Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Gründung des Runddorfes Hogniste

Längs des Flüsschens Snudra führte von alters her ein von Mensch und Tier gebahnter Steig durch den Grenzwald hindurch von Plisnigau(1) in den Gau Chutizi(2) hinüber. Der schmale Pfad blieb der breiten, sumpfigen, reich mit Erlen bestandenen Talsohle(3) wegen nicht dicht am Wasserlaufe, sondern hielt sich in einiger Entfernung davon.

Dieser Weg zog im Ausgang des 8. Jahrhunderts an einem freundlichen Tage nach dem Feste des Frühlingsanfangs eine Schar Sorben, junge Männer und Weiber mit kleinen Kindern. Die Landfahrer führten etwa zehn beladene Karren mit sich, kamen aber nur langsam vorwärts, da die Reise beschwerlich war. Oft stießen die speichenlosen hölzernen Räder an freistehende Baumwurzeln, dass die Achsen knarrten und die Wagen bedenklich schwankten; zuweilen sanken sie auch tief in den durch den Frühjahrsregen aufgeweichten Boden. Häufig mussten dann starke Männerfäuste eingreifen.

Die frohe Laune der Fahrenden wurde indes durch die Hindernisse des Weges beeinträchtigt. Ging es doch einer neuen Heimat entgegen, einem Orte ohne Mangel und Not! Ihr alter Wohnsitz im Plisnigau war ihnen zu eng geworden. Dicht gedrängt lagen dort, im Kerngebiete ihres Stammes, die Siedlungen beieinander, so nahe, dass Acker und Weide zur Fristung des Lebens nicht mehr ausreichten und sie, die Jüngeren, gezwungen waren, sich von der Sippe abzuzweigen und Neuland zu suchen. Ihre Spürer hatten die fremde Gegend schon im verwichenen Herbste erkundet. Tief eingedrungen waren die kühnen Männer in den Grenzwald, ja sie hatten ihn durchschritten! Ihr Wagemut war aber auch reich belohnt worden; denn auf der anderen Seite hatten sie zu ihrem Erstaunen bereits eine Siedlung ihrer Stammesgenossen, Gröba geheißen, angetroffen, eine Wohnstätte, durch Wall und Graben wohlverwahrt gegen Feind und Großwild. Wie freundlich waren sie hier aufgenommen und verpflegt worden, und wie gern hatten sie da eine Nacht ausgeruht von ihrem gefährlichen Gange! Anderen Tages hatte sie der Sippenälteste eine Strecke weiter abwärts geführt bis in die Gegend, wo die Snudra ein großes Knie bildet. Da waren sie an einen Platz mit mehreren Teichen gekommen. Am größten Weiher, der angeblich auch im Winter nicht zufror, hatte es ihnen am besten gefallen. Hier hatte der Blitz im letzten Sommer eingeschlagen und eine Lichtung gebrannt, die wie auserlesen schien zur Anlage eines neuen Dorfes. Wie groß war da ihre Freude gewesen, und wie herzlich hatten sie ihrem gastfreundlichen Wirte gedankt!

Während des ganzen vergangenen Winters hatten sich die jungen Leute auf den Auszug vorbereitet, und seit vorgestern waren sie nun auf dem Wege zur großen Brandstelle. An der Spitze des Zuges gingen, bissige Hunde an der Leine haltend, die Späher. Sie hatten ihre Schilde an die Karren gehängt und trugen nur die Speere, die sie wie Wanderstäbe gebrauchten. Eifrig schauten sie aus nach links und rechts, wiewohl Gefahren nicht zu befürchten waren. Da gab es mancherlei zu sehen. Die Laubbäume schickten sich an, sich mit dem ersten Grün zu schmücken; flink huschten Eichkatzen an den Stämmen empor, und die Vögel sangen lieblich.

