerung ab.

Schon zu Luthers Zeit war der Bauer der geplagteste Mann im Lande. Damals griff er - in Süd- und Mitteldeutschland - zur Gewalt, aber vergebens: der Druck wurde nur noch härter. Der Ritter forderte nicht nur die üblichen Abgaben, sondern auch das Lehngeld (die Lehnware), wenn das bäuerliche Gehöft in andere Hände überging, gewöhnlich fünf Prozent des Taxwertes, ferner den Abzug (ein Prozent der Kaufsumme) und den Teilschilling (zweiundeinhalb Prozent des ausgezahlten Erbgeldes). Bei Hochzeiten der Herrenkinder hatten die Hüfner je einen Scheffel Hafer, eine Henne und eine Mandel Eier zu liefern. Im Dorfwirtshause mußte das Bier der herrschaftlichen Brauerei getrunken, in der herrschaftlichen Mühle das Getreide der Bauern gemahlen werden. Für Versäumnisse, Übertretungen und Ungehörigkeiten belegte der Gutsherr seine Dorfinsassen mit Strafgeldern, die in seine Tasche flossen.

Frondienste waren jährlich bis auf je 16 Tage Spann- und Handdienst angewachsen. Für nicht geleistete (weil nicht gebrauchte) Fronen waren für einen Tag Spanndienst 7 Groschen, für einen Tag Handdienst 2 Groschen an die Herrschaft zu zahlen. Die Bauernkinder hatten dem Herrenhofe ihre Dienste anzubieten. Sie erhielten einen sehr dürftigen Jahreslohn: ein Großknecht 6 Gulden, ein Kleinknecht vier, eine Viehmagd ebenfalls vier Gulden, ein Viehhirte 2 Gulden 6Groschen und eine Gänsemagd 1 Gulden 2 Groschen. Kein Bauer durfte ohne Vorwissen der Herrschaft Mietsleute aufnehmen; alle Häusler und Hausgenossen hatten auf dem Rittergute gegen Tagelohn zu arbeiten, sie bekamen täglich 2 Groschen, die Frauen 18 Pfennig zum Lohne. Die Tagelöhner draschen Getreide, fällten und zerkleinerten Holz und drehten Strohseile; die Frauen halfen auch spinnen. Endlich hatten die Bauern auch noch mancherlei Fuhren auszuführen. Wenn der Gutsherr baute, wenn er verreiste, wenn er Wein gekauft hatte: der Bauer stand mit seinem Geschirr zu Diensten, wie er auch bei Jagden als Treiber nicht fehlen durfte. Behielt er von seinen Erzeugnissen, mochte es nun Getreide, Stroh, Heu, Vieh, Geflügel oder Fisch sein, etwas übrig, so mußte er es erst der Herrschaft zum Kauf anbieten. Jeder fremde Käufer hatte die Genehmigung des Gutsherrn einzuholen, wenn er im Gutsbereiche sein Geschäft treiben wollte.

Es ist klar: Zu Ausgang des 16. Jahrhunderts hatten sich nicht nur die Lasten, die der Bauer zu tragen hatte, überaus vermehrt, sondern er war auch in seiner persönlichen Freiheit stark eingeschränkt worden.