Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Pest in Geithain 1380

Während der Getreideernte des Jahres 1380, an einem Sonntage kurz nach Laurentius(1), kamen Gaukler an das Niedertor zu Geithain, erlegten den Torzoll und fanden Einlaß in die Stadt. Mit Erlaubnis des Bürgermeisters errichteten sie an der Morgenseite des Rathauses aus Fässern und Brettern, die sie beim Ratsweinschenken entlehnten, eine einfache Bühne und führten den zahlreichen Zuschauern alsbald ihre Künste vor. Jung und alt erfreute sich an dem zutraulichen Wesen weißer Mäuse, lachte erheitert über die närrischen Späße eines Affen und eines Pudels und war starr vor Erstaunen über tanzende Ratten, die sich in einem großen Käfige nach der lustigen Weise einer Schalmei auf ihren langen Hinterbeinen gewandt drehten. Dergleichen Kunststücke waren in Geithain nie gesehen worden, und die Bürger griffen willig in den Beutel und zahlten reichlich.

Kaum hatte das fahrende Volk jedoch die Stadt verlassen, als sich eine merkwürdige Erscheinung zeigte: Die Ratten, die in Kellern und Ställen, in Schuppen und Scheuern in Mengen hausten, starben scharenweise und lagen zu Hunderten umher! Die Bürgerschaft freute sich über die Maßen darüber. Allein schon nach wenigen Tagen ging die Freude in Schrecken über; denn jetzt ergriff das große Sterben auch die Menschen. Hellwig Pfeil, der Böttcher beim unteren Brauhause, der den Gauklern aus Gutherzigkeit seinen Schuppen zur Herberge eingeräumt hatte, war der erste, der sich legte und nicht wieder aufstand, und bald folgten ihm viele Geithainer nach, Erwachsene und Kinder, Männer und Weiber, Arme und Reiche. Die Seuche nahm einen unerhörten Umfang an, kein Haus blieb verschont, die reichliche Hälfte der gesamten Einwohnerschaft, 840 Menschen wurden dahingerafft.

Mit großen Schmerzen und heftigem Fieber begann die Krankheit, hernach bildeten sich unter den Achseln und an den Beingelenken Beulen, die fast so groß waren wie Hühnereier, darauf liefen die Gliedmaßen schwärzlich an, und endlich trat heftiges Nasenbluten ein, bis das Leben entwich. Schwächliche Menschen waren innerhalb eines Tages gesund und tot, kräftige Naturen wehrten sich zwei, höchstens drei Tage gegen den schrecklichen Würger. Die Totengräber hatten schwer zu werken und unbeschreiblicher Jammer herrschte in der Stadt.

Kein Mittel half gegen die Pest. Der Bader ließ den Kranken zur Ader oder setzte Schröpfköpfe an; er empfahl ihnen, weißen Knoblauch zu essen und alle Räume des Hauses mit getrockneten Wachholderbeeren oder mit Essig auszuräuchern, aber alle Bemühungen waren vergeblich. Die verzweifelnden Menschen flehten in den Kirchen um die Fürbitte der Heiligen bei dem gestrengen Himmelsherrn, aber alles Gebet blieb wirkungslos. Endlich wollten etliche Weiber gehört haben, wie eine Stimme vom Himmel herab rief:

Trinkt Baldrian, trinkt Thymian,
Sonsten müßt ihr alle dran!
Eßt auch recht Rapontikon,
Sonsten kommt kein Mensch davon!

Ob sich nun gleich alle Gesunden und Siechen darnach richteten, so halfen doch weder Tee noch Rapunzelwurzeln.
Natürlich konnte niemand die Ursache(2) der Pest ergründen; man riet hin und her, endlich hieß es , die Juden seien Schuld, sie hätten die Brunnen vergiftet. Da kam eine doppelt schlimme Zeit für die Nachkommen Jakobs. Beinahe hätte das halb wahnsinnige Volk einen jüdischen Händler erschlagen; nur durch das tatkräftige Eingreifen des Bürgermeisters Peter Richtstock unterblieb die Untat.

Als im Herbste kühle Witterung einsetzte, ging die Seuche zurück, und am Christtage erlosch sie endlich. In Geithain sah es aber schrecklich aus. Viele Häuser standen leer, weil ganze Familien ausgestorben waren. Eltern beklagten den Verlust aller ihrer Kinder, Kinder trauerten um Vater und Mutter. Unversorgte Waisen schrien um Hilfe, Witwen wußten sich keinen Rat, zahlreiches Vieh kam aus Mangel an Pflege um.. Die wenigen Ratmannen, die übriggeblieben waren, besonders aber der Bürgermeister, hatten in der Sorge um das Gemeinwohl alle Hände voll zu tun, und es hat lange gedauert, bis sich die Stadt von dem schweren Schicksalsschlage erholte. Obwohl die Pest später, so 1463, 1586 und 1633 in Geithain abermals viele Opfer forderte, so hat sie doch nie wieder dermaßen gewütet und geschadet wie im Jahre 1380.

Erläuterungen
(1) 10. August.
(2) Der Rattenfloh war der Verbreiter.