Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Im Ramsdorfer Tiefbau

Horch! Das Ramsdorfer Wert tutet! Es ist 1/2 6 Uhr. Auf denn, um 6 Uhr beginnt die Tagschicht, und die Bergleute fahren ein.

Nun wird Leben auf den Zugangswegen zum Ramsdorfer Braunkohlenwerke. Von Ramsdorf und von Röthigen her, auf Straßen, Fußwegen und Feldrainen, von allen Seiten streben die Bergleute der Höhe zu, wo die Grubengebäude stehen, die meisten zu Fuß, viele aber auch zu Rad; denn ein ganz Teil der Belegschaft wohnt in entfernteren Orten, in Wildenhain, Ruppersdorf, Wintersdorf, Hagenest, Lucka, Nehmitz, Kleinhermsdorf, Berndorf, Hohendorf, Schleenhain, Großhermsdorf und anderswo, ja selbst von Stolpen bei Groitzsch kommen manche herauf. Sie versammeln sich im Mannschaftsraume, der Fahrsteiger verliest ihre Namen, und jeder erhält eine Anzahl Marken, die sie zum Beleg ihrer Arbeit den vollgeladenen Wagen beigeben.

Dann geht es hinunter in die Tiefe, hinab in den Schoß der Erde, 6 Leitern tief hinein in den Schacht, etwa 120 Sprossen tief. Die unterste Leiter – der Bergmann sagt „Fahrt“ – ist 14 m lang und steht fast senkrecht. Unten begibt sich jeder an seinen Ort, wo er die Kohle loshackt oder den Wagen füllt. Etwa eine Viertelstunde heißt es da noch durch die unterirdischen Gänge wandern, teils nach Ramsdorf, teils nach Regis-Breitingen zu. Ein Karbidlämpchen, das jeder bei sich trägt, erhellt den Weg. Kurze Zeit darnach fährt der Obersteiger ein. Die Werksleitung hat uns die Mitfahrt erlaubt, und unter seiner Führung durchqueren wir nun unterirdisch das große Bruchfeld, das vom Dorfe Ramsdorf bis an die Regis-Breitinger Flurgrenze sich erstreckt und oberirdisch durch starke Drahtseile abgesteckt ist. Ein wasserdichter Hut, eine wasserdichte Jacke, eine Karbidlampe und ein fester Stock bilden unsere Ausrüstung.

Sobald wir unten im Stollen sind, sehen wir trefflich ausgebaute, ausgemauerte und elektrisch erleuchtete Räume, wo Maschinen arbeiten: 6 Saugpumpen, die das Wasser aus dem Schachte hinausbefördern, und einen Ventilator, der frische Luft hinein in die Stollen drückt. Links und rechts laufen zwei starke Ketten mit 1 1/2 m Geschwindigkeit in der Sekunde, die eine bringt die vollen Wagen zum Förderschacht, die andere führt die leeren hin an die Abbaustellen. Wir zählen und stellen fest: Etwa aller zehn Sekunden taucht ein beladener Wagen aus dem Dunkel des Stollens auf.

Zwischen den zwei Ketten schreiten wir vorwärts nach Ramsdorf zu. Solange wir noch Fabrikgebäude über uns haben, sind die Stollen ausgemauert; sobald wir aber unter freiem Felde sind, begegnen wir nur noch Holzbau. In Abständen von etwa  1–1 1/2 m stehen links und rechts je ein starker „Türstock“, 15–20 cm im Durchmesser, und darüber liegt eine ebenso dicke „Kappe“. Diese 3 Hölzer sind es, die in der Hauptsache den Druck des darüber liegenden "Gebirges" auszuhalten haben. Dazwischen liegen starke Bretter. Eine Unmenge Holz steckt in einem solchen Tiefbau wie dem Ramsdorfer. Täglich wird für mehrere hundert Mk. Holz hineingebaut, sagt unser Führer.

Wir wandern im Scheine unsrer Karbidlampe weiter. Hier und da finden wir eine „Kappe“ eingedrückt. Sie hat dem Drucke nachgegeben und muß erneuert werden. An manchen „Türstöcken“ sehen wir gespenstisch und geisterhaft lange weiße Bärte. Unser Stock durchfurcht sie wie Schaum. Wenn wir die Lampen ausblasen und von tiefer Nacht umgeben sind, dann leuchten sie.

