Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Eine Hungersnot in Geithain (1771/72)

Das Jahr 1771 war bereits zu einem Drittel vergangen und doch herrschte der Winter noch in voller Strenge. Der alte Schäfer Hahn öffnete einen Fensterspalt seiner Wohnstube im Hirtenhause zu Geithain und streute den Vögeln spärliche Krümchen hinaus auf den Sims.

„Die arme Kreatur müßte umkommen, wenn sich der Mensch ihrer nicht erbarmte", sagte er, als ob er sich entschuldigen wollte, zu seiner Frau, indem er das Fenster schloß, „schau nur, wie es draußen stürmt und schneit! Nicht vor die Tür möchte man gehen, ohne den warmen Schafspelz anzuziehen. Das vorige Jahr brachte wohl auch späten Schneefall, aber so kalt wie heuer war es nicht. Und dabei hatten wir schon Mai! Muß die Sonne ihre Kraft verloren haben!“

„Immer hast du deine Herde zur Walpurgis austreiben können“, erwiderte die Frau, die sich am Ofen zu schaffen machte; „diesmal aber wirst du noch lange warten müssen! Der Erdboden ist noch gefroren, kein Hälmchen kann wachsen, keine Blume blüht; im Garten gucken die Schneeglöckchen nur erst schüchtern hervor, und die Märzveilchen schlafen noch!“

„Die Bauern klagen wegen der erfrorenen Wintersaat, und sie haben reichlich Grund dazu. Schon im letzten Jahre kamen sie um den Lohn ihrer Mühe und Plage, da sie wegen der großen Nässe kaum soviel ernteten, wie sie ausgesät hatten; und diesmal scheint`s noch übler zu werden. Die Getreidepreise werden immer mehr klettern, und das liebe Brot wird kaum noch zu erschwingen sein! Es ist ein Jammer!“

„Unser Gevatter Andrä hat seine Acker gar nicht bestellt und mancher andere Bauer auch nicht! Sie sagen, der teure Same aus dem Thüringischen sei nicht zu bezahlen. Jetzt kehren sie alle Winkel und Ecken des Schüttbodens zusammen, um nur einige Körner für die Sommersaat zu finden!“

„Wenn sie nur erst hinaus könnten! Frau, ich sorge, wir gehen wieder einmal einer bösen Zeit entgegen!“ Vorderhand freilich schien der Schäfer nicht recht zu behalten! denn Mitte Mai, als die Eisheiligen vorüber waren, schlug das Wetter um, linde Düfte wehten, und ein warmer Regen tilgte schnell die Spuren des Winters. Darauf schien die Sonne in alter Macht und verscheuchte die nagende Sorge aus den Herzen der Menschen. Die Vögelein sangen fröhlich, die Blumen erwachten, und die Obstbäume begannen, über und über zu blühen. Da beeilten sich die Landleute, die Felder für die Sommersaat zu bereiten, und der Schäfer Hahn zog mit seiner Herde wohlgemut ins Freie.

Doch dauerte die Freude nur kurze Wochen. Der Juni war noch nicht ganz verstrichen, als sich die Sonne hinter Wolken versteckte und regnerische Witterung einsetzte, die den ganzen Sommer hindurch anhielt. Es blieb kühl unter dem Himmel, Menschen und Tiere froren sogar in den Hundstagen. Das naßkalte Wetter ließ das Getreide nicht reifen, das sich umlegte und auf dem Halme verfaulte. Hilflos standen die Geithainer Bürger dem Unglück gegenüber. Auf’s neue wuchs die Besorgnis in ihren Herzen; größer und größer wurde die Angst, und als die Erntezeit kam und nicht eine einzige Garbe eingefahren werden konnte, war die Hoffnungslosigkeit über alle Maßen groß. Keine Getreide, kein Brot!

