Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Die Einführung des Christentums in dem sorbischen Dorfe Luzeke

Im 7. oder 8. Jahrhunderte nach Christi Geburt gründeten die Sorben auch ein Platz- oder Ringdorf, das sie nach dem Ältesten der Sippe Luzeke oder Luzik(1) nannten. Der Ort lag sehr günstig. Eine felsige Anhöhe, zwei wasserreiche Bäche und mehrere Teiche und Sümpfe boten Schutz vor Feinden. Als die Siedler auf der Spitze des Hügels einen auffällig vorspringenden Felsen fanden, der von hohen Bäumen wie von einem geheimnisvollen Haine umgeben war, glaubten sie, hier hause ihr gewaltiger Gott, der vierköpfige Swantowitt. Darum feierten sie da in Gemeinschaft mit den umwohnenden Stammesgenossen alljährlich ein großes Opferfest. Diesen Brauch übten sie lange, lange Zeit.

Da kam jedoch im letzten Drittel des 10. Jahrhunderts, als die Deutschen schon längst wieder Herren des Landes waren und Kaiser Otto das Bistum Meißen(2) errichtet hatte, um die Sorben christlich zu machen, aus einem Kloster Thüringens ein mutiger Mönch, der den christlichen Glauben lehren und ausbreiten sollte. Als er den heidnischen Götterunfug in Luzek auf die Spur kam, ergrimmte er, verschaffte ich eine Streitaxt und zerschlug in Gegenwart des zusammengeströmten Volkes unter lautem Anrufe des Namens Jesu Christi den vom Tierblute geröteten Opferstein. In Furcht und Entsetzen flohen die Heiden von der entheiligten Stätte. Hinter starken Bäumen oder dichtem Gestrüpp lugten ihre kleinen Augen scheu hervor, und ihre knorrigen Gesichter waren in teuflischem Hohne verzerrt. Erwarteten sie jedoch zuversichtlich, dass ein gewaltiger Donner den Frevler erschlagen, dass Feuer vom Himmel fallen und den Lästerer vernichten, dass sich der Erde Maul auftun und den Heiligtumsschänder verschlingen werde! Doch es geschah nichts, gar nichts!

Da erkannten sie die Ohnmacht ihres Gottes, und ihre Verehrung schlug in das Gegenteil um. In blinder Wut fällten sie die Bäume des heiligen Haines, und der Mönch baute mit ihrer Hilfe aus den starken Stämmen ein Kirchlein wie Bonifatius in Geismar.

An besonderen Tagen rief der Priester die Sorben aus der ganzen Umgegend zusammen, und sie kamen, wenn auch so mancher nur aus Neugierde, durch den Wald schüchtern herbei, nicht nur aus Luzek, sondern auch aus Presnitza, Bichow, Kitzscher, Öltzschow, Kömmlitz und Grechwitz, lagerten sie rund um die Kapelle und lauschten der Predigt des Mönches vom lebendigen Gotte und seinem einzigen Sohne Jesus Christus. Manche glaubten und ließen sich taufen, zögernd und erst nach langem Zureden, die meisten Zuhörer aber lehnten die neue Lehre ab. Ihre Freiheit hatten sie verloren, da wollten sie nicht auch noch ihren Glauben aufgeben! Immerhin hatte das Christentum in Luzek und den umliegenden Dörfern Wurzel geschlagen, und das Pflänzlein wuchs und entfaltete sich.

Der Mönch starb aber oder wurde abgerufen, und in den unruhigen Zeiten, die um die Jahrhundertwende über die Mark Meißen dahinbrausten, weil das Slawentum riesige Anstrengungen machte, um die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, blieb ein Nachfolger aus. Da kehrten viele Bekehrte zu ihrem heidnischen Glauben zurück oder verehrten wenigstens dann und wann heimlich in ihren Hütten den gefürchteten Swantowitt, und die ganze Gegend stand in Gefahr, wieder heidnisch zu werden, bis endlich deutsche Einwanderer kamen.

Als nämlich im 11. Jahrhundert Wiprecht II. von Groitzsch Herr dieser ganzen Pflege wurde, setzte er hier christliche Franken an. Nun erwies sich das alte Holzkirchlein als zu klein. Auf dringenden Wunsch der Siedler ließ darum Wiprecht 1104 eine schöne, große Kirche im Stile einer römischen Basilika(3), also ohne Turm, erbauen. Die Franken weihten sie ihrem Schutzheiligen Kilian(4). Der Graf erhob dieses Münster zur Parochialkirche von 18 oder gar von 21 Dörfern und stellte sie unter die Aufsicht und den Schutz des Abtes von Pegau.Damit war sein frommes Tun aber noch nicht beendigt; er erbaute vielmehr auch noch eine Zella(5), der Raum bot für sechs Mönche aus dem Kloster zu Pegau. Diese frommen Männer unterschieden sich schon äußerlich wesentlich von den Laien(6): Sie gingen barfuß oder trugen nur Sandalen an den Füßen. Ein härener Kittel mit großer Kapuze umhüllte den Leib, ein Strick gürtelte die Lenden. Bart und Kopfhaar waren geschoren, nur ein schmaler Haarkranz ums Haupt war stehengeblieben; er sollte an die Dornenkrone ihres Herrn erinnern, sie ließen ihn aber lieber als Heiligenschein gelten.

