Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Von der Pest in und um Lucka

Ein böses Jahr war das Jahr 1582. Wie damals die Pest in und um Lucka wütete, beweisen folgende Zahlen:

Im Juli des Jahres 1582 starben 15 Menschen, im August waren es 89, im September 139, im Oktober 50, im November 19 und im Dezember nochmals 9. Dazu kamen aus den eingepfarrten Dörfern:

Berndorf: ab 3. 8. – 74 Menschen,
Teuritz: ab 11.8. – 49 Menschen,
Hagenest: ab 4. 9. –28 Menschen,
Nehmitz: ab 5. 10.– 17 Menschen.

Zusammen 489 Pestleichen in einem halben Jahre! Das ist viel, wenn man bedenkt, daß das Kirchspiel Lucka in dem bösen Jahre etwa 1000 Seelen zählte und demnach ein Viertel der Bevölkerung wegstarb. Der schlimmste Monat war der September, in welchem im Stadtbezirk 139 Menschenleben eingingen. Nur an 2 Tagen des Monats, am 24. Und 28. September, blieb das Städtchen verschont. Der größte Abgang war am 27. August mit 13 Leichen zu verzeichnen.

Außer diesen Zahlen ist uns wenig aus jener trüben Zeit bekannt. Wir wissen nur, daß beide Geistliche starben, am 14 September der erste Geistliche und am 30. September auch der zweite, am 27. Oktober sogar noch deren Nachfolger im Amte. Da sich dann auswärtige Pfarrer weigerten, im verpesteten Lucka die Leichen zu Grabe zu begleiten, hatte diesen Dienst wohl der damalige Kantor Andreas Schindler, der Sohn eines Groitzscher Schulmeisters allein zu verrichten.

Wie sehr einzelne Gehöfte von dem schwarzen Tode heimgesucht wurden, beweisen die Berndorfer Mühle und der Hagenester Gasthof.

Es starben aus der Mühle im Pestjahre 1625 – der damalige Besitzer hieß Thomas Bachmann:
(1) des Müllers Weib am 14. Okt.
(2) des Müllers kleine Magd am 31. Okt.
(3) des Müllers kleinstes Töchterlein am 8. Nov.
(4) des Müllers Magd am 9. Nov
(5) des Müllers Sohn am 10. Nov.
(6) des Müllers größtes Töchterlein am 14. Nov.
(7) des Müllers kleinster Sohn auch am 14 Nov.
(8) des Müllers anderer Sohn am 17. Nov.
(9) des Müllers zweitältester Sohn am 22. Nov.
(10) des Müllers Bruder Michael Bachmann am 25. Nov.
(11) des Müllers Knecht am 26. Nov.

Es blieben aus dem Hause nur der Müller und sein ältester Sohn am Leben, der Sohn vielleicht nur deshalb, weil er nicht mehr im Elternhause weilte, denn er war zur Zeit Student.

Völlig öde stand der Hagenester Gasthof. Es rottete damals die Pest die ganze Familie des Wirtes Urban Esche aus, die Eltern und deren 11 Kinder. Nunmehr fragen wir: Wie äußerte sich die Pest? Wie wirkte sie auf die Menschen? Viele Einzelheiten dazu bieten die Eintragungen des Breitenhainer Kirchenbuches vom Jahre 1637. Es heißt da u. a.:

Am 26. Juni 1637 starb eines geschwinden Todes Frau Walburgis.

Ihr folgte am 17. Juli die Köchin auf dem Rittergute. Sie war nicht viel über 24. Stunden krank.

Am 20. Juli verschieden der Gastwirt Martin Döhner und die Frau eines Fuhrmannes, namens Marta Martin. Sie waren bei innerhalb 2 Tagen lebendig und tot.

Am 5. August starb Jakob Hermann. Seine Leichenpredigt wurde später gehalten; denn wegen der Ansteckungsgefahr wollte niemand mit zu Grabe gehen.

Als am 7. August Peter Hübner aus Breitenhain in der Breitenhainer Kirche getauft werden sollte, kamen die 3 Prößdorfer Paten nicht herüber. Das Kind mußte nach Prößdorf getragen werden.

Ein Hemmendorfer Kind, Michael Nifius, wurde sogar auf freiem Felde getauft.

Am 13. August besuchten den Gottesdienst nur noch 2 Personen, und am folgenden Sonntage predigte der Pfarrer aus der Vorhalle der Kirche, die sonst als Leichenhalle diente. Die Leute wagten sich nicht in geschlossene Räume und hörten im Winkel des Gottesacker zu. Der Rittergutsbesitzer, ein Hans von Hagenest, verließ das Dorf und hielt sich 7 Wochen fern.