In der Ferne zeigte sich das Gespenst des Hungers. Vom Vorjahre her war keine Brotfrucht übriggeblieben; auf Einfuhr aus anderen Ländern war kaum zu rechnen; denn die Mißernte hatte nicht nur Geithain und Umgebung, sondern ganz Deutschland betroffen. Selbst wenn außerhalb Sachsens Getreide zu kaufen gewesen wäre, so hätte es doch schwer herangebracht werden können, da hohe Zollschranken die Länder scharf voneinander trennten, schnelle Beförderungsmittel, wie die Eisenbahn fehlten und die Straßen in schlechtestem Zustande waren. Auch die Kartoffeln konnten die Not nicht lindern, da deren Anbau im Lande noch wenig fortgeschritten war. Es mußte sich jeder Hausvater zu helfen suchen, wie er vermochte. Dem drohenden Mangel mußte auf jeden Fall begegnet, für das tägliche Brot Ersatz geschafft werden.

„Sehen wir zu, wie wir das Elend der Zeit mildern können!“ sprach der Schäfer; „verläßt uns das Feld, so müssen Garten und Wald helfen, uns so lange wie möglich über Wasser zu halten! Jetzt heißt es, die fünf Sinne zusammenzunehmen!

Im Walde suchte er vergeblich: Aus Mangel an Wärme hatten weder Pilze noch Beeren wachsen können, und von den sauren Holzäpfeln wollte er nichts wissen. Im Garten aber fand er Bohnen und Erbsen, Kohl und Zwiebeln, Möhren und Rettiche, die in der Feuchtigkeit wohl geblieben waren, und die Obstbäume hingen voller Äpfel und Birnen. Auf den Wiesen, soweit sie nicht abgeweidet waren, wußte der Hirt weiße eßbare Schwämme stehen.

Auch auf andere Weise wollten sich die Bürger helfen. Die geringen Mehlvorräte, die hier und da in den Haushaltungen übriggeblieben waren, streckte man durch Erbsen- und Bohnenmehl, durch Kleie und gemahlene Baumrinde; im übrigen mußte man zur Fisch- und Fleischkost greifen. Zum Glück gab es reichlich Wild, Hase und Wildschwein, Reh und Hirsch und mancherlei Vögel bevölkerten den Wald. Zwar sollte der Bürger die Jagd nicht ausüben, aber er kehrte sich nicht daran, Hunger tut weh. Wer eine Flinte besaß, schlich sich hinaus in der Hoffnung, ein Ziel für seine Kugel zu erspähen, und wer keine hatte, legte an heimlichen Orten Schlingen und Fallen. Der Pfarrwald bot Raum genug dazu, und auch der Ottenhain und das Königsfelder Holz wurden heimgesucht. Die Fischerei kam auch nicht zu kurz, solange Bäche und Teiche eisfrei blieben.

Natürlich beeinträchtigte die Mißernte auch die Viehhaltung. Für Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine, Gänse, Enten und Hühner reichte das Futter nicht mehr zu; sie fielen zum großen Teile dem Schlachtmesser zum Opfer, und eine Zeitlang war das Fleisch billig zu haben. Mit Tränen in den Augen sah der Bauer zu, wie sich seine Ställe immer mehr leerten. Als diese Vorräte zu Ende waren, sahen die Bürger nach anderen Fleisch aus. Wer zählt die Scharen der Hunde und Katzen, der Igel und Maulwürfe, die als Nahrung dienen mußten! Und waren Ekel und Abscheu vor solcher Kost noch so groß; im Hunger schlang man alles hinunter! Glücklich der, dem es gelang, Sperlinge, Goldammern, Raben oder andere Wintervögel zu erbeuten! Groß war die Zahl derer, die aus der Hand in den Mund lebten. Es blieb daher nicht verwunderlich, daß die Bettelei überhandnahm. In der Stadt zogen sie von Haus zu Haus, anfangs nur Kinder, bald auch Erwachsene, und dann gingen sie hinaus in die Dörfer, manchmal weit weg, und flehten um Barmherzigkeit um Gottes willen. Viel Gutes wurde getan, manche Träne gestillt, oftmals Not gelindert; doch auf die Dauer blieben Wohltaten nur Tropfen auf einen heißen Stein. Je mehr der Winter vorschritt, desto mehr wühlte der Hunger in den Eingeweiden, desto mehr wuchs der Jammer. Doch ist im Jahre 1771 in Geithain noch niemand daran zu Grunde gegangen. Das Kirchenbuch berichtet:

