Heimatblätter aus der Bornaer Pflege

Der Schutzheilige von Geithain

Die Sturmglocke auf Sankt Nikolai lärmte und tobte; immer dreimal drei(1) hallende Schläge verkündeten nahendes Unheil: Die Stadt in Not, Kriegsvolk in Sicht! Das scharfe Auge des Glöckners erspähte eine lange, dichte Staubwolke, die sich vom Hospitalwalde her auf Geithen zuwälzte. Aus dem Dunste blitze und leuchtete zuweilen der Glanz von Waffen herüber, und darum der Hilferuf vom Turme!

Der Schulmeister, ein älterer Geistlicher, der am selben Vormittage mit seinen Chorschülern einen lateinischen Lobgesang für den nächsten Sonntagsgottesdienst einübte, schickte kurz entschlossen zwei seiner flinken Buben den Turm hinauf und erhielt bald Kunde von dem, was sie gesehen. Es war ganz sicher: Söldnerbanden überschritten die Grenzen des städtischen Weichbildes. Ohne Zweifel waren es Feinde; denn von Abend her, aus Thüringen, konnten nur die Zebraken kommen, jene wilden Horden des Herzogs Wilhelm von Sachsen, die aus Böhmen stammten und den Jammer und die Grausamkeit der hussitischen Kriegsweise erneuerten.

„Eilt stracks heim, ihr Knaben!“ befahl der geistliche Herr, „und bringt den Eltern Kunde von der entsetzlichen Gefahr, so dem Gemeinwesen droht!“

Bei dem Sturmgeläute fuhr ein gewaltiger Schrecken unter die Weiber und Kinder, dass sie weinten und klagten. Nicht wenige Frauen und Dirnen warfen sich im Kämmerlein auf die Knie und flehten zur Mutter Gottes oder zur heiligen Agnes oder zur heiligen Kunigunde um Errettung aus der Hand der bösen Feinde.

Maria Kaiserin, eines Ratsherrn Tochter und Verlobte des jungen Steinmetzen Georg Götze, dessen Vater Bürgermeister war, wusste einen besseren Ort für die Beschwichtigung ihrer Sorgen. Sie suchte die Kirche auf, wo im Seitenschiff der Altar mit dem vergoldeten Bilde des heiligen Nikolaus stand, der Schutzpatron der Stadt. An dieser geweihten Stätte war sein Ohr näher, allhier hörte er williger.

„Sankt Nikolaus, sei unser Fürsprech bei dem gestrengen Himmelsherrn und halt deine Hände über uns!“ betete sie inbrünstig, auf der untersten Altarstufe liegend; „nimm auch den Herzliebsten in deine starken Helferarme, so er sich wendet gegen die Zebraken! Drei dicke Kerzen an unserem Hochzeitstage gelob ich dir! Erbarm' dich, du Heiliger!“

Still und düster war es in der Kirche, draußen aber trieb und drängte das Leben. Wohl waren die Männer und wehrhaften Jünglinge bei dem Lärmzeichen einen Hahnenschrei lang von der plötzlichen Furcht befangen gewesen, hatten sich aber schnell wieder ermannt und behände zu Wehr und Waffen gegriffen. Nun jagten sie den Sammelplätzen auf dem weiten Markte zu, wo sie von den Ratsverwandten(2) geordnet und zu ihren Stellungen an den Mauern und auf den Tortürmen und Bastionen(3) geführt wurden, und in kurzer Zeit standen sie bereit, Heimat und Herd mit Leib und Leben zu schützen. Selbst die Altaristen, fünf oder sechs junge Geistliche, die den Dienst an den Heiligenaltären zu verrichten hatten und jeder Wehrpflicht ledig waren, gesellten sich kampfeseifrig hinzu.

Wer sich draußen aufhielt, suchte hastig die Stadt zu erreichen, und geschwind belebten sich alle Tore und Pforten. Die vor den Mauern spielenden Kinder zerstoben wie vom Wind verweht. Etliche Ackerbürger, die am Morgen hinausgegangen waren, das reife Getreide zu schneiden, stürzten verstört herbei und atmeten auf, als sie sich in Sicherheit wussten. Der Gemeindehirt hütete heute seine Herde auf dem Pflanzberge(4); nun brachte er schnell Schafe und Ziegen der Bürger die Viehtreibe entlang durch das Obertor hinter die schützenden Mauern. Die Bewohner des neuen Marktes beluden Karren und Wagen mit ihrer dürftigen Habe, verschlossen ihr Anwesen und flüchteten in die Stadt.

Da die Gefahr dem westlichen Teile des städtischen Gebietes am nächsten lag, war das Gedränge am Niedertor am größten. Die Insassen des Hospitals(5) kamen aus ihrer Heimstätte und humpelten der Pfarre zu; der Pächter der Dammühle jagte seine Rinder durchs Tor und rannte zurück, auch einen Teil seines übrigen Eigentums zu retten; der Windmüller(6) stellte sich flugs mit zwei beladenen Eseln ein; die Altdorfer Bauern trieben mit lautem Zuruf ihr Vieh vor sich her und schleppten zusammengerafften Hausrat mit. Alle wollten ohne Verzug hinein in den Schutz der Festung, und der Torwächter musste zuweilen mit rauen Worten eingreifen und Ordnung schaffen. Erst hinter dem letzten Nachzügler schloß er die schweren, laut ächzenden Torflügel und ließ das eiserne Fallgatter nieder, dass es rasselte.

„Friedlose Zeit, gehetztes Volk!“ sagte er zu sich selbst und war froh, als er Mensch und Tier geborgen sah.

Er hatte recht: Üble Tage waren ins Land gekommen. Seit fünf Jahren, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, fand gedeihliche Sicherheit keine Stätte mehr unter dem Himmel Meißens und Thüringens. Krieg wütete, Krieg zwischen den engsten Blutverwandten! Die wettinischen Brüder Friedrich und Wilhelm hatten sich über die Teilung des Vatererbes, das sie seither gemeinsam verwalteten, entzweit und befehdeten einander heftig. Mit geworbenen Mordbrennern verheerten sie gegenseitig ihre schönen Gebiete, und die Bewohner in Stadt und Land verzehrten ihre beste Kraft in Angst und Wachsamkeit.

Auch die Bürger Geithens hatten stetig auf Abwehr feindlichen Überfalls bedacht zu sein, freilich eine schwierige Aufgabe! Die Stadt, auf einer nach Morgen zu sanft ansteigenden Hochfläche gelegen, zählte zu den Wasserburgen. Auf drei Seiten wurden die Wälle durch Teiche und Gräben gedeckt, aber die Dämme konnten ohne sonderliche Mühe im Südwesten, bei der Mühle, vom Feinde durchstochen werden. War dann das erste Hindernis gefallen, so boten wohl die starken Mauern noch eine Zeitlang Schutz; sie waren jedoch zu lang und erforderten daher eine größere Zahl von Verteidigern, als die Gemeinde bei reichlich eintausend Einwohnern zu stellen vermochte. Gleichwohl ließen Bürgertrotz und Streitlust keine Verzagtheit aufkommen. Sobald es galt, stellte jeder Kämpfer seinen Mann, auch heute, am 30. Juli 1450, einem Donnerstage. Voller Spannung sahen alle die wackeren Leute nach dem Feinde aus. Jeder kannte seine Aufgabe.

Als die Mitglieder des Stadtrates Mauern und Türme geschützt wussten, suchten sie das Niedertor auf, weil sie die Unterhändler des Herzogs erwarteten. Der Bürgermeister kam ein Weilchen später, da er schnell noch einen reitenden Boten nach Rochlitz abgefördert hatte. Es war wichtig, dass der dortige Amtsmann des Landesherrn vom Anzuge der Feinde benachrichtigte, damit seine Hilfe nicht zu spät eintreffe.

