Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Vom Hutmann beim Witznitzer „Burgsterl“

Das ist die Gegend, wo – nördlich von Witznitz – Wyhra und Eula zusammenfließen. Kommt da in einer lauen Sommernacht in der 12. Stunde ein Schneidergesell einsam den Wiesenweg von Witznitz her, wo er fertige Lodensachen abgeliefert hat. Lustig klimperte das erhaltene Geld in der Tasche. „Wenn die blanken Taler mein wären! Wenn ich dem leichtgläubigen Meister einreden könnte, wie sie mir auf dem Heimwege geraubt oder sonstwie abhanden gekommen wären!“ Solche Gedanken ziehen wild durch seinen Sinn. Auch an die Geschichte muß er denken, die einst die alte Meisterslore nach Feierabend den Kindern erzählte, und der er damals ungläubig lächelnd lauschte.

Eben an der Stelle, die jetzt zur mitternächtigen Stunde seine Füße überschreiten, erscheine ab und zu der „Hutmann vom Burgsterl“. „Das ist“, so hatte die Alte berichtet, „der friedlose Geist eines Fleischhauerknechtes“, der vor langen Jahren in der Schenke zu Hain das Kaufgeld für eine Kuh verkartet hatte. Von Reue geplagt, hat er sich beim Burgsterl im tiefen Wasser ertränkt. Vorher hat er seinen Stock in die Erde gespießt und den Hut daran gehängt. Daher der Name „Hutwart“. Das Gespenst verfolgt zuweilen heute noch an dem unheimlichen Orte die Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben!

Dieser Erzählung der Ahne erinnerte sich der Schneidergesell jetzt lebhaft. Schnellen Fußes suchte er jener Stelle auf dem Wege rechts des Wyhralaufes zu entgehen, ohne sich auch nur einmal umzuschauen. Erst als er die Fahrstraße nach Kleinzössen erreichte, wagte er’s. Aber was ist das! Kommt da nicht durch die grauen Nebelschleier ein „behuteter Mann“ hinter ihm her, gespenstisch, lautlos, immer näher? Mit keuchender Brust durchquert der gehetzte Gesell das Dorf auf der Wegbiegung in Kleinzössen. Da will er aufatmen; doch hinter dem Dorfe links in den Wiesen taucht der nächtliche Verfolger von neuem auf. Im fahlen Mondlicht vermeint der geängstigte Schneider die graue Gestalt deutlich zu erkennen, bis sie vor Hain in den Pleißenfluß verschwindet. War’s Wirklichkeit? War’s Einbildung? Noch lange denkt er über sein nächtliches Erlebnis nach und manche andere, denen er davon erzählt.