„Und so das jammervolle Jahr beschlossen worden, da Nahrungs großer Mangel, unerhörte Teuerung, da der Scheffel Korn 9–10 Taler, auch etliche Groschen darüber, die Gerste 6–7 Taler, der Hafer 3 Taler und auch wohl noch 12 Groschen gegolten, allhier zu Geithain durchgängig Mißwachs gewesen, das Pfund Brot auf 1 Groschen 6 Pfennige gekommen und die meisten Einwohner allhier in äußerste Armut geraten, dennoch durch Gottes Barmherzigkeit und Gnade versorget, da gleichwohl noch niemand Hungers gestorben. Der Herr wende seine Gnade wieder zu uns und erweise sich im künftigen Jahre als der Liebhaber des Lebens, lasse sein Gnadenantlitz über uns leuchten, daß wir genesen und uns seines Segens erfreuen und nun unser täglich Brot nicht mit ängstlichen Sorgen, sondern mit gutem Mute und freudiger Danksagung von seiner Segenshand annehmen mögen. Er sei uns gnädig und zeige uns seine Barmherzigkeit, daß wir geistlich und leiblich, zeitlich und ewig satt werden!“

Im Jahre 1772 forderte der Hungertod in Geithain die ersten Opfer. Die entkräfteten Menschen wurden stiller und stiller, suchten ihr Lager auf und schlummerten schmerzlos hinüber in ein besseres Leben; am Morgen lagen sie tot in ihren Betten. Das Geithainer Totenregister besagt vom Januar 1772:

„Und so ist dieser Monat bei noch steigender Teuerung und anhaltendem Jammer durch Gottes Gnadenvorsorge beschlossen worden, und hat mancher den Schluß seines Elendes und erduldeter Hungersnot im seligen Tode, ohne langanhaltende Krankheit, bald gemacht. Gott erbarme sich in Gnaden unser aller, die wir nach seiner Hilfe schmachten und seufzen, durch Jesus Christus, Amen!“

Die Zeit eilte weiter, die Not aber blieb; der Mangel nahm von Tag zu Tag zu, und vom Februar und März ab mehrten sich die Sterbefälle in der Stadt. Manche Bürger und Bürgerskinder endeten ihr Leben, von Schwäche übermannt, auf Bettelgängen. Baccalaureus Luschky, Lehrer an der hiesigen Lateinschule(1), schreibt darüber:

„Am 12. März 1772 ist Meister Johann Gottlieb Sittner, Bürger und Schuhmacher allhier, beerdigt worden, welcher seinen Freunde besuchen und bei jetziger Hungersnot eine Gabe haben wollen, in Obergräfenhain von großer Mattigkeit als ein schon halb Verhungerter aber überwältigt, bei Rochsburg daselbst einkehren und am 10. abends seien Geist aufgeben müssen; nachdem der erstarrte Leichnam von Obergräfenhain auf Anstalt seiner verlassenen Witwe abgeholt und ohne prädentierte(2) Auslösung verabfolgt worden.“

„Am 15. März ist Frau Anna Marie, Meister Johann Gottlieb Hoppens, Bürgers und Schuhmachers allhier Eheweib, welche bei gegenwärtiger Nahrungs- und Hungersnot gute Herzen ums Brot bitten müssen, nachdem sie am 10. dieses bei hiesiger Schilfmühle kraftlos liegen geblieben und halb tot hereingebracht worden, auch am 11. dieses gestorben, mit Segen begraben worden.“

