Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Der Babuschenmacher von Groitzsch

Im Westen der Bornaer Pflege, auf dem letzten nördlichen Randhügel der fruchtbaren Elsteraue, stand einst die stolze Burg des Grafen Wiprecht. Unter seinem Schutze erfreute sich das schon ums Jahr 1000 gegründete Städtlein Groitzsch eines gedeihlichen Wachstums. Handwerker aus Thüringen bildeten willkommenen Zuzug der Siedlung am Burgberge, wo sie als freie Bürger ein gesichertes Dasein fanden. Im Laufe der Jahrhunderte gewann hier das ehrsame Handwerk der Schuhmacher durch die ansehnliche Zahl seiner Zunftgenossen eine hohe Bedeutung. Die Groitzscher Meister zogen mit ihrer Ware zur Leipziger Messe; in langen Reihen standen ihre Buden auf den Jahrmärkten; mit dem Quersack über der Schulter wanderten sie auf die Dörfer der Umgegend, um ihre Ware feilzubieten. Besonders durch die Anfertigung von Pantoffeln oder Halbschuhen aus weichen Stoffen, Babuschen genannt, waren die Groitzscher Schuhmacher schon von altershehr bekannt und brachten dem Städtlein den Scherznamen „Babuschen-Groitzsch“ ein. Woher stammt dieser Name?

Es war im Jahre 1542. Unter der Tür seines schindelgedeckten Häuschens in der Wiprechtsgasse stand Jakob Schwertlin, ein Jungmeister der ehrbaren Schuhmacherzunft. Angetan mit dem bunten Waffenrock von früheren Söldnerjahren her, mit dem Schwert an der Seite und der Armbrust auf dem Rücken, nahm er Abschied von seinem jungen Weibe, das erbärmlich schluchzte und die Hände des Mannes nicht freigeben wollte. Immer wieder sprach er tröstend auf sie ein: „Und ich kehre wieder, ehe das Jahr zu Ende geht! Bis dahin ist ja gesorgt für dich! Sieh, Vetter Florian ist auch schon fort, und andere werden folgen. Mit guter Kriegsbeute komm’ ich heim. Und wein’ dir nicht die Augen aus, bis ich dich wiederseh’. Der Herrgott schütz’ dich!“ Mit diesen Worten riß er sich los und schritt in der Morgenfrühe durch die menschenleeren Gassen des Städtleins auf Leipzig zu, um dort zum Heere des Herzogs Moritz zu stoßen. Dieser ließ in seinen Erblanden die Werbetrommel rühren gegen die Türken, um im Bunde mit andern deutschen Reichsfürsten das Ungarland zu befreien. Mit Freuden ward Jakob als erprobter Reiter und sicherer Armbrustschütze in seine frühere Schar eingereiht, die als Leibtruppe des Herzogs galt.

Nach Monaten befand sich der Groitzscher in der Festung Ofen, die von Süden her von den Feinden schwer bedrängt wurde. Dem sollte ein Ende gemacht werden „Wer wagt es?“ fragte einmal zur Mittagszeit der Sachsenherzog die um ihn im Halbkreis versammelten Reiterscharen. „Männer mit furchtlosem Herzen brauche ich gegen die hinterlistige Türkenbrut, die täglich aus dem Walde dort hervorbricht und uns schweren Schaden zufügt. Morgen wollen wir´s ihnen heimzahlen!“

Unter einer großen Zahl bewährter Armbrustschützen ritt in der Frühe des nächsten Tages auch Schwertlin dem Feinde entgegen. Ein wenig schlaftrunken noch, schweiften seine Gedanken zum fernen Heimatstädtchen in der Wiprechtsgasse zu seinem jungen Weibe. Plötzlich schwirrte eine ganze Pfeilwolke unversehens über die Köpfe der sächsischen Reiter hin: die Einleitung zum Kampfe. Eine überlegene Schar berittener Türken fiel aus dem Hinterhalte über das Sachsenhäuflein her. „Allah il Allah!“ war ihr wüstes Kampfgeschrei. Krumme Klingen blitzten, Pfeile surrten, getroffene Rosse bäumten auf, todwunde Krieger sanken zu Boden. Hart ward der Kampf Mann gegen Mann. Des Herzogs schäumender Hengst überschlug sich, den Reiter mit niederreißend. Schon blitzte ein halbes Dutzend türkischer Klingen über ihm, als im Augenblick der höchsten Gefahr sich der treue Page, Sebastian Reibisch, über den Herrn warf und mit seinem Leibe die todbringenden Hiebe auffing. Andere sächsische Reiter eilten zu Hilfe und retteten ihren Führer vom sicheren Tode. In ihrem Schutze entkam Moritz glücklich. Umsonst war der kühne Ausfall der tapferen Sachsen, sie wurden in die Flucht geschlagen oder bedeckten tot oder schwer wund die Walstatt.