In den Wagen hockten die Weiber mit den Kindern auf Decken aus Schafwolle und weichen Fellen. Doch war der Raum beengt, da viele unentbehrliche Dinge mitgenommen werden mussten. Gebrannte Tongefäße, verziert mit anmutigen Wellenbandmustern, bargen Nahrungsmittel und Sämereien. Es fehlte weder an Roggen, Weizen und Gerste, noch an Hafer, Hirse und Lein. Wohlgefällig prüften die Augen der Frauen hin und wieder die gefüllten Töpfe, Schalen und Schüsseln mit dem gemeinsamen Eigentume. Aber auch Jagd- und Angelgeräte, Axt und Beil, Spieß und Schwert, Pfeil und Bogen, Pflug und Sichel, Handmühle, Drehscheibe und Weberbau hatten Platz auf dem Karren gefunden, wie auch trockenes Holz und Stroh, soviel zur ersten Einrichtung nötig, nicht vergessen worden waren. Es hatte vieles bedacht werden müssen, damit die Behaglichkeit des früheren Heims im Anfange nicht allzu sehr vermisst würde.

Rindergespanne bewegten die Fahrzeuge vorwärts, viel zu gemächlich für die Herde Kleinvieh, die den Zug beschloß. Schafe, Ziegen und Kälber, von jungen Bauern auf dem schmalen Wege nicht ohne Mühe zusammengehalten, strebten nach vorn. Die Kästen mit den Ferkeln und dem Federvieh waren auf die letzten Wagen verteilt worden.

Gröba hatten die Wanderer bereits gestern abend erreicht. Heute handelte es sich nur noch um eine kurze Wegstrecke. Darum spähten die Männer an der Spitze mit verdoppelter Aufmerksamkeit in die vor ihnen liegende Landschaft. Bald würden sie an der neuen Siedelungsstätte angelangt sein, wo sie Hütten errichten, den Pflug durch die Erde ziehen und Samen in die Scholle streuen wollen, wo sie zu fischen und dem Getier des Waldes nachzustellen gedachten. Ihre einzige Sorge war, dass nicht schon Leute von jenseits den günstigen Platz besetzt hatten.

Ein hastig fließendes Wässerlein zeigte ihnen das nahe Ende der Fahrt. Jetzt gelangten sie durch ein tief ausgewaschens, enges Tal, eine Hohle(4), an einen Teich(5). Sie gingen seinem Abflusse nach und sahen schon den zweiten Teich (6) mit der großen Feuerstätte. Sie hatten ihr Reiseziel erreicht, leer lag der ersehnte Ort vor ihren Augen, unnötig hatten sie sich gesorgt. Ihre Freudenrufe erfüllte die Luft, und die Frauen verließen die Karren. Die Sonne stand noch nicht im Mittage.

Die Versammlung der Männer beschloß einmütig am untersten der drei Teiche zu bleiben, auf der Hogeniste, d. h. auf der Brandstelle, die günstig lag wie kaum eine andere Gegend weit und breit. Peruns(7) Feuerstrahl hatte allem Anscheine nach auf der Abendseite gezündet und der Westwind die gierige Flamme gen Morgen getrieben. Versteckt lag die Stelle im Walde, nach Mitternacht und Morgen durch Sümpfe, nach Mittag durch Teiche geschützt, und nur schmal war der einzige Zugang. Wohl waren noch Baumstubben zu roden, verkohlte Stämme zu fällen und zähes Gestrüpp zu beseitigen, jedoch die schwierigste Arbeit hatte der Brand bereits geleistet. Den Rest wollten sie bald geschafft haben!

Es galt zu eilen, um zunächst für die Nacht geborgen zu sein. Auf Anordnung des Ältesten der Schar wurden die Karren in gleicher Entfernung voneinander rings um den großen Teich gefahren, wodurch sich bereits ein Überblick über den Dorfplan ergab. Während nun die Männer daran gingen, um die neue Siedlung herum einen Graben auszuwerfen und einen hufeisenförmigen Damm anzulegen, der durch Pfähle und verflochtene Ruten verstärkt wurde, damit das Vieh nicht ausbrechen könne und Gefahren von außen ferngehalten würden, tränkten und fütterten die Weiber das Vieh, dem es am Wasser gar wohl gefiel. Die Rinder erhielten dann ihren Platz an der Innenseite der Wagenreihe, damit sie sich nächtens nicht verliefen; das übrige Vieh mochte sehen, wo es blieb. Auch die Kinder wurden betreut.

