Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Ein sorbisches Opferfest auf dem Götterberge zu Borna

Czedlo, der Supan(1) von Czedlitz(2) sandte seinen ältesten Sohn Dobran, einen Jüngling von achtzehn Jahren, mit der Heja(3) in die benachbarten Sorbendörfer und lud die Stammesgenossen zum Opferfeste ein, das zu Ehren Swantowitts auf dem Götterberge(4) zu Borna beim nächsten Vollmonde gefeiert werden sollte. Ein untadeliges Opfertier werde bereitstehen, sie möchten nur auf gefüllte Metfässer bedacht sein.

Der Bote kehrte zurück und berichtete, die Ladung sei freudig aufgenommen worden, und alle die Sippen hätten dankbar zugesagt. Von Borna und Witznitz, von Kitzscher, Beucha und Prießnitz, von Wyhra, Plateka und Görnitz wollten sie kommen, alle, Männer, Weiber und Kinder. Da freute sich Czedlo, der Supan, und mit ihm ganz Czedlitz.

Nur noch wenige Tage fehlten am Herbstvollmonde, und darum zeigte sich in allen Dörfern geschäftiges Treiben. Da wurden Kleider und Schuhe ausgebessert, Waffen gereinigt, Karren vorgerichtet, Gespanne geputzt, Kessel und Schüsseln gescheuert, Schalen mit Salz gefüllt und was der Arbeiten mehr waren. Vor allem aber wurde darauf gesehen, einen großen Vorrat gegorenen Honigwassers zu beschaffen. Kein Ort wollte da hinter dem anderen zurückstehen.

Im Anwesen Czedlos gab es besonders viel zu tun, und der Supan hatte seine Augen und Hände überall. Da von ihm die Einladung ausging, weil er dies Jahr an der Reihe war, so hatte er das Schlachtopfer zu spenden und für die Speisung der Teilnehmer zu sorgen. Er tat es gern und ausgiebig. Unzählige Laibe Brot verließen den Backofen, und mehrere Ziegen und Schafe erhielten reichlicheres Futter als sonst. Sonderlich wichtig war es, das weiße Roß zu pflegen, das der Supan für würdig befunden hatte, zur höheren Ehre Swantowitts, der Vaters aller Götter, zu verbluten.

Eifrig geschafft wurde Tag für Tag, und die Kinder gingen den Eltern flink zur Hand, fütterten das Vieh, säuberten die Geschirre, bestrichen die Wagenachsen mit Eberfett, halfen beim Backen, trugen Brennholz zusammen und bündelten es und sahen überall, wo es etwas zu tun gab. Als der Vater die Messer schliff, die zur Tötung und Schlachtung des Opfertieres dienten, begoß Kanja, ein Schwarzkopf von sieben Jahren, eifrig den Wetzstein.

„Vater, morgen darf ich zum ersten Male mit zum Opferfeste“, sagte er, „und ich weiß doch noch so wenig von unserem Göttervater. Magst du mir nichts von ihm erzählen?“

„Gleich sollst du mehr erfahren!“ antwortete der Supan, der den Knaben wohlgefällig betrachtete, „ruf deine Geschwister! Von den Göttern zu hören, ist allen Kindern heilsam!“

Bald sammelten sich alle vier um den Vater, der die Messer in Sicherheit gebracht hatte und sich nun auf den erhöhten Stein neben der Haustür setzte. Knaben und Mädchen hingen gespannt an seinen Lippen.

„Ihr kennt den geweihten Winkel in unserer Hütte,“ begann er bedächtig, „die reine Ecke, die ihr nicht betreten dürft, und warum nicht?“

„Es ist die Wohnung der unsichtbaren Gottheit!“ rief die ältere Tochter, die sechzehn Sommer zählte, „rein und heilig wie sie!“

„Brav Blaczena!“ lobte der Vater; „unser hehrer Lichtgott Swantowitt haßt alles Unreine; darum hat er die Sonne erschaffen, die Nacht und Finsternis vertreibt. Aber auch Himmel und Erde stammen von seiner starken Hand, und aller Segen der Felder, Wälder und Gewässer kommt von ihm.“