Die kleine Magd auf dem Prößdorfer Hofe entwich ebenfalls, wurde aber dennoch von der Seuche gepackt. Sie starb auf der Flucht am Gottesacker in Altenburg.

Georg Lippert aus Prößdorf brachte sein einziges Kind Maria nach Gorma. Er meinte, es sei dort geschützt. Allein der Todesengel kehrte auch nach Gorma ein.

Des Försters Vater, Michael Reuter, ein Greis in den achtziger Jahren, versuchte auch zu entfliehen. Er kam aber nicht weit: im Luckaer Forste blieb er liegen, und Regen- und Donnerwetter zogen über ihn weg. Nach 3 Tagen erst fand ihn der Totengräber Paul Kirsten, der deshalb diesen Dienst versah, weil er die Pest glücklich überstanden hatte, und führte ihn ins Dorf zurück. Doch es war keine Rettung mehr: der Greis starb wenige Stunden darauf.

Verzweiflung erfaßte die, welche von der Seuche ergriffen wurden. Gallus Naundorf in Lucka nahm, als er sich krank fühlte und allein war, seinen Hirschfänger und stach sich damit in den Hals. Und des Bürgermeisters Magd wurde im Kopfe irre und ertränkte sich.

Georg Lippert, der sein Töchterchen nach Gorma gebracht hatte, lief des Nachts aus seinem Hause, geriet auf den Brauhof und stürzte da in eine tiefe Pfütze und ertrank.

Einen achtjährigen Knaben aus Prößdorf, dem bereits die Eltern entrissen waren trieb es auch hinaus auf den Hof. Er starb und wurde von den Hunden angefressen. Ein Bein von ihm schleppten sie in Matz Badstübners Garten, kurze Zeit danach starben auch die Hunde.

Als der Kleinknecht Hans auf dem Prößdorfer Hofe erkrankte, trug man ihn aus dem Hause hinaus und bettete ihn in den Kohlwinkel, wo er starb.

Als Hübners Witwe sich legte, besuchten sie die Nachbarinnen. Die Kranke verfiel bald in einen tiefen Schlaf, und die Weiber meinten, sie sterbe. Sie zogen ihr die Stiefel aus und entwendeten ihr einen Taler Patengeld. Sie starb jedoch nicht. Paul Kirsten traf sie, als er sie zu Grabe schaffen wollte, mit halbem Leibe in der Küche und halbem Leibe im Hausflur liegen, noch leben an und brachte sie wieder zu Bett.

Wir ersehen aus den Aufzeichnungen, wie schnell die Pest zum Tode führte, und wie sie die Menschen ängstlich, aber auch unbarmherzig und roh machte. Erbittert waren sie gegen die, welche mutwillig und leichtsinnig in Pestorte sich begaben und die Seuche dadurch verschleppten. Als Gerhards beide Söhne im Januar 1611 einen Sack nach dem verpesteten Drößig getragen, sich dort angesteckt hatten und an der Pest gestorben waren, mußte sie der Vater selbst auf den Friedhof fahren und ins Grab legen. Und als die Böttcherin von Breitenhain sich 1625 in der Berndorfer Mühle angesteckt hatte und bald darauf starb, mußte ihr Mann den Dienst des Totengräbers verrichten.

Um Ansteckungen zu vermeiden, ergingen 1680 von Dresden aus folgende Gebote:
(1) Fallet vor allen Dingen dem Herrn mit rechtem Eifer und mit ernster Buße zu Füßen, besuchet die Predigten und die Betstunden fleißig und betet das Vaterunser kniend!
(2) Haltet die Häuser und die Gassen sauber, schaffet die Schweine ab und räuchert morgens und abends mit Wacholder, Pulver und anderen dienlichen Sachen!
(3) Schließet die Nebenwege und Stege gänzlich, die Landstraßen durch Schlagbäume!
(4) Fraget die Leute, die die Landstraße hereinkommen, nach ihrem Paß, ob sie aus reinen oder verdächtigen Orten kommen!
(5) Bauet ein Krankenhaus vor die Stadt, nicht in sie hinein!
(6) Bauet auch Hütten auf die freien Felder, damit die Gesunden aus den verpesteten Häusern entweichen können!
(7) Gebt den Armen die Heilmittel unentgeltlich!
(8) Laßt die Leichen an ungefährliche Orte bringen und tiefer begraben als sonst!
(9) Meidet einander soviel als möglich!
(10) Enthaltet euch alles schädlichen Obstes, aller Gurken, Beeren und Schwämme und alles anderen Genäsches!