Auch unsern Groitzscher hatte das Kriegsglück betrogen. Eben hatte er mit der Armbrust den dritten Türken vom Pferde geschossen, als er von hinten einen Säbelhieb über den Kopf erhielt. Die Waffe entsank seiner Hand und sein scheuender Brauner stürmte, der straffen Zügel ledig, in den Wald, wo er den Bewußtlosen abwarf. Stunden um Stunden vergingen, nur zuweilen hörte man den heiseren Ruf eines sterbenden Kriegers, nur zuweilen den müden Hufschlag eines irrenden Pferdes. Da schlich es heran, raubtierartig, mit blitzendem Dolch, den prallen Mantelsack nachschleppend: Türkische Soldaten kamen, um die gefallenen Ihrigen zu holen und die toten Christen zu berauben. Auch über das blutbefleckte Antlitz des braven Jakob beugte sich ein Leichenräuber, der in der stattlichen Gestalt mit dem bunten, enganliegenden Waffenrock und dem ledernen Spitzenkoller einen Offizier vermutete.

Da der Verwundete noch schwache Lebenszeichen von sich gab, legte er ihn in der Hoffnung auf ein ansehnliches Lösegeld quer über den Sattel und ritt dem türkischen Lager zu. Als sich ergab, daß der Gefangene deutsche Reiter nur ein gewöhnlicher Söldner war, wurde er an einen Sklavenhändler verkauft, deren viele dem türkischen Heere in Erwartung wohlfeiler Einkäufe folgten. Wenige Wochen später wurde der arme Fremdling auf dem Sklavenmarkte zu Konstantinopel an einen vornehmen Pascha verkauft, der ihn auf seine Besitzung mitnahm und ihn dort in seinen Gärten arbeiten ließ. Ein trauriges Schicksal für Jakob Schwertlin! Sollte er es lebenslänglich tragen müssen? Wochen, Monate vergingen, längst war das Christenheer wieder heimgezogen, und er schmachtete hier als Gefangener, heimatlos, trostlos, hoffnungslos!

Allabendlich stieg er zum kleinen Hügel des Gartens empor und schaute der sinkenden Sonne nach, und traute Bilder aus vergangenen Tagen stiegen in seiner trauernden Seele auf. „Dort, wo der goldne Sonnenball untergeht, liegt mein liebes Heimatstädtlein Groitzsch; mein herzig Weib kommt jetzt vom Marktbrunnen heim; die Nachbarn der Wiprechtsgasse fragen nach mir und fragen nach mir und bleiben ohne Antwort, nur stumme Tränen rollen über die bleichen Wangen der armen Frau. Lieber Herrgott, rette mich aus meiner tiefen Not und hilf, daß ich wieder heimkomme!“ Also betete der fremde Christensklave heiß und innig manchen lieben Abend.

Einst saß Schwertlin nach Feierabend unter einem Baume und flickte sich mit einfachen Werkzeugen seine schadhaften Schuhe wieder zurecht. Eben kam der Pascha daher und sah dem geschickten Manne neugierig zu. Durch diesen Vorgang kam des Deutschen Handwerk zu Ehren, und der Schuster mußte von nun an das Schuhwerk der zahlreichen Palastbewohner in stand halten.

