Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Von Kobolden – Das Heupferd als Kobold

Alle waren untergebracht, nur der Grenadier Michel von der 3. Kompanie noch nicht. Er hatte Quartier in einem Hause bekommen, das abseits vom Dorfe an einem stillen Weiher lag. Nun trugen ihn seine langen Beine hinaus. Hungrig und müde war er nach dem anstrengenden Manövertage, aber dort in dem einsamen Hause hoffte er Erquickung und Ruhe zu finden.

Jetzt sah er sein Ziel vor sich. Groß war das Haus nicht, aber mit seinen blanken Guckfensterchen machte es einen gar traulichen Eindruck auf ihn. Er sollte sich auch nicht getäuscht haben. Das Oberstübchen war eigens für ihn hergerichtet worden. Ein sauberes Bett mit weiß schimmernden kühlen Linnen war für die müden Glieder bestimmt, und ein gedeckter Tisch mit Wurst, Speck, Schinken und andern guten Sachen sollte Magen und Kehle stärken und erfrischen. Sogar ein Sofa fehlte nicht.

Als er sich gewaschen, all den Staub und Schweiß beseitigt hatte, kommandierte er sich selbst: „An die Gewehre! Setzt euch! Haut ein!“ Aber noch ehe er den ersten Hieb vollführt hatte, rief’s unten im Hofe: „Soldat, du sollst mal ’runter kommen!“ Mißmutig legte er Messer und Gabel beiseite, stand auf und stieg die Treppe hinab in den Hof. Dort sah er sich um, konnte aber niemand erblicken. Es ließ sich auch dann keine Menschenseele sehen, als er lauf rief und mit langen Schritten den Hof überquerte.

Er begab sich daher wieder in seine Stube, um nun endlich mit der Atzung zu beginnen; aber wie er gerade wieder zu kräftigem Einhauen ansetzte, sieh, da hüpfte gar lustig und munter, dreist und ohne Scheu ein Heupferd auf dem Tische umher, vom Teller auf die Wurst, von der Wurst in den Senfnapf und von da mit gelben Beinen aufs Brot. „Na warte, du Grashüpfer!“ sagte da der Soldat und bemühte sich, das Tier zu haschen. Aber was tat es da? Es entsann sich der Kräfte seiner großen Vettern, der Heuschrecken, und sprang mit gewaltigem Satze dem Soldaten an die Kehle, strampelte mit den langen Beinen und biß sich fest, als wollte es den großen Menschen erwürgen. Der Soldat mußte fest zugreifen, um sich des Angreifers zu erwehren, und er hätte sicherlich das Heupferdchen zwischen seinen Fingern zerdrückt, wenn nicht in diesem Augenblicke die Wirtin erschienen wäre, die ihren Liebling, das Heupferd, behutsam in beide Hände nahm und hinaustrug.

Das Tier war der Kobold des Hauses gewesen.