Im Wächterstübchen über dem Tore berieten die Stadtväter über die weiteren Schritte, die angesichts der bedrohlichen Lage noch erforderlich. Sie wussten, dass der Gegner die Stadt zu schädigen suchen würde; dennoch waren sie darüber einig: An eine Übergabe sollte nur im dringendsten Notfalle gedacht werden. Im übrigen wollten sie zusehen, was der Tag bringen würde.

Bald genug kamen die feindlichen Gesandten. Der Hauptmann eine weite Strecke voraus, sprengten drei Reiter durch Altdorf heran, zwei gepanzerte Ritter mit offenem Helmsturz und ein Knappe, die zum Zeichen friedlicher Absichten grüne Laubgewinde um die Eisenhelme trugen. Kurz vor dem Ziele ritten sie langsamer und hielten endlich an. Einige Herzschläge lang verschnauften sie und musterten dabei aufmerksam Tor und Mauern.

Hans Götze, der Bürgermeister, fragte sie durch das kleine offene Fenster nach dem Zwecke ihrer Reise.

Der ältere der beiden Ritter erwiderte, sie hätten einen Auftrag an den Rat von Geithen zu überbringen und bäten, zum Stadtoberhaupte geführt zu werden.

„Ihr seht den Bürgermeister vor Euch, Ihr Herren!“ war die Antwort; „redet darum ohne Umschweife!“

„Seine Fürstliche Gnaden, Herzog Wilhelm von Sachsen, Landgraf von Thüringen, naht mit starker Heeresmacht und fordert die Übergabe der Stadt. Erwartet Ihr Schonung, so fügt Euch gutwillig der Gewalt und öffnet die Tore!“

„Wollet Euch ein Vaterunser lang gedulden, Herr Ritter, bis ihr den Bescheid des Stadtregimentes empfanget!“

„Was dünkt Euch?“ wandte sich der Bürgermeister den Ratsmannen in der Stube zu; „verharren wir in unserer abwartenden Haltung?“

„Da uns die Stärke des Herzogs nicht kund, wär' es fahrlässig gehandelt, ihm zu gehorsamen,“ ließ sich der alte Vinzentius Kaltenborn vernehmen, „es heißt zwar, er habe neuntausend Hussiten in seinen Sold genommen, wer aber mag wissen, was wahr an diesem Gerücht? Etwa steht es gar bei uns, den Feind abzuwehren, zumal ich vertrau’, dass Sankt Nikolaus die Gemeinde nicht im Stiche lassen wird. So wollen wir die Tore verschlossen halten!“

Er fand mit seiner Meinung allerseits Zustimmung, und Hans Götze ging wieder ans Fenster.

„Vernehmet die Antwort des Rates von Geithen, Ihr Herren, und vermeldet dem Herzoge, dass die Übergabe der Stadt verweigert wird!“

“Euer letztes Wort, Bürgermeister? Bedenkt wohl, was Ihr tut! Schrecklich ist unser Herr in seinem Zorn!“

„Euer Herr war zweimal sieben und drei Jahre lang(7) auch unser Herr, das vergessen wir nie! Und die Bürger von Geithen haben sich ihm und seinen erlauchten Vorfahren immer als getreue Untertanen erwiesen und ihnen nie Ursach' zur Klag' gegeben. Das mög' auch er nicht vergessen! Wollet nicht unterlassen, Ihr Herren, diese Worte fleißig auszurichten!“

„Die Folgen Eures Ungehorsams auf Euer Haupt!“ rief zornig der Führer, wendete sein Roß und ritt mit seinen Gefährten des Weges zurück, den sie gekommen. Die Ratsmannen aber freuten sich der beherzten Worte des Bürgermeisters und lobten seine Schlagfertigkeit und Kühnheit.

„Er hat ihn bei der Ehre gefasst, den Herzog, bei der Ehre!" sagten sie; "Kurfürst Friedrich(8), des Herzogs Vater, ist an gekränkter Ehre verblichen! Wird der Sohn nicht ganz und gar aus der Art geschlagen sein!“

Die Stadtväter verließen die Wächterstube, mischten sich unter die Besatzung und geben ihr Kunde von der Ablehnung der herzoglichen Forderung auf Öffnung der Tore, ermunterten sie auch zu scharfer Wachsamkeit und, wenn es ernst werden sollte, zu kräftigster Gegenwehr.

Da der Feind nur von Abend her nahte, wurde die Linie der Verteidiger in der Weise gekürzt, dass ihre Masse rechts und links vom Badertore zu stehen kam. An der nördlichen und östlichen Stadtseite blieben bloß Beobachter zurück. Alle Männer aus der Umgebung, die in Geithen Schutz gefunden hatten, wurden eingereiht, sobald sie nur eine Streitaxt schwingen, einen Wurfspeer schleudern, einen Bogen spannen oder eine Armbrust richte konnten. Der Gegner sollte die Zahl der waffenfähigen Bürger für höher halten als sie wirklich war, damit er sich vor einer Berennung scheue; denn ein Sturm musste der Stadt verhängnisvoll werden.

Inzwischen war es Mittag geworden, und die Leute an den Mauern spürten Verlangen nach einem herzhaften Imbiß, mussten aber warten, bis die Hausfrauen, die sich von ihrem Schrecken zu erholen anfingen, das Mittagsbrot herzugebracht haben würden. Bald jedoch vergaßen sie allen Hunger: Der Feind war da, der Feind, der aller Augen auf sich zog! Einen Pfeilschuß von der Dammühle weg bog er von der Straße in einen Feldweg ab und strebte zum Sandberge(9) zu, der Anhöhe im Süden der Stadt, die einen Überblick über das feste Geithen in seiner ganzen Ausdehnung gewährt.

In langem Zuge, mit vielen Rossen und Wagen, kamen die Kriegsleute daher, Reisige und Knechte, und besetzten gemächlich und ungehindert die Höhe. Ein fesselndes Bild entrollte sich vor den Blicken der gefährdeten Stadt. Da gab es zu schauen! Fast vergaßen die Bürger ihre Not.

Voran ritt eine größere Schar Gepanzerter, trotz der Hitze das Hersenier(10) über den Kopf gezogen und den eisernen Topfhelm mit dem Naseneisen darüber gestülpt, die Brünne(11) leuchtend in den Strahlen der Mittagssonne. Auf halber Höhe, im Schatten einer einsamen Feldscheuer, hielten sie an; ihre Rosse waren ermattet und hingen die Köpfe oder knapperten an den Rispen des halbreifen Hafers.

„Eine stattliche Zahl von Herren!“ sagte bei der Pfarre der Beutler Josef Zeuner; „der im silbernen Harnisch wird Herzog Wilhelm sein; hält neben ihm sein Fähndrich mit dem schwarzgelben Banner.“

„Wo der Herzog, da auch seine Freunde!“ ergänzte der Schwertfeger(12) Simon Vollert; „will mich spießen lassen, so sie dort nicht alle bei ihm sind: der Brandenburger Markgraf Albrecht, der Schwarzburger Graf Heinrich, der Kochberger Ritter, der Witzlebener, die Räte Apel und Busso von Vitzthum und wes Namen sie sonst sind!“

Die Ritter lugten aufmerksam nach der Stadt herüber und sprachen eifrig, indes ihre Knechte und die Söldner an ihnen vorbeizogen.

“Jetz und kommen die Zebraken!“ rief in der Nähe des Badertores der Bogner(13) Nickel Kirchner seinen Kameraden zu, als die Fußtruppen den Sandberg weiter morgenwärts einnahmen; „haltet die Hand vors Aug’ und schaut achtsam hinüber: Seht ihr in ihrer Fahne den Roten Kelch auf grünem Grunde?“

Es war eine beängstigend starke Streitmacht, die drüben aufmarschierte, zwar nicht neuntausend, aber doch mindestens fünfzehnhundert Mann, schmutzig Gesindel mit breiten, rohen Gesichtern, das lange, schwarze Haar unter dem Kopfschutze hervorquellend, alle bewaffnet bis an die Zähne.