„Am 27. März ist Johann Gottlieb Schulze juv.(3), Meister Gottfried Schulzens, gewesenen Bürgers, Zeug- und Leinewebers hinterlassener ehelicher ältester Sohn allhier, der bei jetziger großen Nahrungs- und Hungersnot seine Notdurft mit Betteln gesucht, vor Hunger an der Brücke nach Oberfrankenhain zu umgefallen, von den Rochlitzer Amts- und Altdorfer Gerichten tot gefunden und angeregten Tages abends durch die Altdorfer Nachbarn auf hiesigen Gottesacker in der Stille beerdigt worden.“

„Am 11. April ist Meister Christian Friedrich Kreising, gewesener alter Bürger und Schneider allhier, der bei jetziger nahrlosen und unerhörten teuren Zeit seinen Unterhalt mit dem Bettelsack suchen müssen, auf dem Wege bei Syhra ermattet, von den Einwohnern allda halb tot am 8. dieses hereingebracht worden und an demselben Tage noch gestorben, mit dem Segen begraben worden.“

„Am 25. Mai ist Meister Johann Christoph Lehmanns, Bürgers, Zeug- und Leinewebers allhier am 2. März 1761 geborener Sohn Friedrich August, der bei anhaltender exzessiver(4) Teuerung und gänzlichem Nahrungsmangel mit seinen Eltern schmachten und Hunger leiden müssen, mit dem Segen begraben worden.“

„An demselben Tage ist Frau Maria Elisabeth, weiland Meister Samuel Hoppens nachgelassene Witwe, Bürger und Schuhmachers allhier, welche ebenfalls vom Hunger verzehrt worden, da die Umstände am hiesigen Orte immer elender werden, daß fast niemand dem anderen helfen kann, mit dem Segen auf Gottes Acker begraben worden.“

Für Ende Juni 1772 steht im Kirchenbuche zu lesen: „So sind mit dem Halbjahrsschluß und bei noch anhaltender unerhörter Teuerung, da am 25. dieses der Scheffel Korn in Penig 23 Taler, in Altenburg 21 Taler und Leisnig 19 Taler 8 Groschen gegolten, alle Arten des Gewerbes und der Hantierung nebst dem Commercio(5) total gehemmt worden sind, der Fabrikant, Spinner und Tagelöhner nichts zu verdienen weiß oder die wenigsten kaum die halbe Sättigung zu verdienen Gelegenheit finden, 99 Personen der Zeitlichkeit und der meisten durch Hunger daraus entrissen worden. Gott erhöre doch gnädigst unsere noch im Jammer lebenden Seufzer und Wehklagen! Er wende seine harten Plagen nach seiner großen Barmherzigkeit von uns! Er segne uns nun wieder, nachdem er uns lange hart verflucht hat! Wir hoffen auf seine große Güte, die alle Morgen neu und auf seine immerwährende Gnade, die unser Leben ist, daß er sich auch unser wieder erbarmen und uns lebendig machen, auch seinen Segen im Leiblichen wieder angedeihen lassen wolle! Und solchen Hoffnungsgrund legte er bei uns dadurch, dass er bei dem größten Jammer auch Werkzeuge seiner Liebe erweckte, die als Gottes- und Menschenfreunde sich der Armen erbarmet und ihre Wohltaten auch uns allhier genießen lassen, so dies durch rühmlichste Veranstaltung des Herrn Grafen von Einsiedel(6) auf Wolkenburg und zugesandtes reichliches Almosen von auswärtigen und unbekannten Wohltätern, 145 arme Kinder täglich und zwar mit Brot und Zugemüse, abends aber mit Suppe und Brot notdürftig beköstigt werden, welche Wohltat seit dem Monat Mai gedauert, und find die Knaben in Meister Siegfried Hofmanns, Bürgers und Fleischbauers Stube, die Mädchen aber bei der verwitweten Wolfin an der Marktecke einlogiert gewesen. So mögen wir bei diesem Liebesbeweis, den der höchste denen wohltätigen Herzen in der Zeit und Ewigkeit vergelten wolle, doch denken: Vox amici, vox dei(7). Auch ist den alten Armen wöchentlich Almosen gereicht worden und eine wöchentliche freie Kollekte ostiatim(8) dazu mit gesammelt worden.“

