Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Geisterspuk auf Burg Kohren

Wie geschickt die Überlieferung geschichtliche Tatsachen mit der Sage zu verschmelzen, wie wunderbar sich im Munde des Volkes Wahres und Falsches, Geschehenes und Erdichtetes zu verbinden pflegt und dem Ganzen ein grausig-komisches Gepräge aufzudrücken versteht, darüber fehlt es nicht an zahlreichen Beispielen, von denen die meisten wohl im Gebiete des Gespensterglaubens wurzeln. Eine dieser schönsten Sagen haftet an der Ruine des Schlosses Kohren.

Als das Christentum die Heidengötter und mit ihnen die Herrschaft der Sorben gestürzt hatte, saßen auf der Burg die Ritter von Chorun, deren Name im 14. Jahrhundert mit Herrn Thimo erlosch, dessen sechs Söhne, wie die Überlieferung berichtet, sämtlich in der Schlacht bei Lucka (1307) erschlagen wurden. Seine einzige Tochter, Jutta, war mit einem jungen Ritter auf dem nachbarlichen Schlosse Gnandstein verlobt, der zur Erfüllung eines Gelübdes nach Palästina zog und dort von den wilden Sarazenen getötet wurde. Darüber brach der Braut das Herz; sie verwünschte sich und ihr Schicksal und muß nun, wie das Volk erzählt, so lange umgehen, bis sich ein Sterblicher findet, der mit ihr die Ehe schließt.

Vor Zeiten hat sich auch einmal ein Ritter gefunden, der sich bereit zeigte, mit Jutta vor den Altar zu treten. Das hat er derm Gastwirt unten am Schloßberge selbst erzählt, und so ist die Geschichte von Kind auf Kindeskind gekommen.

Der Friedensschluß von Osnabrück und Münster hatte den Dreißigjährigen Krieg beendigt, und Bürger wie Landmann jauchzten freudigen Dank zum Himmel empor. Der Soldat allein war Herr gewesen ein Menschenalter hindurch, und so konnte es nicht anders sein, als daß er die Kunde vom Frieden mit Unmut vernahm. Die Regimenter wurden aufgelöst, die Geschütze in die Festungen geschafft und den Offizieren Reisegeld gezahlt, daß sie in die Heimat zurückkehren oder dem Kriegshandwerk in fremden Landen nachziehen konnten.

Unter den entlassenen Kriegsleuten befand sich auch ein thüringischer Edelmann, namens Utz von Cannewurf, der als Ofizier in einem kaiserlichen Kürassierregiment gedient und nunmehr den Entschluß gefaßt hatte, seinen Degen der Krone Frankreich anzubieten. Er war ein tapferer Kriegsmann, der auf Erden nichts weiter besaß als ein gutes Roß und sein wohlerprobtes Rüstzeug. Mit seiner Verwandtschaft stand er wegen verschiedener wilden Streiche schon längst in keiner Verbindung mehr. Nach der Heimat zurückzukehren, schien ihm daher weder rätlich noch angenehm. Des Soldaten Heimat ist überall, wo es Krieg gibt, und so wußte Utz von Cannewurf, daß er bei jedem Fürsten, der in Rüstung stand, willige Aufnahme finden würde. Von dieser Überzeugung beseelt, ritt er guten Mutes gegen Westen, unbekümmert, wie lange die Reise nach Frankreich dauern würde; denn sein Wams barg einen schweren Lederbeutel, gefüllt mit eitlem Golde, das er als ehrlichen Beutepfennig einem schwedischen Obersten abgenommen hatte.

So kam denn der Edelmann an keinem ansehnlichen Wirtshause vorüber, ohne einen guten Trunk zu tun, zumal die Junisonne heiß vom Himmel niederbrannte. Nach langen Kreuz- und Querzügen erreichte er eines Abends Kohren, wo er vor der Herberge vom Rosse stieg und ein Schöpplein Meißner verlangte. Die am Sattel festgeschnallte Eisenrüstung mit dem gegitterten Helme, das gerade Schwert und das Faustrohr verrieten, daß der Reisende ein Kriegsmann war, und neugierig drängten sich die Gäste in des Junkers Nähe und tranken ihm höflich zu. Das gefiel ihm. Er tat allen Bescheid und begann von seinen Kriegstaten zu erzählen. Dazu zechte er nach Herzenslust und kam endlich dergestalt ins Feuer, daß seine Erzählungen jeden Grad von Wahrscheinlichkeit überstiegen und seine Zuhörer die Köpfe schüttelten und sich untereinander fragend anblickten. Dem Ritter fielen endlich diese Kundgebungen des Zweifels auf und versetzten ihn in Zorn. Die Folge war ein Streit, wobei er einen der Bürger ins Gesicht schlug. Die Übrigen drangen in hellen Haufen auf ihn ein, aber solcher Gegner achtete Utz wenig. Er sprang von seinem Sitz auf und zog das lange, glänzende Reiterschwert, sodaß seine Widersacher wie ein Volk aufgescheuchter Rebhühner das Weite suchten. Der Ritter stieß mit einer kräftigen Verwünschung das Schwert in die Scheide, warf dem Wirte patzig einen Dicktaler auf den Tisch und verlangte sein Roß. Der wohlwollende Wirt aber wollte den Junker zurückhalten, zumal er auch seinen schwankenden Gang und nicht minder den goldgefüllten Beutel bemerkte, und fragte, ob der Herr Offizier nicht lieber in Kohren übernachten wolle; denn draußen sei es bereits finster geworden.

