Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Der große Brand von Borna 1668

Öfters ist Borna in alter Zeit von verheerenden Feuersbrünsten heimgesucht worden, die bei der leichten Bauart der meist strohbedeckten Häuser rasche Verbreitung gewann und in wenigen Stunden vernichteten, was Menschenfleiß in jahrelanger Mühe und Arbeit geschaffen. So wird aus dem Jahre 1379 von einem großen Stadtbrande berichtet, wonach den verarmten Einwohnern vom Landesherren die Steuern auf fünf Jahre erlassen und auch für die späteren Jahre und bedeutend herabgesetzt wurden. 1449 weihte man in der Stadtkirche dem heiligen Bitus einen Altar, weil an seinem Namenstage ein Schadenfeuer großes Unheil angerichtet hatte. Neben den vielen Feuerbrünsten, die von den Hussiten und den Söldnerscharen im Bruderkriege angefacht wurden und oft ganze Häuserreihen in Schutt und Asche legten, erlitt Borna die größte Heimsuchung durch die gefräßige Flamme im Jahre 1668, wie aus einer Niederschrift des damaligen Bürgermeister Abraham Grunigke hervorgeht.

Es war Hochsommerzeit. Heiß brannte die Augustsonne auf die schnittreifen Ährenfelder, die draußen im weiten Umkreise die Stadt umgaben; denn die meisten der Bornaer Handwerksmeister und Krämer waren zugleich auch Ackerbürger. Jede freie Hand, auch von unvermögenden Nachbarn und Gesellen, wurden in diesen Tagen gebraucht, um den reichen Erntesegen rasch zu bergen. Auch der Böttcher Michael Küchler half draußen auf dem Felde mit gegen Lohn. Tagelang ruhten jetzt daheim Hobel und Schlegel in seiner Werkstatt. Sein Haus war das zweite vom Wassertore her auf der Seite von der Gasthof „Zum blauen Hecht“ stand. Dieser Stadtteil hinterm heutigen Rathaus hieß von alters her „der Hasenwinkel“, eigentlich Hosenwinkel, vermutlich, weil dort der Buttermarkt stattfand und die Butter damals nach „Hosen“ verkauft wurde. An dem Unglückstage des Jahres 1668 – es war am 7. August abends gegen 7 Uhr –, bereitete Küchlers Eheweib das Abendessen an einem Feuer von dürren Böttcherspänen dem nahen Wasserbecken des steinernen Marktbrunnens noch schnell Wasser zu holen. In der kurzen Abwesenheit traten die beiden schon größeren Kinder in die enge Küche hinein. Hei, wie das prasselnde Feuer an den trockenen Spänen leckte.

„Es zog mit allen Fingern sie zu den Flammen hin!“ Das Vorwitzigere von ihnen ergriff eine solche Spanfackel, und was bei Kinder das eine tut, macht das andere flugs nach. So schwangen sie wirbelnde Feuerkreise und leuchtende Funkenschlangen, daß es ein Lust war, und freuten sich jauchzend des prächtigen Feuerwerks im Küchenraume. Aber nur kurze Minuten währte ihr verwegenes Spiel; denn als dem einen Kinde die Flamme vom Spane an die Hand schlug, warf es den Brand von sich und zum größten Unglück in den Haufen dürrer Hobelspäne in der türlosen Werkstatt nebenan. Ehe die Mutter mit dem Wasser zurück war, schlugen die Flammen aus dem Hause, „welches ganz niedrig und nur von Holze gewesen ist.“ Durch die von der Hitze zersprungenen kleinen Schiebefenster züngelten sie heraus und liefen an dem ausgedörrten, vielmal geflickten Strohdache empor.

Bald ergriffen sie auch die an das Böttcherhaus angelehnten Nachbardächer. Nun hatte das wütende Element freien Lauf, und der erwachende Wind fachte sie zu immer neuem Fraße an. Es nützte nichts mehr, daß nun die zu Tode erschrockenen Kinder samt Mutter auf die enge Gasse hinausstürzten und jämmerlich um Hilfe schrien, wenn auch hilfsbereite Nachbarn alles zunächst erreichbare Wasser in den Brand schütteten. Was waren die wenigen Hände gegen die gewaltige Macht! Ehe die meisten Bürger vom Felde heim waren, schlugen die Flammen turmhoch und äscherten Haus um Haus, Häuserzeile um Häuserzeile ein, und die Funkenflug tat das Seinige dazu.

