Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Geithainer Kalk

Kennst du das weite, große Meer, die See, deren Wasser unaufhörlich gegen das Land spülen, sei es in leichtgekräuselten, ruhigen Wellen oder in wilden, rauschenden, gischtenden Wogen? Kannst du dir vorstellen, daß auch über unsere heimatlichen Fluren einstmals ein Meer brauste? Doch gar lange, lange ist’s her! Vermutlich mehrere Millionen Jahre! Kein Mensch wird es genau bestimmen können.

Nehmen wir also an, ein Norddeutschland bedeckendes Meer reichte etwa bis in die Geithainer Gegend. Möglich, daß gerade hier ein etwas flacheres Becken, eine ruhigere Meeresbucht lag. Deren Boden belebten zahlreiche Muscheln und andere Tiere, die ihre Gehäuse aus Kalk aufgebaut hatten. Im Wasser schwebten zahllose winzig kleine Lebewesen, deren Panzer und Schalen ebenfalls aus Kalk bestanden. Täglich starben große Mengen dieser Urtierchen und sanken in der stillen Bucht zu Boden. Immer neue Massen dieser Kalktiere spülte das Meer nach dem Becken; sie alle sanken nach ihrem Tode neben und über ihren Brüdern auf den Grund, als befände sich hier ein großer Friedhof dieser Kalktierchen. Bald bedeckte die Tiefe der See eine ganze Schicht solcher Gehäuse und Muschelschalen. Erst war sie vielleicht nur einen Zentimeter stark, bald zehn Zentimeter, dann einen Meter, ja mehrere Meter, stellenweise sogar fünf Meter, also höher als ein Wohnzimmer.

Wir können uns leicht denken, daß alle diese zu Boden gesunkenen Schalen durch ihr Gewicht die Schwere des darüberstehenden Wassers festzusammengepreßt wurden zu einem harten Gestein, daß wir, da es ja aus Kalkgehäusen aufgebaut wurde, Kalkstein nennen. Natürlich dauerte dessen Entstehung lange, lange Zeit vielleicht Tausende von Jahren.

In späteren Zeitläufen lagerten sich über dem Kalk meterhohe Schichten von fettem Lehm und Ton, sowie feinkörnigem Sand, Kies und Ackerboden ab, sodaß also der einst auf dem Meeresgrunde aufgebaute Kalkstein heute bis zu 10 m unter dem Erdboden liegt.

Wie der Mensch sich nun überall die Naturkräfte dienstbar macht und ihre in der Erde liegenden Schätze zu heben sucht, so holt er auch diesen in der Tiefe ruhenden Kalkstein herauf. Wanderst du von Geithain nordwärts nach Tautenhain, so schaust du links und rechts der Landstraße tiefe Löcher und Gründe, die Kalkgruben. Die größte davon ist die Grube der „Geithainer Kalk-, Ziegel- und Sandwerke“, die wir jetzt besuchen wollen. Vergeßt aber nicht, feste Schuhe anzuziehen; denn an feuchtem Schlamme fehlt’s nicht.

Wie wir sahen, ist der vom Menschen begehrte Kalkstein von meterhohen Sand- und Tonschichten überlagert. Diese Massen gilt’s nun erst zu beseitigen. Gar manchen Tropfen Schweiß, reichliche Zeit und schwere Mühe kostete das ehemals, als dies der Mensch mit seiner Hände Kraft schaffen mußte. Heute nehmen ihm große Maschinen, die Bagger, diese Arbeit ab.

Die zu oberst liegenden Sandschichten bewältigt ein Eimerbagger, bei dem eine fortlaufende Kette ein reichliches Dutzend Schaufeleimer bewegt. Diese schöpfen den gelben Sand und schütten ihn, nachdem ihn die Maschine gesiebt hat, in Feldbahnwagen, die hinter dem Bagger stehen. Kleine Dampflokomotiven fahren die Wagen ab.

Ein Stockwerk tiefer arbeitet ein großer Löffelbagger an der Beseitigung der fettigen, dunkleren Tonmassen, die ebenfalls durch die Feldbahn fortgeschafft werden.

Endlich sind wir am dritten, unteren Arbeitsplatze angelangt, wo der graue Kalkstein selbst zutage tritt und gebrochen werden kann. Auch hier wird wieder der Menschenkraft vorgearbeitet, indem der ziemlich feste, geplattete Kalkstein mit Schießpulver gesprengt wird. Arbeiter verladen ihn auch hier wieder auf Feldbahnwagen.

So schauten wir also, wie Kalkstein, Ton und Sand zu Tage gefördert wurden. Wertlose, unreine Sand- und Tonmassen werden gleich nach der anderen Seite der Kalkgrube gebracht und dienen dort zur Auffüllung abgebauter Kalklöcher. So sorgt der Mensch selbst dafür, von ihm verursachte Unebenheiten in der Natur auszugleichen.

Wir besteigen jetzt solch ein Feldbahnzügel, das die gewonnenen Produkte prustend aus der Grube zieht, und fahren mit ihm durch die Felder hin nach den neben dem Bahnhofe Geithain liegenden Kalköfen.

In diesen mit feuerfesten Chemotteziegeln ausgemauerten Bauwerken wird der Kalk in einer Temperatur von 1100 bis 1700 Grad etwa 5 Tage lang ausgeglüht, wodurch die in ihm enthaltene Kohlensäure frei wird und in die Luft entweicht. Dieser „gebrannte Kalk“, den der Maurer beim Hausbau zur Bereitung von Mörtel und der Landwirt zum Düngen seiner Felder verwendet, wird auch in geschlossenen Kastenwagen mit der Eisenbahn nach auswärts versandt. Als „Geithainer Kalk“ erzählt er auch jenseits der sächsischen Grenzen von unserem Heimatstädtchen.

Der in der Grube gewonnene Sand findet ebenfalls beim Hausbau Verwendung, während der Ton zu Ziegelsteinen verarbeitet wird.

Dein Haus, mein lieber Leser, in dem du jetzt sitzt und wohnst, vielleicht ist es zum größten Teil aus Ziegelsteinen, Kalk und Sand erbaut, die den Geithainer Kalkgruben entstammen. In Staub und Schlamm schafft dort der Arbeiter also auch für dich. Daß sein Beruf nicht gefahrlos ist, da ich erst bei meinem letzten Besuch, als einer der dort Beschäftigten sich durch brechende Steinmassen eine schwere Handverletzung zugezogen hatte. Drum schaue nicht geringschätzig nach dem Grubenarbeiter, wenn er arg beschmutzt und bestäubt nach vollbrachtem Tagewerke heimwärts wandert!