Die türkische Fußbekleidung war aus feinstem Saffianleder hergestellt, dessen Bearbeitung damals nur das Morgenland kannte. Diese nach Farbe und Form ganz verschiedenen spitzen Schuhe waren vielfach ohne Fersenkappen und ohne Absätze und an den Rändern mit kostbaren Rüschen und bunten Borten reich verziert, unsern Pantoffeln sehr ähnlich. Schwertlin lernte die Kunst der Anfertigung dieser türkischen Hausschuhe gar bald von Grund aus, zumal das harte Schicksal ihn noch einige Jahre in der Übung dieser Arbeit erhielt. Im hinteren Erdgeschoß des geräumigen Herrenhauses wurde ihm eine kleine Werkstatt eingerichtet. Im Verkehr mit der Dienerschaft lernte er türkisch genug, um sich mit ihr verständigen zu können. Und es hätte sich auch im fremden Lande erträglich leben lassen, wenn nur das brennende Heimweh nicht gewesen wäre! Das wurde auch zuweilen von den Dienern des Paschas bemerkt, wenn der arme Fremdling traurig seinen Kopf in die Hand stützte und tränenfeuchten Blickes vor sich hinstarrte.

Vor allem war es eine junge Dienerin, Babusa mit Namen, welcher seine Not zu Herzen ging. Sie selbst, losgerissen von ihrer armenischen Heimat, ohne Eltern und Verwandte, von Kind auf schon im Palaste des Paschas aufgewachsen, hatte sich mit dem Schicksal einer Sklavin abgefunden. Sie war es auch, die seine Gedanken am besten verstand, ihm tröstend zusprach und ihm endlich zur Flucht verhalf.

Wieder einmal nahte das Fest des Propheten. Die gesamte Dienerschaft des Paschas hatte alle Hände voll zu tun in Erwartung der großen Zahl vornehmer Gäste, die geladen waren. Am Vorabend stand der Schuhmacher wieder auf dem Gartenhügel, mit der Seele die Heimat suchend. Da raschelte es hinter ihm. Babusa war es, die noch einen Strauß Rosen zu holen beauftragt war. Traurig wandte sich der arme Gefangene ihr zu, und wieder einmal erkannte ihr liebes Auge seine heiße Sehnsucht nach daheim.

Flüsternd gab sie ihm zu verstehen, daß die morgige Nacht seiner Flucht günstig sei. „Und ich will dir dazu helfen!“ Sie führte ihn im dämmrigen Dunkel zum andern Ende des Gartens und zeigte ihm hier eine durch wucherndes Gebüsch verdeckte geheime Nische mit einer Pforte, in der Farbe des hohen Mauerwerkes gehalten und kaum sichtbar, schmal und niedrig zwar, doch groß genug, einen Menschen hindurch zu lassen. "Niemand von der Dienerschaft außer mir kennt diese Pforte, die ich zufällig entdeckte und versehentlich aufstieß, als ich einer verflogenen Pfauhenne nachlief. Vom erbosten Herrn ward ich damals – es mögen wohn ein Dutzend Jahre darüber vergangen sein – hart bestraft. Löse unten die lockeren Steine, drücke das Türlein mauerwärts und schlüpfe hinaus! Wandere schnellen Schrittes rechts durch den Zypressenwald zur Straße nach der großen Hafenstadt. Mantel und Turban und ein Weniges zur Wegzehrung wirst du in der Werkzeugtruhe deiner Kammer finden. Morgen um Mitternacht entflieh, wenn du es zweimal klopfen hörst. Allah beschütze dich!“ Mit heißem Danke schied der Groitzscher von ihr.

Der große Tag und die noch größere Nacht mit ihrem lauten Jubel kamen. Still legte sich am Abend der Schuhmacher, der als Christensklave in keiner Weise wie etwa die anderen Diener an dem mohammedanischen Feste teilnehmen durfte, auf seine Lagerstatt im dunklen Kämmerlein und erwartete bangen Herzens den Oberschließer. Doch der blieb aus! Hatte er ihn vergessen, oder war er des geschickten und gutmütigen Sklaven sicher? Um die 12. Stunde, als gerade die Janitscharenmusik droben im Palaste am lautesten tobte, klopfte es zweimal leise an die Tür. Dem Gesellen war, als husche etwas die Stiegen draußen hinan. Es war Babuse, seine edle Helferin. Hurtig wurden Mantel und Turban angetan, und hinaus ging´s mit lautlosem Schritte dem Garten zu, der goldenen Freiheit entgegen. „Herr hilf, o Herr, laß wohlgelingen!“ betete er leise, und sein Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf.

