Wiprecht von Groitzsch

Judith’s Tod

1109. In dem Jahre beschloß Heinrich, der vierte Kaiser seines Namens(1), das Weihnachtsfest in Mainz zu feiern.

Von allen Seiten kamen dort die deutschen Fürsten mit großem Prunke feierlich zusammen(2). Auch Wiprecht war mit seinen Söhnen Wiprecht und Heinrich zugegen. Ihnen verwandelte sich leider das Fest in Trauer. Denn Frau Gräfin Judita, die es verdient, von allen verehrt und in Andenken gehalten zu werden, trat am 17. Dezember auf ihrem Vatererbe Budissin den Weg alles Fleisches an, um nach Gottes gnädigem Willen am Geburtsfest ihres Heilandes mit der Gemeinde der Seligen den Engelsgesang: „Ehre sei in der Höhe dem Lamme, das der Welt Sünde trägt“ zu singen und im Schoße Abrahams ruhevoll himmlischen für irdischen Genuß zu haben, wie wir wegen ihrer gütigen und freigiebigen Gesinnung gegen unser Kloster hoffen und wünschen. Schnell wurden nach zwei Seiten Boten ausgesandt, die ihren Tod Herrn Wiprecht und seinen Söhnen sowie den Fürsten Böhmens, den Brüdern der Frau Judita, melden sollten. Inzwischen eilte alles scharenweise zu ihrem Begräbnisse herbei. Als Herr Wiprecht die traurige Nachricht durch die Boten empfing, klagte er schmerzlich über seiner Gattin Tod und erbat sofort vom König die Erlaubnis heimzukehren. So schnell als möglich sandte er einen Boten voraus, daß die Leiche unterdes zum Pegauer Kloster gebracht würde. Sie ward von Abt Windolf ehrenvoll und unter Trauergesängen der Brüder feierlich empfangen. Herr Wiprecht selber folgte mit den Seinen eilend nach. Als er ankam und gleichzeitig auch die Fürsten Böhmens eintrafen, erhob sich großes Wehklagen. Von allen Seiten strömte viel Volkes herbei während der vier Tage, da die Leiche in Pegau fortwährend aufgebahrt lag und unbeerdigt blieb. Der Bischof von Meißen war mit dem Leichenzuge angekommen. Außerdem lud Herr Wiprecht noch Albuwin von Merseburg und Walraban von Zeitz ein. Die kamen mit einem stattlichen Gefolge ihrer Geistlichen und hielten in gebührender Ehrfurcht fromm das Totenamt. Mit welchem Namen, der dem Leser einen genügenden Begriff gäbe, soll man ein so großes und feierliches Begräbnis nach Verdienst bezeichnen und benennen? Wir wollen uns ganz kurz fassen. Was aber könnte kürzeres gesagt und wahreres von uns gehört werden als, daß Erde zu Erde, Asche zu Asche bestattet ward? Ohne Zweifel sind zu besonderer Hoffnung der Auferstehung und Wiedergeburt die berechtigt, die selig in dem Herrn entschliefen und in Frieden ruhn. Solchen Frieden und solche Gnade der Wiederauferweckung verleihe unserer Frau Judita der Erlöser unserer Seelen, der mit dem Vater und dem heiligen Geiste lebet und regieret u. . w. Zu beachten ist, daß ihr Leib nicht an der Stelle liegt, wo man ihr Denkmal sieht, sondern im Sockel des Altars zum heiligen Kreuz, der um deswillen bis heute bemerkenswert bleibt. Damals stand der Altar an einem höhern Orte. Danach erwies Herr Wiprecht seine gewohnte Freigebigkeit gegen unser Kloster und stiftete für seiner Gemahlin Seelenheil folgende einzeln aufzuführende Geschenke: Einen sehr kostbaren, prächtig und kunstvoll mit Gold durchwebten Mantel von Frau Judita, woraus eine sehr schöne Kasel(3) geworden ist, obwohl nicht von derselben Größe, da der Mantel in verschiedene, teils brauchbare, teils unbrauchbare Stücke zerschnitten war. Die reiche Goldverbrämung des Mantels ist an ein anderes Meßgewand angesetzt worden. Ferner eine sehr große und aufs reichste mit Gold, Edelsteinen und Electrum(4) verzierte Kapsel; drei große mit Electrum, Edelsteinen und Gold geschmückte Kreuze und den silbernen Postamenten dazu; ein silbernes Krüglein, zur Aufbewahrung des Weihwassers geeignet; zwei Leuchter von schöner griechischer gegossener Arbeit; eine sehr schöne Bekleidung des Hauptaltars, die aus der Ausstattung der Frau Judita herrühren soll, und eine überaus schöne Decke, die an den höchsten Festen auf dem Lesepulte liegt, worauf man das Evangelium vorzulesen pflegt. Von allen diesen Stücken sind einige nicht mehr bei uns; etliche sind zur Zeit der Hungersnot(5) veräußert, andere gelegentlich zur Erwerbung von Grundbesitz verkauft worden.

Noch bei ihren Lebzeiten hatte Frau Judita unserer Kirche eine Kasel von grüner Farbe mit Goldverbrämung geschenkt, auch das Kirchlein des heiligen Nicolaus(6) mit Altarschmuck und Priestergewandung begabt sowie mit zwei Königshufen(7) im Dorfe Borkwitz zum Unterhalte des Priesters, der dort beständig Messe halten sollte. Wer endlich sagt, wieviel Herr Wiprecht am dreißigsten Tage(8) und in der ganzen Zeit an Kranke, Arme, Witwen und Waisen aufs freigiebigste spendete, wieviel er zur Abhilfe des Hungers, der Blöße, Armut und all ihrer Not barmherzig ausgab? Und wer kann sagen oder wissen, mit welcher ausgedehnten Freigebigkeit er den dreißigsten Tag seiner inniggeliebten Gemahlin beging? Es schien geraten, das dem scharfsinnigen Urteile des Lesers zu überlassen; denn unser kurzer Bericht vermag einer solchen Feier in keiner Weise gerecht zu werden.

Anmerkungen
(1) Heirich V.
(2) Vergl. unter Punkt 2 bei „Böses Spiel“.
(3) Kasel, ein Gewand, das der Priester bei der feierlichen Messe trug.
(4) Electrum, Bernstein, bezeichnet im Mittelalter meist eine metallische Mischung, die zu einem Drittel aus Gold bestand.
(5) Im Jahre 1150.
(6) Vergl. unter Punkt 2 bei „Das Kloster Pegau“.
(7) Eine Königshufe, das auf den königlichen Besitzungen üblichen Ackermaß, = 47,736 ha. Die Sorben, die auf den Ländereien saßen, wurden in der Regel mitverschenkt. (E. O. Schulze, Kolonisierung 119. A. Meitzen, Siedlung und Agrawesen II, 554).
(8) Am dreisigsten Tage nach dem Tode wurde gewöhnlich große Gedächtnisfeier abgehalten.