Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Geisterhenne von Schloß Wolftitz

Im Wolftitzer Schlosse ließ sich bisweilen eine schwarze Henne mit zwei weißen Küchlein sehen, die aus einem gewaltigen Kachelofen kam und ängstlich glucksend etwas zu suchen schien. Die Besitzer hatten daher das Zimmer, wo die Erscheinung stattfand, viele Jahre unbenutzt gelassen. Als nun die Zeit mit dem alten Gespensterglauben zu brechen begann, befahl ein Schloßherr, das Gemach zu öffnen. Die Furcht der Dienstleute verlachte er als Zeichen ihrer Beschränktheit. Das Zimmer behielt aber nach wie vor den Namen „die Geisterstube“.

Als Baron Alexis Hildebrand von Einsiedel Herr auf Wolftitz war, traf eines Abends dort militärische Einquartierung ein, die ein Hauptmann befehligte, der, wie üblich Herberge im Schlosse erhielt. Die Abteilung war spät abends angelangt, und der Offizier verabschiedete sich bald, um sein Lager aufzusuchen. Durch einen Zufall – die gewöhnlichen Besuchszimmer wurden gerade neu vorgerichtet - hatte man ihm das Zimmer eingeräumt, wo die Henne spuken sollte.

Als der Gast am nächsten Morgen zum Frühstück kam, war er ersichtlich übernächtig und zerstreut, so daß der Schloßherr ihn fragte, ob er schlecht geruht habe. Der Hauptmann gestand, daß er fast gar nicht habe schlafen können.

„Waren Sie nicht mit dem Bett zufrieden, oder hat sonst eine Störung stattgefunden?“ forschte unmutig der Schloßherr. „Es hat mich eine seltene Stubengenossenschaft am Einschlafen verhindert“, erwiderte lächelnd der Offizier. „Man möchte beinahe glauben, es sei nicht geheuer in diesem alten Schlosse.“ Der Baron wußte nicht, ob er die Worte des Offiziers für Scherz oder Ernst nehmen sollte. „Wo hast du unsern Gast diese Nacht unterbringen lassen?“ fragte er seine Gemahlin.

„Die Erneuerung im Haupthause hat mir augenblicklich die Gastzimmer entzogen“, antwortete die Baronin. „Ich war deshalb genötigt, den Herrn Hauptmann im Flügelgebäude in der – in der – Sie stockte. Das Wort „Geisterstube“ wollte nicht über ihre Lippen. „Im Flügelgebäude?“ fiel ihr der Baron rasch ins Wort. Auch er wünschte nicht, daß man die Gaststube in Gegenwart des Offiziers mit einer so unheimlichen Benennung belegte.

„Vielleicht", fuhr er fort, hat unsern werten Gast das zeitige Leben auf dem nahen Wirtschaftshofe gestört?“ „O nein“, versetzte der Hauptmann, „der Störenfried befand sich im Zimmer selbst.“

Der Baron bat erstaunt um Erklärung.

„Als ich mich zur Ruhe begeben und vielleicht eine Stunde geschlummert haben mochte“, erzählte der Offizier, „wurde ich plötzlich durch ein seltsames Geräusch geweckt. Aufblickend sah ich, daß die Nachtkerze noch brannte. Ich hörte die Turmuhr elf schlagen. Eben wollte ich wieder einschlafen, als ich das Geräusch abermals vernahm und mich nunmehr im Bette aufrichtete. In diesem Augenblick kam unter dem großen altertümlichen Ofen eine schwarze Henne hervor, gefolgt von zwei schneeweißen Kücken. Sie ging mit ihnen bis in die Mitte des Zimmers, gluckste und scharrte, sträubte sich, als wenn sie ein Raubtier wahrnähme, und schlug mit den Flügeln so stark, daß das Licht flackerte und zu verlöschen drohte. Darauf durchwandelte sie das ganze Gemach und kam endlich auch vor mein Bett. Da flatterte sie hoch auf, und das Licht erlosch. Beim schwachen Scheine des Mondes bemerkte ich nach einer Weile, daß sie wieder emporflatterte, und das Licht brannte von neuem hell auf. Danach kehrte sie ruhig wieder um und pickte auf den Fußboden, worauf die Küchlein herbeieilten und mit der Mutter unter dem großen Ofen, wo sie hergekommen, verschwanden. Das kam mir doch sonderbar vor. Zweifelnd, ob ich Wirklichkeit vor mir gehabt oder ob mich eine Täuschung betroffen, stand ich auf, nahm das Licht und durchsuchte erst den Ofen und dann die ganze Stube, fand aber weder ein Hühnernest noch eine Spur von der Glucke und den Küchlein. Ich leugne nicht, daß es mich wie Grauen beschlich und der Gedanke an den sonderbaren Besuch mich nicht wieder zum Schlummer kommen ließ.“

