Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Pegau 1850 unter „der Fahne des Todes“

Ein strenger und lang anhaltender Winter brachte Anfang 1850 den Einwohnern Pegaus große Not. Dazu kam im folgenden Sommer die Cholera, die mit ihrer hemmenden Einwirkung auf den Verkehr den Jammer aufs höchste steigerte.

Es war am 25. Juli, an einem Haupttage des Vogelschießens, das in diesem Jahre wegen der Ernte ausnahmsweise zeitiger als sonst abgehalten wurde. Ein wolkenloser Himmel überspannte das friedliche Städtchen. Auf dem Schützenplatze war reges Leben, und jung und alt belustigte sich. Nachmittags in der dritten Stunden standen auf dem Marktplatze einige Männer und Frauen beisammen und besprachen die Schreckensbotschaft, die eben die Stadt durcheilte. Einer erzählte es dem andern: „Im Gasthofe zum Mohren und im benachbarten Scholzeschen Bäckerhause ist die Cholera ausgebrochen!“ Aus dem Mohren trat unter dem Tore der Postsekretär Hendel hervor und gesellte sich zu den Nachbarn. Die Frauen und Männer waren neugierig, Einzelheiten zu erfahren. Hendel begann aufgeregt zu berichten: „Friederike Hahnemann aus Grimma ist als Führerin eines blinden Mädchens, das sich zum Vogelschießen durch Gesang und Saitenspiel Geld zu verdienen suchte, heute früh nach wenigen Stunden gestorben. Sie sollte sich durch den Genuß von Beeren, Bier und Backwerk die Krankheit zugezogen haben.“ Dieser Bericht blieb auf die Zuhörer nicht ohne Wirkung.

Die Frauen weinten, und das Häuflein ging sogleich der „Krame“ zu. Aus den Fenstern schauten Neugierige. Schnell hatte sich die Darstellung des Postsekretärs unter den Anwohnern des Marktes und der Seitenstraßen verbreitet.

Zwölf Stunden später starb der Bäckergeselle August Edler aus Leipzig. Er hatte während des Vogelschießens dem Bäckermeister Scholz bei der Arbeit ausgeholfen. Am 27. Juli starb im Bäckerhause ein Korporal des dritten Reiterregiments und im Mohren die Köchin. Niemand wollte das Hinscheiden der kerngesunden Köchin für möglich halten. Die Aufregung und Angst in der Stadt seigerte sich.

Am Stammtisch des Ratskellers saßen der Zigarrenfabrikant Erdmann Nennewitz, der Schuhmachermeister Friedrich August Ortwein, der Lohgeber Wilhelm Robert Junghanns und der Sattlermeister Eduard Weiße beisammen. Sie unterhielten sich eifrig über das Geschehene. Da trat der Kaufmann Ernst Eduard Huhn ein und meldete sichtlich ergriffen: „Eben sind der Postmeister Klöppel und seine elfjährige Tochter Luise gestorben.“ Weiter konnte er zunächst nicht berichten, da ihm eine Träne über die Wange rann. Dann fuhr er fort: „Und der Postsekretär Hendel, der uns am letzten Donnerstag die Todesbotschaft von der Friederike Hahnemann aus Grimma brachte, ist auch ein Opfer der Cholera geworden.“ Atemlose Stille herrschte, und keiner der Zuhörer wußte den Faden der Unterhaltung weiter zu spinnen. Sie zahlten und gingen heim.