Die Landeregierung tat dreierlei zur Linderung der Not: Sie verbot die Verwendung des Brotgetreides zur Branntweingewinnung, verteilte Geld an arme Gemeinden und kaufte ausländisches Getreide, das sie zu Schiff von Hamburg elbaufwärts nach Torgau oder Dresden schaffen ließ und für billigen Preis an die hungernden Bewohner des Landes abgab. Geithain hat, worüber sich Luschky beklagt, nichts davon erhalten, und wie aus den Ratsrechnungen hervorgeht, ist auch aus dem Stadtsäckel nichts für die Darbenden abgefallen. Die öffentlichen Kassen blieben ja auch fast leer, da die Steuern nicht entrichtet wurden. Der Stadtkämmerer klagt, daß die Gefälle "aller angewandten Mühe ohngeachtet bei diesen höchst armseligen und nahrlosen Zeiten und der darzugekommenen Teuerung nicht eingetrieben werden können, da die Bürger meistenteils ihrer Profession nach Zeug- und Leineweber sein, welche fast gänzlich außer Stande gesetzt, etwas zu kontribuieren". Die Steuerreste betrugen am Schlusse des Rechnungsjahres 1772 die für die Kleinstadt beträchtliche Summe von 2860 Talern.

Trotz aller Not kam fast kein Vergehen gegen fremdes Eigentum vor, von der Wilddieberei abgesehen. Das Stadtgericht brauchte sich in dieser ganzen Zeit des Elendes nur ein einziges Mal mit einem Verstoß gegen die Ehrlichkeit zu beschäftigen: Juliana Schuhmannin wurde 1772 wegen „unternommenen Erdbirnendiebstahls“ zu einer Strafe von 1 Taler 6 Groschen verurteilt. Zum Entsetzen Geithains schien auch die Ernte des Jahres 1772 ungünstig auszufallen. Infolge des vielen Regenwetters drohte wiederum fast alles Brotgetreide zu verfaulen. Doch hielt sich der Schaden noch in erträglichen Grenzen, es konnten auch Kartoffeln, Korn und Reis herangeschafft werden. Der Getreidepreis hielt sich aber oben, was um so bedauerlicher war, als Weber und Schuhmacher, die schon seit Jahren wenig Beschäftigung fanden, noch immer ohne Arbeit blieben. So konnte es die Hilfe auswärtiger Menschenfreunde leider nicht verhindern, daß auch in der zweiten Hälfte des Jahres 1772 viele Geithainer vom Hungertode dahingerafft wurden, unter ihnen auch der alte Schäfer Hahn. Am 12. August trugen sie den braven Mann hinaus, den alle seine Umsicht nicht hatte retten können. Am Jahresschlusse waren 183 Personen, 134 Erwachsene und 49 Kinder, wenn auch nicht alle aus Mangel und Entbehrung, unter der Sichel des Schnitters Tod gefallen, während die Zahl der Toten 1768 nur 77, 1769 nur 73, 1770 nur 66 und 1771 nur 82 betrug. Die geschwächten Körper der Hungernden vermochten keine Krankheit zu widerstehen, ihr Leben verlöschte wie ein Licht. Unzählige Tränen sind in diesem Jahre in Geithain geweint worden. 

Im Jahre 1773 endlich belohnte der Acker alle Pflege reichlich: Eine ergiebige Ernte erfreute die gebeugten Herzen. Der Preis für einen Scheffel Korn sank auf 3 Taler 12 Groschen und ging im nächsten Jahre mit 1 Taler 6 Groschen bis 1 Taler 12 Groschen auf seinen früheren Stand zurück. 1773 sind in Geithain nur 69 Personen gestorben, weniger als in den Jahren vor der Hungersnot.

