Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Kohrener Töpferei

Kohren ist eine Urheimat der Töpferei. Schon vor Jahrhunderten bildeten Kohrener Töpfer eine Zunft, die sich eine sehr strenge Ordnung gegeben hatte, um das Handwerk hochzuhalten. Auch besaßen sie eine Innungsfahne, die 1837 neu geweiht wurde und stets vom jeweiligen Innungsmeister verwahrt wird. Im Jahre 1800 lebten hier 12 Töpferfamilien, heute sind es nur noch drei.

Da ihr Gewerbe ausgedehnte Räumlichkeiten, vor allem einen Brennofen und eine helle, sonnige Werkstatt verlangt, so sind die Meister zugleich auch Haus- und Grundstücksbesitzer. Das Arbeitspersonal besteht meistens aus dem Meister, zwei oder drei Gesellen, einem Lehrling und den Familienangehörigen des Meisters.

Den Ton liefert das Tonlager im benachbarten Niederpickenhain. Er wird fuderweise an die Töpfermeister abgegeben. Fast vor jeder Töpferei ist eine Tongrube, wo der Ton aufbewahrt wird, später kommt er in die Tongrube in der Werkstatt, wo er bis zum Gebrauche lagert. Dann wird er mit Wasser aufgeweicht und getreten. Ist er geschmeidig, so läßt man ihn durch eine Quetschmaschine gehen, damit alle in der Masse befindlichen Steine zermalmt werden. Je mehr er gequält wird, desto weicher und empfindlicher ist er bei der Bearbeitung. Mit der „Sichel“ wird er dann in bandartige Streifen geschnitten und zu walzenförmigen Ballen geformt.

Nun bringt man die Ballen auf die Wallbank, wo sie der Geselle durch kräftiges Kneten und Schlagen nochmals bearbeitet, so lange, bis sich keine Luftblasen mehr zeigen, zuletzt kommen sie auf die Drehscheibe.

Für den Zuschauer ist die Arbeit auf der Drehscheibe eine lustige Sache. Im Nu formt sich der Ton unter den geübten Händen, und geschmeidig gibt er jeden Druck und jeder Biegung nach. Wollte man dem Töpfer die Arbeit nachahmen, so würde man bald merken, daß dies gar nicht so einfach ist. Die Kunst der Töpfer sitzt in den Fingerspitzen. Der Meister sagt: „Gefühl ist alles; das läßt sich nicht lehren, das muß angeboren sein!“ Das feine Gefühl sagt ihm, wie weit der Ton ausgezogen werden darf, damit er „trägt“, d. h. nicht wieder in sich zusammensinkt. Das Gefühl und der Geschmack bestimmen auch Form und Größe der Gefäße.

Mit den nackten Füßen setzt der Geselle durch kurzes, schnelles Abstoßen die untere Scheibe in Bewegung. Sie ist das Treibrad für die obere kleine. Der zu verarbeitende Ballen Ton wird auf die Mitte der kleinen Formscheibe geschlagen, und nun drückt der Arbeiter die Daumen der Hände in die Mitte der Masse ein, zieht mit den übrigen Fingern die Wände des Gefäßes hoch und gibt ihnen bei fortwährendem Drehen der Scheibe dabei gleichzeitig durch Drücken und Einziehen die gewünschte Form. Der leiseste Druck genügt, diese nach Geschmack und Bedarf zu modeln. Krüge, Kannen und Vasen haben durchweg etwas Gediegenes, Praktisches und Anmutendes in ihrer Form. Als Werkzeug bedient man sich kleiner aus Pflaumenbaumholz gefertigter Schienen in verschiedener Größe und Stärke. Soll der Topf eine bauchige Form erhalten, so legt man die „Bauchschiene“ an. Will man ihm einen kreisrunden Verzierungsstreifen geben, so setzt man einen Pinsel mit Farbe an einer Stelle an, und durch das Drehen bildet sich der gewünschte Reifen von selbst und in tadelloser Rundung.

