Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Regiser Flanschenfabrik – ihre Entstehung und Entwicklung

Der Wanderer, der sich dem Städtchen Regis-Breitingen nähert, das abseits der großen Heeresstraße so friedlich in der Pleißenaue liegt, bemerkt schon von weitem zwei hochragende Schornsteine und die Dächer einer ausgedehnten Fabrikanlage. Dort, wo die Zeitzer Straße von der Bahnhofstraße abzweigt, sieht er sich dem Fabrikgebäude der Regiser Flanschenfabrik gegenüber. Neben dem langgestreckten Fabrikhofe erheben sich die Maschinenhallen, die Pack- und Lagerräume. An Werktagen ertönt hier ein emsiges Hämmern und Pochen; und wer von der Bahnhofstraße her einen Blick durch die Fenster in die Arbeitshalle wirft, sieht dort zwischen glühenden Öfen, Fallhämmern und Drehbänken rußige Männer im blauen Arbeitsgewande mit Schutzbrillen vor den Augen bei ihrer Arbeit. Mehrmals am Tage verläßt das große Lastauto mit seinem Anhängewagen den Fabrikhof, um die fertigen Flanschen, d. s. Rohrverbindungsstücke, zum Bahnhofe zu fahren, von wo sie ihre weite Reise nach allen Teilen Deutschlands, ja sogar ins Ausland antreten sollen. Dem Arbeitsgebäude gegenüber, auf der anderen Seite der Bahnhofstraße, liegt das 1909 erbaute schmucke Verwaltungsgebäude mit seinem gepflegten Garten.

Begibt sich der Fremde von hier durch die Bahnhof- und Hauptstraße nach dem Markt, so fällt ihm dort ein Denkmal aus Rochlitzer Porphyr auf, das auf hochragendem Sockel einen Arbeitsmann mit Schurzfell und Hammer darstellt. Aus dem Sockel, der die Jahreszahl 1913 trägt, spritzt aus mehreren Armen das Wasser in das umgrenzende Becken. Das ist der Halbfaßbrunnen, der zur Erinnerung an den eigentlichen Gründer der Flanschenfabrik hier errichtet wurde. Selbst die Kühe, die im Spätsommer, von der Weide heimkehrend, hier vorbeigetrieben werden, bleiben regelmäßig da stehen, wohl nicht um des Gründers der Flanschenfabrik zu gedenken, als vielmehr mit dem frischen Wasser des Beckens ihren Durst zu löschen.

Unternimmt der Wanderer von hier aus, die Rathausstraße und die Teichgasse durchschreitend, einen kurzen Ausflug nach den Haselbacher Teichen, so steht er an „der großen See“ vor der Geburtsstätte der Flanschenfabrik. Dort, wo „die See“ nur durch eine schmale Wiese vom Flußbett der Pleiße getrennt ist, stößt sein Fuß an Überreste alten Mauerwerks und zerfallener Kellerräume, die heute völlig überwuchert sind. Hier an dieser romantischen Stelle, wohl 20 Minuten vom Orte entfernt, erhob sich vor reichlich 100 Jahren, zwischen hohen Bäumen versteckt, eine alte Walkmühle. Im Jahre 1878 wurde in dieser Mühle von Paul Moritz eine kleine Fabrik gegründet, in der sogenannte Fischbänder hergestellt wurden. Der Betrieb war noch sehr klein. Es waren etwa 30 Arbeiter hier beschäftigt, die manches Mal 4 Wochen warten mußten, ehe sie ihren vollen Lohn ausgezahlt erhielten. Die zum Betriebe notwendige Kohle wurde mühsam mit Handwagen herbeigeschafft. In der Fabrik war eine Wohnung eingebaut, wo Tischler Pfau seinem Handwerk nachging und nebenbei noch einen kleinen Ausschank mit einfachem Bier für die Arbeiter unterhielt. Alte Arbeiter erzählen, daß das nahe Flußbett der Pleiße mit seinem kristallklaren Wasser damals von Fischen nur so wimmelte.

Am 2. Dezember 1878 brannte diese alte Walkmühle nieder. Während des Wiederaufbaues wurde in dem jetzigen Güntherschen und Weberschen Hause weiter in Fischbändern gearbeitet. Im Jahre 1879 wurde das neue Gebäude an „der See“ in Betrieb genommen. Hier wurde nun neben der Fischbandfabrikation die Herstellung von Flanschen aufgenommen. An Maschinen waren vorhanden: eine kleine Stanze, einige Bohrmaschinen und eine Drehbank. Im neuen Fabrikgebäude befanden sich zwei sehr schöne Wohnungen, die aber nicht bezogen wurden. 1880 siedelte die Fabrik nach Regis auf das Grundstück über, auf dem sie sich noch heute befindet. Hier wurde der Betrieb mit ungefähr 18 Arbeitern eröffnet. Seit 1881 wurden nur noch Flanschen gearbeitet, die aber sämtlich mit der Hand geschmiedet wurden. Der jetzige Besitzer hieß Erwin Kretzer. Die fertigen Flanschen ließ er in der Regel von dem Regiser Fuhrmann Hallbauer nachts mit nach Leipzig nehmen. Auf der Rückfahrt brachte dieser dann Eisen für die Fabrik mit. Die alte Fabrik draußen am See blieb lange Zeit leer stehen und ist im Jahre 1920 niedergerissen worden. In der neuen Fabrik wurde im Jahre 1880 die erste Maschine und zwar eine Dampfmaschine von 4 Pferdekräften aufgestellt.

Das Jahr 1888 brachte den Wendepunkt in der Entwicklung der Fabrik. War das Unternehmen bisher immer in Gefahr gewesen, einzugehen, so nahm es nun mit der Übernahme der Fabrik durch den Hamburger Kaumann Adolf Halbfaß einen ungeahnten Aufschwung. Unermüdlich war er für seine Fabrik selbst als Reisender tätig. Für die schriftlichen Arbeiten hatte er nur in dem Regiser Lehrer Heinrich eine Stütze. Durch dieses sparsame Wirtschaften und durch die anerkannte Güte seiner Flanschen, ferner durch seine pünktlichen Lieferungen wurde seine Firma im In- und Auslande vorteilhaft bekannt, und im Jahre 1900 schwang sich die Firma Halbfaß zur ersten Fabrik für Rohrverbindungen in Deutschland empor. Freilich kamen auch wieder schlechte Zeiten. 1902 mußte der Regiser Betrieb infolge schlechten Geschäftsganges auf nur 1 Beamten und 12 Arbeiter beschränkt werden; die übrigen siedelten nach Werl in Westfalen über, wo im Jahre 1898 von Halbfaß eine Zweigfabrik gegründet worden war. Nachdem aber Halbfaß eine Vereinigung aller Flanschenfabriken erreicht hatte, kamen wieder bessere Zeiten, und seit 1904 behauptete die Firma ihren heutigen Ruf.

Wenn auch die Nachkriegsjahre Einschränkungen im Betrieb erforderlich machten, so arbeitet doch die Fabrik heute wieder in vollem Umfange. Viele Regiser Familienväter finden hier ihren Lebensunterhalt und fühlen sich mit dem Gedeihen der Flanschenfabrik eng verknüpft. Die Entwicklungsgeschichte der Regiser Flanschenfabrik ist ein leuchtendes Beispiel dafür, daß unermüdlicher Arbeitswille schließlich doch zum Ziele führt.