Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Von der Frau Holle

In Zschagast ritt sie zuweilen auf einem Ziegenbocke den Dachfirst eines Gutes entlang und schließlich zu einer Esse hinein. Wollte ihr Bock nicht so recht vorwärts, so ermunterte sie ihn mit dem Rufe: „Hopp, mein Böckchen, hopp!“

Am Hohneujahrstag pflegte sie ihren Hauptumgang vorzunehmen und kam dabaei stets auch nach Öllschütz. Sie zog da mit ihrem Gefolge durch ein bestimmtes Gut. Ein Knecht war neugierig und wollte sie durchaus einmal sehen. Er legte sich deshalb zu gegebener Zeit auf den Torbogen und duckte sich, um nicht bemerkt zu werden. Frau Holle entdeckte ihn aber dennoch und warf ihm ihre Handschuhe ins Gesicht. Sie blieben dem Neugierigen für immer an der Nase hängen.

Eines Tages ritt sie durch Medewtizsch und begegnete auf der Dorfstraße einem Schneider, der nicht ausweichen wollte. Da nahm ihr Bock das Männlein auf seine Hörner und trug es so bis Kieritzsch.

Als ihr einmal in Stolpen die Hebamme in den Weg lief, nahm sie die Frau zu sich in den Schlitten und fuhr sie bis Pödelwitz.

Ein andermal hielt sie am Werkplatze eines Zimmermannes an und zerschlug mit einer Axt ihren Schlitten. Dann befahl sie dem Manne, einen neuen zu bauen, wozu sie das Holz selbst mitgebracht hatte. Als Lohn für die Arbeit erhielt er die Hobelspäne. Darüber war er natürlich recht ärgerlich. Aber schließlich beruhigte er sich, stopfte die Späne in seinen Ranzen und ging damit heim, schüttete sie aber sämtlich, bevor er sich schlafen legte, zum Fenster hinaus. Nur ein Span fiel auf die Diele. Am Morgen, als er erwachte, blinkte auf dem Fußboden ein Stück blanken Goldes, draußen unter dem Fenster aber fand er nur ein Häufchen Asche.

Gern begleitete Frau Holle einsame Fußgänger und einzelne Geschirre. Keinem Menschen tat sie dabei etwas zu leide. Einen Knecht aber, dem sie vom Piegeler Hölzchen bis zum Imnitzer Wege zur Seite ritt, und der nach ihr schlug, peitschte sie zu Tode. Und einem Zwenkauer Höker, dem sie aufhockte, und der sie "Luder" schimpfte, dem zerbrach sie die Eier im Tragkorbe.

Ursprünglich soll sie im Medewitzscher Holze gehaust haben. Nach dessen Rodung aber zog sie ins Stolpener, und als auch das beseitigt worden war, ins Piegeler Holz. Dort war lange Zeit ihr Teich, "Frau Hollens Teich" genannt, aus dem sie ihr Reittier tränkte. Heutzutage ist der Tümpel zugefüllt, und nur noch ein nasser Fleck zeigt die Stelle an, wo früher der Wasserspiegel glänzte. Es ist der Fleck, wo sie noch gegenwärtig in die Erde fahren soll.

In unseren Tagen hat sie niemand wieder gesehen. Wenn sie aber doch erscheint, dann schaut sie besonders nach dem Spielzeug der Kinder und prüft, wie es gehalten worden ist. Findet sie dabei Spuren gewaltsamer Zerstörung, so nimmt sie es weg, wie Hagenester Kinder zu erzählen wissen.