Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die wüste Mark Seebisch

Begleite mich, lieber Leser, ein wenig über Frohburg hinaus. Wir wandern an einem herrlichen Sommermorgen durch tauglänzende Wiesen an den noch in Nebelschleier gehüllten Teichen vorüber nach Eschefeld und folgen, nachdem wir das freundliche Dörfchen fast durchschritten haben, der Staatsstraße nach Altenburg zu. Bald nimmt uns das „Deutsche Holz“ auf, von dem die Leute allerlei gruselige Spukgeschichten erzählen. Kein Wunder, denn gräßliche Mordtaten sind hier geschehen! Es sei nur daran erinnert, daß hier 1637 der Pfarrer Andreas Willitz aus Flößberg von plündernden Kroaten in Stücke gehauen wurde. Steinbänke laden uns am Eingande des Waldes zur kurzer Rast ein. Doch wir wandern weiter. Mitten im Holze kreuzt ein Weg unsere Straße. Wir folgen ihm links; nur das Rauschen der mächtigen Fichten begleitet uns. Wir sind ungefähr 1400 m gegangen und biegen abermals nach links ab, bis wir an einem Teiche stehen, dem Seebischteiche. Die Morgensonne hat die Tautröpfchen weggeküßt, wir legen uns am Waldrand ins trockene Gras und horchen auf das geheimnisvolle Rauschen der Bäume.

Hier an dieser Stelle, wo du, stiller Wanderer, jetzt ruhst, stand vor langen, langen Jahren ein Dörfchen. Arme Bauern wohnten da, die hart fronen mußten. Sorglose Kinder tollten in lustigem Spiele durch die engen Gassen. Junge Leute zogen an lauen Sommerabenden durch den Wald. In den rauchgeschwärzten Stuben saßen kinderreiche Familien auf Holzbänken am Tische und verzehrten kummervoll das karge Abendbrot. Und heute? Grüner Rasen und Buschwerk über dem Dörfchen! Schwarzgefleckte Rinder liegen an Herbsttagen dort in träger Ruhe, und der eiserne Pflug durchschneidet den dunklen Boden.

Kurz und kalt berichtet die Chronik von der Ortschaft „Zewicz“. „1285. 1287, 1289, 1300 und 1307 sind von seinen Bewohnern Zinsen gezahlt worden. 1317 tauscht Konrad von Gnandstein 11 Hufen und 2 Gärten in Zewicz“. Dann schweigt die Urkunde, 1358 wird Seebisch eine „wüste Mark“, ein verschwundenes Dorf genannt.

Die Frage steigt in uns auf: Wie kam es, daß dieses Dorf unterging? Am häufigsten wird man die Antwort hören: Sicher durch einen Krieg! Gewiß durch Kriege sind ganze Länderstrecken verwüstet worden. Nun tobte gerade 1307 in der Altenburger Gegend ein furchtbarer Kampf. Die beiden fürstlichen Brüder Friedrich und Dietzmann verteidigten ihr Erbe, die Mark Meißen, gegen den unersättlichen deutschen König Albrecht, dessen Knechte aus Böhmen, Österreich und Schwaben genau so hausten, wie reichlich 100 Jahre später die Hussiten. Bei Lucka errangen die beiden Wettiner am 31. Mai 1307 in heißer Schlacht einen entscheidenden Sieg. Wenn das Volk noch nach Jahrhunderten andeuten wollte, daß sich jemand in einer Angelegenheit nur Schläge holen könne, dann nannte er den Spottvers:

Es wird dir glücken,
Wie den Schwaben bei Lücken!

In diesem Kriege könnte Seebisch untergegangen sein. Die oben erwähnten Hufen und Gärten kann ja Konrad von Gnandstein auch getauscht haben, nachdem das Dorf nicht mehr stand.

Suchen wir nach anderen Gründen für das Verschwinden Seebischs! Vielleicht ist eine Feuersbrunst die Ursache gewesen. Es wird ja oft berichtet, daß auf diese Weise, vor allem bei Sturm, in einer Nacht ganze Städte und Dörfer in Asche und Schutt sanken. Man bedenke, die Häuser waren nur aus Holz und Lehm gebaut und mit Stroh und Schilf gedeckt! Zu diesem Unglück kam der furchtbare Aberglaube, der damals noch viel üppigere Blüten trieb als heute. Man sagte: "Hier an diesem Orte wohnt der Böse, die Gegend ist verhext; deshalb das Unglück; hier bauen wir nicht wieder her!" So kann auch Seebisch als Schutthaufen liegen gelassen worden sein.

Und nun eine dritte und die wahrscheinlichste Möglichkeit für den Untergang des Dorfes! In der Chronik lesen wir: "Von 1345–1350 herrschte in weiten Teilen Deutschlands der schwarze Tod, der ganze Länderstrecken entvölkerte." Wieviel Elend, Jammer und Not enthält dieser kurze Satz! Wieviel Tränen mögen in diesen fünf Jahren vergossen, wieviel heiße Gebete zum Himmel emporgestiegen sein! Ganze Länderstrecken entvölkerte die Pest! Daß die furchtbare Seuche damals auch unter den Bewohnern der Bornaer Pflege ihre Opfer forderte, beweist die Geschichte. Es heißt in der Chronik von Lobstädt:

1348–50 waren Pestjahre. Aus Pegau wird berichtet: Abt Albrecht vom Kloster zu Pegau ist 1349 gestorben, vermutlich an der Pest. Auffällig ist nun, daß die Bewohner der näheren Umgebung des Seebischteiches den Ort häufig mit dem Beinamen „das Pestdorf“ belegen. Mit diesem Namen hat wohl die mündliche Überlieferung die Erinnerung an den Untergang der Ortschaft lebendig erhalten. Seebisch ist demnach in den Pestjahren 1335–50 zur wüsten Mark geworden.