Die Flucht gelang. Nach einigen Tagen erging sich Jakob Schwertlin als Türke verkleidet inmitten des Gewühls im Hafen einer großen Handelstadt. Gespannt beobachtete er, wie fremdländische Matrosen schwere Fässer auf schrägen Leitern vom Ufer in eine grüne Schaluppe hinabrollten zur Verladung für die stattliche Brigg da drüben, die einen geflügelten Löwen im Flaggentuche am Hauptmaste trug. „Venedig, Italien, dem Abendlande entgegen! Wenn es mich mitnähme!“ so schossen die Gedanken durch sein Hirn. Im selben Augenblicke sah er auch, wie zwei Matrosen sich vergeblich abmühten, ein zentnerschweres Faß an Seilen zu halten. Die durch die abgeglittene Leiter gefährdete Ladung drohte ins Hafenwasser zu sinken und beide Männer mit hinabzuziehen. Schnell entschlossen warf der Schuhmacher seinen Mantel ab, griff herzhaft zu und rettete so Ware und Menschen vor Schaden. Dem wachsamen Auge des Schiffseigners war dieser kurze Vorfall nicht entgangen.

Sogleich trat er an den hilfsbereiten Fremdling heran. Er, der als weitgereister Seemann auch der deutschen Sprache mächtig war, erfuhr von ihm sein Schicksal und seine Sehnsucht nach der Heimat. Er willfahrtete seinem Wunsche und nahm ihn mit auf sein Schiff. Und er hatte damit einen guten Griff getan, denn der Groitzscher war nicht nur eine willige Arbeitskraft für allerlei Handreichungen, sondern besserte als geschickter Arbeiter auch alles Lederzeug des Schiffes kunstgerecht aus. Nach langer Seefahrt kam Jakob in Venedig an, wo er, vom Kapitän reichlich entlohnt, auf Empfehlung sich einem Kaufmannszuge der Fugger in Augsburg anschließen durfte und glücklich nach Augsburg gelangte. In der nächsten Morgenfrühe schon ging es weiter fort über Ingolstadt nach Nürnberg, der Heimat seines berühmten Zunftgenossen Hans Sachs.

Alte Erinnerungen aus der Wanderzeit von einst tauchten in ihm auf, wenn er jetzt wohlbeschuht mit Felleisen und Knotenstock seine Straße dahinzog, bei freundlichen Volksgenossen Ruhe und Asung erbittend oder eines Zehrpfennigs wegen Arbeit im Tagelohn suchend bei den Altmeistern seiner Zunft. Nach Hof und Gera, immer der alten Straße im Elstertale folgend, winkten ihm endlich in der letzten Woche des scheidenden Jahres hinter Zeitz die Fluren von Groitzsch. Schneidend kalt blies der scharfe Ostwind, und leise rieselten Tag für Tag die Schneeflocken und erschwerten dem rastlosen Wanderer Weg und Steg. Was schierte es ihn, wenn er von Kriegsbeute nichts, auch rein gar nichts mit heimbrachte! Wenn er nur sein Weib noch fand und ein schützendes Dach! „Heimat, du einzig schöne, sei mir gegrüßt, dir bleib ich fortan treu für immer!“ Dieser eine Gedanke nur war es, der den Schritt des Wanderers beflügelte.

Schwertlins junge Frau hatte schon ein ganzes Jahr umsonst auf Nachricht von dem geliebten Gatten gewartet; denn damals ging noch keine Post aus Ungarn nach dem Sachsenlande, die ein Brieflein hätte mitnehmen können. Ihr ward während dieser Zeit ein Knäblein geschenkt, das sie mit aller Mutterliebe pflegte. Nun gab sie Glaub’ und Hoffnung auf seines Vaters Wiederkehr erst recht auf. Der neue Frühling kam und mit ihm manche Nachricht vom Heere des heimgekehrten Herzogs Moritz. Auf jedes Gespräch lauschte sie, bei jedem Hufschlag eilte sie zum Fenster, auf jedes Pochen zur Tür, doch immer vergebens! Der Verzweiflung nahe war sie, als ihr Vetter Florian heimkehrte - mit zerschlissenem Kriegsrock, einem Stelzfuß und einer furchtbaren Narbe im Gesicht. Von ihm erfuhr sie auch, daß ihr lieber Jakob seit dem unglücklichen Gefecht im Walde vor der Festung Ofen verschollen und wahrscheinlich, wie so viele der tapferen sächsischen Reiter, von den Türken getötet sei. Welch Herzeleid für das arme Weib! 

