Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Pest in Borna

Sie kam im 14. Bis zum 17. Jahrhunderte mit ihrer Furchtbarkeit auch in die kleine Landschaft Borna und räumte unter der nur etwa 2000 Seelen zählenden Einwohnerschaft erschrecklich auf.

„Erzittre Welt! Ich bin die Pest!
Ich komm in alle Lande
und richte mir ein großes Fest.
Mein Blick ist Fieber; feuerfest
und schwarz ist mein Gewande!“

Der alte Kunigundenfriedhof kann von den einstigen Pestgräbern viel erzählen. Sichtbare Spuren aus jenen dunklen Zeiten sind zwar nicht mehr vorhanden, aber über die langen Gräberreihen hat die neueste Zeit, ein freundliches Kleid geworfen: den Bornaer Heldenhain zum Andenken an die im Weltkriege gefallenen Söhne der Stadt. Aber jede Handvoll Erde unter dem Rasen ringsum, besonders des nach Abend liegenden Teiles des Friedhofes, der dort von drei Seiten das alte Kirchlein umgibt, birgt eine letzte Spur der Pestgräber, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder belegt und zugeschüttet wurden.

Woher kam nach Borna die Pest, der „schwarze Tod“? Ein einheimischer Geschichtsschreiber berichtet darüber: „Vom Morgenlande kam er, eine Plage der Menschheit, eine fieberhafte, überaus ansteckende Krankheit, die den Körper des Menschen mit brandigen, schwarzen Beulen bedeckte. Ein unbarmherziger Würger, dem niemand halt gebieten konnte! Kein Alter, kein Geschlecht, kein Stand wurde geschont. In drei Tagen oft war der Betroffene gesund und tot“. Und meist trat die Seuche nicht allein auf, sie kam im Gefolge von Krieg und Hungersnot, kam mit dem Kaufmannsgut ins Haus des vornehmen Handelsherren, mit dem fremden Wanderburschen in die Herberge; sie wurde vom Kriegsmann eingeschleppt ins Bürgerquartier, sie kam mit dem Nebel der Niederung in die Hütte der Armen, sie keimte tausendfällig im Unrate des Straßenschmutzes, sie ging mit der Luft von Haus zu Haus. Hilflos waren Stadt und Land gegen ihre grausame Macht, dazu in einer Zeit, wo es weder Sport- und Turnplätze, noch Badeanstalten und sonstige Einrichtungen zur Körperpflege gab, wo es allerwärts noch an ordentlichen Ärzten fehlte.

In den genannten Jahrhunderten trat die Pest einundzwanzigmal in Borna auf. Am furchtbarsten wurde die Stadt 1637 heimgesucht. Der schwarze Tod gesellte sich zu den Kriegsdrangsalen, die die Einwohner durch kaiserliche, schwedische oder auch sächsische Söldnerhorden zu erdulden hatten. In diesem Jahre starben in Borna 500 Personen an der Seuche. Manche Häuser waren ganz ausgestorben. Der Stadtrat zu Borna verordnete, Zäune um die wüsten Häuser im Entenpfuhl, im heutigen Brühl, zu machen und ihre Haustüren zuzunageln. Diese Heimstätten waren herrenloses Eigentum geworden.

