Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Konrad von Einsiedels Heimkehr

Ein Reitersmann trabte auf seinem müden Rosse von Penig kommend Altmörbitz zu. Nach seiner zerissenen und verstäubten Kleidung hatte er eine weite Reise hinter sich. Aus dem hageren, von Gram und Entbehrungen durchfurchten Gesichte sprach Ungeduld, die sich mehr und mehr steigerte. Unruhig spähte sein Augen nach Norden. Nach einer Weile tauchten rechts vor ihm die Mauern und Türme der Burg Gnandstein auf, wunderbar beleuchtet von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne. Dieser Anblick griff dem Ritter seltsam ans Herz. Er hielt sein treues Roß an und blickte lange tiefbewegt hinüber. Endlich füllten Tränen seine Augen, und mit müder Stimme hauchte er: „Heimat! Heimat! Werde ich dich noch finden, du mein liebes Weib?“ Die Erinnerung zauberte ihm das Bild seiner Gemahlin vor die Seele, jugendlich und hold, wie er sie vor 31 Jahren zum Altar geführt.

Die Nacht hatte bereits ihre dunklen Schleier ausgebreitet, als der Ritter vor dem schweren, mit Eisen beschlagenen Tore der Burg Gnandstein hielt. Dreimal schlug er mit dem Schafte seines Speeres gegen die Torflügel. Oben öffnete sich ein Fenster, und der Wächter rief: „Wer begehrt Einlaß zur Nachtzeit?“

„Öffne schnell, Alter, dein Herr wartet vor seiner Burg!“ „Macht keine dummen Späße! Unser Herr schläft bereits seit einer Stunde dort drüben, wo das matte Licht schimmert.“

Diese Worte fielen dem Ritter schwer aufs Herz. „Für tot gelte ich, und ein andrer hat das Erbe angetreten“, murmelte er, „freilich, dreißig Jahre sind eine lange Zeit! Ich hätte es wissen können.“ So hatte er sich die Heimkehr während der letzten Monate nicht ausgemalt.

Da rief der Pförtner von oben: „Schert euch fort; Landfremdes Gesindel dulden wir nicht vor dem Tore!“ Diese Worte erzürnten den Ritter, seine Gestalt straffte sich, und mit mächtiger Stimme rief er: „Landfremdes Gesindel hat sich noch kein deutscher Ritter nennen lassen!“ und krachend fuhr sein schwerer Speer durchs Fenster in das Pförtnerstübchen.

„Ein ungehobelter Klotz!“ brummte der Alte oben und ließ sich nicht mehr sehen. Konrad von Einsiedel führte sein Roß den Berg hinab. Es war nun finstere Nacht geworden. Da huschte ein Mädchen an ihm vorbei und strebte der Burg zu.

„Kind, wohin so eilig?“ rief Konrad und hielt das Mädchen am Arme fest. „Laßt mich gehen, edler Ritter, meine Herrin wird schelten, daß ich solange drunten im Dorfe blieb“, war die ängstliche Antwort. „Wer ist deine Herrin?„ „Frau Kunigunda von Einsiedel.“ „Meine Gemahlin, sie lebt noch“, flüsterte freudig erregt der Mann, und laut sagte er: „Mädchen, verdien’ dir einen Gotteslohn; sag’ deiner Herrin, ein Ritter stehe vor dem Tore und bringe ihr wichtige Kunde. Wenn sie sich fürchte, solle sie alle ihre Knechte mitbringen. Eile, Kind!“

Das Mädchen sah trotz der Dunkelheit das gramdurchfurchte Gesicht des Mannes. Mitleidig antwortete es: „Wartet, ich will tun, was Ihr wünscht!“ Wieder war Konrad von Einsiedel allein, er schritt langsam den Burgberg hinan und wartete. Endlich wurden Stimmen laut, das Tor öffnete sich knarrend, und rasselnd ging die Zugbrücke nieder. Darüber schritt eine Frau, begleitet von vier bewaffneten Knechten.

„Ihr begehrtet mich zu sprechen. Es muß eine wichtige Botschaft sein, die Ihr zu nachtschlafender Zeit bringt“, fragte die Frau erwartungsvoll. Einen Augenblick betrachtete Konrad die vom Feuerschein zweier Fackeln beleuchtete Gestalt. Dann stürmte er mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und rief: „Ja, du bist es, mein geliebtes Weib!“ Aber drohend senkten die Knechte ihre Spieße, und die Frau wich einen Schritt zurück.

Abwehrend hob sie die Hände und betrachtete sinnend den Ritter. Dann schüttelte sie langsam das Haupt:

„Ihr wäret Konrad von Einsiedel? Mein Gemahl? Nein, seine Gestalt war kräftiger, sein Blick stolzer. Und ich habe sichere Kunde, daß er vor fast dreißig Jahren auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande seinen Tod fand“, sagte sie langsam.

