Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Vom Herrmannsbad in Bad Lausick

Der Herr Amtsrichter Herrmann hatte es aber heute notwendig: trapp, trapp ging’s die Stufen zum Lausigker Stadthaus (das ehemalige Amtsgericht, jetzt Gaststätte) hinunter und eilenden Schrittes die Grimmaer Straße hinter. Er merkte gar nicht, daß ihm zwei junge Mädchen, die zwischen dem Röhrbrunnen und der alten kursächsischen Postsäule ein Morgenschwätzchen gemacht hatten, einen guten Morgen wünschten. Was mochte nur geschehen sein? Er war doch sonst ein so freundlicher Herr!

Es dauerte nicht lange, da wußte die Frau Nachbarin es schon: der Herr Amtsrichter sollte schnell einmal hinauskommen in seine Braunkohlengrube, die am Wege nach Etzoldshain lag. Hatte etwas das Erdreich einen Arbeiter verschüttet, oder welches andere Unheil war gekommen? Am Abend erzählten sich’s die ehrbaren Bürger beim Dämmerschoppen im Ratskeller; freilich war ein Unglück geschehen, aber kein schlimmes: Beim Ausschachten der Kohle war ein starker Quell hervorgebrochen, und die Arbeiter hatten flüchten müssen. Nun stand dort in der Grube schon fast ein kleiner Teich. Ja, wenn’s nur schönes, klares Wasser gewesen wäre! Aber so war’s eine hellbraune Brühe, und obenauf schwamm eine ölige Schicht ... Ein rechter Schaden für den Herrn Amtsrichter! Die ganze schöne Kohlengrube konnte ihm noch ersaufen!

Das war Sommer 1819. Was nun geschah, hätte sich wohl niemand träumen lassen. Wenn jemand sich beim Herrn Amtsrichter in aller Teilnahme nach seiner Grube erkundigte und ihm ein paar bedauernde Worte sagte, dann – lachte er! Ja, er hatte in der Folge auch gut lachen!

Gelehrte untersuchten das Wasser der Quelle und stellten fest, daß es eisenhaltig sei, daß es das böse Gliederreißen und die Nervenschmerzen heilen könne, wenn man darin bade oder es trinke. Im Jahre 1820 wurde draußen an der ehemaligen Braunkohlengrube ein schmuckes Badehaus errichtet und am 3. Juni 1821 als das „Herrmannsbad“ eingeweiht. Nun kamen aus Borna, Colditz und Grimma, aus Leipzig und Chemnitz allerlei kranke vom Zipperlein geplagte Leute herbei. Im ersten Jahre des Bestehens wurden bereits 6000 Heilbäder verabreicht. Und wahrhaftig: sie halfen vielen wieder „auf die Beine“. Dankbar sprach mancher in der Ferne von „Bad Lausigk“ (seit 1913 heißt die Stadt amtlich Bad Lausick.)

Von den Tausenden von Kurgästen, die alljährlich in Bad Lausick Besserung ihres Leidens oder gar Genesung finden, denkt wohl kaum einer an den weitblickenden und tatkräftigen Amtsrichter Herrmann. Selten weiß einer, aus wie kleinen Anfängen sich die staatliche Badeanlage entwickelt hat.

Auf alten Steinzeichnungen sieht man das erste Badehaus noch: ein schlichtes Gebäude, von spärlichem Walde umgeben, auf dessen Wegen wackere Biedermeier stolzieren. Was ist da alles hinzugekommen! In den hundert Jahren ist der wunderschöne Park mit seinen traulichen Spazierwegen erstanden. Die Höhe des Badeberges krönt ein stolzes Kurhotel mit Gasträumen, Fremdenzimmern und Saal, Konzertplan, Tennisplätzen und Rodelbahn. Öfter mußte auch am unteren Kurhaus um- und angebaut werden: Maschinenräume, Zellen, auch Fremdenzimmer, sodaß die Kurgäste gleich aus der Badezelle zum Nachschwitzen und Ruhen in ihr Bett gehen können. Das ist ein rechter Segen gerade für solche arme Kranke, die im Winter zur Kur in Bad Lausick sind. Wer weiß, was die nächsten Jahre dem schönen, aufstrebenden Badeorte noch bringen werden, wenn seine Besucherzahl weiterhin steigt und sein guter Name in alle deutschen Gaue dringt mit dem hoffnungsfrohen Spruch: Bad Lausick hilft dir!

Sitzt sich’s doch dort unten im Park vor dem Kurhaus angenehm! Von oben her, wo auf dem Kurplatz Musik spielt, trägt der Wind die Klänge. Die kleinen Finken und die Drosseln in den Bäumen wollen es gar noch schöner bringen als die Flöten und Geigen und versuchen ihre Stimmchen. Wie wohltuend das alles hier ist: die lieben alten Bäume, die grünumbuschte Terrasse mit dem plätschernden Springbrunnen, die bunten Blumenbeete, Schmetterlinge, einladende Bänke im Schatten. ... Hier finden sie alle Ruhe und Erholung, die kranken, geplagten, gehetzten, müden Menschen: der abgespannte Geschäftsmann, die sorgengequälte Hausmutter, der nervöse Beamte, der arme Gelähmte. Auf dem Platze vor dem Kurhaus kann man viel Leid und Unglück sehen, aber auch manch frohes Hoffen auf Genesung, viel Dankbarkeit und neuerwachten Lebensmut. Der alte Herr dort, der eben an Stöcken gehend aus dem Bade kommt, mußte vor drei Wochen noch im Krankenstuhl in seine Zelle gefahren werden. Soeben hebt man aus dem Auto eine arme Gelähmte, die zur Untersuchung zum Badearzt kommt.

Die reichen Leute, die Sonntags mit ihren Autos aus der Großstadt kommen und in ihren feinen Kleidern plaudern und lachend durch den stillen Park gehen, könnten hier allerlei lernen: Nichts macht den Menschen so zufrieden und gesund wie die schöne Natur, und ferner.

Der größte Reichtum heißt Gesundheit.