Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Geithainer Emaillegeschirr

In jeder Haushaltung wird Emaillegeschirr gebraucht. Deine liebe Mutter kocht den Kaffee in einem Emailletopfe, gießt ihn in eine Emaillekanne und füllt daraus die Emailletassen. Die Milch dazu holst du in einem Emaillekruge. Du wäschst dich täglich in einem Emaillebecken und legst die Seife in ein Emaillenäpfchen. Fleisch wird in einer Emaillepfanne gebraten und in vielen Familien in Emailletellern gegessen.

Seih dich um in eurer Küche! Fast alles Geschirr ist aus Emaille bereitet, aus weißer oder grauer, gelber oder brauner, grüner oder blauer Emaille: Trichter und Siebe, Becher und Töpfe, Pfannen und Tiegel, Teller und Schüsseln, Krüge und Kannen, Eimer und Äsche und manches Andere. Viele Hände waren geschäftig, all das Geschirr anzufertigen und ihm sein prächtiges Aussehen zu verleihen. Wie umständlich die Arbeit war, um nur deine kleine Kaffeeobertasse herzustellen, mag sie dir selbst erzählen. Hör’ also aufmerksam zu!

Du weißt, liebes Kind, daß die Nuß wohl eine rauhe Schale, jedoch einen edlen Kern besitzt. Bei mir verhält sich’s umgekehrt: Mein Inneres ist häßlich und roh, das Äußere aber glatt und schön, und das geht so zu:

Die flinke Hand eines Arbeiters legt eine Tafel Schwarzblech unter eine Maschine, die Stanze, die mit scharfem Zahn ein kreisrundes Stück herausbeißt. Diese Blechscheibe von etwa fünfzehn cm Durchmesser ist mein Anfang. Sie wird gleich darauf von einer schweren Presse in einem einzigen Zuge in eine walzenartige Form gebracht, sodaß Boden und Wände ein Ganzes bilden. Durch den gewaltigen Druck müßte die Masse zerreißen, wenn sie nicht von besonderer Zähigkeit wäre. Sodann tritt eine Drehbank, wie sie auch in der Werkstatt des Drechslers steht, in Tätigkeit. Sie verleiht der kleinen Walze meine richtige Gestalt und bordiert den Rand, d. h. sie biegt ihn nach außen um, damit du bequem aus mir trinken kannst. Zuletzt werde ich dem Schweißer übergeben. Mit Hilfe eines Sauerstoffgebläses befestigt er den Henkel so geschickt an der Form, daß ich aussehe, als sei ich aus einem einzigen Stücke gemacht. Nun kannst du mich schon die Hand nehmen. Der Kern ist fertig.

Viel hab’ ich bis hierher ausstehen müssen. Du siehst es mir nicht an, daß ich geschnitten und gepreßt, gequetscht und gedehnt, geschlagen und gestochen worden bin, ehe es so weit war. Nach allen Qualen wurde es höchste Zeit, daß man mich ins Rohwarenlager brachte, wo ich mich erholen durfte von allem Ungemach. Mit vielen meiner Gefährtinnen lag ich da in tiefem Frieden, bis ich frische Kräfte gesammelt hatte; denn noch war mein Leidensweg nicht zu Ende. Sollte doch mein rauer Kern eine edle Schale, eine Hülle aus Emaille, erhalten!

Infolge der langen Ruhe hatten sich Rost und Staub auf mich gelegt. Daher wurde ich nach der Lagerung zunächst gewaschen. Ich mußte doch sauber sein, wenn ich in ein feines Kleid gesteckt werden wollte! Dreifach war das Bad, das auf mich wartete. Zuerst kam ich in scharfe Säure, die allen Rost wegfraß, dann in milde Lauge, die mich von allem Schmutze befreite, und endlich in einen großen Wasserbottich, wo ich mit Sand so gründlich gescheuert wurde, daß mir aber auch kein Stäubchen mehr anhaftete! Zu allem Überfluß wurde ich dann noch in Sodawasser gekocht, ehe ich ein Plätzchen im Trockenofen fand.

Rein war ich nun also und auch trocken. Gleichwohl begann die Emaillierung noch nicht. Der Kern wurde erst noch auf seine Glätte untersucht und jede Unebenheit durch Ausbeulen entfernt.