Doch ein Unglück kommt selten allein. Hartherzige Gläubiger warfen das verlassene Weib aus dem Häuslein in der Wiprechtsgasse; beim heimgekehrten Invaliden, ihrem Vetter, fand sie freundliche Aufnahme. Ärmlich genug ging es bei ihm zu; ihre einzige Freude im Unglück war ihr munterer, kleiner Knabe, der prächtig gedieh. So kam der Heilige Abend des Jahres 1546 heran. Aus den Häusern des Städtleins drangen die Wohlgerüche des frischen Weihnachtsstollens und der Duft hausschlachtener Wurst. Nur im Häuslein des Invaliden war man froh, wenn man auch moren seinen Grützbrei und sein Stück Brot hatte.

Drei Menschenkinder saßen um das Holzfeuer des kleinen Kamins: Gertrud mit ihrem Knaben, der immer wieder die Geschichte vom Weihnachtsengel hören wollte, und ein wenig seitab der Invalid. Auf dem Tische brannte trüb die zinnerne Öllampe, und draußen weihnachtete es. Da stampfte es in dem dunklen Flur, als ob jemand die Tür suchte, Gertrud ging, um zu öffnen. Da tönte eine wohlbekannte Stimme an ihr Ohr, und – o freudiger Schrecken – der Totgeglaubte trat ihr entgegen! Sprachlos vor übergroßer Freude lagen sie einander in den Armen. Den ganzen Abend saß der Heimgekehrte, seinen Knaben auf dem Schoße, zwischen Gattin und Freund und erzählte seine Leidensgeschichte. Am anderen Morgen erfuhr es die halbe Stadt, und noch vielmals mußte Jakob seine Erlebnisse schildern. 

Dem Schuhmacher öffneten sich die Herzen, sie erwiesen ihm schnelle Hilfe und mancherlei Unterstützung in seinem Berufe. Durch gute Arbeit schuf er sich bald einen Kreis von ständigen Kunden. Auf den städtischen Wochenmärkten bezog Jakob Schwertlin seinen kleinen Stand regelmäßig. Nebenher arbeitete er unverdrossen an der im Morgenlande erlernten Kunst, aus weichem, gefärbten Leder oder Filze bortenbesetzte, zierliche Halbschuhe herzustellen, die von der üblichen groben und schweren Fußbekleidung vorteilhaft abstachen. Das erste Paar dieser leichten und warmen Hausschuhe schenkte er seiner lieben Gertrud, die freudestrahlend darin einherging und nicht versäumte, sie allen Freundinnen und Bekannten zu zeigen. Durch den Verkauf dieser neumodischen Schuhe, die jedermann begehrte, ward Jakob ein gesuchter Meister, der durch den lohnenden Verdienst mit der Zeit nicht nur seine Schulden abzahlen und sein gepfändetes Haus wieder erwerben konnte, sondern auch uneigennützig andere Groitzscher Meister die neue morgenländische Kunst lehrte. Nach arbeitsreichem Tagwerk aber gedachte er gern der freundlichen Babusa im fernen Türkenlande und nannte nach ihr jedes neu fertiggewordene Schuhpaar „Babuschen“, d. h. Schuhe der treuen Babusa.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich in Groitzsch dieser Zweig des Schuhmacherhandwerkes zu einer weitbekannten Hausindustrie, die sich im Zeitalter der Maschinen in ganz Deutschland verbreitete. Wenn auch infolge veränderter Zeiten die Babuschenfabrikation nicht mehr den Umfang einnimmt wie einst, so verdankt doch Groitzsch seinen Ruf als Schuhmacherstadt zum Teile sicherlich der Herstellung der türkischen Schuhe.