Ist das fertige Gefäß genügend an der Luft getrocknet und wasserhart geworden, so wird es am nächsten Tag „beschickt“, d. h. gehenkelt, und nach abermaligem Trocknen mit Farbe begossen und gemalt. Die Begußfarbe, grau, blau, braun oder grün, bildet den Grundton der Gefäße, von dem sich später verschiedene Verzierungen, Punkte, Streifen, Striche und Inschriften, abheben. Das Malen besorgen gewöhnlich die Frauen, die darin eine besondere Geschicklichkeit haben und oft auch große Phantasie entwickeln. Die Kinder des Meisters unterstützen die Mutter in ihrer Arbeit. Zum Malen wird das Malhorn, ein kleiner, irdener, flaschenähnlicher Behälter, benutzt, der an einer Seite eine viereckige Öffnung und in einem röhrenförmigen Ausguß eine Federspule hat, durch welche die Farbe herausläuft. Zuletzt übergießt man die gemalten Gefäße mit der Glasur, die mit gut gereinigter Lehmfarbe versetzt ist. Man unterscheidet Lauf- und Kunstglasuren. Erstere laufen, d. h. fließen beim Brennen ineinander und geben allerlei marmorierte und geflammte Muster. Die Kunstglasuren geben den Grundton an. 

Die Glasur überzieht das Gefäß innen und außen mit einer Deckschicht und glüht sich später im Brande zu einem glashellen und glasharten Überzug aus. Beim Brennen muß der Meister außerordentlich aufmerksam sein. Die geringste Versäumnis rächt sich oft bitter. Gewöhnlich wird innerhalb drei Wochen zweimal gebrannt, wenn jedoch große Bestellungen vorliegen, auch öfter. Die Ware wird in einem kuppelförmigen Ziegelofen mit Holzfeuerung gebrannt. Man bevorzugt dabei zuerst Eichen- und dann Nadelholz. Das Einsetzen in den Ofen ist die schwierigste Arbeit des Töpfers und wird daher meistens von dem Meister selbst besorgt. Kleine Gefäße werden in größere auf den Boden gestellt, und so werden sie alle ihrer Schwere nach übereinander aufgeschichtet. Der Ofen faßt 500 Töpfe, 50 Schüsseln, 100 Teller, 100 bunte Töpfchen, 25 Krüge, 20 Vasen, 200 Stück Spielzeug, 200 Untersetzer, 100 Blumentöpfe, 12 Waschäsche, 20 große zweihenklige Töpfe, 25 Kaffeekannen, 30 Pfannen, 200 Formpfannen und 25 Wärmflaschen. Ist er gefüllt, so wird der schmale Ofeneingang bis auf zwei Feuerlöcher vermauert und davor ein mächtges Holzfeuer angebrannt, das 15 bis 20 Stunden unterhalten werden muß. Dazu braucht man zirka drei Meter gespaltenes Holz. Ist die nötige Hitze erreicht, so läßt man das Feuer allmählich eingehen und die Ware im Ofen erkalten, bis man sie austragen kann. Wird sie zu zeitig herausgenommen, so erhält sie oft durch den plötzlichen Temperaturwechsel haarfeine Risse, die die Glasur wie ein Netz durchziehen.

Der Vertrieb der Ware geschieht durch den Laden- und Marktverkauf. Soll sie auf den Markt gebracht werden, so bedient man sich der Bahn oder des Töpferwagens. Das Beladen des Töpferwagens erfordert viel Zeit und Arbeit. Jedes Gefäß muß sorgfältig mit Stroh und Heu verpackt werden. Zwischen die einzelnen Lagen des Geschirrs kommt eine dicke Heu- und Strohschicht, die auch die Ladung oben abschließt. Was auf den Märkten nicht verkauft wird, stellt man entweder ein oder gibt es an Aufkäufer ab.

Das irdene Geschirr wird viel zu niedrig bewertet, wenn man bedenkt, durch wieviele Hände jedes einzelne Stück geht, mit wieviel Zufälligkeiten gerechnet werden muß und wieviel Unkosten auf dem Betriebe ruhen. Trotzdem ist der Töpfer heiter und zufrieden. Zwischen Meistern und Gesellen, die oft jahrzehntelang zusammenarbeiten, herrscht ein wohltuendes, ja fast väterliches Verhältnis. Jeder liebt sein Gewerbe, und jeden treibt es, mit Gewandtheit und Freiheit seine künstlerischen Gebilde zu schaffen.

Möchte ein guter Stern diese Hausindustrie einer neuen Blütezeit zuführen!