Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Im Böhlener Tagebau

Was im Tiefbau dem Auge des Wanderers sich entzieht, ist deutlich sichtbar im Tagebau.

Es gibt deren eine ganze Reihe im Bezirke Borna. Fast sämtliche Braunkohlenwerke sind Tagebaue, nur 2 haben Tiefbau: das Ramsdorfer und das Breunsdorfer Werk. Der größte Tagebaubetrieb liegt an der Nordgrenze des Bezirkes, bei Böhlen, Gaulis, Trachenau, Kieritzsch, Spahnsdorf und Lippendorf. Er ist zur Zeit das größte Werk in ganz Mitteleuropa. Ihm wollen wir einen Besuch abstatten.

Ein gewaltiges Loch gähnt uns entgegen, wohl an die 2000 m lang, an die 500 m breit und an die 50 m tief. Sieben Eimerkettenbagger und drei Löffelbagger vergrößern es mehr und mehr. Sie räumen täglich 10–15 000 cbm Erde hinweg, die von 25 meist elektrisch betriebenen Förderzügen etwa 4 km weit weg auf die Spülkippe hinaufgefahren werden. Die Loren sind größer als anderswo und so eingerichtet, daß sie sich selbst entladen.

Wir steigen hinab in den Kessel und beobachten die Veränderung der Schichten an der Seitenwand. Es folgen einander von oben nach unten etwa 50 cm mausgrauer Mutterboden, 3 m brauner Geschiebelehm, 4–6 m Kies, 18 m weißer Sand, 5–7 m Oberkohle (das Oberflöz), 7 m Sand und Ton (das Zwischenmittel) und schließlich ein breites Feld schwarzer Kohle (das Hauptflöz), dessen Mächtigkeit nicht zu sehen ist, das aber als 12–15 m tief erbohrt worden ist. Auffällig sind die vielen umfangreichen Baumstubben, die aus dem Oberflöz herausragen. Deutlich sieht man ihre Wurzeln in die Kohle hineingehen.

Wie mögen die Baumstämme hierhergekommen sein, 30–40 m tief unter unsere heutige Erdoberfläche? Sie haben einst hier gestanden und gegrünt, und wo wir uns jetzt aufhalten, war in fernen Zeiten Waldboden. Viele, viele tausend Jahre sind seitdem vergangen. Die Leipziger Bucht war damals noch ein ungangbarer großer Sumpf, mit Zypressen bewachsen. Warme und feuchte Luft ließen diese üppig wuchern, aber keine Menschenhand kam und machte sich den Holzreichtum nutzbar. Sie die Baumriesen ohne Pflege gediehen, so stürzten sie ohne Waldhüters Säge um und legten sich in den Sumpf, wenn der Sturm ihre Wipfel allzusehr schüttelte oder wenn das Alter ihren Stamm morsch gemacht hatte, um neuen Bäumen den Platz zu räumen.

Eine Generation sproßte auf der anderen, und allmählich hob sich der Waldboden bis zu einer Höhe von 15–17 m. Gewaltige Wasser überschwemmten den Wald, vernichteten ihn und setzten 7 m Sand und Ton über ihm ab. Dann wich das Wasser wieder und bot dem Braunkohlenwald erneut Gelegenheit zur Entwicklung. Abermals strebten Sumpfzypressen gen Himmel; abermals wuchs der Wald, und abermals baute er 5–7 m Waldboden auf, das Oberflöz, bis erneut das Meer einbrach und auch ihm den Garaus machte. Diesmal blieb es lange Zeiträume in der Leipziger Bucht, so lange, bis es 18 m Sand abgesetzt hatte. Als dann die Eiszeit die Gletscher über unsere Heimat dahingleiten ließ, lag der Braunkohlenwald – an uns gemessen – schon ewig in der Tiefe und wurde nach und nach zu dem, was er heute ist, zu Braunkohle. Also ist sie ein Stück Heimatboden längst vergangener Zeiten, ein Rest seines einstigen Sumpfwaldes.

Wie groß die Schätze sind, die jene Zeit für uns aufgespart hat, zeigen folgende Zahlen: Das Braunkohlenwerk Böhlen allein will bei vollem Betriebe jährlich 3 Millionen Tonnen Braunkohlen fördern, mithin jährlich annähernd 7000 Eisenbahnzüge zu je 30 Wagen mit 300 Zentnern oder täglich 22 Kohlenzüge. Und trotz der reichen Ausbeute sollen die Böhlener Kohlenlager noch mehrere hundert Jahre reichen!

Wohin wandert nun die Kohle aus dem Tagebau? Durch die Kohlenbunker abgefahren, wird ein Teil zu Kohlenstaub gemahlen und im Werke zum Heizen verwendet oder in besondere Wagen verfrachtet. Ein anderer Teil läuft durch 11 Pressen und wird zu Briketts verarbeitet. Die Pressen liefern jede Sekunde je 2 Stück. Ein dritter Teil ist für die Hochspannungsanlage bestimmt, die einen elektrischen Strom von 100 000 Volt Stärke ins Land hinausschickt. Eine Leitung führt ihn südlich nach Silberstraße bei Zwickau, eine andere westwärts nach Thüringen. Man staunt beim Anblick der gewaltigen Anlagen, der hohen Gebäude und der mächtigen Maschinen und bewundert die Menschen, die mit Geist und Hand das große Werk schufen.