Keiner glich seinem Genossen. Auffällig war insbesondere die Buntheit ihrer Röcke und Wämser, alle Farben waren da vertreten; auch ihre Rüstung zeigte starke Unterschiede. Manche schützten Brust und Leib durch eine Eisenplatte, einen Harnisch oder ein Ringgeflecht und trugen ein offenes Koller darüber; andere steckten, um wenigstens vor Pfeilschüssen gesichert zu sein, trotz der hundstätigen Glut in dicken Wolljacken. Den Kopf barg ein Lederhelm, ein breitkrempiger Eisenhut oder eine enganliegende Blechhaube. Einzelne Leute waren fast rittermäßig gekleidet, nur dass die Sporen fehlten.

Längst hatten sie den Feldweg verlassen; breit ausschwärmend besetzten sie die ganze Höhe. Das Getreide, das hier in vollen und schweren Ähren der Sichel harrte, wurde zertreten und zerstampft oder von den hungrigen Gäulen gefressen. Die vielen Wagen und Karren vollendeten das Werk der Zerstörung.

„Seht nur, wie sie mit dem lieben Brote umgehen, die Schnapphähne!" rief zornig der Ratsherr Hans Richtstock; "hin ist die Gottesgabe, nutzlos vergossen der Schweiß des Landmanns. Sollen die Schelme ersticken am nächsten Bissen, den sie fressen! Heil'ger Nikolaus schlag' drein!“

Die Geithener würgten an ihrem Grimme, und mancher Finger fuhr an den Abzug der Armbrust. Viele freie Fäuste ballten sich in ohnmächtiger Wut; untätig mussten die Bürger zusehen, wie frevelhaft mit des Leibes Nahrung umgegangen wurde. Fast war ihnen der Hunger geschwunden, als nun die Frauen und Mägde das längst ersehnet Mittagsmahl herbeitrugen, meist Haferbrei mit Rauchfleisch, ein Gericht, dem sonst immer wacker zugesprochen wurde. Desto mehr freilich hielten sich die Männer an das Bier, das ihnen bei der Sommerhitze trefflich mundete.

Die Weiber aber blickten neugierig zum Feinde hinüber.

„Wozu sie nur die zahlreichen Karren brauchen mögen, Liebster?“ fragte Maria Kaiserin ihren Verlobten; dem sie einen Krug Geithener aus des Vaters Keller gebracht.

„Gleich wirst es sehen, Schatz!“ antwortete ihr der Bräutigam; „hast noch nichts von einer hussitischen Wagenburg vernommen? Schon sind sie bereit zum Bau. Schau, wie sie schaffen!“

Die Kriegsleute fingen an, die Karren in länglichem Kreise aufzufahren und in Doppelreihen so aneinander zu schieben, dass die hochgezogene Deichsel das hintere Ende des vorderen Wagens berührte, nachdem die Rosse abgespannt worden. Nach je hundert Schritten wurde eine klafterweite Lücke gelassen, die als Eingang diente und streng bewacht wurde. Zum Schlusse verbanden die Knechte Wagen für Wagen mit schweren Eisenketten. In unglaublich kurzer Zeit war die Burg fertig, indes andere geschäftige Hände schon die Zelte errichteten.

„Als wenn die Bande hexen könnte!“ sagte der Bürgermeister zu seinem Ratskumpan und Schwieger Nikolaus Kaiser; „der Herzog scheint hier verweilen zu wollen. Die nächsten Stunden müssen zeigen, was er Schilde führt.“

„Eine Berennung der Stadt kann er schwerlich vorhaben“, erwiderte der Freund, „fintemal ihm alles Gerät dazu zu mangeln scheint. Wären zwar Katzen(14), Widder(15), Türme und Bliden(16) leicht herzustellen, da Holz in Hüll’ und Füll’ zur Hand; jedoch bis zum Sturm ist noch ein weiter Weg, und inzwischen wird der Amtmann in Rochlitz seine Pflicht getan und Eilboten zum Landesherrn gesandt haben, damit unsere Not gewehret werde.“

„Wird denen draußen also an ungesäumter Übergabe liegen, werden sie erzwingen wollen, wenn nicht der Herzog in letzter Stunde noch zu besserer Einsicht kommt“, stimmte der Bürgermeister zu; „scheint es fast, als hätten die Ritter unserer Botschaft nur halb gedacht!“

„Wären die Felder und Wiesen drüben vermutlich geschont geworden“, bestätigte Nikolaus Kaiser; „indes, will der Herzog die Stadt wirklich bezwingen, so wird er in Kürze seine Karten aufdecken müssen!“

Diese Meinung erwies sich als richtig. Um die zweite Stunde nach Mittag, als die Ritter in den Zelten lagen und die Söldner im Lager aßen oder spielten, lohten plötzlich die mit Schilf und Stroh gedeckten hölzernen Feldscheunen auf an der Straße, die sich vom Dörfchen(17) her zwischen den Teichen durchzwängte. Bei der Dürre griff das Feuer rasend schnell um sich. Zwar standen die Scheuern allesamt fast leer, aber der Schaden musste sich dennoch fühlbar machen, wenn die Ernte geborgen werden sollte.

„Feurio! Feurio!“ schrie der Wächter auf St. Nikolai und gab das Sammelzeichen. Aber vergebens riß die Sturmglocke ihr ehernes Maul auf, niemand konnte zur Löscharbeit abrücken; Leitern, Feuerhaken und Eimer blieben an ihrem Platze, und die Bürger fluchten und wetterten.

„Unser Schutzpatron schläft in der Sommerhitze!“ spottete Heinrich Luban, der Weißbäcker.

„Lästere nicht!“ strafte ihn sein Nachbar, „außerhalb der Mauern ist der Heilige ohnmächtig!“

Die Weiber verließen in ängstlicher Hast die Wälle, um in ihren Behausungen nach dem Rechten zu sehen. Sie waren noch nicht alle heimgekommen, als auch die Scheunen am Feldwege zwischen Altdorf und dem Galgenberge zu brennen anfing. Schwarzer Rauch wälzte sich gen Abend, und bald schlugen die hellen Flammen heraus.

Die Angst in der Stadt stieg, und auch mancher Mann an der Mauer blieb nicht frei von Herzklopfen. Es wurde allen klar, dass der Herzog darauf aus war, die Bewohner zu verwirren, zu schrecken und dermaßen zu ängstigen, dass sie den Rat zur Übergabe veranlassten.

Noch aber war es nicht soweit. Wenn auch der Verlust der Scheunen Verdruß bereitete, so ließ er sich doch wieder einbringen. Die Bauweise war einfach, an Holz und Lehm fehlte es nicht, und so konnten die Scheunen in kurzer Zeit wieder errichtet werden. Das wusste der Feind auch, und darum ersann er neues, größeres Ungemach.

Das Feuer war noch nicht nieder, als die Bürger sahen, wie unweit des Galgens geschäftiges Treiben anhub und einige Söldner sägten und hämmerten. Offenbar führten sie Zimmerarbeiten aus, wenn auch wegen der prasselnden Flammen nichts zu hören war. Die Sonnenuhr am Kirchturme zeigte keine halbe Stunde später, als sich, auf Rädern laufend, eine hölzerne Wand in doppelter Mannshöhe langsam den Abhang herunter nach der Mühle zu schob. Die Absicht war deutlich: Der Damm des unteren Teiches, hier am wenigsten breit, sollte durchstochen werden, dass das Wasser abflösse und der Weg zur Mauer frei würde.