Die große Trübsal weckte in den Bürgern Geithains, die fast alle ein wenig Feld, eigenes oder erpachtetes, bewirtschafteten, die Erkenntnis vom Werte der Kartoffeln, die im Volksmunde Erdbirnen(9) hießen und in der teuren Zeit nicht nach Gewicht, sondern nach dem Stück verkauft wurden, soweit sie überhaupt zu haben waren. Jetzt trat deutlich zu Tage, wie sehr die Kartoffel geeignet war, die Stelle der Brotfrucht zu vertreten. Wenn künftige Jahre etwa wieder Mißwachs brächten, wollte man nicht abermals fast hilflos zusehen. Von nun an eroberte sich das fremde Gewächs in kurzer Zeit einen großen Teil der Ackergründe in der hiesigen Gegend.

„Was die Not nicht alles fertig bringt!“ sagte Baccalaureus Luschky später im „Goldenen Löwen“; „mancher hat über die Knollen gespottet, und wie froh wären alle gewesen, wenn sie bei dem Jammer nur wenige Zentner im Keller liegen gehabt hätten! Not lehrt wohl beten mach aber auch erfinderisch!“ Die Hungersnot hat auch den Ausschlag gegeben, daß in unmittelbarer Nähe Geithains, an seiner nördlichen Flurgrenze, ein neues Dorf entstand: Mark Ottenhain, und das ging so zu:

Auf dem Neumarkte wohnte zur Zeit der Teuerung Peter Friedemann, ein Meister des ehrbaren Schneiderahndwerkes. Die ganze Stadt kannte ihn als einen Mann mit offenen Sinnen und geschickten Händen, dem es nie an Arbeit fehlte. Da er in seiner Gesellenzeit als Handwerksbursche ein gutes Stück in deutschen Landen herumgekommen war, hatte er seinen geistigen Blick beträchtlich erweitert. Von seinem Wahlspruch: "Ein braver Bursch darf kein Muff sein!" hieß er bald allgemein der „Muff“, was er ohne Widerspruch hinnahm, obwohl er weder mürrisch noch wortkarg war. Zum „Muff“ gingen die Bürger, wenn sie einen Rock für besondere Gelegenheiten fertigen lassen wollten; beim „Muff“ ließen sie arbeiten, sagten sie, wenn jemand den guten Sitz ihrer Kleidung lobte.

So manches Jahr nie rastenden Fleißes hatte es dem Meister ermöglicht, sich 1765 ein Grundstück, drei Ruten groß, in der Mark Ottenhain zu erwerben, die seit den Kämpfen des Kaisers Adolf mit den Wettinern wüste lag und als herrenloses Gut dem Staate anheimgefallen war. Der Kauf wurde in das Gerichts- und Handelsbuch des Amtes Colditz, wohin die wüste Mark gehörte, eingetragen.

Schon lange hatte Peter Friedemann auch gewünscht, seine enge Mietswohnung verlassen und sich ansässig machen zu können. Im Freien wollte er wohnen, ins Grüne schauen können; Erdbirnen wollte er bauen und die Knollenfrucht wachsen sehen, und viel kosten sollte der Grund und Boden für ein Häuschen auch nicht, und der Heimat sollte es möglichst nahe liegen, schon wegen der lieben Kundschaft. Es waren der Wünsche nicht wenige, die der Erfüllung harrten.

Nach langen Jahren des Sparens kam aber die Hungersnot und verzehrte einen Teil der ängstlich zusammengehaltenen schönen Taler; als jedoch die teuren Zeiten überwunden und abermals mehrere Jahre des Geizens vergangen waren, sich auch nirgends ein passender Bauplatz finden wollte, so entschloß sich der Meister 1781 endlich, sein Haus auf dem eigenen Feldgrundstück in der Mark Ottenhain zu errichten. Bevor er aber den Bau des langersehnten Heimwesens beginnen ließ, regelte er als kluger Mann noch einige wichtige Dinge; denn er wollte wohl in der Einsamkeit, nicht aber außerhalb aller Gemeinschaft wohnen, was schon sein Gewerbe nicht erlaubt hätte. Er wollte Antwort haben auf die Fragen: Wo sollen Kinder und Enkel zur Schule gehen, wo die Nachkommen getauft, getraut, wo begraben werden? Also verständigte er sich mit Rat und Geistlichkeit seiner Vaterstadt und ging befriedigt heim: Die Bewohner Mark Ottenhain sollten gegen besondere Gebühren in Geithain eingeschult und eingepfarrt werden, und das Amt Colditz, das sich die Steuern vorbehielt, genehmigte das Abkommen, und so war denn alles aufs beste geregelt.