Dem Hauptmann war nicht entgangen, daß die Familie bei seiner Erzählung in ein Erstaunen geriet, das fast an Bestürzung grenzte. Nur der Baron blieb ruhig und versetzte mit ungläubigem Lächeln: „Ich weiß nicht, ob das, was Sie da erzählt haben, Ernst oder Scherz sein soll. Sie sind erst gestern am Spätabend in Wolftitz eingerückt, haben, wie Sie uns mitteilten, niemals vorher unsere Gegend besucht und kennen dennoch die nur hier und in nächster Nachbarschaft haftende Sage von der Geisterhenne. Gestehen Sie, Herr Hauptmann, der Diener, der Sie gestern abend nach dem Zimmer geleitete, hat Ihnen von der spukenden Henne geschwatzt, und zur Strafe dafür, daß meine Frau Ihnen das unheimliche Zimmer zur Nachtruhe anweisen ließ, haben Sie ihr eine Gespenstergeschichte zum besten gegeben.“

„Sie irren, Herr Baron“, erwiderte ernst der Offizier. „Mein Ehrenwort mag Ihnen dafür bürgen, daß ich weder von dem Diener noch sonst vorher Kenntnis von einer solchen Sage hatte. Was ich von der Erscheinung mitteilte, beruht auf eigener Anschauung. Nicht minder kann ich versichern, daß ich vollkommen wach war und, indem ich anfänglich die Hühner durch Zufall ins Zimmer gekommen wähnte, an nichts weniger, als an etwas Übernatürliches dachte.“

Noch immer sträubte sich der Verstand des Schloßherrn, die Erscheinung der drei Hühner für etwas Anderes als die Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie zu halten. Endlich schien er zu einem Entschlusse gekommen zu sein.

„Wir haben jetzt die Maurer im Schlosse“, sagte er zu seiner Gemahlin. „Was meinst du, wenn wir den alten Ofen wegnehmen ließen? Vielleicht wird dadurch das Geheimnis gelöst?“

Die Baronin hatte nichts gegen diesen Vorschlag einzuwenden, und es mußte alsbald ein Maurer ans Werk gehen. Das Geheimnis wurde durch die Beseitigung des Ofens indessen nur teilweise gelöst. Als nämlich der Arbeiter den Estrich weggenommen hatte, stieß er auf ein erhabenes Gediele, worunter die Gerippe zweier ganz jungen Kindlein lagen. Wer sie dorthin gebracht und ob damit eine Greueltat zusammenhing, das ist niemals ans Licht der Welt gekommen.

Die beiden Kindergerippe wurden in aller Stille auf dem Friedhofe des nahen Pfarrdorfes Greifenhain begraben. Seit jener Zeit hat sich die schwarze Henne mit ihren schneeweißen Küchlein nie wieder sehen lassen. Im Volke erzählt man, die Glucke sei die Mutter der beiden ermordeten Kindlein gewesen und habe bis zur Entdeckung der Gebeine und deren Beisetzung in geweihter Erde keine Ruhe finden können.