Noch größer war der Unterschied in geistiger Beziehung; denn sie hatten in ihrem Mutterhause, dem Pegauer Kloster viel gelernt. Waren doch die Klöster damals die Horte der Kultur! Feld- und Gartenbau nebst Viehzucht, Gewerbe aller Art, auch Kunst und Wissenschaft wurden hier eifrig gepflegt. Wenn dann so gründlich ausgebildete Männer als Sendboten hinausgeschickt wurden, so konnten sie dem noch auf tiefer Stufe stehenden Volke gute Vorbilder sein.

Auch die Mönche von Luzek sind Wohltäter der Gegend geworden. Zuerst waren sie natürlich eifrige Diener Gottes und der Kirche. Sie lehrten die Kinder, predigten den Erwachsenen, lasen Messen, pflegten die heiligen Sakramente und spendeten Gottes Segen bei Trauungen oder bei Begräbnissen. Als treue Seelsorger gingen sie ein und aus in Häusern und Hütten, um Ungläubige zu bekehren, Abergläubische aufzuklären, Irrende auf den rechten Weg zu führen und Betrübte und Traurige zu trösten. Wo Armut, Not und Elend eingekehrt waren, halfen sie bereitwillig und gaben reichlich. Hungernde speisten sie, Nackende kleideten sie, und Obdachlose nahmen sie bei sich auf. Wo Siechtum, Krankheit oder gar Seuchen hausten. trieben sie aufopfernde Krankenpflege. Sie brachten Arznei und Tee, Salben und Tropfen herbei, die sie aus Heilkräutern selbst bereitet hatten. So waren sie die besten Armen- und Krankenpfleger und die erste Apotheke und Ärzte.

Sie wurden auch tüchtige Lehrmeister, indem sie das Volk in allerlei Gewerbe unterwiesen und ihm die Anfänge der einfachsten Künste beibrachten. Und so sind sie mit Recht die Träger und Erreger der deutschen Kultur im Mittelalter genannt worden.

Es war darum kein Wunder, dass das arme, bedrängte Volk in allen Lagen des Lebens zu den geistlichen Vätern kam, um sich bei ihnen Rat und Hilfe zu holen.

Doch jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Auch die Mönche konnten ihre Tätigkeit nicht ohne jegliche Entschädigung leisten. So bettelten sie denn vom Volke Brot, Fett, Eier, Fleisch und andere Lebensmittel und trugen diese Gaben zur Befriedigung der notwendigsten Lebensbedürfnisse in ihrem Quersack(7) heim. Was aber das dankbare Volk zuerst freiwillig gab, wurde später gefordert; was Geschenke sein sollten, wurden Zwangsabgaben als Zinsen, Zehnten, Sporteln oder Steuern, die zu besonderen Terminen, an Sonn- und Festtagen, an Erb- und Gerichtstagen, entrichtet werden mussten. Und so brachten die Bauern des ganzen Kreises um Ostern die Lämmer, zu Pfingsten die Ferkel, zu Johanni die Hühner und Kapaunen, zu Martini die Gänse, im Winter Getreide und Mehl und zur Fastenzeit Fische und Krebse. Wenn die eine oder die andere Zinsleistung fehlte, erkaufte oder tauschte man sie von den Nachbarn und Bekannten. Daher entstand vor der Kirche ein Leben und Treiben wie auf einem Viehmarkte. Das Vieh brüllte und blökte, das Geflügel schnatterte und gackerte, und die Männer schrien und stritten, fluchten und schwuren beim Schachern und Handeln. Und drinnen, im Heiligtume des Herrn, hörte man das eintönige Gemurmel der im Gebet auf den Knien liegenden Menge oder den einförmigen Gesang des Priesters beim Meßopfer.

Aus diesem Tausch und Handel ist der Wochenmarkt hervorgegangen, dem sich später zwei Jahrmärkte zugesellten. Das sorbische Dörfchen Luzeke war zum Marktflecken geworden. Der Markt wurde durch den Marktfrieden geschützt; darum bekam Luzeke Mauern und Türme, Gräben und Wälle, erwies sich also als schirmende Festung. Jahrhunderte hindurch wird es in alten Urkunden „der befestigte Ort Luzik“ genannt.

Erläuterungen
(1) Heute Bad Lausick, spricht z wie s!
(2) Im Jahre 959.
(3) Rechteckig, dreischiffig, erhöhtes Mittelschiff, Altarnische.
(4) Heute noch St. Kilianskirche, steht auf der Stelle des Opfersteines.
(5) An Stelle des jetzigen Pfarrhauses.
(6) Weltliche Leute, Nichtgeistliche.
(7) Wie später Luther in seiner Jugend.