„Hat er auch das Getreide wachsen lassen, Vater?" fragte Kaja, der aufmerksam zugehört hatte.“

„Ohne ihn gedeiht kein Hälmchen auf dem Acker und kein Blümlein auf der Wiese, wie er auch alles sieht, was auf Erden vorgeht.“

„Ja, und vier Köpfe trägt er auf starken Schultern“, fügte die zehnjährige Gola hinzu; „nach allen Seiten des weiten Himmels schaut er und sieht, was die Menschen treiben.“

„Swantowitt ist der mächtigste aller Götter", fuhr der Vater erfreut fort, "stärker als die Götter der Sachsen und der Franken! Er verleiht uns den Sieg, wenn wir wider die Germanen streiten. Morgen werdet ihr sein Bild sehen auf dem heiligen Götterberge, wenn wir opfern“

„O Vater, unseren herrlichen Hengst Bela?“ rief Dobran erregt, dessen Herz an dem schönen Tier hing; „nimm unser bestes Rind, Vater, aber schone des edlen Rosses!“

„Gern wollt’ ich dir willfahren, mein Sohn!“ entgegnete der Supan ernst, “wenn nicht die Ehre unseres höchsten Gottes und das Ansehen unserer Sippe die Gabe eines Rosses verlangten. Kommt und seht den prächtigen Hengst, der seinesgleichen nicht hat im Lande!“

Damit verließ er seinen Sitz und ging mit seinen Kindern dem Stalle zu. Dobran eilte voraus und öffnete die Tür. Da stand Bela, der Schimmel, ohne Fehl vom Kopfe bis zur Schwanzspitze, wandte den Kopf und begrüßte wiehernd den Herrn, der ihn liebkosend auf den Hals klopfte.

„Seht nur die lange Mähne!“

„Die klugen, treuen Augen!“

Das glänzende Fell, weicher als Wolle!“

„Die zierlichen Fesseln!“

„Den gewaltigen Schweif!“

So priesen die Geschwister die Vorzüge des Rosses, und der Vater hörte befriedigt zu.

„Für die Gottheit ist nichts gut genug!" sagte er; "doch lasst den Hengst nun in Ruhe! Morgen ist sein Ehrentag!“

Da verließen sie den Stall, und Dobran schloß traurig die Tür.

Am anderen Morgen erhob sich die Sonne hell und klar über dem östlichen Walde und zerteilte mählich die Nebel der feuchten Wyhraniederung. Auf dem sumpfigen, begrasten Waldpfade links des Flüßchens ächzten einige Karren daher, von schwerfälligen Rindern gezogen. Nur schwer drehten sich die wackeligen Vollräder, einst vom dicken Eichenstamme geschnitten, in den ausgefahrenen Gleisen des feuchten Grundes, bis über die Achsen mit trübem Sumpfwasser beschmutzt. Greise Sorbenweiber saßen darin und hüteten sorgsam, was für Opfer und Feste mitgeführt wurde.

Dahinter schritt das erlesene Opfertier, Czedlos weißer Hengst Bela, geführt von Dobran, der ihn in der Frühe mit grünen Reisern und blauen und roten Bändern geschmückt hatte. Gemästete Ziegen und Schafe beschlossen den Zug.

Schwarzbärtige Sorben, alle bewaffnet, begleiteten in ungeordneten Haufen Wagen und Roß; dunkelhaarige Frauen gingen am Rand des Wagens, und barfüßige Buben und Mägdelein jagten mit zottigen Hunden um die Wette und umschwärmten den Zug der Sippen von Czedlitz und Wyhra.

Die Furt durch das seichte Flüßchen(5) wurde durchschritten, und leicht bergan ging es nun ostwärts zum heiligen Rosseberge. Die Höhe war nur an den Abhängen bewaldet, auf der Kuppe zeigte sich eine fast kreisrunde Lichtung, wo eine einsame Birke in fahlem Herbstlaube aufragte. Dicht daneben stand das übermannshohe, hölzerne Bild Swantowitts, düster und furchterweckend. Wer vorüberging, neigte sich tief vor ihm und warf ihm scheue Blicke zu.