„Ich will nicht in einem Hause bleiben, wo man einen wohlversuchten Kriegsmann zu beleidigen gewagt hat! Komm her, Wirt, bring’ noch einen Krug Wein und hilf mir dann in den Sattel! Ich glaube, mir ist der Ärger in die Glieder gefahren!“ Das Roß wurde vorgeführt. Trotz seines Rausches prüfte der vorsichtige Reiter nach Gewohnheit sorgfältig Sattelzeug und Gepäck. Plötzlich fiel sein Auge auf die beiden gegen den Nachthimmel aufsteigenden Türme des wüsten Schlosses.

„Wem ist dieses Schloß?“ fragte er. „Haust ein Ehrlicher von Adel droben, bei dem ich gastliche Aufnahme und ritterliche Zehrung finden kann?“ „Die dort oben liegen schon lange in tiefem Schlafe“, antwortete scherzend der Wirt. „Ich glaube, wenn Ihr sie aus der Ruhe störtet, würde die Aufnahme keine freundliche sein!“
„Schlechte Aufnahme?“ rief der Ritter. „Nun hör’ mir Einer! Schlechte Aufnahme? Jetzt will ich dort oben übernachten und den Leuten Achtung beibringen vor einem Kavalier, der seit Jahren Pulver gerochen!“ „Wird schwer sein, sie aufzuwecken“, fuhr der Wirt fort, „es wäre denn, daß die Schloßjungfer noch umgeht!“
„Was geht mich die Schloßjungfer an!“ versetzte der Junker trotzig. „Wenn sie das Tor nicht öffnen, schieße ich mit dem Faustrohre nach den Fenstern, bis man mir Einlaß gewährt. Habe das auf meinen Kriegszügen wohl hundertmal mit bestem Erfolge getan!“
„Junker“, begann jetzt ernsthaft der Wirt, „begebt Euch nicht in Gefahr! Im Schlosse hausen unheimliche Wesen, mit denen sich ein frommer Christenmensch nicht einlassen soll!“
„Glaubst du Schelm, daß der Ritter Utz von Cannewurf Gefahr kennt?“ schrie erbost der Edelmann. „Und wenn der Teufel und seine Großmuttter da oben hausten, so will ich doch hinauf, und sie müssen mir diese Nacht Quartier geben, und sollte ich sie aus ihren eigenen Betten herauswerfen!“
„Tut, was ihr nicht lassen könnt, edler Junker, ich habe Euch gewarnt“, versetzte der Wirt. „Wenn Euch die Gespenster den Hals umdrehen, dann denkt an meine Warnung! Mir graust bei dem Gedanken, in dem wüsten Gemäuer bei der Schloßjungfer zu Gaste zu gehen!“ „Die Schloßjungfer?“ wiederholte der Junker. „Bin in meinem Kriegsleben mit mancher Jungfer auseinander gekommen, und so werde ich auch hier fertig werden. Gehab' dich wohl, Wirt! Wie gelange ich nach dem Schlosse?“
„Reitet nur fürbaß! Am Ende dieser Gasse führt ein Weg seitwärts nach dem Schloßberge, eben breit genug für Mann und Roß“, sagte der Wirt. „Aber Junker, ich bitt' Euch nochmals, nehmt Vernunft an und rennt nicht in Euer Verderben!“

Jedoch vergeblich war die Warnung. Der Reitersmann hatte bald den schmalen Weg nach dem Schlosse hinauf erreicht, und immer näher kamen die gewaltigen Warttürme. Das Tor des Schlosses stand offen, und die Fenster des halbzerfallenen Langhauses leuchteten in der Finsternis matt und unheimlich. Alles war totenstill, und niemand zeigte sich, den späten Gast zu empfangen. Vom nahen Kirchturme schlug es zehn. Der Ritter stieg vom Pferde, löste das Faustrohr vom Sattel, untersuchte Kraut und Lot und machte sich fertig, eines der Fenster einzuschießen. Da erschien plötzlich am Fenster eine weiße Gestalt, eine Frau, sie winkte mit der Hand.

