Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Bocksmarte von Hartzdorf

„Hartzdorf lag zwischen Borna und Görnitz. Es soll eine der ältesten um Borna gelegenen wüsten Marken sein. Das einst zu Hartzdorf gehörige Holz, der Harthwald, sowie der Gemeindeteich waren noch in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts vorhanden.“ So berichtet die Bornaer Chronik.

Bis zu dieser Zeit noch soll es hier auf dem Wege von der heutigen Bezirksanstalt an bis Hartmannsdorf und Görnitz zuweilen recht unheimlich gewesen sein. Vielleicht schon im Schwabenkriege (1294) ist das kleine Dorf zerstört worden. Nur ein Ziegenbock entging den Nachstellungen der rohen Krieger, weil er sich an diesem Tage im dichtesten Gebüsch des nahen Harthwaldes versteckt gehalten hatte. Nachdem sich der Waffenlärm verzogen, hat das hungrige Tier seinen Stall wieder aufgesucht.

Doch standen kaum die Mauern noch, auch das rauchgeschwärzte Dach war eingebrochen. Vom Bauer und dessen Leuten, die ihm sonst das Futter gereicht, fand er niemand mehr vor. Da ist er am anderen Tage von dem menschenleeren Orte weg wieder in den Wald gegangen zur Ästung hinter sicherem Gebüsch. Aber nachts kehrte er, dem Triebe nach dem warmen Stalle folgend, immer in das zerstörte Dorf zurück. Nach einiger Zeit bemerkte er eines Nachts mehrere Gestalten, die raschen Schrittes auf dem Fahrwege nach Borna enteilten. Im Gefühle der Anhänglichkeit an seine ehemaligen menschlichen Freunde sprang er ihnen spornstreichs nach. Doch die Flüchtlinge wollten nichts von ihm wissen, sie vermuteten in seinem weißschimmernden Zottelkleid ein Gespenst aus dem wüsten Dorfe und verdoppelten ihre Schritte.

Erst unter dem Schutze der Stadtmauer blickten sie sich ängstlich um: „Gott sei Dank, der böse Geist ist verschwunden!“ So entstand die Sage von der „Bocksmarte“, die wie wucherndes Gestrüpp weiter wuchs. Das Gespenst hauste in dem alten Harthwalde bei Görnitz, machte aber auch die umliegende Gegend unsicher. Es war ein altes Weib, das auf einem Ziegenbocke ritt oder zu Schlitten oder Wagen das Land durchstreifte. Meist galt es als unguter Geist, der die Leute, die ihm begegneten, „fest“ machte oder ihnen „aufhuckte“ und ganz besonders bösartig war, wenn nach ihm geworfen oder geschlagen wurde, während er ihm erwiesene Wohltaten reichlich belohnte. Der Hauptspuktag der Bocksmarte war das Hohneujahr. Zu Walpurgis ritt sie mit den Hexen auf den Brocken. Die Bocksmartensage verblaßt in unseren Tagen immer mehr und wird schließlich ganz verloren gehen, wie auch die Sage von „der Roßmarte“, dem Roßgespenst des Swantowit, nach welchem die „Roßmarsche Straße“ in Borna ihren Namen hat.