Gleich neben dem Mühlgraben sollte das Zerstörungswerk begonnen werden, eine gefährliche Sache! Denn die Verteidiger der Stadt suchten die Ausführung des Planes nach Kräften zu verhindern. Sobald die Gegner in Schussweite kamen, ergoß sich ein Hagel von Steinen und Bolzen auf die Holzmauer, leider umsonst! Die Geschosse prasselten wirkungslos ab. Auch Brandpfeile versagten, da die Wand mit nassen Häuten abgedeckt war. Nur ein einziger Schuß erreichte sein Ziel: Der hünenhafte Haubenschmied Peter Fleischhauer schleuderte einen Wurfspieß so überaus gewaltig, dass die Wand durchschlagen wurde. Der laute Schrei eines Knechtes verriet den Treffer, allein die Arbeit mit Hacke und Schaufel wurde dennoch fortgesetzt.

Es rächte sich jetzt, dass die Dammühle ohne Verteidiger geblieben war. Zwar hatte der Rat recht, wenn er meinte, dass sie im Schussbereiche der Besatzung liege und im Notfalle durch Feuerbrände, die ins Strohdach geworfen wurden, leicht angezündet werden könne; aber einige entschlossene Männer hätten jetzt von der Mühle aus das Vorhaben des Feindes ohne sonderliche Anstrengung vereiteln können, indem sie ihn halb von der Seite fassten. Nun war es zu spät dazu, auch ein Ausfall nicht ratsam, da das Gebäude vom Gegner beschossen werden konnte.

Trotz der Wärme arbeiteten die Knechte emsig weiter, und zur Vesperzeit hatten sie ihren Auftrag ausgeführt: Der Teich lief aus, das Wasser schoß hinter der Mühle im Graben davon. Schon morgen würde der Baderteich leer und, wenn auch noch nicht trocken, so doch kein Hindernismehr bei der Einnahme der Stadt sein, und die üblen Gerüche, die der mit Aas reichlich durchsetzte Teichschlamm bei der Julihitze ausströmen würde, mussten den Aufenthalt auf der Mauer fast unerträglich gestalten.

So sahen Rat und Bürgerschaft die Gefahr immer näher rücken, und mancher treue Hausvater wurde von heimlicher Furcht gepackt, wenn er das Schicksal von Weib und Kind bedachte, so es den wilden Burschen draußen gelingen sollte, die Stadt zu nehmen. Manch inbrünstig Gebet stieg zum Himmel empor, offen und heimlich:

„Sankt Nikolaus, neig' dich gnädig zu uns und dämpf' die Gewalt unserer Widersacher! Hilf, Heiliger des Herrn!“

Kurz nach dem Vesperläuten - der Glöckner war auch heute nicht abgegangen von seiner Pflicht - standen die Ratsherren beieinander an der Stadtmauer südlich der Kirche und tauschten ihre Meinungen aus über die Maßnahmen, die nun zu ergreifen wären. Die Lage der Bürger hatte sich unleugbar verschlimmert; zudem hatte der reitende Bote zu allgemeiner Enttäuschung die Nachricht aus Rochlitz mitgebracht, dass der Kurfürst weit weg sei und vor zehn Tagen kaum zum Entsatze erscheinen könne.

„Solange wird sich die Stadt nicht halten“; sagte Gangolf Liborius niedergeschlagen; „morgen schon geraten wir in Bedrängnis, so der Herzog entschlossen ist, auf dem eingeschlagenen Pfade weiterzugehen. Und warum sollte er säumen? Ist ihm der Durchstich des Dammes geglückt, so wird er sicher noch mehr zu gewinnen versuchen!“

„Bisher hierher ist der Schaden immer noch erträglich“, erwiderte der Bürgermeister; „weiteren Zerstörungsabsichten muß jedoch mit allergrößtem Fleiße begegnet werden! Alle Heiligen seien gelobt, dass man uns wenigstens das Röhrwasser nicht abgegraben kann!“

„Aber vieles weitere Übel könnt uns der Feind noch zufügen!“ rief Hans Kempe; „noch sind die Felder auf der anderen Seite der Stadt in Ordnung, bald jedoch können auch sie an die Rehe kommen. Das wär’ gefährlich für den Winter, sintemal in der Umgebung sicher kein Getreide zu kaufen sein wird!“

„Werden auch Höfe und Häuser nicht verschont bleiben, so außerhalb der Mauer gelegen!" bemerkte Hans Richtstock; "noch haben Hospital und Mühl’ ein Dach über ihren vier Wänden; wie leicht aber kann auch ihnen der rote Hahn ins Stroh fliegen!“

„Nicht zu vergessen der Windmühl’ und der Kalköfen am Grimmaer Wege und der Scheunen an der Straße nach Colditz!“ ergänzte Nikolaus Kaiser, „von Altdorf und Wickershain ganz zu schweigen!“

„Geht der Herzog so weit, so vernichtet er auch die Waldungen!“ warf Vinzentius Kaltenborn ein; „welch ergötzlich Schauspiel für ihn und seine Freunde, so nächtens die Forsten angezündet würden, der Hospitalwald und der Ottenhain! Müßten bei der heurigen Dürre lichterloh brennen und die Nacht taghell erleuchten!“

„Was aber tun, das Unheil zu bannen?“ Entgegnete der Bürgermeister; „noch länger untätig harren ist sicheres Verderben; gar hastig schreitet das Verhängnis, den Schneckengang jedoch wandelt die Rettung! Sankt Nikolaus scheint zu zürnen, wie er uns zürnte bei dem großen Stadtbrande vor sechs Jahren! Selber müssen wir uns helfen, aber wie? Einen Ausfall zu wagen in kommender Nacht’, wär’ bei unserem Mangel an Mannschaft ganz unsinnig, sintemal der Feind hinter seinen Wagenburgen wohlgeborgen ist. Werden doch wohl an Übergaben denken müssen!“

Hans Götze sah sich um im Kreise, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten, und traf auf lauter bestürzte Mienen. Nur Vinzentius Kaltenborn, der älteste der Ratsherren, blieb ruhig und gelassen.

„Nichts von Übergabe!“ sagte er kurz und bestimmt, „solange uns noch zwei Auswege bleiben!“

„Zwei Auswege?“ fragte der Bürgermeister erfreut.
„Zwei Auswege!“ riefen die jüngeren Stadtväter, die neue Hoffnung schöpften.

„Tretet näher herzu und hört genau drauf!“ sprach der Greis leiser. “Wie stark der Herzog ist, seht ihr nur zu deutlich! Ist euch auch offenbar worden, dass wir uns seiner aus eigener Kraft auf die Dauer nicht erwehren können. Müssen uns also nach Hilfe umsehen, nach Hilfe in der Nachbarschaft! Könnten den Amtmann angehen, uns die starken Fäuste der Rochlitzer Bürger zuzuführen; möchten auch heimliche Boten zu dem Königsfelder und dem Ossaer Herrn schicken, die uns mit ihren Knechten sicher gern beisprängen. In übernächster Nacht, so sie das feindliche Lager von jenseits erklettern und unsere ganze Mannschaft von vorn angreift, indes wir Greise und etliche beherzte Weiber auf den Mauern wachen, wär' an ein Gelingen wohl zu denken!“

Die Männer nickten dem Sprecher beifällig zu, dem Bürgermeister jedoch schien der Plan bedenklich.

„Ein gewagt Unternehmen!“ warf er ein, „erfordert Blut, Bürgerblut, ihr Freunde, und könnt’ leichthin misslingen! Wär’ das letzte Mittel zu unserer Rettung! Bevor wir weiter darüber reden: Welches ist der andere Weg, Vinzenz?“

„Müssen den Herzog zum freiwilligen Abzuge bewegen!“
„Wie das?“‚
„Mußt ihm abermals an die Ehre greifen, Bürgermeister! Vertrau’, dass dir’s mit Hilfe unseres Schutzpatrons wohl glücken wird, zum Ziele zu kommen!“

„Auch wenn's einen tiefen Griff in den Stadtsäckel kostet?“

„Besser als Blut und Tod!“ rief der Alte.

