Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Drei Pestbegräbnisse in Witznitz

Wie allerwärts in den Orten der Bornaer Pflege, wütete auch in den Dörfchen Witznitz die grausame Pest im Laufe der Jahrhunderte zu verschiedenen Malen. Am verheerendsten trat sie hier 1611 auf, da fielen ihr 50 Personen, d. i. das größere Drittel aller Ortsbewohner, zum Opfer. Da Witznitz weder schützende Mauern noch wachsame Torhüter besaß, war die Gefahr der Einschleppung der furchtbaren Volksgeisel eher möglich als in den umwallten Städten des Bezirks, wo außerdem die Stadtverwaltung noch besorgt war, alles fernzuhalten, was der Seuche verdächtig erschien.

In den Dörfern der nächsten Umgebung jedoch, zumal in den an alten Heer- und späteren Poststraßen gelegenen , wie eben auch Witznitz, gingen reifende Handwerksburschen, heimatlose Wanderer und allerlei „fahrendes Volk“ ungehindert ein und aus, auch oft in der Dorfschenke Herberge und Atzung heischend. Wie manch einer mag darunter gewesen sein, der den Keim der schrecklichen Seuche bereits in sich trug und zur größten Gefahr seiner Mitmenschen wurde! So kam es denn auch, daß gerade in dem Witznitzer Dorfgasthofe in den letzten Augusttagen des Jahres 1611 zwei Hausgenossen, ein Knabe von 13 und ein Mädchen von 11 Jahren, den Anfang der langen Opferreihe des schwarzen Todes bildeten. Da Vater und Mutter, nachdem sie ihren Knaben begraben, auch bereits krank darniederlagen, wollte niemand die Leiche des Mägdeleins bestatten, bis sie nach vielen Tagen anfing, mit ihrem Geruch die Luft zu „verpesten“. Erst auf obrigkeitlichen Befehl wurden die Nachbarn gezwungen, die Leiche nahe der Schenke auf dem Felde einzuscharren.

Nun wurden zur Abwehr aller Fremden die Tore und Türen der Höfe, Ställe, Schuppen und Gärten aller Einwohner fest verschlossen und verwahrt. Es war aber zu spät, denn die Pest hatte sich bereits im ganzen Dorfe ausgebreitet. Es half auch nichts, daß viele Ortsbewohner im nahen Borna oder bei entfernt wohnenden Verwandten Zuflucht suchten; sie trugen nur dazu bei, die Krankheit in noch seuchenfreie Ortschaften zu schleppen. Auch Arzeneien, wie „Eberwurz und Bibernell“ und wenn sie noch so weit hergeholt wurden, schlugen nicht an. So war Thomas Hausmann, ein Witznitzer Zimmerer im besten Mannesalter, in der drei Meilen entfernten Stadt Leipzig gewesen, um heilkräftige Apothekertränklein zu holen. Doch war der Tod schneller als er. Auf dem Heimwege wurde der Mann von der Pest befallen. Im Anblick seines heimatlichen Dorfes legte er sich auf die „Pfarrhutweide“ nieder und starb daselbst zur Nacht auf den 8. September. Der Witznitzer Pfarrer Christian Schrey, der in 27 langen Jahren in seinem kleinen Pfarrdorfe die Pest dreimal hat wüten sehen, ließ ihn heranschaffen und hinter der Kirche begraben. Es bedurfte freilich erst inständigen Bittens, bis sich einige Nachbarn zu dieser Christenpflicht hergaben. Es war ein Begräbnis ohne Sarg und Kranz auf dem Dorfkirchhofe, der die Pestgräber kaum zu fassen vermochte.

Ergreifend ist ein Bericht zu lesen über die Bestattung des Ehemannes einer armen Häuslerin, „so auf Clemens Brausens Gütlein gewohnet.“ Beides waren zeitlebens brave, arbeitsame Leute gewesen. Schwere Tagelöhnerarbeit hatte ihren Rücken krumm und die schwieligen Hände zittern gemacht. Aber immer noch verdienten sie sich trotz ihres hohen Alters ihr kärgliches Brot durch harte Arbeit. Auch diesen armen Fröner fällte die unerbittliche Pest, und niemand war da, der ihn begraben wollte. Das große Sterben hatte, wie überall im Lande, so auch die Herzen der Witznitzer Nachbarn verhärtet, und so mußten die meisten Einwohner ihre Toten selbst beerdigen. Was Wunder, daß die arme Witwe vergeblich um Hilfeleistung bettelte! Sie mußte ihren Mann allein begraben. Das geschah eines Sonntags nachmittags drei Uhr. Wie schwer mag ihr allein schon das Grabmachen geworden sein! An dem sonst vorgeschriebenen Maße von „sechs Schuh unter der Erde“ fehlte da wohl noch mancher Zoll! Der spätere Witznitzer Pfarrer Johann Schweizer schrieb davon: „Es war ein erbärmliches Begräbnis; denn sie schleifte ihren Mann auf einem Brette zum Grabe und senkte ihn auch allein ins Grab.“

Längst sind heute die Spuren jener vielen Pestgräber unter der grünen Rasendecke des alten Friedhofes, der das schmucke Witznitzer Kirchlein umgibt, verwischt. Niemand denkt mehr an die Seuche von 1611, wo das gegenwärtig oft mit Spott gebrauchte Wort seine bitterernste Bedeutung hatte: „Sterben ist schwer, aber begraben werden noch schwerer!“