„Sieh, die Gottheit!“ flüsterte Gola ihrem jungen Bruder Kanja zu; „vierköpfig ist ihr Haupt und doppelleibig ihre Gestalt. Von diesem Berge aus überschaut sie die Welt!“

In starrem Staunen hafteten die Blicke des Knaben an der häßlichen Säule; bald aber kroch die Angst in sein junges Herz.

„Laß uns zum Vater gehen!“ erwiderte er leise, „mir wird bange!“

Sie drängten sich durch die Menge der Volksgenossen, die von allen Seiten herbeigezogen kamen, und sahen den Supan abseits stehen mit guten Freunden, wie sie den Schimmel betrachteten und lobten. Niemand fühlte Mitleid mit dem herrlichen Tiere, nur Dobran, der es noch immer an der Halfter hielt, war traurig.

„Bind das Roß an die Birke!“ befahl Czedlo dem Sohne und wandte sich dem Altare in der Mitte des Hügels zu, einem unbehauenen Granitblock, mit einem hohen Holzstoße. Der Supan hatte als Altmann heute auch den Priesterdienst zu verrichten. Mit knisterndem Feuerbrande entzündete er das Reisig, das jäh emporloderte.

Die sorbischen Männer sammelten sich am Opfersteine, und die Weiber und Kinder drängten nach. Von allen Dörfern rings um Borna hatten sie sich eingefunden, keine Sippe fehlte. Freudige Stimmung herrschte unter ihnen, gedämpft nur noch die Scheu vor der Nähe ihres Gottes.

Czedlo, der Priester, erhob die Arme, und es wurde still um ihn.

„Heiliger Swantowitt, hör’ uns!“ betete er; „send' uns allzeit Glück in Flur und Weide, in Wald und Wasser, in Hof und Hütte! Steh uns bei gegen die Germanenfeinde jenseits des großen Saaleflusses, gib unsern Waffen Sieg und Beute!“

Weithin schallte die Stimme, sodaß alle die Worte deutlich vernahmen. Atemlos lauschte alles Volk, wie der Priester mit dem Gotte redete; nur die Opferflamme flackerte, und die brennenden Scheite krachten im Feuer.

Und dann kam der Höhepunkt der feierlichen Handlung, die Tötung des Opfertieres.

Dobran löste mit wehem Herzen das Roß vom Stamme der Birke und brachte es dem Vater, der nach dem langen, scharfen Messer fasste, das er an den Fuß des Altars gelegt hatte.

„Hehrer Lichtgott, Sieg- und Segenspender, nimm unser Opfer gnädig an!“

Mit der Linken ergriff der Supan die Halfter, mit der Rechten stieß er dem Schlachtopfer das Messer so wuchtig und sicher mitten ins Herz, dass es, wie vom Blitze gefällt, zusammensank, seinen Herrn noch einmal, schon brechenden Auges, anschaute und lautlos verendete. Ein dicker Blutstrahl quoll aus der fürchterlichen Wunde.

Alsbald kam Leben und Bewegung in die harrende Volksmasse, ein Jubel ohnegleichen brach aus. Alles rief und schrie durcheinander.

„Swantowitt schaut gnädig auf unser Tun! Swantowitt gibt Sieg und Beute!“

Den Kindern Czedlos aber stand das Wasser in den Augen. Unbeachtet verließ Dobran das Fest und trug seinen Schmerz in den heimatlichen Hof zurück. In Belas Stall warf er sich ins Stroh und weinte bitterlich.

Die Opferhandlung aber ging weiter. Während sich die Männer ihren Wagen zuwandten und die Metsässer bearbeiteten, die Frauen Schalen und Schüsseln zurechtstellten und die Kinder aus Czedlitz Brot herbeitrugen, zerlegte der Priester mit Hilfe der Supane aus den Nachbardörfern das Opfertier. Herz, Leber und Lunge wurden dem Göttervater dargebracht und in der zischenden Flamme verbrannt, die Eingeweide den Hunden zugeworfen und das Fleisch an die festliche Menge dorfweise verteilt. Dazu schlachteten Czedlos Dorfgenossen Ziegen und Schafe, die sie vorsorglich mitgenommen hatten, damit kein Gast das Fest hungrig verließe. Allenthalben kochte das Fleisch in den Kesseln über dem Feuer, und schon kreiste der Becher. Die Luft war erfüllt von brenzlichem Fleischgeruche und dem Lärme der Stimmen. Die Sonne stand im Mittage und sah freundlich auf das festliche Treiben herab.