„Ist jede Brandschatzung erträglicher als die rohe Gewalt dieser entmenschten Bande!“ bekannte Hans Richtstock.

„Weh' unseren Frauen und Jungfrauen, so die Wüteriche den Eingang erzwängen!“ ergänzte Nikolaus Kaiser; „unser Schutzheiliger bewahr' uns vor den Teufeln!“

„Betritt der Zebrak die Stadt so ist ihr Schicksal besiegelt!“ sagte Gangolf Liborius, „ein Schutthaufen wär' alles, was übrigbleibt!“

So kamen sie denn überein, zunächst den zweiten Rettungsweg zu beschreiten, also zusammen in das Zelt des Herzogs zu gehen, um seine Sinne zu wenden und den Abzug zu erkaufen. Sie versicherten sich der Zustimmung des vorjährigen Rates und der Bürger auf den Wällen, und innerhalb eines halben Stündleins war die ganze Stadt von dem Vorhaben unterrichtet.

Nun noch einen bewegten Abschied von Familie und Haus, und schweren Herzens begaben sich Hans Götze, Vinzentius Kaltenborn, Nikolaus Kaiser, Hans Kempe, Gangolf Liborius und Hans Richtstock auf den Weg zum Herzoge. Der Bürgermeister ging voran, er hielt ein weißes Tuch bereit, das er draußen sichtbar tragen wollte, damit das fremde Volk ihre Ankunft nicht falsch deute.

Der Wächter am Niedertore wand mühsam das Gatter hoch, öffnete das Tor und ließ die Boten hinaus. „Heiliger Nikolaus!“ murmelte er, indem er ihnen nachsah, „nimm Obrigkeit und Gemeinde in deine treue Hut!“

Die Stadtväter ließen die Dammühle zur linken Hand liegen, bogen in den Feldweg ein, den gegen Mittag die Kriegsleute gezogen, und stießen bald auf die feindlichen Späher. Der Bürgermeister winkte mit dem weißen Tuche.

„Steht! Wohin des Weges?“

„Zu Seiner Fürstlichen Gnaden, dem Herzoge!“
Die Söldner näherten sich den Ratsherren und betrachteten sie misstrauisch. Da sie aber keine Waffen an ihnen entdeckten, traten sie beiseite, und einer von ihnen führte sie ohne weiteres Verweilen den Hügel hinan am Galgen vorüber zur Wagenburg. Am nächsten Durchlaß übergab er sie dem Rottmeister(18), der hier die Wache befehligte. Die Bürger auf den Wällen konnten es sehen, soweit sie sich guter Augen erfreuten. Alle Sanduhren in der Stadt wiesen auf die halbe sechste Abendstunde.

Nun wurden die Bürger von einem Zebraken durch die lange Lagergasse geleitet. Niemand hielt es für nötig, ihnen die Augen zu verbinden, und ungehindert gewannen sie unterwegs einen Einblick in das Leben und Treiben der Lagerinsassen, die wohl einige Atemzüge lang ihre Augen frech oder höhnisch auf die vorüberziehenden Städter richteten, sich aber sonst nicht im geringsten stören ließen, ob sie nun kamen oder gingen, saßen oder lagen, wachten oder zu schlafen vorgaben, aßen und tranken oder Kleider und Waffen ordneten. Einige Ratskumpanen ließ wohl kalter Graus über den Rücken, wenn sie die verwegenen Gesichter mancher Burschen sahen, für den Galgen noch zu gut gewesen wäre; sie ließen sich jedoch nichts anmerken und schritten rüstig fürbaß. Es dauerte ja auch kaum länger als drei Vaterunser, bis sie vor dem geräumigen Zelte standen, das der Herzog bewohnte.

Hier wachten zwei Söldner, die an der Seite das kurze Breitschwert trugen und mit der Rechten die Partisane(19) hielten. Den Führer ließen sie ins Zelt treten, hinter ihm aber kreuzten sie die Speere und wehrten den Boten aus Geithen den Zutritt. So ergab sich denn neuer Aufenthalt.

„Verlaß uns nicht, Sankt Nikolaus, mein Namenspatron!“ betete lautlos Nikolaus Kaiser; "lenk’ unsere Zungen, weise zu reden und den Sinn des Herzogs zum Frieden zu kehren!“

Schon nach kurzer Zeit wurden die Harrenden aus ihrer Ungewissheit erlöst. Der Knecht kam zurück und zog den Vorhang beiseite. Die Wächter nahmen die Spieße auf und ließen die Gäste eintreten, die Zeltwand wurde von außen geschlossen.

Nach tiefer Verbeugung sahen die Vertreter Geithens den Herzog mit einem seiner Freunde beim Schachspiele an einer Truhe sitzen. Beide trugen leichte Sommerkleidung und hatten es sich bequem gemacht. Als sich der Fürst erhob und auf seinen Besuch zuschritt, gewahrten die Männer, dass er noch ein junger Mann war, Mitte zwanzig, von gewinnendem Äußeren und heiterem Wesen. Beim Tode seines Vaters hatte er kaum das dritte Lebensjahr vollendet, sodaß eine Zeit lang der ältere Bruder Friedrich die Regierung für ihn mitgeführt hatte.

Der junge Herr benahm sich durchaus nicht als Wüterich, wie die Stadtväter gefürchtet hatten; von dem Verdruß und dem Zorn über die am Vormittage erfahrene Abweisung ließ er sich nicht das geringste anmerken.

„Hat der Rat von Geithen seinen Sinn geändert?" fragte er freundlich, indem er die Besucher der Reihe nach betrachtete; "überbringt er mir den Schlüssel der Stadt?“

„Verzeiht, Herr Herzog, wenn wir Eure Fürstliche Gnaden enttäuschen!" erwiderte der Bürgermeister, "die Treue zu unserem Landesherrn verbietet uns die Übergabe!“

Das Antlitz des Fürsten wurde ernst.„So zwingt Ihr mich, Geithen mit Gewalt zu nehmen!“

„Mit Verlaub, Herr Herzog, das wär' ein beschwerlich und langwierig Geschäft, sintemal die Stadt wohlversorgt und fest und die Mannschaft wachsam und streitlustig ist. Wird auch unser Landesherr nicht säumen, uns mit seiner Hilfe zu nahen; schon ist ein reitender Bote auf dem Wege in sein Lager!“

“Hört Ihr’s, Apel?“ wandte sich der Fürst seinem Freunde zu.

Die Geithener horchten auf. Der Ritter, der dort mit den Schachfiguren spielte und das Gespräch scheinbar unbeachtet ließ, war also der gefürchtete Vitzthum(20), die eigentliche Seele des Krieges, ein Mann, der dem Kurfürsten Friedrich feindlich gesinnt war, in dessen Diensten er bis 1444 gestanden, und der seinen jungen unerfahrenen Herrn, den Herzog, immer aufs neue zu bitterem Hasse gegen den Bruder aufzustacheln wusste, der ihn angeblich benachteiligt.

„Des Kurfürsten Hilfe wird zu spät kommen“, antwortete er, indem er seinen Platz verließ und an die nach der Stadtseite zu geöffnete Zeltwand trat; „unsere kampfgeübten Scharen gedenken kurze Arbeit zu machen. Weh’ dann den Bürgern, die es wagten, meinem Herrn zu widerstehen!“

Mit seiner Drohung gedachte er die Männer vom Rate einzuschüchtern, es gelang ihm aber nicht.