„Da haben wir’s!“ murmelte Utz von Cannewurf. „Der Wirt ist ein Schelm, der mich in Furcht setzen wollte, damit ich in seiner Herberge nächtigen sollte.“
Inzwischen war der Junker auf das Haus zugeschritten, wo sich eine schmale Pforte mit einer aufwärts führenden Wendelstiege zeigte. Oben angelangt, öffnete er eine Tür, die in einen weiten Saal führte. Hier saß am Tische eine schöne, marmorbleiche Jungfrau, die den Kopf in die Hand stützte und regungslos vor sich hinschaute. Erleuchtet war der Saal durch das matte Licht einer an der Decke hängenden Ampel. Utz von Cannewurf zog den befiederten Reiterhut und machte eine höfliche Verbeugung. „Liebwerte Jungfer“, sagte er, „bin kaiserlicher Majestät abgedankter Offizier und auf einem Zuge nach Frankreich begriffen. Mein Stamm sind die Cannewurfe, in Thüringen gesessen. Bitte in diesem adligen Hause um einen Imbiß mit Nachttrunk und um einen Pfühl zum Schlafen.“
Die Jungfrau erhob sich, begrüßte den Gast mit steifem Knix und wies ihn zu einem Sessel. Dann nahm sie aus einem Schrein Speisen und Wein, bedeutete schweigend den Gast, sich beides schmecken zu lassen, und setzte sich ihm gegenüber. Imbiß und Wein waren trefflich. Utz leerte rasch einige Becher. „Mit Verlaub, gnädigste Jungfer“, begann er, „meine, Ihr seid das Töchterlein dieses adeligen Hauses?“

Die Angeredete neigte bejahend das Haupt. „Das freut mich“, fuhr der Junker fort, „Eure liebwerten Eltern haben sich aller Wahrscheinlichkeit nach schon schlafen gelegt?“ „Schon längst!“ „Habt ihr noch Geschwister?“ „Bin meiner Eltern einziges Töchterlein!“ „Das einzige Kind? Ei, seht doch! Glücklich, wer Euch zum Ehegespons kriegt“, meinte der Junker. „Was mich anlangt, so ist es einer meiner alten Lieblingswünsche, solch ein holdes Jungfräulein heimzuführen, insonderheit, wenn es das einzige Kind des Hauses und dessen Erbe ist, wie ich das auch von Euch vermute.“ Die Jungfrau lächelte und reichte dem Junker die Hand. Diese war eiskalt, aber Utz bemerkte das in seiner freudigen Überraschung nicht und drückte sie herzlich

„Liebwerteste Jungfer!“ rief er, „ich bin Utz von Cannewurf, der Sproß eines alten, ritterbürtigen Geschlechts. Wenn Ihr an mir einiges Wohlgefallen findet, so stände meiner Werbung bei Euren Eltern nichts im Wege.“

Das Antlitz der stillen Jungfrau erhellte sich. Sie ging nach einer Truhe, entnahm ihr einen welken Kranz von Rosmarin und setzte ihn auf. Dann winkte sie dem Junker, ihr zu folgen. „Gleich jetzt?“ sagte er befremdet; „wollen wir nicht erst morgenden Tages mit den Eltern darüber sprechen?“
Die Jungfrau gab keine Antwort, sondern winkte nochmals. Meinethalben, dachte Utz. Aber überaus notwendig scheint sie es zu haben! Die Tür öffnete sich, und er folgte der Jungfrau nach der Vorhalle. Überall strahlte matter Lichterglanz. Vor der Halle standen in längst vergessener Tracht zwei Männer, die das Paar mit stummer Verneigung begrüßten und ihm voranschritten. Aus den Zimmern und Gängen huschten Männer- und Frauengestalten und schlossen sich an, so daß sich hinter dem Paare ein Zug bildete. Lautlos zogen alle die Wendelstiege hinab über den Schloßhof nach der Kirche, durch deren Fenster der helle Mondschein fiel. An den Pfeilern hingen rostige Helme, Schwerter und Panzer mit halbvermoderten Trauerfahnen zur Erinnerung an die Verstorbenen, deren Ritterbilder auf den Leichensteinen beim Flackern der Kerzen hin und her zu schwanken schienen.