„Nein, nicht seinen Tod“, versetzte der Ritter mit einer Stimme, aus der Schmerz und Enttäuschung sprachen, sondern viel Schlimmeres: „qualvolle, jahrzehntelange Sklaverei.“ Jetzt rief der Alte aus dem Pförtnerfensterchen herab: „Traut ihm nicht, edle Frau, er führt Böses im Schilde; seht, dieses Fenster hat der grobe Gesell vorhin mit seinem Speer eingeschlagen. Traut ihm nicht!“ Die Frau nickte und schritt langsam zurück. Die Ketten rasselten wieder, und alles war still.

Tiefe Traurigkeit erfüllte den Ritter. „Komm, mein treuer Kamerad“, sagte er zu seinem Rosse, „wir wollen weiterziehen, hinein in die freudlose Welt“.

Bald umgab ihn der stille Wald. Er band sein Pferd lose an einen Baum, hüllte sich in seinen Mantel und streckte sich auf die weiche Moosdecke nieder. Müde war er, müde zur Ohnmacht, aber der Schlaf wollte nicht kommen.

Bilder aus der Vergangenheit stiegen vor seinem Auge auf. Er sah sich mit dem sächsischen Adel im Zuge des Kurfürsten Friedrich auf dem Wege nach Böhmen, um die Hussiten für ihre Raub- und Mordtaten zu züchtigen. Er durchkämpfte in der Erinnerung noch einmal die furchtbare Schlacht bei Außig am 15. Juni 1426. Fast die ganze kursächsische Ritterschaft lag bleich auf den blutüberströmten Hängen des Weißen Berges. Sein treues Roß trug ihn damals in wilder Flucht dem Erzgebirge zu. Nur klein war das Häuflein seiner Gefährten, und drohend klirrten die Waffen der Verfolger, die immer näher kamen. Da gewahrten die Flüchtigen in der Ferne das Schloß Schreckenstein. Mit letzter Kraftanstrengung jagten sie dorthin. Das Burgtor schloß sich hinter ihnen – sie waren gerettet.

Wenige Minuten später stieß der Wächter auf dem Turm ins Horn und meldete die Ankunft der Verfolger. Schnell wurde alles zur Verteidigung hergerichtet. Da, Tumult und Stimmengewirr im Hofe. Die treulose, feige Besatzung des Schreckensteins hatte den Hussiten die Tore geöffnet. Konrad von Einsiedel verteidigte zwei Tage lang mit wenigen Getreuen den Turm gegen die Überzahl der Feinde. Zuletzt war ihm nichts übrig geblieben, als sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Aber merkwürdig, der Hussitenführer schenkte ihm und seiner tapferen Schar Freiheit und Leben und ließ sie ungehindert heimkehren.

Ein anderes Bild zauberte die Erinnerung vor das Auge des Heimatlosen. Er sah sich, den grauen Pilgermantel über dem Harnisch, von nur wenigen Knechten begleitet, auf der Pilgerreise nach dem heiligen Grabe, um Gott an der geweihten Stätte für die wunderbare Errettung aus der Hand der Hussiten zu danken. Die weiten Ebenen Ungarns, die wilden Berge des Balkans, das goldglänzende Konstantinopel, die Märchen des goldenen Horns, die Gärten des Bosporus, die Schlösser des Marmarameeres, das kahle Hochland Kleinasiens: alles sah er wieder. Dann drückte ihm der Schlaf die Augen zu.

Süße Träume umgaukelten ihn. Er sah sich in seliger Jugendzeit auf der Burg Gnandstein, behütet von der liebevollen Mutter und dem tapferen Vater. Wieder tummelte er sein Rößlein, schwang er sein Schwert, schleuderte er den Speer. Er sah sich auf einer Wiese zu Füßen der Burg seinem Jugendfreunde Hans von Gablenz auf Windischleuba im Turnierkampfe gegenüber. Jauchzend stürzten die beiden einander entgegen. Die Rosse bäumten sich, Konrad ließ die Lanze fallen, stechenden Schmerz im rechten Oberarm verspürend. Sein Freund hatte ihm den Muskel durchbohrt. Scherzend verband der Vater die Wunde. Oft zeigte Konrad später Hans von Gablenz die Narbe. Das im edlen Spiele vergossene Blut hatte die Freundschaft der Kämpfenden nur noch gefestigt.

Eine Drossel im Wipfel einer alten Linde weckte mit ihrem Morgenliede den Schläfer aus seinen Träumen. Gestärkt sprang er auf, band das Pferd los, klopfte ihm den mageren Hals und rief: „Auf zum letzten Ritt! Hans von Gablenz, alter Freund, bist du noch unter den Lebenden, so wirst Du mich nicht abweisen! Auf! Hans, ich komme!“ Bald war Windischleuba erreicht. „Melde Deinem Herrn: Hier gut Freund!“ rief Konrad dem Pförtner zu. Schnell öffnete sich das Tor, und der Ritter ward von einem Diener in ein kleines Zimmer geführt, an dessen Wänden Wappen und allerlei Waffen hingen. Eichene Bänke liefen um einen schweren Tisch herum. Ein Vorhang öffnete sich, und Hans von Gablenz trat herein, noch kräftig von Gestalt, aber mit silbern glänzendem Haare.

