Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Hänschensagen

1. Sage

In einem Bauernhofe zu Trautzschen gab es alle Sonntage zum Mittagessen schöne weiche Mehlklöße und dazu vorzügliches Schwarzfleisch, ein trefflich mundendes Gericht, dessen niemand überdrüssig wurde.

Nur eins gab zu denken: man sah die Bäuerin nie die Klöße zurichten; wenn das Gesinde des Sonntags aus der Kirche kam, waren sie schon fertig. Und so oft es Schwarzfleisch gab: der Vorrat in der Räucherkammer nahm nicht ab.

Da konnte nicht alles mit rechten Dingen zugehen, und die Großmagd sagte geheimnisvoll: „Wer weiß, wo Klöße und Schwarzfleisch herkommen!“ Mit einem Male war der Appetit vorbei. Das Rauchfleisch hatte nicht mehr den feinen Geschmack wie vordem, und die Klöße wollten kaum noch hinunter. Als eines Sonntags der Knecht, der sonst einen halben Kloß auf einmal verschlungen hatte, wieder an einem Bissen würgte, nahm er sich vor, der Sache auf den Grund zu gehen. Ärgerlich warf er sein Messer auf den Tisch – die Bäuerin hatte gerade die Stube verlassen – und sagte: „Am kommenden Sonntage muß ich erfahren, woher die Klöße stammen.“

Als die Bäuerin am nächsten Sonntage ihr Gesinde wiederum zur Kirche schickte, versteckte er sich in der Küche hinter dem Backofen und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Und sieh da! Gerade wie die Glocken zur Kirche läuteten, kam ein Männlein in die Küche herein. Die Bäuerin hob es empor und setzte es auf einen Stuhl. Dann streichelte sie ihm freundlich die Wange und sagte: „Gäk, Hänschen, gäk Klöße und Schwarzfleisch!“ Da riß der Kleine plötzlich das Maul auf, verdrehte die Augen, und Kloß um Kloß quoll aus seinem kleinen Munde! Das konnte der Großknecht nicht lange mit ansehen. Er schlug mit seiner derben Rechten gewaltig gegen die Wand, daß es nur so schallte. Im Augenblick verschwand das Kloßmännchen. Die zornige Bäuerin aber schob den Störenfried mit einem derben Fluche zur Tür hinaus. Unwillig ging hierauf der Knecht an seine Arbeit. Als er Heu vom Boden holte, stürzte er die Treppe hinunter und brach den Hals.

2. Sage

Auf einem Gute in Hagenest dienten einst zwei Mägde und ein Osterjunge. Die Bäuerin war sehr fleißig. Wenn es auf dem Felde zu tun gab, war sie stets dabei, sie war die erste und letzte bei der Arbeit. Erst mit dem Mittagsläuten, um 11 Uhr, ging auch sie heim, um mit dem Gesinde das Vieh zu beschicken. Trotzdem war aber das Essen immer rechtzeitig fertig.

Auch hier konnte nicht alles mit rechten Dingen zugehen, und der Osterjunge wollte das Geheimnis ergründen. Zu gegebener Zeit schlich er sich die Treppe hinauf in die Kammer, wohin die Bäuerin stets vor dem Essen ging, suchte sich ein Versteck und lauschte. Und richtig, wie alle Tage, so kam auch heute die Frau herauf in die Kammer, die Tür hinter sich sorgfältig verschließend. Dann trat sie an ein Faß heran und sagte: „Gäk, mein Hänschen, gäk!“ Da klang es aus dem Fasse heraus: „’s guckt, ’s guckt, ’s guckt!“ Die Bäuerin erschrak; sie sah sich im Zimmer um, erblickte aber niemand. Erneut bat sie deshalb: „Gäk, doch Hänschen, gäk doch!“ Aber wiederum antwortete es ihr: „’s guckt, ’s guckt!“ In diesem Augenblicke wurde der Junge von draußen gerufen; er bewegte sich, wurde entdeckt und bekam eine tüchtige Tracht Prügel.

Anmerkung:

Die alten sorbischen Bauern hatten einen Stab, an dessen Spitze sich eine Hand befand, welche einen eisernen Ring hielt. Dieser Stab wurde von dem Hirten des Dorfes, wenn eine Versammlung sein sollte, von Haus zu Haus getragen. Dabei sprach der Träger beim ersten Eintritt ins Haus zum Gruße: „Wache, Hennil, wache!“ So wurde der Stab in der Bauernsprache genannt. Und dann schmausten sie selbst köstlich und meinten durch den Schutz desselben gesichert zu sein.