Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Der Chorknabe zu Geithain

An der Mitternachtsseite der Kirche zu Geithain sieht man auf einem Steine das Bild eines Knaben. Über seinen Rücken hängt ein kurzes Mäntelchen herab, wie es an manchen Orten die Chorjungen tragen, wenn sie bei einem Begräbnis singen.

Die Inschrift auf dem Bilde ist nicht mehr zu lesen; aber eine Sage erzählt über seine Bedeutung folgendes:

An einem Abende stiegen vier Chorschüler auf den Kirchturm. Als sie dort zu einem Fenster hinaussahen, bemerkten sie ein Nest, das Dohlen auf einem Balken dicht unter der kleinen Glocke gebaut hatten, die die Viertelstunden schlug. Die Jungen beschlossen sogleich, das Nest auszunehmen. Weil ihm aber nur von außen beizukommen war, hielten drei von den Knaben ein Brett zum Fenster hinaus, und der vierte stieg darauf und gelangte so bis an den Balken, auf dem das Nest ruhte. Als er die jungen Dohlen im Neste sah, freute er sich und rief seinen Kameraden zu: „Es sind drei schwarze Junge drin und ein weißes!“ Da wollten die drei Chorschüler, die im Turme das Brett hielten, das weiße haben; aber der auf dem Brett stand, wollte es für sich behalten. Da drohten sie ihn hinabzuwerfen, wenn er ihnen nicht das weiße hereinreichte. Als er das nicht tat, ließen sie das Brett los, und der arme Knabe stürzte mit dem Neste in der Hand in die Tiefe, wo er tot aufgehoben wurde.