„Unser Schicksal ruht in der Hand des hohen Himmelsherrn!“ entgegnete der Bürgermeister fest; „wie könnt’ er zulassen, dass eine Stadt um ihrer Treue willen in die Hand erbarmungsloser Feinde falle! Jahrhundertelang hat Geithen getreulich zum Hause Wettin gehalten, viermal zehn und sieben Jahre(21) hat es, Herr Herzog, Eurem Durchlauchtigen Herrn Vater ehrlich gedient, und auch Euch hat die Stadt ihren Gehorsam bewiesen, von Eurer fürstlichen Kindheit an, solange Ihr unser Herr! Jetzund gehören wir dem Kurfürsten, Eurem Bruder; ihm die Treue zu brechen, geht über unsere Kraft.“

Diese offenherzige und mannhafte Rede verfehlte ihre Wirkung auf den jugendlichen Wettiner nicht, und sein Antlitz erhellte sich.

„Hab’ heut’ schon einmal Ähnliches aus Eurem Munde vernommen, Bürgermeister“, versetzte er, „ist mir auch bekannt, dass Ihr wahr geredet. Aber sagt, warum seid Ihr im Lager erschienen, so Ihr doch von Übergabe nichts wissen wollt?“

„Eure Fürstlichen Gnaden zu bitten, abzuziehen und die Stadt in Frieden zu lassen!“

Das Wort war gesprochen, die Entscheidung gekommen! Im nächsten Augenblicke musste es sich zeigen, ob der Herzog Art von seines Vaters Art und ob mithin der Bürgermeister richtig gehandelt, dass er ihm das Gewissen geschärft und von der Treue zum Fürstenhause geredet. Jetzund musste es an den Tage kommen, ob der Schutzpatron von Geithen auch außerhalb der Mauern mächtig war!

Alle Männer im Zelte fühlten die Bedeutung der Stunde. Apel von Vitzthum blickte angelegentlich zur Stadt hinüber und entzog sein Gesicht der Beobachtung; die Ratsmannen sahen in banger Erwartung auf den Fürsten, der einige Atemzüge lang den Ritter mit den Augen suchte, sich dann aber seiner Gäste wieder zuwandte.

„Ihr fordert viel, Bürgermeister! Läßt der Jäger den Fuchs entwischen, so er ihn schon mit einem Laufe im Eisen hat?“

„Beißt sich der Fuchs den Lauf ab und ist frei!“

„Vortrefflich!“ lobte der Herzog erheitert; „so sprecht, was bietet Ihr, so ich Eure Forderung erfülle?“

Da wurde Hans Götzen und seinen Begleitern das Herz leichter. “Er lenkt ein!“ frohlockten sie heimlich, “hab Dank, Sankt Nikolaus!“

Äußerlich aber blieben sie ruhig; der Sieg war noch nicht sicher errungen, Vitzthum war auch noch mit im Zelte! Es galt jetzt, die Gunst des Augenblickes auszunutzen.

„Geithen ist arm“, antwortete der Bürgermeister, „hat sich nie erholen können von den schweren Heimsuchungen der letzten Jahre. Haben die Hussiten anno 1430 unsere Fluren verheert und die Scheuern verbrannt; war die grässliche Teuerung anno 1438; sank die ganze Stadt in Asche 1444; ein Ungemach folgte dem anderen; müsst es wissen, edler Herr, waret damals auch unser Fürst!“

“Seid ein feiner Sachverwalter, Bürgermeister! Item, wie viel könnt ihr zahlen?“

„Mehr als dreihundert meißnische Gulden(22) schwerlich!“ Der Herzog hielt das Angebot offenbar zu niedrig, was bei seiner starken Verschuldung nicht weiter verwunderlich war; er wechselte scheinbar den Gesprächsstoff.

„Braut der Bürger noch sein würzig Bier?“ fragte er.

„Braucht die Gemeinde zwei große Malzhäuser für ihren Bedarf!“ entfuhr es Hans Kempen, der nicht ahnte, was der Herzog mit seiner Frage bezweckte.

„Und wohlversorgt ist die Stadt auch, wie Ihr sagt, Bürgermeister, so kurz vor der Ernte?

„Haben Speis' und Trank zur Genüge bis zum nahenden Entsatz“, antwortete Hans Götze, der den Herzog durchschaute, sich selber aber nicht Lügen strafen konnte.

„Und meine Leute leiden fast Mangel!“ erwiderte der Fürst, schritt zu seinem Ratgeber an die Zeltwand und besprach sich leise mit ihm.

Die kurzen Minuten erschienen den lauschenden Geithenern endlos lang. Was mochte da wohl herauskommen? Verstehen konnten sie wenig, nur das merkten sie, dass von starken Mauern und zahlreicher Mannschaft die Rede war; auch das Wort Entsatz glaubte Hans Richtstock gehört zu haben.

Endlich trat der Herzog wieder näher.

„In Würdigung Eurer Treue zum Hause Wettin mög’ Eure Stadt den Frieden zurückerhalten! Als Kriegssteuer begehr’ ich fünfhundert meißnische Gulden, zwanzig halbe Fuder(23) Bier und vier Wagen Brot. Je eher Ihr zahlt, desto hurtiger wird das Lager geräumt; bis dahin sollen die Waffen ruhen!“

Die Ratsherren zeigten sich erschrocken, weniger wegen der Forderung an Brot und Bier, als wegen des hohen Geldbetrages, und der Bürgermeister begann zu feilschen. Da ermäßigte der Herzog die Steuer um einhundert Gulden mehr war nicht zu erreichen.

„Habt mich bei freundlichem Willen befunden, Ihr Geithener“, sagte er, „nun seid auch Ihr nicht länger bockbeinig und schafft die Summa! Würdet schwerlich so glimpflich davonkommen, so die Stadt in die Hände meiner Zebraken fiele!“

„Wie aber sollen wir Brot und Bier ins Lager fahren, so uns Ross’ und Wagen mangeln?“ fragte Hans Götze.

„Entschlagt Euch der Sorg’! Hab’ Gäul’ und Karren übergenug! Will Euch damit wohl aushelfen!“

Also vereinbarten sie, am nächsten Tage die Hälfte des Bieres und des Brotes und am Sonnabende den Rest und die Schatzung zu übergeben. Die Wagen des Herzogs sollten auf dem Rossmarkte(24) halten und jedes Fuhrwerk nur von zwei Knechten begleitet sein.

„Und noch eins!“ sagte der junge Fürst beim Abschiede; „so Ihr ein halb Fuder Bier heut’ abend noch schicken wollt, will ich’s Euch in Freundschaft gedenken!“

Die Stadtväter dienerten und verließen frohgestimmt das Zelt, der Hilfe ihres Schutzheiligen dankbar bewusst. Fremder Beistand war nun nicht von nöten.

Die Bürger auf den Wällen freuten sich, als sie die Boten, die von einem Söldner geführt wurden, den Rückzug durch das Lager antreten sahen. Kurz darauf hörte männiglich wiederholt einen Hornruf vom Sandberge her, das Zeichen der einsetzenden Waffenruhe. Da erwarteten die Verteidiger mit Spannung den Bericht der Heimkehrenden.

Die Bäume warfen lange Schatten, als die sechs Männer durch das Niedertor zurückkamen.

„Freu' dich Torwart! Wir bringen Frieden!“ verriet Hans Kempe dem Wächter, da ihm die Neuigkeit auf der Seele brannte.

„Wußt’ es wohl, hattet doch einen vortrefflichen Fürsprech mit ins Lager genommen!“ antwortete der Wärtel, der an Sankt Nikolaus dachte.

Auch den Männern an den Mauern und auf den Bastionen wurde es hell im Gemüte, als sie nun erfuhren, was der Rat ausgerichtet. Zar würde die Steuer empfindlich drücken, aber sie würde doch erschwinglich sein, und dann genoß die Stadt wiederum des Friedens, konnte sich erholen von allem Schrecken und durch Regsamkeit den Schaden ersetzen.