Nach kurzer Zeit stand das erste Haus in Mark Ottenhain fertig da, und der Schneider zog mit seiner Familie voller Freude hinaus ins neue Heim. Er fühlte sich draußen im Freien wohl, trieb sein Handwerk nach wie vor und legte in jedem Frühjahre fleißig Erdbirnen, um in neuen Notzeiten gerüstet zu sein. Wollte ja einmal das Gefühl der Verlassenheit in ihm oder seinen Familienmitgliedern aufkommen, so schauten sie südwärts und gewannen im Anblick der Türme der Heimat frischen Mut. Beglückte aber lieber Besuch das Haus, so wurde er heiter mit dem Gruß empfangen: „Willkommen beim Muff!“ Dieser Name ist dem Orte im Volksmunde bis heute geblieben.

Es währte nicht lange, so fand das Beispiel des Meisters Nachahmung; schon nach zwei Jahren erhielt in dem Tagelöhner Johann Gottlieb Liebing, der dann sein Schwiegersohn wurde, den ersten Nachbar.

Am 12. August 1792, genau zwanzig Jahre nach dem Heimgange des Schäfers, trat der erste Todesfall in der jungen Siedlung ein, es starb das 6 Wochen alte Söhnchen Liebings. Schon am 14. Oktober desselben Jahres folgte ihm der Gründer des Ortes im Alter von 67 Jahren 2 Monaten nach. Im Geithainer Totenregister steht geschrieben: „1792, den 17. Oktober, ist Meister Peter Friedemann, Schneider und Häusler auf dem von ihm angefangenen neu erbauten Mark Otttenhain, mit Leichenpredigt und Abdankung begraben worden. Die Einwohner auf der Mark Ottenhain werden in Ansehung der geistlichen Gebühren und Gefälle wie das eingepfarrte Altdorf angesehen und müssen ihre Leichen bringen bis an die Postsäule vor dem oberen Tore, welches auch mit ihrer eigenen Bewilligung in beiden vorherigen Fällen geschehen.“

Allmählich, wenn auch sehr langsam, wuchs der Ort durch neue Zuzügler, die sich mehr und mehr der Landwirtschaft zuwandten und so aus Häuslern und Tagelöhnern Bauern wurden. Zu den Wohnhäusern gesellten sich Ställe und Scheuern, und wer heute die Colditzer Straße hinauswandert, erblickt links des Weges fünf und rechts zwei ansehnliche Gehöfte. Im Hause Friedemanns(11) war eine Schankstätte, die Birnbaumschenke, aufgetan worden, der sich später weiter unten(12) die Pappelschenke anschloß, bis im Jahre 1848 Johann Friedrich Reißky vom Amte Colditz die Gasthofsgerechtigkeit erwarb, die der Familie bis heute zusteht. Als 1852 das sächsische Gerichtswesen anderweit geregelt wurde, kam Mark Ottenhain, als zu Geithain gehörig, unter die Gerichtsbarkeit des neu errichteten Amtsgerichtes. Im Jahre 1931 kann der „Muff“ das Fest seines einhundertfünfzigjährigen Bestehens feiern.

Erläuterungen
(1) 1795 in die Bürgerschule umgewandelt.
(2) geforderte.
(3) juvenius = ein (unsträflicher) Jüngling.
(4) alles Maß überschreitender.
(5) Handel.
(6) Sein Vetter Heinrich Hildebrand von Einsiedel wohnte hier.
(7) Freundes Stimme ist Gottes Stimme.
(8) von Haus zu Haus.
(9) Arpern, Apern oder Abern noch heute im Volksmunde.
(10) heute Gutsbesitzer Berger.
(11) Bei Gutsbesitzer Müller.