Wiprecht von Groitzsch

Die Ränke des Kaisers

1115. Kaiser Heinrich, der in seinem Übermute kein Maß zu halten wußte, stieß sich unterdes alle Fürsten Sachsens vor den Kopf, indem er eine allgemeine, vorher unerhörte Steuer ausschrieb und den Bischof Reinhard von Halberstadt sowie den Pfalzgrafen von Sommerschenburg und Friderich von Arnsberg und Rudolf von der Nordmark ihrer Würden beraubte und andere dafür einsetzte, die ihm ergeben waren.

Solche Unbill bewog sie, sich mit dem Sachsenherzog Lothar, dem jungen Wiprecht, seinem Bruder Heinrich und den übrigen Geschädigten zu verbinden. Sie kamen oft zusammen und beschwuren endlich das eingegangene Bündnis in einer Versammlung bei Creuzburg. Dabei blieben sie nicht stehn, sondern erbauten, dem Könige zum Hohn und Schaden, die Burg Walbeck und belästigten von da aus den Grafen Hoger auf alle Weise. Der junge Wiprecht aber hielt sich bei Gundorf im Walde versteckt und gewann seinen Unterhalt durch häufige Einfälle ins Gebiet der Gegner. Als die Blätter fielen und im November sich das Dunkel der Wälder lichtete, fühlte er sich nicht mehr sicher und sandte an seinen Vetter Adelgot, der damals Erzbischof war, einen Boten mit der Bitte, er möge ihm erlauben, mit seiner Gemahlin Kunigunde und wenigen Reisigen den Winter an irgend einem festen Orte auf seinem Gebiete zuzubringen, da die Winterkälte ein Verbergen im Freien nicht zuließe. Der Erzbischof hatte Mitleid mit seiner bedrängten Lage und ließ Wiprecht und seine Gemahlin nebst einem gewissen Swidiger und Bruno und fünf Dienstmannen durch einen Edelmann Namens Adelbert über die Eibe nach der Burg Loburg bringen. Der Befehlshaber der Burg, mit Namen Pribron, war kurz vorher noch Heide gewesen; denn zu jener Zeit ward jenseits der Elbe selten ein Christ angetroffen.

Sobald der Kaiser das erfuhr, lud er den Erzbischof, der nicht wußte, was man gegen ihn im Schilde führte, zum Hoftage nach Goslar ein. In seiner Begleitung befand sich ein Abgesandter Wiprechts, den Wiprecht an den Hof schickte, um durch ihn zu erfahren, ob dort etwas über ihn verhandelt würde. Am Abend vor dem Tage, da der Kaiser mit der Menge der Fürsten über den Zustand des Reiches verhandeln wollte, ward ein Vertrauter des Erzbischofs von einem Vetter, der in des Königs Diensten stand, heimlich gewarnt: Der Erzbischof sei von Ränken des Königs umgeben und solle am nächsten Tage nicht nur abgesetzt, sondern mit all seinen Begleitern gefangen werden. Der Vertraute des Erzbischofs brachte das zur Kenntnis seines Herrn. Der Erzbischof säumte nicht, stieg noch im Dunkel derselben Nacht rasch zu Rosse mit den Seinen und entwich, eh es die Feinde merkten, vor Mitternacht nach Magdeburg. Als der Morgen kam, erfuhr der König, was geschehen war, und ärgerte sich sehr über die Mißachtung der königlichen Majestät. Er beklagte sich darüber vor den Fürsten, die durch ihren Beifall seine Überhebung nährten. Der abwesende Bischof ward abgesetzt und auf der Stelle beschlossen, an den Sachsen, als an Verächtern des Reiches, Rache zu nehmen. Über vierzig Tage, am zehnten Februar, sollte die Kriegsfahrt sein. Bis dahin vereinigten die Anhänger des Kaisers bei Wallhausen ihr Heer, während auf gegnerischer Seite die Sachsen mit allen Kräften dasselbe thaten.