„Herzlich willkommen, wer Ihr auch seid! Eure Gestalt ist mir fremd, aber Euer Auge muß ich kennen“, begann er das Gespräch. Da streifte Konrad von Einsiedel den rechten Rockärmel zurück und zeigte ihm den entblößten Arm. Hans starrte auf die Narbe. „Konrad! Konrad! Alter Freund!“ rief er, und beide Männer sanken einander an die Brust.

Am Mittag saßen sie wieder in dem trauten Stübchen. „Über die Enttäuschung des gestrigen Tages hast du mir berichtet, nun erzähle, wie es dir auf der Pilgerfahrt ergangen ist!“ hub Hans von Gablenz an. Konrad von Einsiedel erzählte: „Bis nahe an Antiochien ging alles gut. Da fiel plötzlich eine Türkenschar über mich und meine Knechte her. Widerstand wäre zwecklos gewesen; auch wollte ich das Leben meiner Getreuen schonen. So ergaben wir uns mit der Hoffnung im Herzen, bald eine Gelegenheit zur Flucht zu finden. Wir sollten uns arg getäuscht haben. Meine Knechte sind mir nie wieder zu Gesicht gekommen. Von den 28 Jahren, wo ich die Sklavenketten trug und meist auf Schiffen arbeiten mußte, laß mich schweigen! Nie erlosch in dieser Zeit die Sehnsucht nach der Heimat in meinem Herzen! Jetzt schreiben wir das Jahr 1455. Als die Türken zum Kriege gegen die Christen rüsteten und nach Europa zogen, wurde ich mitgenommen, um Schanzarbeiten zu verrichten. Da erwachte in mir von neuem die Hoffnung, entfliehen zu können. Freilich sah es nicht danach aus; denn überall drängte der Halbmond das Kreuz zurück. Schließlich lagerten wir vor Belgrad, und ich mußte mit anderen Leidensgefährten Laufgräben auswerfen. Da brachen unerwartet die Ungarn über die Türken herein. Wir in den Laufgräben wurden abgeschnitten und gefangen. Die Ungarn schenkten mir als einem Christen die Freiheit, Waffen und ein gutes Pferd. Wochenlang bin ich geritten, um heimzukommen. Daß man mich von meiner Burg wies, habe ich Dir bereits heute morgen erzählt.“

„Tröste dich“, begann nun Hans von Gablenz, „deine Burg ist zwar für dich verloren – der Kurfürst hat sie deinem Bruder zugesprochen – , aber dein Weib lebt noch; jetzt reite ich hinüber nach Gnandstein und schaffe Klarheit.“ „Tu das“, erwiderte Konrad. „Was liegt mir noch an der Burg? Nach einem ruhigen Lebensabend an der Seite meiner Gemahlin, nach stillen Stunden in der Heimat sehnt sich mein gequältes Herz.“ Er nickte dem Freunde stumm zu, der bald darauf zum Tore hinaus nach Gnandstein hinüberritt. Nicht lange darnach kam Hans von Gablenz zurück. „Alles ist gut!“ rief er Konrad entgegen, „Frau Kunigunda erwartet dich in der Heimat! Zürne ihr nicht, daß sie dich gestern abwies. Dich haben die vergangenen 30 Jahre bis zur Unkenntlichkeit verändert. Aber – will es Gott –, so lebst du noch einmal auf! Dein Bruder heißt dich auch herzlich willkommen und wünscht die Entscheidung darüber, wer nun Herr von Gnandstein sein soll, dem Kurfürsten zu überlassen!„ „Mir ist es recht! Vielen Dank, alter Freund, für dein Bemühen!“ antwortete Konrad von Einsiedel. „Laß mein Roß satteln, noch in dieser Stunde will ich heimreiten!“ Unter dem Burgtor empfing ihn seine Gemahlin und sank ihm weinend an die Brust. Auch sie hatte viel gelitten in den Jahren des Harrens und Trauerns.

Nach einigen Wochen traf der Befehl des Kurfürsten ein, wonach dem Heimgekehrten eine hohe Abfindungssumme gewährt werden mußte. Konrad erlebte das Glück einer frohen Nachkommenschaft. Aber sein Stamm sollte nicht fortblühen. Nur einer seiner Söhne, Wilhelm, erreichte die Jahre des Mannesalters. Auch ihm wurde das heilige Land zum Verhängnis. Als er im Jahre 1493 nach Jerusalem pilgerte verlor er unterwegs auf gewaltsame Weise sein Leben.