Schon war die Sonne untergegangen, ehe die ersten dringenden Arbeiten notdürftig beendet waren. Die Nacht brach herein, und die Menschen suchten, in Decken und Felle gehüllt, eng zusammengedrängt Zuflucht auf den Wagen. Die Wache wollten die Männer der Reihe nach übernehmen. War es doch unsicher, ob die Götter der alten Heimat mit ihnen gezogen waren!

Kalt ließ sich die Nacht an am Wasser, und mit steifen Gliedern erwachten die Schläfer in der Frühe des anderen Morgens. Dennoch waren sie froh gestimmt, als sich die Sonne über den Wald erhob und den Nebel verjagte. Einen kurzen Imbiß nur nahmen sie zu sich, dann wurde das Werk fortgesetzt, das auch den heutigen ganzen Tag beanspruchte. Wieder blieb den Familien für die Nacht nur die Herberge auf den Karren.

Aber schon am nächsten Tage kam der Hausbau an die Reihe. Baustoff war reichlich zur Hand: das Holz des Waldes eignete sich zu Säulen und Pfosten, der Lehm des Teichufers für die Wände und das Schilf für das Dach. Laut hallte der Wald wider von den Schlägen der Äxte und Beile, und am dritten Tage darauf waren die Pfahlhütten fertig. Rund um den Teich standen sie, mit dem Giebel nach außen. Jede Hütte wies freilich nur einen einzigen Raum auf, der als Wohnung, Stall und Scheune zugleich dienen musste; aber die Familie hatte doch ein Dach über dem Haupte und konnte sich wohler fühlen als auf den Karren, besonders seitdem das Feuer brannte auf dem Herde, der aus Steinen errichtet oder als Grube angelegt worden war. Nicht lange, du auch das Wirtschaftsgebäude war fertig, das sich rechtwinkelig an das Wohnhaus anschloß und für Vieh und Gerät Raum bot. Nun glich die ganze Anlage einem einzigen großen Hofe.

Schon vorher hatten die Männer an die Bearbeitung und Bestellung der Felder denken müssen, die sich unmittelbar hinter den Gehöften ausbreiteten. Jedem Bauer war sein Stück zugewiesen, keiner kam zu kurz, und jenseits der Äcker, nach dem Walde zu, erhob sich die Gemeindeflur, wo alle ihre Haustiere weiden ließen. Das ganze Dorf bildete eine große Familie.

Mit dem hölzernen Hakenpfluge wurde das Land, nachdem es geebnet war, aufgerissen und besät. Die Frauen aber besorgten das Hauswesen, nährten das Feuer, schöpften Wasser im Teiche, mahlten Korn auf ihren Handmühlen, buken Brot, brauten Met, kochten und wuschen, handhabten Spinnwirtel und Weberbaum. Die Kinder blieben meist sich selbst überlassen. Sobald sie groß genug waren, trieben die Mädchen mit „Husche, Husche!“ die Gänse aus, lockten mit „Biele, Biele!“ die Enten, und die Knaben hüteten das Kleinvieh oder jagten die Schweine in den Wald zur Eichelmast.

Nach der Feldarbeit dachten die Siedler auch an den Garten. Zur rechten Zeit wurden mancherlei Obstbäume gesetzt, dass es auch in der neuen Heimat nicht an Äpfeln, Birnen und Zwetschgen mangele, und Würzkräuter und Heilpflanzen wurden gezogen für gesunde und kranke Tage.

Wohlschmeckende Nahrung fand sich reichlich. Die Snudra lieferte freigebig Fische und Krebse; in den Dickichten der Sümpfe nistete der Kiebitz, dessen Eier begehrter waren als das Ei des Huhnes, und der Wald barg vielerlei jagdbares Getier vom flinken Hasen und dem grimmen Eber bis zum schwerfälligen Ur, der in der Nähe der großen Wiese(8) wechselte. Da konnten Hunger und Not den neuen Rundling nicht erreichen; die Siedler hatten gut gewählt, als sie die Hogeniste besetzten.

