Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Vom Kalb ohne Kopf

Rechts am Wege von Gestewitz nach Mölbis steht an der Waldecke des Mölbiser Kirchenholzes unter wucherndem Brombeergebüsch ganz versteckt ein uraltes Steinkreuz aus Porphyr. Viele finden es heute kaum noch, doch galt dieser Platz vor langen Jahren als ein Ort, wo es nächtlicherweile „umging“.

Einst kamen von Gestewitz her zwei Bauernburschen vom Neujahrstanze „aus der Heide“. Sturmgepeitschte Wolkenfetzen jagten am Himmel dahin und sandten zeitweilig kalte Regenschauer herab, sodaß sie das spärliche Mondlicht in dämmriges Dunkel versetzten. Heuer schien kein rechter Winter zu werden, wie es auch keinen richtigen Sommer gegeben hatte. Schnellen Fußes gingen die beiden Burschen dahin, vom schlechten Wetter und von der staubigen Winterarbeit in Scheune und Schuppen lebhaft redend.

Als sie am alten Steinkreuze vorübereilten, verkündete die Kirchenuhr in Eula eben die erste Morgenstunde. Da brach es links durch die Zweige, sprang kaum eine Manneslänge vor ihnen entfernt quer über den Weg und verschwand im Buschholze, gurgelnde Laute wie ein Kalb ausstoßend. Zu Tode erschrocken blieben die Burschen stehen, um dann um so schneller ihren Weg nach Mölbis fortzusetzen. „Hast du es weggekriegt, das war das Kalb ohne Kopf, von dem der alte Schäferlob uns oftmals erzählte, daß es beim alten Steinkreuze die Leute erschrecke!“ „Mir wars auch so“, versetzte der andere; „denn einen Kopf habe ich nicht gesehen. Und heute paßt das ganze Wetter zu dem Spuke, ist es doch, als ob das wilde Heer durch die Lüfte fahre. „Unter solchen Gesprächen kamen sie endlich heim“.

In den nächsten Tagen gaben sie ihr nächtliches Erlebnis auch anderen Leuten kund. So fand der schon vorhandene Aberglaube „vom Kalb ohne Kopf“ seine Bestätigung und neue Nahrung.