Wohl hatte der wachsame Türmer auf der Stadtkirche das Feuer rechzeitig bemerkt. Unablässig rief in raschen Schlägen die Feuerglocke, von des Türmers Weib gezogen, die Bürger zu schneller Hilfeleistung. Er selbst wies durch das Sprachrohr die ausschauende Menge nach dem lodernden Feuerherd und tutete in lauten Signalstößen mit dem Feuerhorn nach allen vier Seiten der Stadt hin, um neue Helfer herbeizurufen. Die rote Feuerfahne wurde nach der Richtung des Feuers am Turme herausgesteckt und nach Eintritt der Dunkelheit durch die rote Feuerlaterne ersetzt. Und alle kamen und verstanden die Feuerzeichen. Auf dem Brandplatze im Hasenwinkel, wo indes die Flammen gierig weiterfraßen, herrschte ein wirres Durcheinander.

Weinende Mütter brachten ihre Kinder in Sicherheit, andere schleppten Betten, Kleider und Möbelstücke aus den gefährdeten Häusern, und viel war es nicht, was sie retten konnten. Abgekettetes Vieh stürzte scheu aus den brennenden Ställen nach dem freien Markte und den angrenzenden Straßen der Stadt. Dazwischen kläfften wütende Hofhunde mit versengtem Fell, die Kette noch am Halse, mit der sie sich von der morschen Hütte losgerissen hatten. Und inmitten der sengenden Glut und der herabstürzenden Balken arbeiteten schweißtreibend die Männer, die nach der Feuerordnung zum Löschen verpflichtet waren, unter dem Kommando ihrer Viertelsmeister mit eisernen Feuerhaken und hanfenen Wassereimern. Feuerspritzen gab es in Borna noch nicht; erst 50 Jahre später, im Jahre 1723, wurde die erste vom Rate der Stadt angekauft. Von Frauen und Mädchen mußten darum auf Kufen stehende große Sturmfässer, mit Wasser gefüllte, von den Rohrtrögen des Marktes herbeigeschleppt werden.

Schnell waren sie entleert, und immer und immer wieder jagte man zu den langsam versiegenden Marktbrunnen. Nach dem Altenburger Tore hin, wo heute das Postamt steht, und nach den Wasserpforten in der südlichen Stadtmauer am Ausgange der Webergasse und der Brauhausgasse an den die Bürger in langen Doppelreihen, die wandernden Feuereimer hurtig von Hand zu Hand gebend, herwärts voll und hinwärts leer. Die Stadtknechte schimpften und fluchten über die oft ungeschickten und durchnäßten Helfer, die sich in zornigen Gegenreden wehrten. Alle Arbeit war vergebens den die Flamme lief weiter und weiter, bis sie nach einer furchtbaren Nacht und einem noch schrecklicheren Tage in sich selbst zusammensank.

Ein ganzer Stadtteil, der mehr als ein Viertel aller bewohnten Häuser der kleinen Stadt ausmachte, lag in Schutt und Asche. In den öden Fensterhöhlen wohnte das Grauen. 91 Häuser, 18 Scheunen, 9 Kellerhäuser und 6 Malzhäuser waren durch Feuerglut vernichtet worden, darunter das Rathaus und das Diaconat. Zahlreiche Haustiere, fast alles Federvieh, der größte Teil des Hausrates, der Ackergeräte, der Kleidung und viele andere Habseligkeiten der Bürger waren dem Feuer zum Opfer gefallen. Auch eine große Anzahl wertvoller alter Schriften wurde bei jenem unglücklichen Brande im Rathaus mit vernichtet. Wie ein Wunder muß es erscheinen, daß kein Menschenleben zu beklagen war. 

Die bedauernswerten Abgebrannten suchten bei Verwandten und guten Freunden unterzukommen, sie waren heimatlos geworden. Manch einer ergriff den Wanderstab, um nach dem Verkauf seiner wüsten Brandstätte sich anderwärts ein neues Heim zu gründen. Entschädigungen aus Feuerversicherungen oder der staatlichen Brandkasse waren gänzlich unbekannt. Es erfolgte aber auch diesmal Steuererlaß für die Betroffenen, denen der Stadtrat auch "Bettelbriefe" ausstellte, und in den Nachbarstädten sowohl wie in Dresden wurden durch die Landesherren angeordneten Geldsammlungen beträchtliche Beihilfen aufgebracht.

Freilich war die Stadt Borna durch den verheerenden Brand noch mehr in Schulden geraten, daß sie gezwungen ward, ihre Rittergüter in Witznitz und Gestewitz zu verkaufen, um zu Gelde zu kommen. Heute ist der Stadtteil zwischen Markt, Bahnhofstraße, Mühlgasse und Brauhausstraße samt dem Rathause mit festem Mauerwerk und harter Bedachung längst wieder aufgebaut. Immer noch heißt er im Volksmunde „der Hasenwinkel“, wiewohl er nicht im geringsten mehr zeigt, daß er vor 250 Jahren aus Schutt und Brand neu erstanden ist. Nur der von gedrehten Porphyrsäulen begrenzte Torbogen am Rathause mit der Jahreszahl 1668 ist letzter stummer Zeuge des großen Brandes.