Ganz klar erkannten sie das, als die Zeit der Ernte gekommen war. Hoch stand das Getreide, schwer und voll erwiesen sich Ähren und Rispen, als Männer und Frauen mit Sicheln hinausgingen und fleißig schnitten. Gedroschen wurde der Segen des Feldes mit Stöcken auf harter Tenne unter freiem Himmel. Mit reichen Vorräten gingen sie in den Winter hinein.

Jeder Tag verlief in Arbeit und Mühe. Nur wenn sich die Schatten der Nacht herabsenkten, legten die Einwanderer die Hände in den Schoß. Dann saßen sie an schönen Abenden vor der Tür des Hauses auf erhöhten Steinen und sangen Lieder ergreifender Art, Weisen, die ihre Vorväter aus den Steppen Russlands mitgebracht hatten. Sobald einer anstimmte, fielen die Nachbarn ein in den wehmütigen Gesang. Ja, die Musik liebten sie sehr, und im langen Winter, wenn ein Kienspan die Hütte auch nur kümmerlich erhellte, vertrieben sie sich die Abende oft mit Gesang und Spiel, und dabei kreiste der Becher mit dem duftenden Mete, und manches Scherzwort flog hinüber und herüber. Die Sorben waren ein lustig Volk.

Wenn aber der Tod Einkehr hielt im Dorfe, wurde ihnen weh ums Herz. Klagegeschrei erscholl im Trauerhause, und der ganze Ort trauerte mit. Waren sie doch alle untereinander blutsverwandt, und die Bestattung war eine Sache der gesamten Gemeinde. Alle kamen, zum Zeichen der Trauer in weiße Tücher gehüllt, um der Leiche den letzten Gruß zu entbieten. Angetan mit seinen besten Kleidern, lag der Tote ausgestreckt auf dem Schragen, die Arme längs des Körpers, die Hüfte gerüstet mit dem kurzen Eisenmesser(9), um die Schläfen das Ringband aus Bronzedraht, im Munde den silbernen Reisepfennig; denn auch die Sorben glaubten an ein Fortleben der Seele nach dem Tode. Die Männer trugen die Last hinab nach der Talaue, wo sie, eine Elle tief und zwei Ellen vom Nachbargrab entfernt, der Erde übergeben wurde. Ein Hügel wölbte sich über der Gruft, und eine Säule aus Birkenholz verkündete den Namen des Schläfers. Ein fröhlicher Schmaus beendete die Trauerfeier.

Über eintausend Jahre sind seitdem ins Meer der Ewigkeit hinabgerauscht, das Dorf aber hat allen Stürmen der Zeit widerstanden. Wo Sorben hausten, wohnen jedoch heute Deutsche. Aus der Hogeniste, der großen Brandstelle, ist Hagenest, das Nest am Hage, am Haine, geworden und die Snudra heißt jetzt Schnauder. Mühe und Arbeit aber ist den Bewohnern geblieben bis auf den heutigen Tag.

Erläuterungen
(1) An der Pleiße um Altenburg bis nach Meuselwitz und die preußische Grenze hinüber.
(2) An der unteren Pleiße und Elster bis zur Saale bei Merseburg.
(3) Öltsch bei Ruppersdorf, Öltsch bei Wildenhain. Die Öltsch hieß früher eine Gasse in Lucka. Öllschütz bei Hohndorf; Öltsch bedeutet Erle.
(4) Heute Spittelweg genannt.
(5) Oberteich.
(6) Unterteich.
(7) Perun = Donnergott.
(8) Lucka = die große Wiese. Nach Lucka eingemeindet Teuritz, von Tur = Ur, Auerochs.
(9) Nach Hey, die slavischen Siedlungen, kannten die Sorben das Eisen und seine Bearbeitung.