Oft auch sperren uns schwere Türen den Weg, die wir aufstoßen müssen, die sich aber von selbst wieder schließen. Es sind Wettertüren, dazu bestimmt, die Luft in bestimmte Strecken zu führen.

Geraume Zeit wandeln wir durch die finstern Gänge hin. Endlich taucht in der Ferne ein Lichtschein auf, und bald sind wir „an Ort“. Ein Bergmann hackt mit der Spitzhacke die Kohle von der Wand los, und ein anderer schaufelt sie in den danebenstehenden Wagen. Beide arbeiten Hand in Hand und haben eine Nummer, die sie in den Wagen hängen, wenn er voll beladen an der Kette zum Förderschachte rollt. Der Raum, wo sie arbeiten, ist hier etwa 3–4 Meter hoch und 6–7 Meter breit. Die Decke ist verschalt und durch entsprechend hohe Stempel gesichert. Um beide Hände frei zur Arbeit zu haben, tragen die Arbeiter ihr Lämpchen seitlich an einem Haken des Hutes.

Nach Besichtigung der einzelnen Orte gehen wir durch einen anderen Stollen nach der Regis-Breitinger Flurgrenze. Wohl eine halbe Stunde dauert es, bis wir am Ziele sind. Unterwegs kommen wir an eine heiße Stelle. Es ist da so warm, daß Schweißtropfen über unsere Stirn perlen. Wir befinden uns an einem Brandherde, wo die Kohle sich selbst entzündet hat und schon einige Jahre brennt. Groß war die Bestürzung damals, als der Brand in den Stollen einbrach und die Bergleute durch den Barbaraschacht, den Notausgang, ausfahren mußten. Jetzt ist der Stollen an der Brandstelle ausgemauert und ausbetoniert. Hölzer zu setzen, wäre zu gefährlich. Soviel sich Steiger und Obersteiger schon darum bemüht haben, den Brand mit Schlamm und Wasser zu ersticken: es ist ihnen bis jetzt nicht gelungen.

Anderwärts wieder gehen wir an Seitenstollen vorbei, deren Türen geschlossen sind. Es ist unmöglich, sie zu öffnen. Schlammassen sind hinter ihnen hereingebrochen, die Bergleute haben flüchten müssen, und alles Holz ist verloren gegangen. Es ist, als ob der Tod hinter der Tür lauere.

Plötzlich hören wir lautes Surren. Wir nähern uns einem Hilfsventilator, der die frische Luft vom Hauptventilator ansaugt und in die entferntesten Stollen drückt. Als wir uns um ihn herumwenden, löscht er uns plötzlich die Lampe aus. Wir hatten sie nicht richtig gehalten! Ein Glück, daß unser Führer erfahrener war als wir; wir hätten sonst im Finstern weitertappen müssen.

Nachdem wir auch die Orte an der Regis-Breitinger Flurgrenze besichtigt haben, kommen wir an den Barbara-Schacht. Es ist ein Luftschacht und zugleich ein Notausgang. Seinen Namen hat er nach der Schutzheiligen der Bergleute. An ihrem Jahrestage, am 4. Dezember 1922, wurde der erste Spatenstich getan. Unser Führer blickt hinauf und sieht hellen Himmel. Er beschließt deshalb, hier aufzusteigen. 10 Leitern – 10 „Fahrten“ – heißt’s nun emporklimmen, jede „Fahrt“ mit etwa 125 Sprossen. Im unteren Teile tropft es von den Wänden, dann aber wird es trocken. Glücklich langen wir oben an und öffnen die Klappe des Schachtes und die Tür zum Turme. Strahlende Junisonne begrüßt uns und läßt unser Karbidlicht verblassen.

Wie ganz anders ist’s hier oben unter blauem Himmel, inmitten blühender Blumen und Gräser! Und tiefer die frische Luft einatmend, schreiten wir den Werksgebäuden zu, über die fleißigen Menschen hinweg, die unter uns aus dem Schoße der Erde den kostbaren Brennstoff holen, und die auch für uns tätig sind, die Steiger und Häuer.