Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Deutsche Bauern besiedeln die Bornaer Pflege

König Heinrich der Erste (919–36) brach die Macht der Sorben und gewann das Gebiet zwischen Saale und Elbe dem Deutschtum zurück. Sein Sohn Otto der Große (936–73) gliederte den umfänglichen Besitz ins deutsche Reichsgebiet ein, indem er die drei Marken Zeitz (von der oberen Saale bis zur Chemnitz), Merseburg (nördlich davon zwischen Saale und Zwickauer Mulde) und Meißen (östlich von beiden bis zur Elbe) errichtete. Jede Mark zerfiel in Burgwarten unter Burggrafen, die in befestigten Plätzen wohnten und als Lehnsleute des Markgrafen Güter von 3–6 Hufen erhielten. Mit dem Schwert in der Hand schalteten sie über die sorbische Bevölkerung, die in zahlreichen am Rande des Laubwaldes gelegenen kleinen Rundlingen der Flußtäler und des Niederlandes hausten und das ihnen aufgezwungene Joch zwar mit gebeugtem Nacken, aber mit versteckter Feindschaft und immerwachem Mißtrauen gegen die deutschen Herren ertrug. Wohl wanderten jetzt schon vereinzelt deutsche Bauern aus dem Westen und Süden des Reiches ein, aber größere Rodungen waren wegen der andauernden kriegerischen Zeitläufe in den nächsten hundert Jahren unmöglich. Auch die Geistlichkeit mied das unsichere Land.

Zur Mark Merseburg gehörte die Burgwarte Groitzsch, die heutige Bornaer Pflege. Hier legte Graf Wieprecht den Grund zur Besiedelung. Er setzte zu Ausgang des 11. Jahrhunderts Kolonisten aus Franken und Thüringen an, jüngere Bauernsöhne, die nicht hoffen konnten, den väterlichen Hof zu übernehmen. alle Dörfer auf -hain (Geithain vom sorbischen Personennamen Githan (der Häscher) sind fränkischen, die auf -bach, -burg und -berg thüringischen Ursprungs. Jeder Siedler erhielt außer freiem Holze zum Bau von Haus und Hof einen langen, zusammenhängenden Streifen Landes, das sich zum Feldbau eignete, soviel, wie er mit einem Pferde, einem Hufe, bestellen konnte (Hufengut), etwa 765 Ar oder 14 alte sächsische Acker groß. Dafür zahlte er kein Kaufgeld, sondern entrichtete nach einigen Jahren völliger Steuerfreiheit einen jährlichen Erbzins in Gestalt von Erzeugnissen seiner Wirtschaft (Garben, Vieh, Butter, Eier, Käse, Honig, Wachs). Diese Abgabe bildete demnach eine Art Grundsteuer.

Jahrzehnte später, als hier und da auch Kirchen erbaut wurden, war jeder Hüfner verpflichtet, dem Geistlichen den zehnten Teil vom Rohertrag der Ernte (den Korndezem) und den Blut- und Fleischzehnten (z. B. Zinshühner) zu geben. Im übrigen waren die Bauern freie Eigentümer, konnten mithin über ihr Anwesen selbständig verfügen.

Durch Wieprechts Tochter Berta, die Gemahlin Dedos, des Grafen von Rochlitz, kam die Bornaer Pflege 1143 an die Wettiner, die seit 1089 Markgrafen von Meißen waren. Markgraf Konrad (1124–56), der Begründer der wettinischen Macht, vereinigte das Erbe Wieprechts mit Meißen. Die Landesherren (oder in ihrem Auftrage die Burggrafen) beanspruchten von den Siedlern Baufuhren zur Errichtung befestigter Orte und Kirchen, Vorspanndienste bei Landesreisen und Wachdienste, die auf Grenzburgen oder auf Fürstensitzen zu leisten waren. An die Stelle der Wachdienste trat später das Wachkorn, für jedes Dorf 1/2–6 Scheffel Hafer, dazu die Hälfte Korn (Roggen). Zu diesen Gefällen gesellte sich in den unruhigen Zeiten des Faustrechtes die Landabgabe für Sicherung der öffentlichen Wege durch gräfliche Reiter. Gleich andern Fürsten begabten die Wettiner, seitdem ihre Würde erblich geworden war, getreue Ritter und verläßliche Diener, wie seit Jahrhunderten üblich, mit Liegenschaften. Auf diese Weise entstanden auch in der Bornaer Pflege neue Rittergüter, deren Besitzer natürlich wiederum darauf ausgingen, ihre Lehen auszunützen und ihre Einkünfte zu erhöhen. Eine Welle neuer Kolonisten schlug ins Land, diesmal nicht nur aus Franken und Thüringen, sondern auch vom Niederrheine und aus Flamland, wie die Ortsnamen auf -dorf und auf -heim vermuten lassen.

Die Gutsherren verlangen jetzt von den Zuzüglern außer den Abgaben an Naturalien auch einige Tage Arbeit, Hofedienste oder Fronen genannt, die entweder mit Pferden oder Ochsen (Spanndienste) oder mit Sichel und Rechen (Handdienste) zu leisten waren, in der Regel jährlich je drei Tage, die aber den Landmann nicht hindern durften, erst die eigenen Arbeiten zu verrichten. Das Los der Bauern war also durchaus erträglich, selbst als die Ritter im laufe der zeit diejenigen Rechte erwarben, die bisher dem Landesherrn zustanden. Diese Leistungen hatten die Siedler ja schon getragen und durften sie auch ferner unter sich verteilen.

Der Grundherr bestellte für jede Gemeinde einen Richter, der in seinem Namen und Auftrage die Polizeigewalt ausübte, die Steuern einhob und die Bewohner zum Heimgerede unter die Dorflinde lud, wo er Gemeindeangelegenheiten regelte und mit den Schöffen das Recht fand bei Vergehen niederer Art, wie Beleidigungen, Grenzstreitigkeiten, Sachbeschädigungen und Betrug. Dafür besaß er zwei Hufen Landes und die Schank- und Schlachtgerechtigkeit für seinen Hof. Gewöhnlich war er schon bei der Einwanderung der Vertrauensmann seiner Genossen gewesen, die er auf der Reise geleitet, wie er auch die Verhandlungen mit dem Grundherrn geführt, den Platz für die Siedlung gewählt und vermessen und die Hufen verlost hatte. Nicht selten gab er der neuen Siedelung seinen Namen: Ottenhain = Ottos Hain, Seifersdorf = Siegfrieds Dorf, Eckersberg = Eckhards Berg usw.

Schwere Arbeit harrte der Kolonisten, die ihre Dörfer zu beiden Seiten des Baches oder der Straße errichteten. Da sie meist verschmähten, die Sorben zu verdrängen, so mußten sie durch Rodungen im Hardtwalde, der sich bis Zwenkau, Kohren, Rochlitz, Naunhof und Groitzsch erstreckte, neue Ackerfluren zu gewinnen suchen. Und ihre Mühe verlohnte sich. Nach jahrzehntelangem Ringen mit der Scholle, die ihnen außer Getreide auch Lein, Hanf und Hopfen bescherte, gelangten sie zu Wohlstand und bereuten nie, das Vaterhaus verlassen zu haben; die Fremde war ihnen zur neuen Heimat geworden.