Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Vom Drachen zu Ramsdorf

Die letzten Tage der fröhlichen Kirchweihmusik in der Hohendorfer Schenke waren verklungen. Langsam leerte sich der geräumige Tanzboden, und heimwärts strömten Burschen und Mädchen. Drei biedere Freunde befanden sich bereits auf der Höhe halben Weges nach Ramsdorf.

Klar und ruhig war die Nacht, und im hellen Mondenschein erkannten sie von weitem schon die dunklen Umrisse ihres heimatlichen Dorfes. Da, mitten in übermütigen Scherzworten, hält einer der Burschen plötzlich inne, bleibt mit seinen Gefährten wie angewurzelt stehen und zeigt mit erhobenem Arme geradeaus, indem er hastig in die Worte ausbricht: „Habt ihr sie gesehen, die feurigen Funken aus der Feueresse dort? Ein ganzer Schwarm war’s!„ „Wahrhaftig, jetzt hab’ ich’s mit eigenen Augen erschaut! Das war bei der alten Neuberin, die hat den Drachen! Alle Leute wissen das, bloß sagen darf man’s nicht!“ setzte ein anderer seiner Kameraden hinzu. Und eben schlug die altersschwache Kirchturmuhr in Ramsdorf eins.

Weiter wandelnd ergingen sich die drei in allerlei Mutmaßungen und erzählten, was sie im Dorfe von den Nachbarn des verrufenen Anwesens gehört hatten. Dort hauste seit Jahrhunderten schon eine Bauernfamilie, einfach, arbeitsam und sparsam von Kind auf in allen ihren Vorfahren und Nachkommen. Sie hatten die Wirtschaft hochgebracht und in schlechten Zeiten gehalten, selbst dann, als man den tödlich verunglückten Vater hinaustrug und die Frau und die alte Mutter das Regiment führten, weil die Kinder noch klein waren. Kein Wunder, wenn Neid und Mißgunst im Dorfe erwachten und sich verstohlen breitmachten; denn der Aberglaube trieb noch in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts trotz Aufklärung in Schule und Zeitung seine wunderlichen Blüten. Nach Jahrzehnten noch wurde die Mär vom Drachen zu Ramsdorf von Knechten und Mägden, die sie als Kinder einst schaudernd mit angehört, in umliegende Orte getragen und noch manches hinzugesetzt.

„Ja, die alte Neuberin hatte wirklich den Drachen!“ erzählte eine alte Magd noch 30 Jahre später im Nachbardorf; denn als sie zum Liegen kam, konnte sie nicht „ersterben“. Erst als man auf Geheiß des klugen Hofeschäfers trockenen Pferdedünger unter ihr Kopfkissen legte, verschied sie. Und als man tags darauf im Keller eine kleine, verschlossene Eisentür öffnete, kam aus dem engen Gelaß eine schwarze Henne heraus. Im Hofe hüpfte sie wie betrunken umher, angefeindet und verfolgt vom ganzen Hühnervolke, bis sie durch das Schlupfloch der Schuppentür nach dem Garten auf Nimmerwiedersehn verschwand! Das war der Drache!