Grenzenlose Freude herrschte bei den Frauen und Mädchen, als die Gefahr vorüber und ein schrecklich Schicksal abgewendet schien. Noch bei den letzten Strahlen der sich neigenden Sonne eilte Maria Kaiserin zur Kirche, um dem Schutzpatron der Stadt von Herzen zu danken. Ihres Gelübdes vom Vormittag würde sie wohl eingedenk sein!

Der Rat konnte sich noch keine Ruhe gönnen. Vor allen Dingen hieß es wachsam bleiben und die Sicherheit der Stadt wahren.

„Noch sind wir der Not nicht endgültig enthoben!“ sagte der Bürgermeister bei seinem Rundgange um die Mauer; „im Kriege ist Fahrlässigkeit immer vom Übel!“

Wohl war dem Herzog zu trauen, nicht aber seinem wilden, beutegierigen Volke, das noch vor Einbruch der Nacht eifrig daranging, die Fische im Mühlgraben und in dem fast geleerten Baderteiche zu fangen. Nur die Bürger über vierzig Jahren durften ihren Platz am Walle verlassen, mussten sich jedoch bei der morgigen Frühmesse zur Ablösung ihrer jüngeren Kameraden bereithalten, die sich die ganze Nacht hindurch strengem Wachtdienst zu unterziehen hatten.

Indes bestellte Nikolaus Kaiser die vier Nachtwächter der Gemeinde an den städtischen Marstall; hier ließ er einen Leiterwagen mit zwei kräftigen Braunen bespannen und zum unteren Brauhause fahren, wo ein halb Fuder Bier - sieben Fässer, die da lagerten und Eigentum des Rates waren - aufgeladen wurde, damit es der Herzog erhalte. Der Ratsherr ging selbst mit, begleitet von seinen Kumpanen Gangolf Liborius, und lieferte die Fracht am nächsten Eingang des Lagers ab. Es war bereits dunkel, als die Männer mit dem Fuhrwerke wiederkamen.

Obwohl sich die Zebraken während der Nacht ruhig hielten, blieb die Stadt doch friedlos, die Lage war noch zu unsicher. Die Leute auf den Mauern wehrten dem Schlafe und hielten die Augen offen; die Hausbewohner getrauten sich aus Furcht vor feindlichem Überfall nicht, ihr Lager aufzusuchen; nur die Kindlein entschlummerten sanft und unbesorgt, war doch Sankt Nikolaus ihr sonderlich guter Freund!

In der Ratsstube brannte fast die ganze Nacht hindurch Licht; die Stadtväter arbeiteten geschäftig, und der Stadtschreiber, unterstützt von zwei Altaristen, schrieb sich fast die Finger wund. Waren doch Vorkehrungen zu treffen, die Kriegssteuer gerecht zu verteilen! Es galt, vierhundert Gulden au die einzelnen Anwesen so umzulegen, dass jeder Bürger nach seinem Vermögen belastet wurde; jedem Weißbäcker war sein Anteil an der Brotlieferung zuzumessen; von jedem Haushalte war eine bestimmte Menge Bier anzurollen, eine ganz schwierige Sache, weil das Gebräu nicht erst hergestellt werden konnte, sondern bereits vorrätig sein musste. Die Sterne erloschen, als die unermüdlichen Männer des Stadtregimentes samt ihrer Gehilfen endlich heimgehen konnten.

Dank ihrer umfassenden Fürsorge verlief denn auch die Beschaffung der gesamten Abgabe an beiden Tagen ohne merkliche Widerwärtigkeiten. Den Beutel mit den vierhundert Gulden überbrachte der Bürgermeister dem Herzoge Wilhelm selber, wurde freundlich aufgenommen und erhielt auf Verlangen eine Quittung über den richtigen Empfang der Summa ausgehändigt.

„Bürgermeister“, sagte der junge Fürst beim Abschiede, „Ihr seid ein getreuer und aufrechter Mann! Leute Eurer Art sind die Zierden des Gemeinwesens. Wollte Gott, es gäb' Eurer eine größere Zahl an den wettinischen Landen!“

Das trug sich zu am ersten August des Jahres 1450, einem Sonnabende, früh sieben Uhr. Gleich darauf begann der Abbruch des Lagers, wie es versprochen war, und eine Stunde danach schlugen die Trommeln zum Abmarsch. Der Herzog wandte sich nach Thüringen zurück, woher er gekommen.

Männer, Weiber und Kinder sahen dem abziehenden Feinde nach und freuten sich. Vorüber die schreckliche Kriegsnot, gnädig vorbei ein grausig Geschick! Alle Sorge war mit dem fremden Volke fortgezogen, und der Jubel und die Dankbarkeit kannten keine Grenzen. Bürgermeister und Rat vermochten sich kaum zu retten vor Beweisen der Anerkennung und Hochschätzung.

Um die Mittagszeit erhielt Hans Götze vornehmen Besuch. Der Pfarrherr kehrte bei ihm ein, dankte ihm für seine in höchster Gefahr bewiesenen Unerschrockenheit und Umsicht und befragte ihn über seine Meinung wegen eines Dankgottesdienstes, den die gesamte Geistlichkeit zu Ehren des Schutzheiligen der Stadt am anderen Tage abzuhalten geneigt sei. Da der Bürgermeister dem geistlichen Herrn freudigen Herzens zuredete, so klingelte der Fronbote noch in selbiger Stunde die Nachricht von der Verherrlichung des heiligen Nikolaus in der ganzen Stadt aus.

War das ein Fest am Sonntage!

Zwei Stunden nach der Frühmesse(25) versammelten sich im geräumigen Pfarrhofe alle Geithener Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen; nur Kranke und Schwache und pflegebedürftige Kinder blieben fern.

Pünktlich um acht Uhr läuteten die Glocken zum festlichen Umzuge durch die Stadt, die hehren Klänge wogten während der ganzen Prozession feierlich über Häuser und Hütten dahin und erzählten aller Welt von der Dankbarkeit, die die Herzen der Bürger gegen den gnädigen Gott im Himmel und den Schutzpatron St. Nikolaus empfanden, aber auch von der Freude der aus schwerer Kriegsnot erretteten Stadt.

An der Spitze des Zuges gingen die Chorknaben in ihren schwarzen Mänteln und Baretten; dann folgten die Jungfrauen in weißen Kleidern, geschmückt, als zögen sie dem Bräutigam entgegen; eine der schönsten war Maria Kaiserin, die vor jugendlicher Anmut und Lebenslust strahlte. Der jüngste Altarist trug die Kirchenfahne mit dem eingestickten Bildnis des Schutzheiligen von Geithen. Lustig wehte das seidene Tuch im Winde, als freue es sich über die Ehre, die St. Nikolaus widerfuhr. Hierauf kamen die Geistlichkeit: der Pfarrer, der Prediger, der Schulmeister, der Frühmessner und die Altaristen, mit dem Fahnenträger zehn geistliche Herren, die in ihrer prächtigen Amtstracht gemessen und würdig dahinwandelten. Der Pfarrherr hielt ein vergoldetes Kästchen hoch, das die teuerste Reliquie(26) der hiesigen Kirche barg: eine Zehe vom Fuße des heiligen Nikolaus, in gewöhnlichen Zeiten wohlverwahrt im Reliquienschrein in der Sakristei. Die wundertätige Macht des Heiligtums hatte sich in unzähligen Krankheitsfällen bewährt, wie erzählt und allgemein geglaubt wurde, und zahlreiche Kerzen, Geschenke dankbarer Genesenen, brannten zuzeiten auf dem Altare, die dem Heiligen gestiftet worden.