Für das häufige und verheerende Auftreten der Pest in Borna – trotz der gefundenen Lage der Stadt in der damals waldreichen, von Kohlenstaub und Essenruß freien Umgebung – sind mehrere Gründe vorhanden. Außer in der Einschleppung der Krankheit sind sie zum Teile in den häufigen Hungersnöten zu suchen. Gab es doch Zeiten, wo die Leute Tannenzapfen und Baumrinde mahlten und mit Gras vermischt zu Brot buken. Glücklich war, wer Wurzeln, Beeren und das wilde Obst des Waldes als Zukost fand. Wie die Chronik berichtet, fand man vor dem Roßmarkschen Tore ein totes Mägdelein, das noch Gras im Munde hatte! Dem Abdecker lief man nach, um noch einige Fleischreste von gefallenem Vieh zu erlangen, denn gesundes Fleisch war zu diesen Zeiten überhaupt nicht mehr da. Mußten doch aus Mangel an Spannvieh die Leute selber Pflug und Egge ziehen, um ihr Äckerchen zu bestellen. Was Wunder, daß in den ausgehungerten Menschenleibern die Pestkeime guten Boden fanden! Ein anderer Grund lag in dem schlechten Zustande der städtischen Straßen. Ihrer vielen waren ungepflastert, ohne Schleusen, starrend vor Schmutz. Das schmutzige Abfallwasser wurde aus den Haustüren heraus auf die Wege geschüttet und bildete Pfützen, wo sich die Enten tummelten. Vor manchen Häusern lag wochenlang der Dünger aus den Ställen! Die Jauche floß heraus und verpestete die Luft. Besonders schlimm sah es in der „pegischen Gasse“ (der Pegauer Straße) und im Entenpfuhl (dem Brühl). In den Stadtgraben wurde über die Mauer hinab allerlei verendetes Vieh geworfen, Welche Pestluft im Hochsommer! In den unreinlichsten Straßen wütete der schwarze Tod am ersten und schlimmsten.

An gesundheitlichen Einrichtungen mangelte es allenthalben. Wohl werden ein „Siechspital“ an dem alten Kunigundenfriedhofe und ein „Siechhaus“ an der Flößberger Straße genannt, die zu Pestzeiten mit Kranken belegt wurden. Aber was war das bei so vielen Das Siechhaus wurde von den kaiserlichen Soldaten niedergebrannt, das andere zerfiel vor Altersschwäche selbst, bei de wurden nicht wieder aufgebaut Einen wirklichen Arzt, der zum Glück zugleich Apotheker war, gab es in Borna erst seit 1677. Vorher wurde die Heilkunst von Badern, Schäfern, Quacksalbern, „klugen Frauen“ und anderen Kurpfuschern ausgeübt.

Auch in Bezug auf das Begräbniswesen herrschten hier zur Pestzeit höchst mangelhafte Zustände. Wohl leisteten bei Sterbefällen gute Freunde, getreue Nachbarn und besonders die Innungen den Hinterbliebenen gern Hilfe. Sie schaufelten dem Toten das Grab, trugen ihn zum Friedhofe, unterstützten auch die bedürftigen Familien. Aber diese Liebesdienste hörten in den schlimmen Pestzeiten vielfach ganz auf, weil jeder mit sich selbst zu tun hatte. Von der Stadt war zwar ein Totengräber angestellt, der sein Häuschen auf dem Kunigundenfriedhofe hatte, doch versah dieser Mann zugleich das Amt des Viehhirten mit, zum großen Ärger vieler Bürger; denn er war oft nicht da, wenn er gebraucht wurde. Er und seine mittätige Frau erhielten auf Stadtkosten je ein „Schwarz Gewand und Mantel“, sowie Spaten und Schaufeln, deren Verbrauch in den Zeiten der Pest groß war. Auch stellte in Zeiten großen Sterbens die Stadt noch einen besonderen „Pesttotengräber“ an. Die Toten wurden nach Sonnenuntergang auf einem „Pestwagen“ im schnellen Trabe, oft ohne Sarg und Begleitung, beerdigt. Wie viele mögen damals ohne Sang und Klang, „in die Grube gefahren“ sein, oft mehrere gemeinsam, während nebenan schon wieder ein neues Grab ausgehoben wurde „für morgen“. Jene dunkle Zeiten der vielen Pestgräber sind für immer vorbei. Doch gehst du über den alten Bornaer Kunigundenfriedhof, so denke daran: Hier unter deinen Füßen ruht der Staub aller derer, die vor Jahrhunderten der schwarze Tod mähte. Und leise ,ganz leise steige in deiner Seele auf die Melodie des alten Volksliedes.

„Es ist ein Schnitter, heißt der Tod,
der hat Gewalt vom großen Gott.
Er schont nicht arm, er schont nicht reich,
vor seiner Sichel sind alle gleich.
Sei stille - und schicke dich drein!“