Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Der Gemüsebau um Borna

Wenn hiesige Schulklassen eine fremde Gegend besuchen, so werden sie dort zuweilen von neugierigen Leuten gefragt: „Wo seid ihr denn her?“ Und wenn sie dann im stolzen Heimatgefühl antworten: „Von Borna bei Leipzig!“, dann schallt es neckisch zurück: „Ach so, aus Zwiebelborne!“ Ja, Zwiebel-Borna ist im ganzen Lande bekannt, und dieser Scherzname ist nicht allein der Zwiebel zu verdanken, sondern auch allen andern Gemüsearten in den Markthallen und auf dem Wagen des Händlers in unserer engeren und weiteren Heimat. Ehe Borna zur Braunkohlenstadt wurde, war es die bedeutendste Zwiebel- und Gemüsestadt der ganzen Leipziger Tieflandbucht.

Der Gemüsebeau um Borna ist uralt, vor allem in Altstadt-Borna, dem ehemaligen sorbischen Runddorfe, das heute räumlich ganz mit der nahezu 1000 Jahre jüngeren nordwestlich von ihm gelegenen Bezirksstadt verwachsen ist. Die Kulturen dehnen sich der leichteren Bearbeiten wegen meist in Stücken von langen, oft nur Wegen oder Grasrainen aus. Sie sind ein vergrößertes Abbild der Feldeinteilung der alten Sorben, die einst hier wohnten, vielleicht sogar von ihnen übernommen. Die Gemüsefelder finden sich nach Osten und Südosten zu gelegen, dort, wo zur Zeit die fruchtbare Ackerscholle noch nicht von der stetig wachsenden Braunkohlenindustrie beansprucht wird. Freilich wie lange noch?

Aus dem fruchtbaren Altenburger Lande wanderten vor Jahrhunderten junge Feldgärtner ein, die sich in der „Altstadt“ durch Kauf oder Heirat ansiedelten und die Gemüsekulturen ihrer thüringischen Heimat in die Wyhragegend verpflanzten. Noch heute sind ihre Nachfahren hier seßhaft, wie aus den seit Jahrhunderten in den Kirchenbüchern von Borna immer wiederkehrenden Familiennamen Ludwig, Becker, Petzold, Pertermann u. a. zu erkennen ist. Gegenwärtig ist die Altstadt mit Ausnahme der wenigen Bauern fast Haus um Haus von kleinen „Feldgärtnern“ bewohnt und zum ansehnlichen dörflichen Gemeinwesen von etwa 1300 Einwohnern geworden.

Gar zu leicht freilich wird es den Altstädtern nicht gemacht, ihr Gemüse zu bauen und es mit gutem Verdienste an den Mann zu bringen. Vom frühesten Morgen bis in die sinkende Nacht sieht man sie auf ihren Beeten „buckeln“, bei Sonnenbrand und Regen und jedem Wetter, vom zeitigsten Frühjahr an bis zu der Zeit, wo der Winterfrost den Erdboden erstarren läßt. Denn der Gemüseboden erfordert viel mehr Arbeit als die bäuerliche Feldbestellung, und nur dann gibt er mit Zinsen wieder, wenn er vorher reichlich Dünger empfangen hat. Bei der geringen Viehwirtschaft der Feldgärtner reicht der natürliche Strohdung bei weitem nicht aus, er muß von anderweit zugekauft werden. Als die nahe Stadt Borna noch Garnison des Karabinierregiments war, hielt es nicht schwer, diesen Dünger herbeizuschaffen. Heute kommt er für teures Geld mit der Eisenbahn oft von weither, außerdem muß mit künstlichen Düngemitteln nachgeholfen werden.

Auch die Bearbeitung des Bodens erfordert viel Mühe und Ausdauer, und es läßt sich wohl kaum ein besseres Beispiel wie hier für das alte Bibelwort finden: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ Nachdem der Ackerpflug in tiefen Furchen die braunen Schollen aufgerissen und Hacke und Spaten sie soweit bearbeitet haben, daß sie, von Unkrautkeimen und Steinen gereinigt, weich und locker geworden ist, empfangen sie die Samen und Setzlinge der verschiedensten Gemüsearten, der Zwiebeln, Gurken, Möhren, Meerrettiche, Rettiche, roten Rüben, Bohnen, Kürbisse u a. mehr. Schon die sorgliche Auswahl und Vorbereitung der keimfähigen Sämereien ist dem Feldgärtner in den langen Winterabenden eine Arbeit, die viele Wochen dauert. Ist das Jahr naß, dann verdoppelt sich oft die Mühe um den Gemüsebau, um des üppig wuchernden Unkrautes nur einigermaßen Herr zu werden. Dazu werden nicht nur sämtliche Familienmitglieder, sondern auch die Kinder in ihrer schulfreien Zeit ausgiebig herangezogen. Ist das Jahr trocken, so verdorrt ein guter Teil der Anpflanzungen und schmälert den Verdienst. Auch mit oft recht namhaften Verlusten durch Pflanzenkrankheiten, Wildfraß, Platzregen, Hagel und Diebstahl hat der Altstädter Feldgärtner zu rechnen.

Trotz alledem ist es eine erstaunliche Menge Gemüse, die von Borna aus alljährlich versandt wird. Es ist recht wohl möglich, daß in guten Jahren von den „Hauptgrätzern“ wöchentlich gegen 100 Schock Gurken und jährlich ebensoviele Schock Meerrettich und durchschnittlich ungefähr 200 Ztr. Möhren verschickt werden. An Zwiebeln kann man wohl auch 200 Ztr. rechnen, die als Jahresdurchschnitt von jedem der 75 ansässigen „Zwiebelbauern“ zur Verschickung kommen.

Diese Ernten verursachen natürlich ebenso wie ihre Aussaaten und Pflege viele Kleinarbeit. Bis in die späten Abendstunden sieht man die hochbeladenen Einspännerwagen von den Feldern heimkehren; im Hofe werden dann ihre Lasten gewaschen, sortiert, gebündelt, gezählt oder abgewogen und in den breiten Planwagen verladen. In früheren Jahren fuhren ganze Wagenreihen während der Nacht nach Altenburg und Grimma, um rechtzeitig in aller Frühe zum Marktbeginn an Ort und Stelle zu sein; denn „frische Ware, gute Ware!“ Heute wird das Gemüse für die großen Markthallen in Leipzig und Chemnitz, wo eine ganze Anzahl der Altstädter Feldgärtner ihre Großhandelsstände inne hat, mit der Bahn verfrachtet. Von Chemnitz aus wird das gemüsearme Erzgebirge und obere Vogtland von Bornaer Feldfrüchten in erster Linie versorgt. Die „Bornschen Zwiebeln“ aber, das Haupterzeugnis des Altstädter Fleißes, werden durch Großhändler aufgekauft und auf dem Bornaer Bahnhofe nach Magdeburg, Hamburg, auch nach Bayern und Böhmen und sogar nach dem weiteren Auslande verladen.

Und so sind in Stadt und Land „Bornsche Zwiebeln“ weit bekannt.