Der Junker hatte bis jetzt seinen Gleichmut bewahrt. Als jedoch der Zug die Kirche durchschritt, begann es ihm etwas unheimlich zu werden. „Was der Teufel – das sieht ja aus, als sollten wir getraut werden?“ fragte er zögernden Schrittes die neben ihm wandelte Schloßjungfrau. Die aber antwortete nicht sondern klopfte dreimal auf eine steinerne Grabplatte, die einen Pfaffen im Ornate darstellte. Schläfrig richtete sich der steinerne Priester empor und wandelte mit schwerem Tritte zum Altar. Seine Augen glänzten wie Glühwürmer, und als er sich über den Altar beugte, entzündeten sich die Kerzen von selbst. Dumpf erklangen die Töne der Orgel, und oben im Turme läuteten die Glocken, daß die Eulen krächzten und die Fledermäuse gegen die Fenster der Kirche flatterten.

Der Junker fühlte, wie ihm die Haare zu Berge stiegen, aber er wich nicht. Da begann die Stimme des Priesters dumpf wie aus dem Grabe herauf: „Junker Utz von Cannewurf, Kaiserlicher Majestät Offizier, bist du geneigt und gewilligt, dich mit gegenwärtiger edlen Jungfrau Jutta von Chorun zu verehelichen, so sprich ein lautes und deutliches Ja!“ Utz stand einige Augenblicke ganz verblüfft. Er wandte sich seitwärts, um sich aus dieser unheimlichen Gesellschaft zu lösen, aber da griff aus einer Gruft eine Knochenhand nach ihm, daß er erschrocken einen Seitensprung tat. Ein gellender Schrei hallte durch die Kirche, und überall wurde es lebendig. Aus den Grüften huschten in modernde Leichengewänder gehüllte Gestalten, die Kerzen auf dem Altar verlöschten, und rasselnd stürzten die Trauerfahnen und Eisenharnische von den Pfeilern und Wänden.

Da ertönte der Schlag der ersten Morgenstunde; es rauschten die Gestalten durch die Kirche und verschwanden, und der Prieser legte sich schwerfällig und starr wieder auf seinen Leichenstein. Junker Utz aber fühlte sich von Knochenarmen umschlungen, und ein Totenschädel, dessen Stirn ein Kranz von welkem Rosmarin umzog, neigte sich gegen seine Lippen.

„Komm mit mir, herzallerliebster Schatz“ hauchte das Totengerippe, indem es den Junker nach einer offenen Gruft zerrte, wo ein vermoderter Sarg stand. „Laß mich loß, ich will nicht!“ schrie er voller Entsetzen. Das Gespenst preßte den Unglücklichen noch fester an sich. „Da unten ist es so still und friedlich! Komm, Trauter, ins enge Kämmerlein, es hat Platz für dich und mich!“ „Himmelkreuztausend – laß mich loß, abscheuliches Knochenbündel!“ brüllte Utz vor Zorn und Schrecken außer sich, indem er mit Händen und Füßen um sich schlug.

Diese Grobheit half. Der Junker fühlte einen heftigen Schlag und fiel zu Boden. Als er wieder zu sich kam, war es Morgen, und er lag im Grase des Schloßhofes. Neben ihm stand sein Roß, das den Zaum abgestreift hatte und ruhig weidete. Der Junker rieb sich die Augen und schaute bald das öde Haus, bald das nahe Kirchlein an. Kopfschüttelnd zäumte er sein Roß und ritt hinunter vor das Wirtshaus.

„Gott zum Gruß, edler Junker! Nun, wie war die Bewirtung auf dem Schlosse droben?“ fragte schelmisch lächelnd der Wirt. „Bring’ mir einen Imbiß und einen Schoppen Meißner!“ befahl der Junker, „und meinem Gaule laß Futter vorschütten!“ „Haben beide guten Appetit mit vom Berge herabgebracht?“ fuhr der Wirt fort. „Wohl Euch und mir, daß alles so gut abgelaufen ist!“ Utz gab dem Wirte keine Antwort. Erst als der geforderte Wein auf dem Tische stand, erwachte er aus seinem Nachdenken. Er ergriff den Krug und leerte ihn auf einen Zug.

„Noch einen, Wirt!“

Utz aß und trank und gab auf alle Fragen kurze oder gar keine Antworten. Erst als er schon auf dem Rosse saß und der Wirt ihm gute Reise wünschte, fühlte er sich zur Mitteilung seines nächtlichen Abenteuers geneigt. „Weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich den Mut verloren hätte“, schloß er den Bericht, „aber darauf kannst du Gift nehmen, Wirt: Wenn ich noch hundertmal nach Kohren kommen sollte, auf der wüsten Burg da droben nächtige ich nimmer wieder! Behüt die Gott!“ Damit ritt Junker Utz von Cannewurf davon.