Endlich war es so weit, mir den Emailleüberzug aufzulegen. Emaille, auch Schmelzglas und Schmalte genannt, ist ein Gemisch aus Quarz, Soda und vielen anderen Zutaten; durch Erhitzung auf achthundert bis eintausend Zentigrade schmilzt es zu einer Masse, dick wie Sirup, und erstarrt in kaltem Wasser zu einer glasartigen Schlacke, die dann in einer Trommelmühle mit Flintsteinen unter Zusatz von Farbstoff, Ton und Wasser zu einem Brei, der Grundemaille, gemahlen wird.

Aus diesem Brei ist mein Unterkleid verfertigt worden. Ein geschickter Arbeiter tauchte mich tief hinein und schwenkte mich dann so gewandt hin und her, daß der Überzug innen und außen überall gleichmäßig stark wurde und der Kern sich endlich ganz darunter verbarg. Welch angenehme Veränderung! Weg war mein garstiges Innere! Ich erschien in grauem Blau wie der Himmel vor einem Gewitter und war sehr vergnügt darüber. Die Freude wuchs noch, als mich im Trockenraume eine behagliche Wärme umgab. Aber o weh, das Wohlbefinden schwand nur zu bald! Jetzt traf mich das allerschlimmste Übel auf meinem Lebenspfade: ich mußte in die Hölle wandern, jawohl, in die Hölle! Der Brenner schob mich nämlich in einen feurigen Ofen, wie Gretel die Knusperhexe! Der Mann war mir zwar wohlgesinnt, da er mich der Glut nur aussetzte, um mein Kleid auf den Kern aufschmelzen zu lassen, daß mir´s niemand wieder ausziehen könnte, aber eine schreckliche Pein war’s dennoch!

Du kannst dir eine Hitze von eintausend bis zwölfhundert Zentigraden schwerlich vorstellen und wärest sicher darin zu Asche verbrannt. Und staune nur: Ich bin in der Hölle nicht nur ein-, sondern viermal gewesen! Als ich sie das erste Mal verließ, hatte sich die Grundemaille in tiefes Schwarz verwandelt, und ich sah zu meinem Schrecken aus wie ein Teufel. Beim zweiten Male schimmerte ich in bläulicher Weiße, und erst das dritte Mal leuchtete ich wie frischgefallener Schnee. Da war zu meinem Unterkleid ein doppeltes Oberkleid gekommen!

Alsdann wurde ich vom Maler mit einem Goldrande und dem bunten Blumenmuster geziert, das du so sehr bewunderst, weil es der Künstlerhand überaus gut gelungen ist. Dieser Schmuck ist mein ganzer Stolz! Ich mußte ihn freilich auch teuer genug bezahlen; denn seinetwegen bin ich zum vierten Male in den Brennofen gegangen, da es doch jammerschade gewesen wäre, wenn mir eine boshafte Seele die herrlichen Blumen hätte verwischen können. Darum hab´ ich auch die letzte Qual, die übrigens weniger heftig war, nicht ungern ertragen. Gespritztes, wolkiertes oder marmoriertes Emaillegeschirr wird nur dreimal gebrannt.

Alle Unbill lag nun endgültig hinter mir. Ich war gebeizt, gelaugt, gescheuert, geglättet, emailliert und viermal in höllischem Feuer geröstet worden, ehe ich schön aussah. Deshalb acht’ und ehre mich und behandle mich vorsichtig! Du kannst mich in heißes oder kaltes Wasser legen, in die Luft hängen, in die Erde vergraben oder ins Feuer stecken: Ich bleib´ unversehrt! Auch Schimmel, Grünspan oder Rost vermögen mir nichts anzuhaben. Aber wenn du mich an einen harten Gegenstand stößt oder mich gar fallen läßt, dann verwundest du mich und legst mein Inneres bloß! Also hüte dich!

Als ich schließlich von kundigen Augen geprüft und als untadelig befunden wurde, vergaß ich schnell alle Leiden. Ich durfte geraume Zeit im Versandlager bei meinen schönsten Schwestern zubringen, bis man mir eines Tages eine passende Untertasse zugesellte und mich mit vielem anderen Geschirr sorgfältig verpackte, in eine große Kiste sperrte und fortschaffte. In einem Laden, wo man Küchengeräte verkauft, wurde ich aus meinem Gefängnis erlöst und an ein Schaufenster gestellt. Dort hat mich deine liebe Mutter erblickt und erworben, weil ich ihr und dir wohlgefiel.

Woher ich stamme, wirst du auch wissen, zumal ich doch meinen Heimatschein an mir trage. Du kennst ja die schwarz-gelbe Marke mit den drei Türmen. Sie zeigt die Stadtfarben und das Stadtwappen von Geithain. Geithainer Emaillegeschirr wandert wegen seiner Güte in viele Gegenden Deutschlands.