Hinter der Geistlichkeit schritt der Rat. Ihrer Bedeutung bewusst und doch ohne Dünkel, gingen die sechs Männer im Zuge, begleitet vom Stadtschreiber, der mit dem Bürgermeister die Höhe des Schadens abschätzte, so die Feinde an Scheuern, Wiesen und Fischen angerichtet. Ihre Mienen verdüsterten sich bei dem Gedanken an die Höhe des Verlustes.

Desto freundlicher blickten die Augen der Bürger und ihrer Frauen, die hinter dem Rate einherzogen. Die Männer waren nicht nach Handwerkern geordnet, weil Einungen noch nicht bestanden, sondern reihten sich an. , wie sie Freundschaft und nachbarliche Neigung zusammengeführt. Alle waren sie angetan mit ihren schönsten Festkleidern, die Zeugnis von ihrer Wohlhabenheit ablegten.

Den Schluß bildeten, abgesehen von der Jugend, die nachfolgte, die wehrhaften Jünglinge, die unter munteren Reden vom Tanze sprachen, der nachmittags im Rathaussaale zu allgemeiner Ergötzlichkeit abgehalten werden sollte.

Der Zug bewegte sich zur Oberstadt und wieder zurück, bis er von dem Halbdunkel der mit dem Dufte des Weihrauches erfüllten Nikolaikirche aufgenommen ward, wo er sich auflöste.

Die Singeknaben nahmen ihre Plätze auf dem Orgelchore ein, die geistlichen Herren ließen sich auf dem hohen Chore(27) nieder, die Stadtväter suchten das Ratsgestühl auf, Frauen und Jungfrauen besetzten das Schiff, und die Männer und Jünglinge stiegen zu den Emporen hinauf, sodaß die Kirche fast voll war und auswärtige Zuschauer und Gäste kaum ein wenig Raum fanden.

Der Pfarrer hatte das Innere des Gotteshauses schmücken lassen; der Altar des heiligen Nikolaus im Seitenschiff zeigte einen Berg von Blumen und viele brennende Kerzen. Fast blieb kein Platz mehr für das Kästchen mit der Zehe.

Die Orgel setzte mit brausenden Klängen ein, das Vorspiel war ein einziger mächtiger Lobgesang.

Dann trugen die Chorschüler die Hymne vor, die sie eingeübt, als die Sturmglocke die nahende Kriegsgefahr verkündete. Wie die Engel im Himmel sangen die wohlgeschulten, zarten Knabenstimmen. Galt es doch den Preis des Schutzheiligen der Stadt, der auch die Kinder in sein Herz geschlossen, die er alljährlich an seinem Geburtstage, den 6. Dezembris, mit Äpfeln und Nüssen beschenkte, wenn sie fromm und artig gewesen, während er den bösen Buben die Rute gab! Die liebliche Weise der jugendlichen Sänger bewegte alle Herzen.

Hernach schritt der Prediger zum Altare des Heiligen und schilderte von hier aus des Patrons Leben und Verdienste, wie er zu Anfang des vierten Jahrhunderts nach der Geburt des lieben Herrn Jesu Christi ein frommer Bischof zu Myra im Morgenlande gewesen, während einer blutigen Christenverfolgung seines Glaubens wegen in den finsteren Kerker geworfen und erst nach langer, schmachvoller Haft vom neuen Kaiser Konstantin in Rom, einem Christen, befreit worden; wie er ein gottselig Leben geführt in Wachen, Beten und Fasten, wie er die Mühseligen und Beladenen aufgenommen, die Schwachen und Kranken gestärkt und getröstet und viele Bresthafte geheilt zur Ehre Gottes, der ihn erhöht zu einem Fürsprech im Himmel, und wie seine Bitt`viel gelte bei dem gestrengen Richter droben; sei daher von alters her der Schutzpatron(28) der lieben Stadt Geithen gewesen, die er geschirmt und geschützt, wie sonderlich in den letzten Tagen erwiesen, da die Gemeinde gar wunderbar errettet worden, habe mithin Preis und Dank, Opfer und Gaben gar wohl verdienet!

„Seht hier sein golden Bildnis mit dem ehrwürdigen weißen Barte, ihr Gläubigen!“ schloß der Prediger, „wie es euch gütig anblickt! Schaut das heilige Bibelbuch in seiner Linken, das euch sagt, wie er ein Lehrer des göttlichen Wortes gewesen; schaut den Anker zu seinen Füßen, der von der Christen Hoffnung auf ein besser Jenseits redet; schaut seine Rechte, die drei Kindlein segnet! So segnet er groß und klein in unserer guten Stadt und behütet sie vor allem Übel, gestern, heute und immerdar. Amen!“

Obwohl der Prediger lateinisch sprach, waren die andächtigen Zuhörer doch tief ergriffen von seinen Worten, und manches Gelübde, den Heiligen zu ehren, wurde abgelegt im Herzenskämmerlein, und in Zukunft stieg noch manch Bitte um seine Fürsprache zum Himmel auf, wenn Sorg' und Kummer Einkehr hielten in den Bürgerhäusern.

Nicht mehr einhundert Jahr dauerte es, da war es mit dem Ansehen des heiligen Nikolaus vorüber. Die Reformation kam, zeigte Gott wieder als den lieben Vater seiner Erdenkinder, setzte nach der Schrift Christum als den einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen ein und machte so auch in Geithen der Heiligenverehrung ein Ende, und in der Folge verschwanden Altäre, Bilder und Reliquien aus der Kirche.

Gestorben aber ist Sankt Nikolaus auch heute nicht. Noch nennen die Kirche und eine Straße in Geithain seinen Namen, und alle Jahre kommt er wieder als Knecht Ruprecht und bewährt sich als der treue Kinderfreund.

Erläuterungen
(1) Bei Feuersnot zweimal zwei Schläge.
(2) Die Mitglieder des Stadtrates; Viertelsmeister gab es vermutlich noch nicht; sie werden erst von 1469 ab erwähnt.
(3) Vorspringender Mauerteil, oft halbkreisförmiger Turm, für das Schutzfeld nach den Seiten.
(4) Zu beiden Seiten der heutigen Schulstraße.
(5) Am unteren Ende der Grimmaischen Straße.
(6) Beim heutigen Krankenhause.
(7) Von 1428-45.
(8) Friedrich der Streitbare, gestorben 1428.
(9) Der westliche Teil davon hieß Galgenberg, weil dort der Galgen stand.
(10) Kapuzenähnliches Ringgeflecht zum Schutze von Kinn, Ohren und Nacken.
(11) Brustpanzer aus Ringgeflecht.
(12) Waffenschmied.
(13) Armbrustschnitzer.
(14) Fahrbare Hütte zum Ausfüllen des Stadtgrabens.
(15) Baumstamm mit Eisenkopf zum Einstoßen der Stadtmauer.
(16) Maschinen zum Schleudern schwerer Steine.
(17) Bruchheim.
(18) Unteroffizier.
(19) Böhmischer Spieß mit scharfer Spitze.
(20) Die Vitzthume waren anfänglich Amtleute (vicedomini) der Wettiner in Apolda, wurden später mit Roßla i. Thür. Und anderen Gütern belehnt und stiegen zu Räten der sächsischen Herzöge empor.
(21) Von 1381–1428.
(22) Ein Gulden = 21 Groschen zu je 12 Pfennig. Damals kostete ein Scheffel Korn 4 Gr., Gerste 2 1/2 Gr., Hafer 1 1/2 Gr.
(23) Maß für Flüssigkeit; ein Leipziger Fuder etwa 9 Hektoliter.
(24) Der unterste Teil des Marktes, am heutigen Kriegerdenkmal gelegen.
(25) Früh 5 Uhr.
(26) Überbleibsel von einer heiligen Person.
(27) Altarplatz.
(28) St. Nikolaus ist auch der Schutzheilige der Fischer; vermutlich haben die großen Teiche vor Geithains Mauern die Veranlassung gegeben, daß er zum Schutzpatron der ganzen Stadt aufstieg.