Bürgermeister Trenkmann saß in seinem Arbeitszimmer und las ein Schreiben des Bezirksarztes Dr. Mökel, der anordnete, daß die Leichen baldigst aus den Häusern in der Gottesakerkirche zu bringen seien. Es war am nämlichen Tage Ratssitzung. Der Bürgereister gab bekannt, daß es an Hilfspersonal im Krankhause und auf dem Gottesacker mangele. Daraufhin wurden von der Kreisdirektion ein Hilfsarzt erbeten. Der Rat beschloß am 2. August ferner die Anschaffung eines Siechenkorbes zur Beförderung der Kranken und eines leichten Leiterwagens mit Plane zum Entfernen der Leichen. Beide Neuanschaffungen sollten bald reichliche Verwendung finden. Niemand ahnte, was im August noch kommen sollte. In diesem Monat fielen 205 Personen der Seuche zum Opfer! Bis 6. Oktober war die Zahl der Todesfälle insgesamt auf 260 gestiegen! Am härtesten wurden die Breitstraße, die Oberstadt und das Niederhospital betroffen. Schrecklich war die zweite Hälfte des August. Die Cholera wütete in der Breitstraße und in der Neugasse. Die Häuser glichen Lazaretten, die Zimmer Leichenhallen. Die Straßen war leer, alles Leben wie ausgestorben. Nur von Zeit zu Zeit hörte man das dumpfe Rollen des Leichenwagens oder die festen Schritte von Männern, die die Siechenkörbe mit Kranken trugen. Die Menschen gingen mit verstörten Blicken, bleichen Gesichtern und verweinten Augen einher. Es fehlten Krankenpfleger und Totengräber. Der Rat zu Pegau mußte darum am 10. August öffentlich zur Hilfeleistung auffordern.

Die Mittel der Stadt zur Linderung des Jammers versiegten. Unterm 14. August erschien folgende öffentliche Aufforderung und Bitte an die hiesige Einwohnerschaft: „Bisher haben die Vorräte der Stadtkasse ausgereicht, sie sind jedoch nunmehr ziemlich erschöpft, und wir befinden uns dermalen in der Lage, alle diejenigen, welche zur Linderung der Not Anderer, zur Steuerung der allgemeinen Calamität und des Weiterverbreitens der Cholera etwas tun können und wollen, zu bitten, Beiträge an Geld, Kleidungsstücken, Betten, Wäsche, Leinewand und dergleichen an Stadtkassierer Schumann auf dem Rathaus schleunigst abzuliefern; denn schnelle Hilfe tut not!“

Eine alte Frau erzählte später: „Was ich in diesen Tagen gelitten, gewacht, gearbeitet habe, das hätte ich zu keiner anderen Zeit mit diesem hinfälligen Körper ertragen, ohne zu erliegen. Mein körperliches Leiden verlor sich. Tag und Nacht am Bette der Kranken, fühlte ich nicht das Bedürfnis des Schlafes, mich hungerte, dürstete nicht. Mir starb der Mann, das theure Kind, ich fühlte keinen Schmerz. Sie wurden fortgetragen – ich half! Doch jetzt? Ich bin erwacht.“

Die Verkaufsläden waren geschlossen. In Leipzig erzählte man: „Über Pegau schwebt die schwarze Fahne des Todes!“ Neben den nimmermüden Ärzten hatte der Apotheker Helbig reichlich Arbeit. Er versicherte später, daß mehr als die Hälfte sämtlicher Arzneien von Gesunden genommen worden seien. Täglich habe er 100 bis 350 „unschuldige Tees und Brausepulver“ ausgegeben. Es gab Berliner, Wiener, Stettiner wer weiß noch was für Choleraopfer. Von der Mühe des Apothekers bekommt man einen Begriff, wenn er hinzufügte, daß täglich 80 bis 185, im August allein 3121 Rezepte gemacht werden mußten. Die Ärzte hatten alle Hände voll zu tun. Auf der Nachtpolizeiwache war zu erfahren, welcher Arzt für Kranke nächtens zu erreichen war. Der 16. Und 18. August war die traurigsten Tage. Am 16. lagen 22 Leichen in der Gottesakerkirche, die in mehreren großen, zum Teil mit Kalk angefüllten Gruben gemeinschaftlich begraben wurden. Am 18. August befanden sich 19 Leichen da. Die Hilfsarbeiter schliefen in der Wohnung des Totengräbers, der mit seiner Familie ins Hospital übergesiedelt war.

Im September saßen Bürgermeister Trenkmann und Apotheker Helbig im Ratskeller beisammen. Sie tauschten nach diesen grauenvollen Tagen noch einmal ihre Erinnerungen aus und gingen weit in die Vergangenheit zurück. Der Bürgermeister wußte zu erzählen, daß Pegau in den Jahren 1707, 1712, 1719 und 1762 auch Unglückstage gehabt habe, Tage, die nach Berichten der Pegauer Chronik denen der Cholerazeit nicht nachgestanden hätten.