Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Kirchtürme von Greifenhain (Gedicht)

Dem Herrn von Eschefeld gefiel
nichts besser als das Würfelspiel.
Er spielt’ um hohen Preis und schor
sich wenig drum, wenn er verlor.
Auch Ritter Kunz von Greifenhain
schien diesem Spiele hold zu sein,
und beide hatten manche Nacht
am Würfelbrette zugebracht.

Wenn nun das edle Ritterpaar
so mit dem Spiel beschäftigt war,
da saßen sie wie angepicht
am Tisch und sahn und hörten nicht,
ja, Frohburg konnte untergehn,
sie hätten sich nicht umgesehn,
und siehe, der von Eschefeld
verlor fast stets das meiste Geld.

Einst spielten sie zur Erntezeit
mit der gewohnten Emsigkeit.
Da zieht ein schweres Wetter auf,
jedoch sie hörten nicht darauf,
und ob der Donner auch mit Macht
aus rabenschwarzen Wolken kracht
und Blitze klirren, Schlag auf Schlag,
die Spieler fragen nicht darnach.

Da stürzt ein Knecht herein und spricht:
„Ach, edle Herrn, wißt Ihr’s noch nicht?
Bei uns und auch in Greifenhain
schlugs eben in den Kirchturm ein!
Die Türme brennen lichterloh,
wie eine Schütte trocken Stroh.
Ein Glück, daß sich der Wind gedreht
und nun die Glut dorfabwärts weht!“

„Hm“ – brummt der Eschefelder Herr
so ruhig, als ob gar nichts wär’ – ,
„laßt brennen, was nun einmal brennt,
und löscht nur, was Ihr löschen könnt!“
Jedoch der Herr von Greifenhain
schien etwas ängstlicher zu sein,
griff zum Barett und wollte gehn
und nach dem Feuer drüben sehn.

Da hielt der Andre ihn „Ei was,
so bleibt, doch da! Was schiert uns das?
Ich seh nicht ein, was Ihr so rennt,
da ihr es doch nicht löschen könnt!
Ein einzig Spiel noch! Meiner Treu,
da kommt mir ein Gedank' dabei!
Beim Zernebock, so wartet doch!
Ein außereinz'ges Spielchen noch!“

Setzt Euch! Mir fällt ein Späßchen ein:
„Ihr setzt den Turm von Greifenhain
und ich den Turm von Eschefeld,
das heißt: zum Kirchturmbau das Geld.
Wer nun gewinnt, der baut sich dann
zwei Türme, und der andre kann
und darf nie wieder einen bau'n.
Wollt Ihr's, nun topp, so laßt uns schau’n!“

Der Greifenhainer will nicht dran,
doch spricht er endlich: „Nun wohlan!
Es gilt! Das Wort ist Unterpfand!“
Sie geben sich darauf die Hand;
dann wirft der Eschefelder elf!
„Seht her! Euch hilft nur noch die Zwölf,
sonst ist der Turm von Greifenhain
mit Fahne, Knopf und Glocke mein!“

Der Greifenhainer nimmt darauf
die beiden Würfel ängstlich auf
und wirft: „Ha, sechs und sechs ist zwölf!
Wie stehts denn nun mit Eurer Elf?
Ja, ja, zwei Sechsen, seht nur her!
Das ist ein glücklich Ohngefähr!
Mein ist der Turm von Eschefeld,
und Ihr - gebt mir zum Bau das Geld!“

Der andre grollt: „Heut trifft michs hart!
So hats mich doch noch nicht genarrt!
Ihr seit gewiß ein Sonntagskind,
daß Ihr fast allemal gewinnt. –
Das Geld zum Turm sollt Ihr empfahn,
doch würf'l ich nie mit Euch fortan!
Je dennoch sprecht nur bei mir ein,
Ihr sollt mir stets willkommen sein!“

So ward das Würfeln ausgesetzt,
doch blieb die Freundschaft unverletzt,
und als der Türme Zwillingspaar
nach zween Jahren fertig war,
da zahlte der von Eschefeld
getreulich das verlegte Geld,
zwar eben nicht mit heitrem Blick,
doch ohn' ein scheeles Wort zurück. –

So ist von alten Zeiten her
in Eschefeld kein Kirchturm mehr.
Erst neuerdings – sie haben’s Geld!–
Hat einen Turm man aufgestellt.
In Greifenhain hingegen stehn
noch zwei, wie Brüder anzusehn;
sie ragen übers Gotteshaus
hoch in des Himmels Blau hinaus.