Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Von Nixen

Viele Flurnamen deuten darauf hin, wo sie wohnten: der Nixtümpel zwischen Lucka und Breitenhain am Rainbache, der Nixtümpel in Hohendorfer Flur und das Nixloch zwischen der Luckaer und Nehmitzer Flur bei dem Grenzsteine 41. Sie sollen auch hausen in den Regiser Teichen, im Pferdeloch in Kahnsdorf und in der schwarzen Lache am Röthaer Groitzschberge. Von vielen Orten sind sie aber vertrieben worden, wohl deshalb, weil in den Tälern der Elster, Schwennigke, Schnauder, Pleiße, Wyhra und Eula zu viel Bäume weggeschlagen wurden und dadurch mancher schöne, kühle, schattige Platz beseitigt worden ist. Wohl auch deshalb, weil der Wasserreichtum der Bäche und Flüße nachgelassen hat und dadurch die früher sumpfigen, schwer zugänglichen Wohnorte der Nixen zu oft von Menschen betreten worden sind. Bestimmt hat es aber früher nach Aussagen alter Leute viel mehr Nixen gegeben als heutigentages.

Sie wohnten paarweise, ganz wie die Menschen, und lebten in Grotten unter dem Wasser. Die des Breitenhainer Nixtümpels und der schwarzen Lache bei Rötha trockneten zuweilen ihre Wäsche im Freien, kamen ins Dorf und vergnügten sich dort mit auf dem Tanzboden. Ja, die Breitenhainer Nixen sollen einmal sogar ein Kind aus einem Hause gestohlen haben. 

Eines Tages kamen - so wird in Zschagast erzählt - auch wieder Mädchen zu Tanze, die niemand kannte. Die jungen Burschen rieten, wer sie sein könnten. Denn keiner von ihnen hatte sie je gesehen. Schließlich holte einer solch eine fremde Dirne und tanzte mit ihr. Als die Musik schwieg, fragte er sie, ob er sie nach Hause begleiten dürfe, was sie bejahte. Sie verließen den Saal und kamen nach längerer Wanderung an einen See. Da sagte das Mädchen: „Hier ist meine Heimat; wenn es dich nicht reut, kannst du mitkommen.“ Der junge Mann erklärte sich dazu bereit. Darauf schlug sie mit einer Rute mehrmals das Wasser. Es wich zurück, und ein langer Gang wurde sichtbar. Dieser führte sie in ein Dorf und an mehreren Häusern vorbei in die Wohnung des Mädchens, wo sich der Bursche verstecken mußte.

Gleich darnach kam die Mutter der Nixe, denn eine solche war das Mädchen, und fragte: „Hast du jemand mitgebracht?“ Und sie fügte gleich noch hinzu: „Der Mann paßt nicht zu uns. Wie lange wird's dauern, da will er wieder hinaus!“ Da rief die Nixe den Burschen und fragte nochmals, ob er bei ihr bleiben wolle. Und wiederum war er einverstanden. Es gefiel ihm auch in der neuen Welt. Ja, er fühlte sich da wohl, daß er das Mädchen heiratete. Erst als ihr kleiner Sohn etwa anderthalb Jahre alt war, bekam er ein wenig Heimweh. Es wurde stärker und stärker und war nicht zu unterdrücken. Schließlich bat er um die Erlaubnis, mit seiner Familie die auf der Erde lebenden Angehörigen besuchen zu dürfen. Die alte Nixenmutter gestattete ihm die Rückkehr, aber nur auf eine gewisse Zeit.

So kam er denn wieder auf die Erde herauf, und es gefiel ihm da recht gut. Gar leid tat es ihm, als sein Urlaub um war und er wieder in den See hinunter sollte. Zu schnell stand er wieder am Ufer des Wassers, und dort angekommen, sagte er zu seiner Frau, der Nixe: „Wir wollen doch lieber oben bleiben, auf der Erde ist's doch schöner.“ Aber davon wollte die Frau nichts wissen und sagte: „Ich muß hinab in den See; wenn du nicht mitkommen willst, dann müssen wir unsern Sohn teilen.“

Dem jungen Mann tat das arme Kind leid, und er sagte: „Behalte nur den Jungen ganz.“ Aber sie zog biltzschnell ein Messer und schnitt das Kind über dem Leibe auseinander. Die obere Hälfte mit dem schönen Lockenkopfe fiel ihm zu. Tieftraurig bestattete er seinen Teil im Ufersande. Kaum aber hatte er ihn verscharrt, da schoß auch schon eine schöne Blume, wie eine weiße Lilie, aus dem Grabe empor. Die Nixe jedoch warf ihren Teil ins Waser. Er verwandelte sich in einen Goldfisch und schwamm zu der schönen weißen Blume. Die Blume neigte sich nach dem Fischlein hin, und beide flüsterten zusammen. Die Eltern aber gingen voneinander; weder die Nixe noch ihren Mann hat man je wiedergesehen.

Ein anderes Mal ging eine Frau mit ihrer Tochter zu Markte nach Lucka. Als sie am Breitenhainer Nixloche vorbei kamen, sahen sie ein Haus stehen, das sonst nicht dort war. Eine Frau stand davor, winkte und lud sie ein: „Kommt doch herein zu mir, ich habe alles, was ihr braucht; ihr bekommt es bei mir viel billiger als in Lucka.“ Die Ruferin war eine Nixe; die beiden Frauen lehnten daher ab und sagten: „Wir gehen nach Lucka.“ Kenntlich waren die Nixen daran, daß sie bis fast unter die Arme naß waren oder doch wenigstens einen feuchten Saum am Kleide aufwiesen. Außerdem hatten sie Schwimmhäute zwischen den Zehen, die sie aber gar ängstlich vor Menschenaugen verbargen, und deren Spuren im Sande, die „Nixtapsen“, sie sorgfältig verwischten.