Nach Sippen rund um die Kessel gelagert, begannen die Sorben das Göttermahl. Beträchtliche Stücke saftigen Fleisches wurden mit Händen und Messern aus dem Kessel gefischt und in die irdenen Schalen gelegt, die von den Frauen den Karren entnommen worden waren. Niemand kam zu kurz, jeder erhielt seinen Teil, und allen schmeckte das Mahl samt dem Roggenbrote sichtlich. Dabei ruhte der bauchige Metkrug niemals, sondern wanderte, stets aufs neue gefüllt, von Mund zu Mund, und mancherlei Scherze und Neckereien flogen hinüber und herüber, sodaß die Wogen der Freude immer höher stiegen und die Stimmung der Schmausenden zusehends lustiger wurde.

Die Sänger stimmten uralte Sorbenlieder an, sie sangen vom Hunnenkönig Attila, und wer mochte, fiel fröhlich in den Gesang ein.

Gruppen von befreundeten Volksgenossen sonderten sich nach dem Mahle ab und setzten sich an den Waldrand, um in eifrigem Gespräche allerlei wichtige Geschäfte zu erledigen, Vieh zu tauschen, Waffen zu kaufen, Ehen zu stiften und wohl auch heimliche Anschläge gegen persönliche Feinde zu ersinnen.

So schwanden die Stunden dahin im Vollgenuß des Lebens. Schon sank der goldene Sonnenball ins Nebelmeer der westlichen Niederung. Auf dem Opfersteine verglommen die letzten Scheite, und bereits rüsteten sich die Männer, angetrieben von sorglichen Hausmüttern, zum Aufbruch nach der Heimat zu den wenigen Dorfgenossen, die daheimgeblieben, weil sie krank und schwach waren oder den leeren Ort bewachen mussten. Wohl mancher möchte noch gern die seltene Gelegenheit zu Spiel und Kurzweil, zu Schmaus und Trank länger ausnützen; denn das große Opferfest war nur einmal im Jahre, aber die einfallende Dämmerung mahnte nur zu deutlich zum Abschiede. Kleiner wurde der Kreis der Zecher, bis endlich auch die letzten, nicht mehr ganz sicher auf den Füßen, sich aufmachten und heimzogen. Und aus der Himmelstür trat der rote Vollmond und leuchtete zur nächtlichen Fahrt.

Noch lange redeten Männer und Weiber voll Lobes von dem Feste, von Czedlo, dem Supan von Czedlitz, und von Bela, dem weißen Hengste.

Die Kunde von dem herrlichen Rosse Swantowitts erhielt sich, solange die Sorben im Lande wohnten, und ging dann sogar auf die Deutschen über, die im 10.Jahrhunderte ihr früheres Eigentum wieder besetzten. Die Sage berichtet, das Gespenst Belas, die Roßmare oder Rossmarte, sei im Harthwalde(6) umgegangen und habe dem Wanderer „aufgehuckt“. Der alte Straßenzug(7), den die Sorben nach dem Berge einzuschlagen pflegten ist geblieben und lichter ist er geworden. Auch der Straßenname im Anklange an das Roß des Swantowitt hat sich bis zur Gegenwart erhalten, nur verstümmelt in Rossmarkt(8), was als völlig sinnlos erscheinen muß, weil der Name Roßmare zu heißen hat.

Erläuterungen
(1) Sippenältester und daher Ortsrichter, Saupe.
(2) Zedlitz.
(3) Hölzerner Stab, am oberen Ende geschnitzte Hand mit Eisenring; diente als Ausweis.
(4) Der heutige Schießberg, Beweis: Urnenfunde.
(5) Am heutigen Bornaer Wehrtümpel unweit des Volkshauses.
(6) Längst verschwunden.
(7) Heute Brühl, Kirchstraße, Roßmarktsche und Röthaer Straße in Borna.
(8) Also nicht Roßmarktsche Straße, sondern Roßmar(e)straße.